1, Beilage jiim MiesbllÜener Tnglilnti.
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Uo. 301. Morgen Ausgabe.
Dienstag, den 2. Juli.
49. Jahrgang. 1901/
(41. Fortsetzung.)
(Nachdruck verboten^
Klauische Keideuschaft.
Noma» von Daniel Lefnenr.
Ülutorisirte Uebrrsehung aus dem Französischen von Matakie Ztümeki«.
„Du liebst also auch, armes Ding?" sagte Nadsa mit miem Ausdruck unendlichen Mitleids.
kn'ch gefragt, ob ich ihn heirathen würde, saus Seine Excellenz die Erlaubniß dazu gäbe."
„Armes Ding", wiederholte die Gräfin.
Eine Weile lang schwieg sie, dann sagte sie wieder: habe an Dich gedacht, Mascha . . . Gestern habe ich «ein Testament gemacht. O, es ist sehr kurz ausgefallen ... Es giebt ja nur ganz wenige Menschen, deren ich Vst Zuneigung gedenken kann."
„Die Barina sollte so nicht reden!"
Mittlerweile machte der Fiaker Halt. Der Kutscher an die beschlagene Fensterscheibe und fragte, sobald Mascha diese geöffnet hatte, mit heiserer Stimme: „Soll ich in den Hof fahren?"
Nun ließ Nadja auch auf ihrer Seite das Fenster herunter und sah, daß sie sich vor einem ihr unbekannten Palais befand — sie war noch niemals bei Brcknaz gewesen.
Der zwischen zwei Nebengebäude befindliche Thorweg stand weit offen und im Hintergrimd des Hofes erhob sich da§ Wohnhaus. Soeben war ein Landauer mit dampfenden Pferden in den Hof gefahren. Der Kutscher saß noch auf dem Bock und dachte nicht daran, den erhitzten Pferden warme Decken überzuwerfeir, so sehr wurde er von den neugierigen Bedienten umdrängt, unter denen der erste Kammerdiener eine besonders hervorragende Rolle zu spielen schien.
Nadja zog ihren dichten Schleier vors Gesicht und ichrstt, auf Maschas Arm gestützt, durch das Thor.
Das Stübchen des Hausmeisters war leer. Niemand «h sie kommen. Sie mußten auf die im Hof ver- ammelte Gruppe zugehen, deren Aufmerksamkeit sich schließlich auf die beiden Frauengestalten lenkte.
„Ist nicht ein Unglück geschehen? ... Der Herr Marquis von BrÄraz? . . ." stammelte die unglückliä>e Gräfin.
„Ein großes Unglück ... Ja, gnädige Frau", sagte der Kammerdiener. „Der Herr Marquis ist sehr gefährlich verwundet worden."
„Er ist nicht . . . todt?"
. „O nein, gnädige Frau. Der Herr Marquis hat eme Kugel in der Brust. Die Sache ist ernst, sehr ernst wgar . . . Aber der Arzt giebt die Hoffnung noch nicht auf. Soeben haben wir den berühmten Herrn Berger- Ricard, den der anwesende Arzt beizuziehen wünschte, dorthin geschickt. Wir selbst sind im Begriff, zurück zu fahren ..."
Bei diesen Worten unterbrach sich der Diener und nef dem Kutscher zu: „Mache voran, Viktor! Wechsle rasch Deine Pferde, Wir können hier nicht die Zeit ver- oummeln."
Bei diesen Worten zerstreute sich die Dienerschaft nach verschiedenen Richtungen hin. Der Kutscher sprang vom Bock, der Hausmeister kehrte auf seinenPosten zurück, und der erste Kammerdiener schickte sich an, das Nöthigste für seinen Herrn zusammen zu packen.
„Eine Kugel in der Brust ..." flüsterte Nadja.
Sie übersetzte Mascha ins Russische, was sie soeben erfahren hatte. Die Freude und die Angst hielten sie unentschlossen hier fest. Der Diener blieb vor ihr stehen und suchte sie durch ihren Schleier hindurch zu erkennen, während er sich im Stillen ungeduldig fragte, worauf sie eigentlich noch warte.
„O Mascha", hauchte Nadja kaum vernehmlich, „wenn wir zu ihm gingen? . . ."
Wer verniöchte es, unter solchen Umständen ein Weib — und gar eine Russin! — zurück zu halten?
Einen Augenblick später half der reichlich belohnte Kammerdiener der Gräfin und ihrer Begleiterin in den für ihn bereit stehenden Landauer einsteigen und setzte sich selbst trotz der Kälte an Stelle des Lakaien zum Kutscher auf den Bock.
„Entschuldigen, gnädige Frau", sagte er, während er mit Mühe Decken und Weißzeug für seinen unglücklichen Herrn auf dem Rücksitz aufsetzte.
Es waren ganz frische Pferde angespannt worden und nr schnellem Lauf wurde Nadja durch die schneebedeckte Landschaft getragen, über die mm die matte Wintersonne ihren goldenen Schimmer warf und über der sich das zarte frostige Blau des durchsichtig hellen Himmels spannte.
Denselben Weg hatten am nämlichen Morgen zwei Männer zurückgelegt, mit Todesangst und ihren, Nadjas, Namen, im Herzen!
Nun fuhr auch sie durch das rostige Thor, das jetzt weit offen stand.
Unter deni Schuppen, auf dem festgestampften, gegipsten Fußboden bemerkte sie Blutspuren . . .
Ein anderer Wagen, der vor deni ihren angelangt war, hielt in kurzer Entfernung vom Hause und nöthigte sie, gerade an diesem unheilvollen Platze auszusteigen. Und sie starrte auf das Blut, während Mascha sie fortzuziehen suchte .
Sie drehte sich um und starrte mit großen Augen auf das Blut, versuchte es immer wieder und wieder zu sehen
Dieser andere Wagen gehörte dem Doktor Berger- Ricard, dem berühmten Gelehrten, dem Stolz der französischen Chirurgie, und sein Name genügte, um Nadja Vertrauen einzuflößen.
Aber als sie das Haus betrat, wurde sie sofort von dem Aufseher angehalten.
„Ich bin eine Verwandte des verwundeten Herrn..."
„Gewiß, gnädige Frau, ohne Zweifel, aber der Arzt ist bei ihm und Niemand darf hinein. Vielleicht nehmen gnädige Frau Platz und warten solange . . Hier, neben dem Ofen . . Dann können die gnädige Frau sich die
Füße ein wenig wärmen!"
Sie setzte sich und sa sich um. Sie erfaßte alle Einzelheiten ihrer Umgebung mit der eigenthümlichen Schärfe, mit denen äußere Dinge sich uns während heftiger seelischer Leiden einzuprägen pflegen. So grub sich Nadja
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der geringste Gegenstand ins Gedächtniß ein, als wär^
er ihr mit glühendem Eisen eingebrannt worden. . z
Auf dem kleinen Kochofen sumnste siedendes Wasser in einem Kessel und ringsum hingen über dieStuhllehneN ausgebreitet Wäschestücke zum Erwärmen. Ein großw schwarzer, sehr schöner Espagnol*) streckte sich am Feuer aus, trotz aller Hindernisse, und schob seine auf den Vorderfüßen ruhende Nase zwischen den Stuhlfüßen hin- durch bis an den glühend heißen Aschekasten vor. Seine Augen drehten sich verwundert hin und her und ohne seinen großen Körper oder auch nur seine Schnauze zu rühren, beobachtete er genau, was um ihn her vorging, und verfolgte das unruhige, ihn in seiner gewohnten Einsamkeit so störende Hin- und Herrchen mit verächtlicher Miene. In einem kleinen Käfig am Fenster saß ein trauriges Eichhörnchen, das aus lauter Trübsinn vergaß, sein Rad zu drehen.
Ein alterthümlicher geschnitzter Schrank, der Gott weiß wie hierher verschneit worden war, hob sich umfang-, reich von der dunkeln Wand ab. Dem Fenster gegenüber war an der Mauer eine Art Trophäe angebracht, die aus zwei rothwollenen Achselklappen, dem Käppi eines Liniensoldaten und zwei Hau-Bajonnete '**) bestand. Darüber machte sich ein riesiges . ’ r h des Präsidenten der Republik breit, das von der Schuln- : bis zur Hüfte von dem breiten rothen Band der Ehrenlegion durchquert und ringsum von den zwölf Monaten des Jahres umgeben war, denn es war ein patriotischer Kalender.
Nadja wendete ihre Blicke nach dem Fenster. Die Weißen, viel zu kurzen Vorhänge waren über den obersten Fensterscheiben, die sie nicht verhüllten, angebracht. Durch dieseFensterscheiben fah sie die schwarzen Aeste der Bäume, aus denen ab und zu kleine Schneehäufchen lagen, die sich gelegentlich ohne jede äußere Veranlassung ablösten und, in der bläulichen Luft zerstiebten.
Im Nebenzimmer ertönte ein Schrei, und aus diesem bis dahin so todtenstillcn Gemach vernahm man plötzlich laute Stimmen und hastige Schritte, dann ein durchdringendes Gelächter . . . Was mochte es sein? Nadja erkannte Huberts sonst so tiefe, wohlklingende Stimme nicht mehr. Der Aufseher, der seit einiger Zeit damit beschäftigt war, einen neuen Gewehrriemen zurecht zu schneiden, hielt, das Messer in der Luft haltend, in seiner Thätigkeit inne und bemerkte, zu der Gräfin gewendet: „Jetzt fängt das Delirium an!"
Nadja erbebte und kalter Angstschweiß trat auf ihre Stirne. Sie rief: „Aber er kann doch nicht hier bleiben! Wer sollte ihn denn pflegen?"
„Bah", fagte der Aufseher gekränkt, „es sind Leute genug um ihn beschäftigt, ohne daß ich mich auch noch einmische. Man wird ihn fortschaffen, sobald es möglich ist. Er kann noch von Glück sagen, daß er gleich ein warmes Zinimer und ein Bett gefunden hat. Weder die Daunen nocb die Seide bei ihm zu Hause können ihn heilen."
*) Langhaariger spanischer Wachtelhund.
**) Hau-Bajonnete waren bis zum Jahre 1842 in der französischen Armee gebräuchlich. Ann?erk. d. Uebersetz
(Fortsetzung folgt.)
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