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Berlin-WilmerSdorf Güutzelstr. 66, Fernspr.: Amt UHLaud 4a0 u. 451. Tagen und Plätzen wird keine Gewähr übernommen.

Dienstag, 1. Juni 1915.

morgen» Ausgabe.

Nr. 249. ♦ 63. Jahrgang.

Der Krieg.

Ton den östlichen Kriegsschauplätzen.

Oer österreichisch-ungarische Tagesbericht.

W.T.B. Wien, 31. Mm. (Nichtamtlich.) Amtlich verlautet vom 31. ds. Mts.:

r usfischer Kriegsschauplatz.

Am San und ö st l i ch des Flusses haben gestern tcine ernsteren Kämpfe stattgefundcn. An der Nord- und au der Südwestfrvnt von Przemy^sl ,o- wic am oberen D n j e st r wird gekämpft. Ln oer Gegend von Stryj erstürmten verbündete gruppen »n heftigem Kampfe mehrere Ortschaften und eroberten

eine russische Batterie. .. . ,

Die jvnstige Lage im Nordostcn ist u n v e r a n d e r t.

Italienischer Kriegsschauplatz.

Rbgewiesene iialienijche Kn griffe.

Gestern vormittag wurde der Angriff eines Alpini- regimcnts auf clnen Abschnitt uuserer Befesttgungrn aus dem Plateau von L a v a r o n e blutig abge­wiesen. In der Gegend nordwestlich P a n e v e g g l o begann eine feindliche Abteilung zu schanzen, grng aber vor dem Feuer unserer Patrouillen sofort zuruck.

An der kärnt n eri sch en Grenze fanden kleinere, für unsere Waffen erfolgreiche Kampfe statt. Östlich K a r f r e i t versuchte der Femd vergeblich dre Hänge des Krn zu ersteigen..

In den Geschützkampf un kusten l a n d tschrn Grenzgebiet begann unsere schwere Arttllerre er«.

zngrelsen.^ Stellvertreter des Chefs des Generalstabs: v. H ö f e r, Feldmarschalleutnant.

Die heutige Lage.

(Bon unserer Berliner Schffftleitung.)

8. Berlin, 31. Mai. (Eigene Meldung. Ktr. Bln.) Der Bericht der obersten HereSleitung weiß auch heute von krr- u e m der Kriegsschauplätze größere und a u s s ch lag - gebende Ereignisse zu melden. Das g ü n st, g e Bild, das die militärische Lage in der vergangenen Woche bot, bietet er aber auch heute wieder. Die wichtigste Meldung ist die Nachricht von den ersten größeren Zusammenstößen zwischen Österreichern und Italienern bei Lavarrno, südlich von Levico im Sulganatale, wo, wie aus der amtlichen Mitteilung hervorgeht, die Italiener zum ersten Male auch auf deutsche Truppen gestoßen sind, eine Mel­dung, die natürlich von größter Bedeutung ist und überall im Lande mit Genugtuung begrüßt wird, llus dem westlichen Kriegsschauplatz haben sowohl bei A r r a s wie im P r i e st e r w a l d e heftige französische Angriffe statt­gefunden, die aber überall abgeschlagen wurden. Der B i a d u k t von Dammerkirch, den deutsche Artillerie be­schoß und stark beschädigt hat, liegt bekanntlich in dem von den Franzosen besetzten kleinen Streifen elsässifchen Bodens und war für die dortigen französischen Truppen eine der wich­tigsten Zufuhrlinien. Die russische Offensive bei Sie- n i a w a, aus der der Feind so viel Wesen machte und von der er sich offenbar viel versprach, ist wieder schnell und endgültig zum Stchen gekommen, während in Galizien sich die deut­schen Truppen Przemysl immer mehr nähern. Dort scheint sich die Aussicht auf einen neuen entscheiden­den Schlag von Stunde zu Stunde zu b e s s e r n.

Die russische Rückwärtskonzentrierung.

Br. Kopenhagen, 31. Mai. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) D>e Petersburger Telegraphen-Agentur meldet amtlich: Das russische Generalgouvernement für Galizien ist von Lem berg nach B r o d y verlegt.

wie Rutzland seine Niederlagen entschuldigt.

Die verheerende Wirkung der Maffengeschosse.

W. T-B. Petersburg, 31. Mai. (Nichtamtlich.) Die Telegraphenagentur meldet: Aus den Berichten fremder

Zeitungen über die Känipfe an der Linie Gorlice zum Dunasec geht hervor, daß der Feind dort gegen unsere zwei Korps ungefähr 1500 Kanonen — von denen ein be- trächtlicher Teil mittlerer und schwerer und 42-Zentimeter- Stücke waren, in ganz kurzer Zeit in heftige Tätigkeit setzte Während die dem Sturm vorangehende Artillerietätigkeit be^ sonders stark war, verfeuerte der Feind allein ungefähr 700 000 Geschosse, eine Menge, zu deren Beförderung man mehr als 1000 Waggons braucht. Diese Geschotzmenge übersteigt das Doppelte davon, was für eine sechsmonatige Belagerung einer wohlversorgten Festung nöttg ist. Wettere 700 000 Geschosse wurden von dem Feind für die Durchsuh. rrmg seiner Offensive bereit gestellt und waren allem Anschein nach tatsächlich schon verbraucht, als sich die ersten Zeichen des SttllstandeS in der Offensive Mackensens zeigten. Im allgemeinen verfeuerte der Feind im Angriff auf unsere Stellungen gegen jeden unserer Schützengräben, d. h. auf ,e iy 2 Schritt in unserer Front, Geschosse mittleren Kalibers im ^wicht von etwa 20 Pfund.

Das Vordringen des Generalobersten von Mackensen von Gorlice über Janoslau nach Maklo im Aordoöru von Przemtzsl wurde nur dadurch möglich, daß

jedes der von unseren auf einen entscheidenden Posten ge° stellten Bataillone während ganz kurzer Zeit mit ungefähr >0 000 Artilleriegeschoffen beschossen wurde. Bei einem so heftigen Feuer werden, abgesehen von bedeutenden Verlusten, alle, die sich in seiner Wirkungssphäre befinden, mehr oder weniger beschädigt oder betäubt. Augenscheinlich werden selbst sehr viele Geschotzfabriken auf die Dauer nicht ausreichen zur Lieferung der Geschosse, wenn 200 in der Stunde ver­braucht werden. Es scheint tatsächlich, dass die deutschen Vor­räte von Krakau und einigen anderen Festungen erschöpft sind. Auch wird ihre Infanterie, die durch die Unterstützung ihrer Artillerie verwöhnt ist, ungewohnheitsmätzig nur einen betäubten oder vergifteten Feind angreifen, nächstens unter Schwierigkeiten ganz anderer Art zu kämpfen haben. Ge­fangene sagen aus, daß unser Schrapnell wohl nicht betäubt, aber dem Fernd ungeheuere Verluste an Toten und Verwun­deten beibringt. Biele Kompagnien der Deutschen verloren während ganz kurzer Angriffe mehr als 150 Mann allein durch unser Schrapnellfeuer.

Russische Beschwichtigungsversuche, die ihre Wirkung verfehlen.

Br. Stockholm, 31. Mai. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.' Die russische Regierung lieh den Zeitungen folgende Mit­teilung zugehen: Aus Warschau wird drahtlich gemeldet, daß sich die Aufregung, die dort in den letzten Wochen in der Bevölkerung geherrscht bat, sichtlich legt. Gegenwärtig wird Warschau von keiner Gefahr bedroht- Die letzte Mahregel de? Feindes an der Ostfront läht nicht ersehen, dass Warschau als nächstes Angriffsziel auserfeben ist. Die Gerüchte übe-- die der Stadt Warschau drohende Gefahr seien wohl auf den russischen Rückzug zur Pilica zurückzuführen. Diese Mit­teilung hat in Petersburg das Gegenteil der erwarteten Beruhigung hervorgerufen.

Ein Armeebefehl des Erzherzogs Friedrich.

Schönes Lob einer neuformierten Division.

W. T.-B- Wien, 31. Mai. (Nichtamtlich.) Aus dem Kriegspressequartier wird gemeldet: Der Armee-Oberkom-

mandant Erzherzog Friedrich hat am 29. Mai einen Armeebefehl erlassen, in dem es heiht: An der erfolgreichen Maioffensive der verbündeten Armeen hat die 106. Land- sturm-Jnfanterie-Truppen-Division einen hervorragenden Anteil genommen. Sie hat durch die glänzenden Marsch- und Kampfleistungen den Beweis erbracht, dass die Truppen dieser neuformierten Division, die sich bereits in der Verteidigung vorzüglich bewährt hatten, gleich Hervor- ragendes auch im Angriff zu leisten vermögen. Der Erzherzog spricht der Division, insbesondere den Landsturm- Jnfanterie-Regimentern Eger Nr. 6, Tetschen Nr. 31, Neusandec Nr. 32, für ihr beispielgebendes und todes­mutiges Verhalten, für ihren hervorragend guten Geist und ihre Leistungsfähigkeit Dank und Anerkennung aus und er­klärt, er werde an den Kaiser die Bitte um eine b e s o n - dere Auszeichnung für die genannten heldenmütigen Landsturm-Regimenter richten.

Die Beschlagnahme deutschen Eigentums in Rutzland.

Wettere Verfügung über die Verabfolgung vou Bankguthaben an feindliche Ausländer.

W. T.-B. Kopenhagen, 31. Mai. (Nichtamtlich.) Wie die „Rutzkija Wjedomosti" erfahren, wird in Regierungskreisen, zusammenhängend mit einem mit Deutschland zustande ge kommen«» Abkommen, demz'.ffolge es aus Rutzland abreisen den deutschen Untertanen abweichend von dem Erlatz vom 88. November 1914 gestattet wird, alle ihre Sachen, Geld und Wertgegenstände mttzunehmen, ausgenommen Goldmünze und Bankeinlagen, ein neuer Gesetzentwurf etwa folgenden Inhalts geplant: Die Ausfolgung von Bankeinlagen in bar, wert- und zinstragenden Papieren und Coupons als Ein. lagen von Girokonto, terminisierten Darlehen und Spezial kontt an feindliche Untertanen darf 500 Rubel nicht übersteigen, autzer wenn eine jedesmalige Genehmigung erwirkt ist. Der Abschlutz neuer Verträge über Miete von Sicherheitsfächern sowie der Zutritt zu ihnen ist feindlichen Untertanen verboten.

„Nutzlose Slowo" berichtet: In Sachen von Liqui dationen deutschen Grundbesitzes hat der Minister des Innern ein Rundschreiben an die Gouverneure erlassen, in dem einige Erläuterungen über Termine, Liqui' dationen und Ausnahmen von dem betreffenden Gesetz usw gegeben werden. Schliesslich heiht es darin, den Beamten möge eingefchärft werden, datz, falls durch ihre Fahrlässigkeit irgendwo das Gesetz vom 25. Februar 1915 sich als nicht voll angewandt und irgend ein zu liquidierendes Immobil sich als im Besitz des früheren Inhabers erweisen sollte, die Schuld strengstens geahndet werden würde.

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vie Rümpfe um polen.

Von Ernst Bassermann» M. d. R., Major der Landwehr.

Ein Gebot polttischer Notwendigkeit ist es, Polen aus russischen Händen ,u befreien. Was Rutzland will, ist in Ostgalizien, wo die Russen sich als Eigentümer des Landes ausspielen, klar geworden. Ganz Polen soll russisch werden. Dies zu hindern, ist eine Lebensfragefür Österreich und von h o ch st e r Bedeutung für die deutsche Ostgrenze.

Dem Zug der russischen Weltmacht nach dem Westen mutz ein Halt geboten werden!

In Galizien ist es nicht nur das polnische Land, das Rutzland erstrebt, es sollen vor allem auch die R u t h e n e n von der russischen Macht ersatzt und da­mit dem Ukrainectum >der Todesstotz versetzt wer­den. Daher auch die hartnäckige Belagerung von Przemysl/ das die Ukrainer als ihre galizische Haupt­stadt betrachten, und der gleichzeitige Kamps um die Kavpathenpässe, der von Rutzland erstrebten neuen Grenze gegen Ungarn. In der ukrainischen Bewegung liegt einer der schwächsten Punkte der russischen Politik. In einer Zeit, die derart von dem Nationalitäts­gedanken erfüllt ist wie die heutige, wird die Be­wegung der russischen Ukrainer zu einer B e d r o h u n g für die Moskowiter. Gelingt es der immer leben­diger werdenden ukrainischen Volksbewegung, ein ukrainisches Reich, das sich zwischen Rutz­land und den Westen jchi'ebt und Rutzland von der Küste des Schwarzen Meeres abdrängt, zu errichten, diese reichsten und fruchtbarsten Teile des russischen Reiches abzusplittern, und unseren Heeren, Polen frei zu machen von russischer Herrschaft, so ist ein Wall gegen das M o s k o w i t e r t u m errichtet. Eine kräf­tige Entwicklung ist dann auch unseren _ ö si e r- reichisch-ungarischen Freunden gewährleistet

und das Gesicht Rutzlands nach Osten gewend^

Die polnische Frage ist schwer zu lösen und wirst manches Problem auf. W a ck e r und tapfer haben sich die deutschen und österreichischen Polen geschlagen, das soll chnen nicht vergessen sein, und viele Sympathien für unsere gerechte Sache haben wir bei den russischen Polen gefunden. Ich bin, nachdem ich im Hotel Poller in Krakau zwei Tage einguartiert gewesen nnd Zeit gefunden hatte, die von geschichtlichen Erinne- rungen großer» polnischer Zeit erfüllte, wunderschön ge­legene Stadt mir anzuschen, nachdem ich an einem herrlichen Sonntag von Wawel mit seiner Domkirche ü'&cr die Weichsel hinaus über das polnische Säctnö geschaut hatte, am 27. September nach Rutzland mit meiner Truppe einmarschiert. Ich bin in diesem Monat September bei polnischen Geistlichen, in ärm­lichen Bauernhäusern, bei polnischen Juden beim Licht der brennenden Sabbatkerzen, beim Deutsch sprechenden Rechtsanwalt «Ps Rad am in Quartier gelegen, habe die liebenswürdige Gaststeundschast polnischer Grotz- grundbesitzer auf Gütern, deren malerischen Reiz ich nicht vergessen werde, genossen, bin durch die Kreisstadt Mi-echow, wo ich ein glänzendes Quartier in dem ge­räumigen Pfarrhaus und Senmnar hatte, durch Wozis- saw, Andrejow, Kije, Pinczow, Opataw, wo die kriegs- gefangene Schützenbrigade des Zaren auf dem Markte stand, Ostrowiec, Sienno, Zwolen marschiert. Ich lag dicht bei Jwangorod in Nächten, in denen das Geschütz- feuer von der Weichsel her uns in den Schlaf sang, habe dann den RuckWg durch die Gouvernements- Hauptstadt Rvdom, Sydlowiec, Pryzcha, Onoczno. durch herrliche wohlgehegte Staatsforsten nach Luleijow an -der Pilica -mit seinem malerischen Kloster -und nach der polnischen Königsstadt Petrikau mitgemacht. Dort habe ich Polen verlassen, und als ich nach einem Wendessen in Tschenstochau nach Breslau und heimwärts fuhr und die tausendfältigen Eindrücke dieser Woche mir durch den Sinn gchen liefe un.d mir den Gch-alt dieser vielen Unterhaltungen mit russischen Polen aus allen Schichten in die Erinnerung zurückrief, da war mein Gesa-mteindruck doch der, Latz überall der Wunsch vorhanden war: „Los von Rußland, Befreiung von Druck und Vergewalti­gung, hinauf M besserer Kultur". Die Sehn- sucht nach einer Verwaltung, die dies fruchtbare, land- schaftlich schöne Land durch Eisenbahnen und gute Straßen statt der elenden polnischen Woge dem Verkehr und der Möglichkeit intensiver Wirtschaft evschlietzt. kam in vielen Gesprächen zum Ausdruck.

Und -noch eins. Die Deutschen in Polen, die in den Gouvern-ements K-alisch, Petrikau, Plock, Suwalki, Lublin wohnen, woisen Prozentsätze .bis zu und von m e h r als 5 0 P r o z e n t in einzelnen Orten auf. Es sind deutsche Bauern, die nach den Teilungen Polens in die wirtschaftlich rückständigen Gebiete hineinström- ten und das Land in die Höhe brachten. Dazu kamen die deutschen Weber und Textilarbeiter. Kaufloute, Fabrikanten nnd Handwerker, die nach 1820, seit ihnen die Niederlassung in Polen gestattet war, zuzogen. So wohnen in Lodz allein 120000 Deutsche.

Für Deutschland und Österreich kommen für die Frage der Loslösung Polens von Rußland nicht nur^die polnischen, sondern auch diese deutschen Ele­mente in Betracht. Bleibt Polen r u s s i s ch so wer- den diese Deutschen unerträglichen Verhältnissen entgegengehen. Der Russe wird sich für -dre Deutsch- freundllchkoit dieser und auch großer Teste der volnr- schon Bevölkerung räch-em und das EMgtz »Ä