Witsba-km Ttigli latt.
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302. Redaktions-Fernsprecher Ro. 52.
Iienstag, drn 2. Juli.
Verlags-Fernsprecher No. 2266.
1901,
Abendausgabe.
(Nachdruck verboten.)
W Berliner WmlMserenz contra gaituitä.
Von Richard Wnlckow. .
II.
Der reine und milde Sinn Harnacks weist nichts von geistlichemHochmnth und eigenwilligem Doktrinarismus; er ehrt auch den Glauben, der des Wunders bedarf, lehrt vom Katheder herab mit psychologischem Feinsinn auch diesen Glauben verstehen und versucht ihn Niemand zu nehmen, dein das Christenthum dainit genommen wird. In dem wannherzigen „Nachwort" seiner Schrift zeigt
K sein versöhnlicher, ruhig prüfender Geist im wohl- endsten Gegensätze zu jenen blinden Eiferern, welche wie Herr Pfarrer P a u l s e n in Schleswig seiner Zeit die Anhänger der Harnack'schen Richtung mit der rohen Bezeichnung „Dynamitarden des Christenthumtz" oder gar „Ravachols auf kirchlichem Gebiete" zu belegen liebte. Aber freilich, >vo man verstandsmäßig nichts widerlegen kann, da eifert und vernrtheilt man, während Harnack nur niit dem ehrlichen Rüstzeug der Wissenschaft zu überzeugen sucht. Er faßt in dem „Nachwort" seine Tendenz wie folgt kurz zusammen:
„Man darf das nicht in der Kirche als Haupt- und Fundamentalartikel des Glaubens aufrichten, was nicht zum Inhalt des Evangeliums Christi gehört, im besten Falle eine Erklärung und Hülfslinie, für Viele in unseren Tagen aber ein Stein des Anstoßes und ein Mittel der Entfrenldnng vom Evangelium ist. Darum müssen wir darauf hinarbeiten, das; eine Zeit komine, in der diese Anstöße und ähnliche bestimmter und sicherer iiber- wunden werden, als es jetzt möglich ist. Es ist das Vorrecht und die Pflicht evangelischer Theologen, unbekümmert um Gunst oder Ungunst, an der reinen Erkennt- niß des Evangeliums zu arbeiten und offen zu erklären, was nach ihrer Ueberzeugung der Wahrheit entspricht und was nicht. Ihre Pflicht ist es auch, ini Nanien der zahlreichen Glieder der evangelischen Kirche zu sprechen, die aufrichtige Christen sind und sich durch manche Sätze des Apostolikums, wenn sie sie als ihren Glauben bekennen sollen, in ihrem Gewissen bedrückt fühlen."
Man kommt in der That auf den Gedanken, daß die eifrigen Berliner Protestpastoren Harnacks Schriften und Lehre gar nicht kennen, denn er ist es ja gerade, der unter der Fahne des Heilandes, wie er w a r u n d w i e e r u n t e r u n s wandelte, alle Suchenden und Bedürftigen wieder einen will, geleitet von deni Gedanken, welch ein gewaltiges Werkzeug in Gottes Hand die Kirche dann wieder werden könnte! Christi heiliger Inbegriff war die Alles umfassende Liebe, das Erbarmen, die Tröstung und Aufrichtung der Schwachen und Annen, der Friede, die Versöhnung — und heute streitet man sich um tobte Buchstaben, die mit diesem Inbegriff nichts zu thun haben, verfolgt man Diejenigen, die Leiste Lehre in ihrer Reinheit wiederherstellen, den Staub und die Male der Zeit an dein herrlichen Bilde aufweisen und sie von demselben entfernen wollen. Dieses ehrliche aber dornenvolle Amt dürfte jetzt nicht unternommen werden, wenn die Diener der Kirche stets ihre Pflicht gethan und dafür gesorgt hätten, daß die Lehre mit dem idealen Bedürsniß in Einklang bleibe.
Und statt nun endlich nach so langer Säumniß und Ver fehlung besonnenen, auf dem Boden ernster historischer Forschung stehenden Stirnmen Gehör zu geben und endlich niit Ernst an das so lange versäumte Werk der Fortentwickelung und Verjüngung unserer Kirche zu gehen, diskreditiren nnd verhetzen sie die berufenen Führer und Wegweiser, die die neuen Bahnen zeigen und mit uns zum Heile der Kirche wandeln wollen. Sehen die Herren denn nicht oder wollen sie es nicht sehen, daß die trüben Erfahrungen, die gerade bei uns in Deutschland, dem Vaterlande eines Lessing, Schleiermacher, Stranß, Diejenigen machen mußten, welche sich offen und freimüthig dem bekannten, was sie in innerster Seele als Wahrheit erkannt haben, bereits eine immer weiter um sich greifende stumpfe Gleichgültigkeit gegen die höchsten Interessen oder auch unmännliche Scheu vor Verfolgung großgezogen haben? „Es ist gefährlich, daran zu rühren", sagen Tausende und Tausende und schweigen! Das ist ein unwürdiger, unerträglicher Zustand, dessen Beseitigung mit allen Kräften angestrebt werden muß, trotz aller Angriffe und Vexationen, denen sich die Bahnbrecher, unter ihnen in erster Linie Professor Harnack, ausgesetzt sahen. Denn es kann keinem Zweifel unterliegen: in unserer von vielseitigen ernsten Interessen materieller Natur durchflutheten Zeit ist der Aufschwung der müden Seele zum Göttlichen und Reinen, das Loslösen vom Druck des alltäglichen verzehrenden Lebens durch tieferes Versenken in die Welt des Gefühls und in die segensvollen Geheimnisse der Lehre des Heilandes mehr als jemals zu einem zwingenden Bedürsniß ge- worden, und es ist keineswegs ausgeschlossen, daß Zeiten kommen, in denen die Wirren und Nöthe unseres äußeren Lebens das Verlangen nach seelischer Labung, nach Erhebung und Kräftigung des gequälten, unbefriedigten Herzens sich noch viel dringender gestalten können. Soll uns dann der Trost und die Stütze fehlen, der von der Kirche ausströmen muß und der durch die Unduldsamkeit ihrer Diener und durch das nicht mehr haltbare Kleben a,n Buchstaben jetzt seine Wirkung versagt? Diese Frage hat die Erklärung der Pastoralkonferenz wieder wachgc- rufen, wenn wir auch der Meinung sind, daß dieselbe im protestantischen Volke Deutschlands keinen Nachhall finden wird; in jedem Falle ist diese Erklärung bedauerlich und unberechtigt. Ebenso unberechtigt, aber wesentlich schwerwiegender war der zu Anfang des Jahres 1893 ergangene Erlaß des Evangelischen Ober- kirchenraths an die Generalsuperintendenten seines Amtsbereichs bezüglich des Apostolikums. Er beklagte, daß durch die Schrift des Professors Hanrack eine „tiefe Beunruhigung hervorgerufen" sei, rühmt es aber als eine „besonders gnadenreiche Führung Gottes", daß der Kaiser in seiner Wittenberger Bekenntnißthat auch „das Festhalten am Gkmiben an den Mensch gewordenen Gottessohn zum Ausdruck gebracht habe. Der Erlaß bestreitet, daß die Auffassung Harnacks von dem Satze „Empfangen vom heiligen Geist, geboren aus Maria der Jungfrau" eine durch die theologische Forschung allgemein rezipirte Lehrmeinung sei — was H., beiläufig bemerkt, gar nicht behauptet hat —, erklärt die Forniel für ein theures und unantastbares Heiligthum des Glaubens und weist darauf hin, daß „nach dem Urtheil zahlreicher hervorragender Vertreter der theologischen Wissenschaft, insbesonoere auch hochangesehener Mitglieder der theologischen Fakultät in Berlin, die in jenen Sätzen bekannte
j T h a t s a ch e vor unbefangener wissen- s ch a f t I i ch e r F o r s ch u n g noch i m m e r die Probe der Wahrheit b e st e h t." Zum Schluß wird den Genernlsuperintendenten empfohlen, keinen Zweifel darüber zu lassen, daß der Oberkirchenrath „etwaige agitatorische Versuche, das Apostolikum aus seiner Stellung zu verdrängen, bei nnsern Geistlichen nicht dulden werde!"
Der Erlaß spricht zunächst von einer „tiefen Beunruhigung", welche die Auslassungen H.s hervorgerufen hätten. Gewiß ist, daß die Schrift überall einen großen Eindruck geniacht, daß sie die Gewissen wachgerufen und zur sorgfältigen Prüfung des alten Bekenntnisses lebhaft angeregt hat; von einer B e u n r u h i g u n g der christlichen Gemeinde hat gewiß kein Unbefangener etwas wahrgenommen. Höchstens könnte eine solcbe in den Kreisen der Kirchenoberen selbst eingetreten sein, da sie fürchten müßten, daß die Frage, welche die Gemüther schon lange „beunruhigt" hat, nun endlich im Sinne der Duldung und der evangelischen Freiheit gelöst werden würde. Denn vergessen hatten sie es gewiß nickst, daß schon im Jahre 1877 aus der Kreissynode Berstn-Kölln der Antrag gestellt wurde, das apostolische Symbol abzuschaffen, und daß damals der ehrwürdige Oberhofprediger und Generalsuperintendent I>. Karl Schwarz in Gotha mit seiner muthigen Broschüre gegen die „befangene Hof- und Domgeistlichkeit in Berlin" scharf auftrat und sich auf die Seite des gemaßregelten Predigers Hoßbach stellte ....
Und das führt auf einen zweiten Punkt in den; Erlaß des Oberkirchenraths. Es wird erwähnt, daß der Kaiser bei den: Wittenberger Fest „das Festhalten am Glauben an den menschgewordenen Gottessohn" zum Ausdruck gebracht habe. Erwähnt wird aber nicht der schöne Ausspruch des Monarchen, der ihn als echten Protestanten und als den duldsamenFürsten eines geistig hochstehenden Kulturvolkes kennzeichnet: „In Glaubens- suchen g i eb t es keinen Zwang, hier ent- s ch e id e t allein die freie Ueberzeugung deS Herzens, und diese Erkenntniß, daß sie allein entscheide, ist die gesegnete Frucht der Resormatton." Erwähnt wird fermer überraschender Weise n i ch t die tröstliche und erhebende Versicherung des kaiserlichen Redners: „Wir Evangelischen b- e f e h de n
Niemand «in seines Glaubens Willeu." Diese kaiserlichen Worte durften umso weniger unerwähnt bleiben, als sie deutlich Hinweisen auf die oben citirten herrlichen Worte seines erlauchten Vaters bei der Lutherfeier des Jahres 1883. Wenn nun schon einmal der Erlaß durch ein Hohenzollernwort gestützt werden mußte, dann wäre es ehrlicher und weiser gewesen, diese echt protestantischen Worte zu citiren und nicht das Wort vom „Mensch gewordenen G o t t e s s o h n", welches offenbar in einem Gegensatz zur Auffassung Harnacks gestellt werden: sollte, ein Gegensatz, der, wie wir oben sahen, gar nicht in den Erklärungen dieses Forschers liegt. Mit einem Kaiserwort geht man nicht so leichtfertig um, und es heißt doch wahrlich nicht die Stellungnahme des Kaisers richtig wiedergeben, wenn man die eigentliche Spitze seines Worts abgebrochen hat. Wie darf man es wagen, das persönliche Bekenntnis; des Kaisers und den damit zusammengehörigen erhebenden Ausdruck seiner Toleranz so willkürlich zu trennen? Aber freilich, der Oberkirchenrath lveiß ganz genau, daß mindestens neun Zehntel der Gemeinde mit dem Wortlaut
Feuilleton.
(Nachdruck verboten.)
Berliner Brief.
(Von unserem eigenen Korrespondenten.)
In Berlin ist jetzt das „Töff-Töff" Trumpf. Der friedlich- Eroberungszug der französischen Automobilgarde ä Berlin hier Alles aus dem Häuschen gebracht. Schnaufend und stöhnend unter mißdunstigem Qualm, unter entstellender Tarn- ftrppe geschah die Invasion, doch kaum hatte Berlin sich freudestrahlend ergeben, da wurden aus den üblen Geräuschen sanft- geölte Reden, aus den Benzinmiasmen liebliche Weihrauchwolken der Lrebe und Freundschaft; und aus der Tarnkappe und dem Lederkittel der freiwilligen Ouvriers schlüpften wie erlöste Marchenprinzen elegante liebenswürdige Herren im kull-ckrsss, * e "VT n v to j e man die weiße Krawatte L In Papillon mit Wespentaille und brerten Flügeln bindet, und die uns belehrten, Laß der Kulturmensch das Taschentuch in der linken Manschette tragen habe.
IN Mancher von uns (die Bescheidenheit verbietet mir nähere .Personalangaben) hatte das ja auch schon vorher gewußt und gekonnt, aber orese Mischung aus vollendeter Eleganz und rafstmrter Nuanc-rung, verbunden mit solcher Unerschrockenheit .(nicht vor Gefahren, nieine ich, diese Mischung haben die Dandys Kwßen Stils, die Brummels, di« Helden Barbey d'Aurßvillys «nmer gehabt), mit der Unerschrockenheit vor Schmutz, vor temporärer Verwahrlosung, vor Entbehrungen und einer «le« MlMcmcbeörtbungen Lohnlachend feindlichen Schloster-
arbeit mit Schraubenschlüssel und anderem verschmitzten Ein- brechergeräth ist doch für unsere Zeit völlig neu und eigenthüm- lich. Zweifellos aus Reaktion gegen das so lang gehegte Sybaritenideal und den Bequemlichkeitskultus ist diese neue Sensation geboren.
Sie haben also einen großen Sieg erfochten; der Weg ward ihnen mit Blumen bestreut, und am liebsten hätte man ihre unförmigen Schnaufungeheuer in Rosenketten geschlagen, hätte nicht das natürliche Parfüm der Reisedroschken dem Rosenduft einen zu energisch ablehnenden Widerstand entgegengesetzt. Aber ihre Bändiger wurden dafür umso schwelgerischer gefeiert und als die bewußten Centauren sich gar als Friedensengel entpuppten, wurde die Scene zum Verbrllderungsfest. Und das ist eigentt lich sehr hübsch. Was künstlerisch empfindende Menschen zuerst gewünscht haben und versucht, in ihrer Sphäre anzubahnen, eine Annäherung an Frankreich, auf daß die Stadt, die alle Besseren lieben, Paris, nicht mehr eine Stadt der Feinde sei, das nimmt jetzt der Sport sich gleichfalls zum Ziel. Und da der Sport energischer ist als der „weiche Künstler", und da er auch durch das unkünstlerische, aber doch recht tüchtige Töff-Töfs sehr viel fixer ist als der edle Pegasus, so hat er hier in wenig Tagen eine so glänzende Friedensattacke geliefert und eine Annäherung von Paris an Berlin in solchem Liebes-Frühlings- Sturm, daß dagegen die schönsten Waffennicderlieder matl klingen.
*
Der wißbegierige psychologische Forscher, der allen Dingen auf ihren egoistischen Grund kommen will, wird vor dem Lokomotivführer-Amateurthum sich die Frage stellen, wo steckt hier das lebenskünsilerische Prinzip? Das ist vielleicht in diesem l
Fall gar nicht so schwer zu finden. Ich deutete es vorhin schon an. Es liegt im Reiz der Gegensätzlichkeit. Verwöhnte, jedem Luxus pekuniär gewachsene Menschen haben Alles gekostet; cs giebt keine Genußsteigerung mehr; ältere Jahrgänge von Rheinwein, als sie tranken, giebt es gar nicht, und mehr „brut" als ihr Perier-Jonet kann sich die herbste Phantasie nicht ausmalen.
Das wird aber auch zur Gewohnheit, und die Gewohnheit erzeugt Gähnen. Kolumbische Weisheit erkannte, daß man, wenn es keine Steigerung nach oben giebt, eben die Sache ganz anders anfangen müsse: Eetournons . . . heißt die Parole.
Freiwillige Entbehrungen, eine ganz dem Bisherigen konträre Lebensweise, eine alle Sinne anspannende Arbeit, interessant gemacht durch den Gefahrreiz, Primitivität statt des Komforts; dies Alles natürlich nicht als Dauerzustand, sondern als eine von Zeit zu Zeit zu absolvirende Felddienstübung, nach der dann das alte Leben gar nicht mehr gewohnheitsgemäß und gähnenerregend wirkt, sondern oasig, beglückend. Der Geschmack ist neu geschliffen, die Aufnahmefähigkeit gereizt wie eine phono- graphische Walze.
Ich weiß nun allerdings nicht, ob unsere lieben Confröres solche raffinirte Genußtrokesen sind, oder nicht vielmehr wirklich ganz sachliche Sportleute ohne all« Nebengedanke». Sei dem aber, wie ihm wolle, mich quält der Gedanke, was kann ihnen, wenn sie nun doch die Fahrtstrapazen und Kasteiung als Folie für das desto intensiver zu genießende Berlin bei Nacht gemacht hätten, — was kann ihnen Berlin bieten?
Da kommt man nun einigermaßen in Verlegenheiten. Essen können die Gäste zweifellos zu Haus besser, und sollten sie gefällige Freunde am Ende gar in die Blumensäle und nachher
