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- t SeUage zum Wiesbaüener TngblnN.

Wo. 303. Morgen-Ausgabe«

(13. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten^

Klamfche Keidrnschaft.

Roman von Daniel Lesncur.

«mvrMrti Uebersctzung aus dem Französischen von Aatakie Htümelin.

Uebrigens hatte sie woran sie im Augenblick gar sticht dachte auch nur durch einen Zufall das Geheim- des Ringes kennen gelernt: der Zufall, der ihre erste Begegnung in Verbindung mit dem mörderischen Ring gebracht hatte, war die Veranlassung für Hubert gewesen, ihr ihn zu zeigen und sein Geheimnitz zu erkläreir, als er von der trüben Stimmung sprach, die ihn damals auf dein Campo Santo befallen und aus der ihn ihr Anblick gerissen hatte.

Noch ehe Nadja Zeit gehabt hatte^ sich dies Alles klar zu machen, wurde sie durch eine Aeußerung des Arztes

zurückgerufen.

Ich werde dies Gift bei mir zu Hause analysiren."

Schon wollte er das Juwel in die Tasche stecken, als eine rasche Aeuherung Nadjas Bedenken in ihm erioeckte. Dieses Gift gehörte dem Marquis von Bränaz, und man durste es ohne seine Erlaubniß weder aus dem Ring ent­fernen noch analysiren.

Gut", sagte der Chirurg,ich werde warten, bis er

wieder gesund ist."

Gestatten Sie mir, den Ring mitzunehmen, Herr- Doktor."

Ern solches Spielzeug für eine Frau I ... Nie­mals! ..

Rasch machte er dieser Scene, die für seine Geduld und seine Galanterie schon viel zu lange gewährt hatte, ein Ende und rief die Nonne zurück.

Wollen Sie so gut sein und kommen, Schwester? Ihr Kranker wird unruhig und das ist gefährlich für ihn. Sie dürfen keine Menschenseele in seinen: Zimnier dulden außer sich selbst und dem Assistenzarzt, den ich Ihnen hier lasse. Ich selbst komme heute Abend wieder."

Die barmherzige Schwester ging auf das Bett zu; die andere Frau, die so unendlich gern ihre Stelle einge- nonunen hätte, ergriff ihre Hand und umschloß sie mit verzweifelten: Druck. Ach! sie mutzte gehen gehen, ohne daß er sie erkannt, ohne daß sie ihm eines jener letzten Worte hätte zuslüstern können, die selbst in dem Augenblick, wo der Tod die innigsten Bande zerreist, noch sanfte Freude zu gebe,: velnnögen . . . Schon befand sich die Gräfin Miranofs im anderen Zimmer, und Berger- Ricard wollte vorsichtig und leise die Thüre schließen, als ein vor Angst und Liebe zitternder Schrei hinter ihnen er­tönte:Nadja!"

Ah ! ..." rief sie.

Unwillkürlich drehte sie sich so hastig um, daß sie mit den: Arzt zusammenstietz, der hinter ihr kani. Mit der rechten Hand hielt er sie zurück und mit der linken machte er die Thür vollends zu.

Einige Sekunden herrschte ein peinliches Schweigen zwischen ihnen. Nur Mascha konnte sie sehen, denn der Aufseher war hinausgegangen und die anderen Herren waren rücksichtsvoll zur Seite getreten, um die Ent­fernung der Unbekannten abzuwarten.

Berger-Ricard sah in dem Augenblick, wo er diesen russischen Namen gehört und gesehen hatte, wie die irmge Frau so unwillkürlich auf ihn ging, einen Verdacht be­stätigt, der in ihm aufgestiegen war, als er die eigenthüm- liche Aussprache der Fremden vernommen hatte.

Haha!" sagte er zu sich selbst,das ist die Gräfin

Donnerstag» de« 4. Juli.

Miranofs! ... Zum Teufel noch einmal! ... Die Weiber sind noch toller und gefährlicher, als ich geglaubt habe."

Obgleich Nadja fühlte, daß sie erkannt worden war, verlor sie doch keinen Gedanken an diesen für ihren Stolz und ihr Schamgefühl gleich Peinigenden Umstand. Sie wollte nur um jeden Preis in das Krankenzimmer zurück­kehren, da Hubert sie ja erkannt und nach ihr gerufen hatte . . . Sie wandte ihr Gesicht der verschlossenen Thüre zu und stand mit gefalteten Händen flehend vor dem un­erbittlichen Chirurgen.

Nein, gnädige Frau", sagte dieser krirz und barsch. Der Marquis von Bränaz redet irre ... Er kennt Nie­mand ... außer im Traum. Und selbst, wenn ihm Ihre Gegenwart zum Bewußtsein käme, würde sie ihn: mehr schaden als nützen."

Trotzdem blieb Nadja unbeweglich stehen; sie konnte sich nicht entschließen, weg zu gehen, denn ihr gequälter Kopf konnte nur den einen Gedanken, ihr Herz nur die eine Empfindung fassen:Ob er nun lebt oder stirbt ich habe ihn heute zum letzten Mal gesehen!"

Berger-Ricard winkte der Kammeriungser, und nun zogen sie die Gräfin langsam fort. Gebrochenen Willen? und von tödtlicherSchwäche ergriffen, ließ sie es geschehen.

Der berühmte Chirurg hob sie in sein eigenes Coups, denn, dachte er,ich fahre lieber selbst in des armen Brsnaz' Wagen zurück. Es würde gerade noch fehlen, daß man sie aus ihm aussteigen sähe ..."

Als Mascha neben ihrer Herrin saß und er den Schlag zugemacht hatte, sagte Berger-Ricard zu seinem Kutscher:Fahren Sie nach Paris zurück, in die Gegend desEtoile" und halten Sie da, wo diese Damen es wünschen. Dann erwarten Sie mich vor dem Beaujou- Spital."

- Die Räder des Coupss setzten sich in Bewegung und wühlten schwere Schneeballen auf, die sich wieder lösten, als ihre Bewegung sich beschleunigte.

Mit bloßen: Kopf blieb der alte Gelehrte stehen und folgte dein Wagen mit den Augen. Seine weißen, seidigen Haare flatterte:: im Wind um seine breiten Schläfe und sein kluger Blick schärfte sich wie bei einer Vivisektion.

Und doch", flüsterte er vor sich hin,ist dies keine moderne Nervöse",wie diese arme kleine Etionnette von Epenilles, die so traurig durch Morphium geendet hat. .. Die hier liebt zu sehr und dieAndere liebte nicht genug . .. und Beide thun Unrecht ... Diese verflixten kleine,: Dinger, d:e gleich schädlich sind, ob sie ihre Bestimmung erfüllen oder nicht!"

Und als sich Berger-Ricard nun mit einen: Ruck um­drehte, sah er die übrigen Herren und schleuderte ihnen die Bemerkung entgegen:Ich sage Ihnen, n:eine Herren, die Dichter vergiften die Menschheit. Wenn sie seit Ent­stehung der Welt Verdauung und Athmung besungen hätten, wie sie die Liebe besungen haben, so hätten sie auch diese heilsarmen Fraktionen in schwere, schmerzhafte Krankheiten verwandelt. Aus der Liebe haben sie ein Nervenleiden gemacht! Hüten Sie sich ja vor ihr, denn sie ist das unheilbarste und entwürdigendste aller Leiden der Menschheit."

16 .

Am Nachmittag nach dem Duell lag Herr von Mira- noff trotz seiner kräftigenNatur, oder vielleicht eben wegen derselben, vomFieber völlig übermannt, in seinemZimmer und bemerkte gar nicht, daß die Gräfin mehrere Stunden lang von Hause abwesend war.

Er erkundigte sich nicht einmal danach, welche Wir­kung sein furchtbarer Brief ans die zarte Frau gehabt hatte. Seine Gleichgültigkeit gegenüber den Folgen des

49. Jahrgang. 1901.

Dramas, in dem er eine so grausame Rolle gespielt hatte, schien sich infolge seiner Verwundung nur noch zu steigern. Allem Anschein nach beschäftigte ihn der Zustand seines Armes ganz ausschließlich. Ec hatte den besten Willen zu gesunden - und zwar so schnell als möglich und ward doch von der Angst gequält, er könne die sprichwörtlich gewordene, von den Feinden des Czaren einst so sehr ge­fürchtete Stärke seines Armes nicht wieder gewinnen. Aus dieser Sorge schöpfte er die Kraft, sein heftiges Na­turell bis beinahe zur Geduld zu bändigen. Während der langen Tage, wo er seinen Arm im Verbände tragen mußte, schien die Anstrengung, die cs ihn kostete, ruhig zu bleiben, alle seine Gedanken in Anspruch zu nehmen. Er rührte sich nicht, sprach nichts und las kaum, sondern blieb immer in düsteres Sinnen versunken. Viele Freunde belagerten seine Thüre, aber er ließ Niemand vor und die enttäuschten Herrschaften mußten sich dainit begnügen, ihre Namen in die in der Halle ausliegende Liste einzu­tragen. Semens wunderte sich darüber, daß sein Herr beharrlich verbot, ihm Licht zu bringen, wenn die Schatten der Dämmerung an den düsteren Januarabenden langsam bis unter die eichengetäfelte Decke des Arbeitszinimers emporkrochen, Noch größer aber wurde sein Erstaunen, wenn er daran dachte, daß sich der Graf nicht ein einziges Mal nach dem Befinden seiner Frau oder des Hern: von Bränaz erkundigt hatte.

Wie es ihm zu Muthe sein wird, wenn er erst er- fährt, daß der Marquis beinahe außer Gefahr ist?" fragte sich der alte Diener.

Aber der Graf hatte diese Nachricht beinahe so bald erfahren als Semens. Der Muschik wurde durch Mascha, die sich täglich im Geheimen im Hause des Marquis er- kündigte, auf dem Laufenden erhalten. Er hatte ganz genau den Zeitpunkt gekannt, an dem der Verwundete von Saint-Cloud nach der RueBabylone überführt wurde; sein Gebieter war allerdings nicht so genau unterrichtet, aber er erhielt seine Zeitungen und verstand es, zwischen dm Zeilen zu lesen. Wohl hatten sich dieBerichts aus der Gesellschaft" diesem unerwartete::, geheimnißvollen und anscheineird grundlosen Duell gegenüber einer unfrei- willigen Zurückhaltung befleißigen müssen, weil alle Zeugen theils aus Gründen der Ehre, der Diplomatre und des Berufes oder, wie Senrens, aus Gehorsam stumm und verschwiegen geblieben waren. Wohl hatten auch die frechsten Reporter nicht gewagt, das auszuplaudern, was sie ahnten, weil sie fürchteten, ihre Zeitungen bloßzu­stellen und dadurch ihre Stellung zu gefährden, falls sie an die Geheimnisse einer so wichtigen und wenig bequemen Persönlichkeit wie Miranofs zu tippen wagten. Aber trotzdem erschien ab und zu unter denTagesereignissen" oder denPariser Notizen" ein kleiner Artikel folgender Art:

Es geht das Gerücht, der Herr Marquis von «renaz, der berühmte Reisende, sei von einer Gehirnentzündung befallen worden, die sein Leben gefährde. Glücklicher Weile sind wir in der angenehmen Lage, die zahlreichen Freunde des Herrn Marquis zu beruhigen._ Die Krank- heit ninimt ihren natürlichen Verlauf, und die Aerzte sind außer Sorge."

Oder auch: _

Der Jagdunfall, dessen Opfer der Herr Marquis Hubert von Bränaz leider geworden ist, hat nicht d:e ernste Bedeutung, die man ihr anfangs zugeschrieben hat. Der tapfere Entdecknngsreisende ist den Steinflinten der afrikanischen Neger nicht entkommen, um bei Paris von der Kugel eines ungeschickten Jagdaufsehers zu fallen . . Wir können uns Glück wünschen und so weiter .. .

(Fortsetzung folgt.)

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