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Anz

4®. Jahrgang,

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezngs-PrerS', durch den Verlag 5« Pfg. monatlich, durch die Dost 3 Mk. SO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgaffe 27.

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308. Redaktious-Fernsprecher No. 52.

Freitag, den 5. Juli.

Verlags-Fernsprecher No. 2266.

1901.

Abend-Ausgabe.

Kiism Ilihrc Arbeit m ütictnftcome.

I.

Während die Ausführung eines Hochbaues oder die Herstellung einer Eisenbahn am Schlüsse der Arbeitm tnn fertiges Gebilde liefert, das in allen Einzelheiten klar und bestimmt vor Jedermanns Auge steht, entziehen sich die Erfolge der Wasserbauteir meist der unmittelbaren Wahrnehmung. Ein Kanal oder eine Schleuse bietet zlvar noch gewisse Anhaltspunkte, aus denen sich der Um­fang der ausgesührten Arbeiten und zum Theil auch das geschaffene Werk errathen läßt, aber einer regulirten Stromstrecke vermag selbst das Auge eines Sachverständi- gm am Schlüsse der Arbeiten nur selten abzusehen, was geschehen ist und was geschehen mußte. Ein vollständig regulirter Strom bietet ein so einfaches Bild, daß Jeder sich wundert, warum die ausgeführten Arbeiten eigentlich iwthwendig waren. Die mit Weiden bestandenen Vor­länder oder die grünenden Wiesen lassen nicht erkennen, daß sie in ihrem Grunde mit festen Steinwällen oder mühsam hergestellten Faschinenwerken durchzogen sind, denen sie ihr Dasein verdanken. Daß an der Stelle, wo heute der Strom ruhig seine Bahn dahinzieht, einst große Kiesfelder durch Baggerung beseitigt wurden, vermag Niemand festzustellen. Die Gefahren, die einst der Schiff-

K , den Ufern und Deichen, den Dörfern und Städten , :en, sind längst vergessen.

Wenn daher die Arbeiten der Wasserbauverwaltung im Allgemeinen wenigVerständniß finden, ja, wenn gegen dieselben sich hier und da wohl auch Bedenken erheben, ob nicht zu viel oder zu wenig geschehe oder ob nicht üwa einzelnen Sonderinteresse:: eine bevorzugte Rücksicht zu Theil werde, so liegt dies in der Natur der Sache. Auch bezüglich her einzelnen Maßnahmen selbst entstehen mannigfache Zweifel bei Denjenigen, welchen der volle Einblick in die Sachlage fehlt. Wie soll sich Jemand nicht wunden:, daß er hier den Bagger mit Mühe seine Eimer­kette treiben und dort nicht weit davon im Strome die Baggerprahme ihren Inhalt löschen sieht, wenn er nicht weiß, daß es hier um eine Verlegung oder Erbreiterung der Fahrrinne, dort um Verbauung unregelinäßiger Ufer handelt. Als die französischen Ingenieure vor 16 Jahren hei Regulirung der Rhone den deutschen oder vielmehr speziell Preußischen Grundschwellenbau einführten, war dort alle Welt erstaunt, daß ein Stron:, der so wie so schon an zu geringer Fahrtiefe litt, an den wenigen Stellen, wo er wirklich tief war, noch künstlich mit Stein- wällen verbaut wurde. Heute wird die Rhone-Regulirnng aber deshalb als Musterbild gepriesen. Auch in Preußen ist es noch nicht lange her, daß die Regulirung unserer Ströme öffentlich als zwecklos und gemeingefährlich hin­gestellt worden ist. Heute haben die öffentlichen Ströme als Verkehrswege der Großindustrie, als Fort­setzung der großen überseeischen Handelswege ihre Be- deutung erwiesen.

Dieser Wandel der Anschauungen im Lause der letzten 80 Jahre ist wunderbar, aber für Denjenigen nicht auf­fallend, der die Entwicklung unserer öffentlichen Ströme Verfolgt hat. Die preußische Wasserbauverwaltung ist seit ettva 60 Jahren sorgfältig und unablässig bemüht, die Vovfluth und die Fahrtiefe auf unseren Strömen zu vergrößern, die Lage und Richtung der Fahrrinne im Strome zu verbessern, dem Handel und Verkehr die Bahn zu ebnen; Jahr für Jahr sind nicht unbeträchtliche Summen der Unterhaltung der Strombauwerke und dem Ausbau der öffentlichen Ströme zur Verfügung gestellt worden. In langsamen: Werdegang ist die Beschaffenheit der Stromläufe gebessert, der Umfang des Verkehrs ge­stiegen. So groß auch die aufgewendete Geldsumme ist, die dem Ausbau der Ströme gewidmet ist, weit größer ist der Aufschwung des Handels und Verkehrs, weit mächtiger ist das Blühen von Gewerbe und Industrie, so daß wohl die Versuchung nahe läge, den Zusammenhang, der zwischen diesen Thatsachen obwaltet, im Ganzen und rm Einzelnen zu verfolgen.

„ Eine solche Arbeit, die eine weit ausgreifende sein pn»ßte, wird vielleicht in der Zukunft geleistet. Ein Bau- stkln dazu liegt . aber bereits in einer Denkschrift vor, welche dre 60-jährigeThätigkeit derRhein- prom-Bauverwaltung von 1861 — 1900 schrldert und.den in weiten Kreisen bekannter: Regierungs­und Banrath I a s m u n d zrm: Verfasser hat. Mit Recht kann es als ein eigenthümlicher Zufall bezeichnet werden, datz diese m:t zahlreichen Abbildungen, welche das Einst und Jetzt vor Augen führen, und mit lehrreichen statisti­schen Tabellen versehene Denkschrift dein preußischen Landtage gerade zwei Tage vor seinem vorzeitigen, durch daS Verhalten seiner Mehrheit gegenüber einer großen wasserwirthschastlichen Vorlage nothwendig gewordenen Schluß zugegangen ist. Ein fleißiges Studium der Denk­schrift dürfte bei Manchem zur Aufklärung darüber bei­

tragen, welche außerordentliche Bedeutung die wasser-

wirthschaftlichen Arbeiten und ihre planmäßige Fort­führung für Preußen haben.

Wer heute dei: Rheinstrom in festen Ufern sicher ge führt dahinziehen sieht, ahnt kaum die Unsumme von Mißerfolgen früherer Zeiten oder die unendliche Mühe, deren es bedurft hat, die Bauweise der Regulirung den auch heute noch unbekannten Naturgesetzen anzupassen, die in der BeMgung des fließenden Wassers zum Aus­druck kommen. Reich an Enttäuschungen ist der Weg, der im Laufe der Zeit verfolgt worden ist, ehe er zu den heute allgemein anerkannten, leitenden Gesichtspunkten und Grundsätzen geführt hat. Wie unendlich verschieden sind die heutigen Zustände von denen früherer Jahrzehnte oder gar früherer Jahrhunderte. Gab es doch vor dem Jahre 1764 überhaupt keine preußische Wasserbauver­waltung, keinen Wasserbau am preußischen Rhein. Was man vor 1764 Wasserbau nannte, bestand in vereinzelten Userdeckungei: der landesherrlichen Domänen, in der Ver­waltung und Förderung der Königlichen Warden, in der Unterhaltung der Königlichen Sommerdeiche, Schleusen und Fährköpfe und war dm Pächtern der landesherrlichen Domäne:: übertragen. Die Bauten beschränkten sich auf kurze „deklinante" Kribben mit senkrechten Böschungen, auf „Ritzen", „Scheeren", „Rauschen" und vor Allem auf Weidenpflanzungen. Der Stromlauf ging im Allge­meinen frei und ungehindert den Weg seiner natürlichen Entwicklung. Die letztere war gefährlich und unwirth- schaftlich genug. Jahr für Jahr riß der Strom bei hohem Wasser bald hier, bald dort das Vorland auf und versandete die Fluren, so daß kein Thalbewohner seines Besitzes sicher war. Jahr für Jahr brach der Stron: in seinen Uferbuchten Morgen für Morgen des fruchtbarsten Wiesenbodens ab, um an seinem ausspringenden Ufer Kies und Sand abzulagern, wie dies an unregulirten Strömen noch heute der Fall ist. Den: Angriff des Stromes entgegenzntreten, dem Abbruch des Ufers zu wehren, war der Einzelne nicht im Stande. Alle Einzel­versuche hatten vielmehr den entgegengesetzten Erfolg ge­habt, daß der Angriff des Stromes nur noch stärker wurde. Auch die Deichstühle legte:: ihren Deich, wenn er in Gefahr kan:, lieber zurück, als daß sie den aussichts­losen Kampf mit dem Elemente aufnahmen. Der Staat that für den Strom nur wenig. Auf Grund eines alten Rechtsgrundsatzes hat sogar an: Rhein sich das Entgegen­gesetzte vollzogen und vielfach die Gesammtlage sich nur verschlimmert. Nach dem römischen Recht fielen nämlick: sämmtliche Inseln, die sich im Rhein bildeten, dem Landesherrn zu. Von diesen Inseln wurde, wie es aus alten Karten von 1631 und 1634 hervorgeht, immer feierlich Besitz ergriffen. Sie wurden alsbald mit Weiden und anderem Gesträuch zum Zeichen ihrer Besitznahme bepflanzt, auch wohl — wie Kaiserswerth oder die Pfalz bei Caub — mit Burgen und Schlössern bebaut. In den Kriegm des Mittelalters, besonders aber später im Dreißigjährigen Kriege, spielten die mit Schanzen be­setzten Inseln oft eine wesentliche Rolle. Die Weiden ge­diehen meist rasch und sammelten neue Anlandungen, da sich Inseln meist nur da zu bilden pflegen, wo der Strom­angriff nnr gering ist und von Natur aus schon die Neigung zu Anlandungen besteht. Die fortschreitende Erweiterung dieser Pflanzungen hat am Niederrhein da- zu geführt, daß vor 160 Jahren in den gekriimmten Stromstrecken des Bezirks Cleve an allen ausfpringenden Ufern des Rheins große Domanialgrundstücke bestanden, die sich fort und fort vergrößerten, während das gegenüber liegende Land im Abbruch lag. Die Windungen des Stromes verschärften sich von Jahr zu Jahr. In den geraden Stromstrecken dagegen, wo das User dem Wellenschläge nur geringen Widerstand bot und der Strom übermäßige Breiten annahm, führte die fort­gesetzte Bepflanzung und Befestigung der Mittelsände schließlich zu einer Reihe von Stromspaltungen und zu einer derartigen Verwilderung des Stromlaufes, daß allein im Bezirk Cleve, d. h. aus rund 90 Kilometer Stromlänge, 1763 im Ganzen 26 größere Inseln vor­handen Ware::.

Ein Durchstich war das einzige Mittel, um der schweren Gefährdung stark gekrümmter Uferstrecken, ab­zuhelfen. Es war dasselbe Mittel, welches der Strom in seiner natürlichen Entwicklung wählte, wenn er seine Windungen bis zum Uebermaß ausgebildet hatte. So durchbrach der Rheinstrom 1647 die Landzunge gegen­über Rheinberg und wenige Jahre später das Emmericher Eiland zwischen Dornick und Emmerich. In beiden Fällen vollzog sich damit eine Begradigung des Strom­laufs, die Strömung folgte der kürzeren Richtung,, die alten scharf gewundenen Stromstrecken verlandeten all­mählich, der Abbruch der Ufer in den alten Stromarmen hörte auf. Diese Erfahrungen waren es wohl im Wesent­lichen, die zur Anlage von künstlichen Durchstichen Anlaß gaben. So wurde unter dem Großen Kurfürsten — wahr­scheinlich 1677 — der Durchstich oberhalb Rees, unter Friedrich dem Großen 1784 der Durchstich beiWesel, 1788 der Durchsttch bei Bislich gegenüber Lanken und 1819 der

Durchstich bei Grieth künstlich angebahnt. Die Aus­führung von Durchstichen war, namentlich in früherer Zeit, einfach. Ein unschuldiger Grabe,: von nur ge- ringen Abmessungen, ein schlecht unterhaltenes oder bloß- liegendes Vorland genügte unter Umständen, um dem Strome neue Bahnen zu ermöglichen. Bei Rheinberg soll ein neu aufgeworfener Grenzgrabei: den ersten Anlaß zum Durchbruch des Rheins gegeben haben. Das Uebrige besorgte der Strom aus eigener Kraft. Dabei ereigneten sich für manche Städte am Rhein schlimme Katastrophen, und daß eine solche Entwicklung der Schiffahrt nicht günstig war, ist selbstverständlich. Die Seeschiffahrt Kölns ging dabei, namentlich infolge der zahlreichen Stromspaltungen, ganz ein.

König Friedrich der Große machte gleich nach Be- endigung des Siebenjährigen Krieges diesem Zustande ein Ende, indem er 1764 die landesherrlichen Warden der Wasserbauverwaltung unterordnete, den Hauptpächteri: und Administratoren de:: Wasserbau entzog, die Spezial­kassen aüflöste und dafür eine Haupt-Ward- und Wasser- baukasse errichtete, den Strom in zehn Wasserbau-Auf­sichtsbezirke eintheilte und dem Wasserbaumeister Bilgen und später dem Ober-Deichinspektor Bach die ganze Direktion des clevischen Wasserbaus übertrug. Mit dieser Umgestaltuug der Verwaltung beginnt die Entwicklung der Stromregulirung an: Rhein. Von 1764 an bis 1794 hin, wo das linke Rheinufer an Frankreich abge­treten wurde, nahm die systematische Bearbeitung der Stromrcgulirung einen außerordentlichen Aufschwung. Die ersten Maßnahmen Bilgens richteten daher sich auf die Vereinigung aller Wassermassen in einen einzigen Stromarm, auf die Herstellung eines einheitlichenStrom- fchlanches. Bis 1781 warm von den 25 Inseln, die im Bezirk Cleve 1765 bestanden, schon 19 Inseln ans Ufe: angeschlossen, so z. B. die Werthauser Ward, die Insel: bei Alsum, Büderich, Perrich, die Römerward bei Wesel, die Karthäuser Graf-Jnsel, die Hollandsward, die Reese: Welle, der Dornicksche Poll, der Ravenpoll, Mittelpoll, die Friedrichsward, die Salmorter Welle u. A. m. Ebenso wurden auch in: belgischen Gebiet eine Reihe von Stromspaltungen beseitigt, so der Wittlaer Werth bei Kaiserswerth, die Golzheimer und Karl Theodor-Insel bei Düsseldorf, dip Insel bei Langst und Rheidt, der Graven- werth rc. Im Jahre 1794 bestand im cleveschen Gebiet nur noch die „Budberger Drab"-Jnsel bei Uerdingen, die 1796 von den Franzosen befestigt wurde und im Kriege eine Rolle spielte. Dem Abbruch der Ufer wurde durch Buhnenwerke Einhalt gethan, in derer: Errichtung man mit den Jahren wesentliche technische Fortschritte machte. Von 1772 bis 1788 wurden allein für die Vertheidigung des Ufers vorWesel über 2 Millionei: Thaler ausgegeben. Zu Ende des 18.. Jahrhunderts befände:: die Ufer des Rheins sich überhaupt in ziemlich gutem und geordnetem Zustande, wenn auch nicht so wie heute. Die Stromban- werke bestanden vielmehr nur aus leichtem Faschinenpack­werk, und eine zwölfjährige Kriegszeit im Zeitraum von 1794—1815 genügte, um fast sämmtliche Werke wieder verschwinden zu lassen. Seit 1816 ist dann Jahr für Jahr an der Deckung der Ufer, Sicherung der Leinpfade gearbeitet worden; je größer der Erfolg dieser Arbeiten war, desto mehr wurden sie begehrt. Mit der Zeit hatten sie daher an Umfang zugenomme::, die erforderliche:: Sumnien waren gewachsen, de:::: es lag in der Natur der Sache, daß mit der Ausdehnung der Strombauwerke auch die Kosten der Unterhaltung sich steigerten. Aber auch die natürlichen Verhältnisse und die Ansprüche der Betheiligten sorgten in ausreichenden: Maße dafür, daß der Umfang der Arbeiten von Jahr zu Jahr zunahm.

Zu Anfang der vierziger Jahre des vorigen Jahr- Hunderts treten mit der Einführung der Dampfschlepp- schifsahrt zuerst die Begriffe von Normalbreiten, von Streichlinien oder ideellen Uferlinien, von Vertiefung des Fahrwassers durch Einschränkung der Breite rc. an: Rhein auf. Nicht mehr die Ufer, sondern der Stron: wird zur Hauptsache; nicht um Land zu gewinnen, sondern um an­gemessene Breite und Begrenzung des Stronilaufs handelt cs sich. Mit voll«:: Recht kann man daher das Jahr 1841 einen Wendepunkt in der Entwicklung des Rheinstroms nennen. Erst seit dieser Zeit datirt die Re- gulirung des Strombettes. Die veränderten Verhältnisse forderten nunmehr aber auch eine Veränderung der Bau, weise, eine Vergrößerung der Baumittel und vor Allem eine veränderte Organisation. Für die Entwicklung, 4>iö die Regulirung unserer Ströme nahm, war es ein Segen, daß damals eine so vollendete technische Kraft wie der Qber-Landesbaudirektor G. Hage:: an der Spitze der Ver, waltung stand, ein Segen für den Rhein im Besonderen war es, daß die Leitung der Strombauten zunächst in dev Regierung Düsseldorf im Jahre 1845 in die Hände deh Regierungs- und Bauraths Nobiling überging, der NN März 1849 auch die Leitung der Wasserbauten in den Regierungsbezirken Koblenz und Köln übertragen erhielt, „damit bei den Wasserbauten übereinstimmend nach dech Natur des Stromes verfahren und die hierfür ausge- setzten Fonds zweckentsprechend vertheilt würden." (Erlaß