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Wiesbadener TsgblA

Wöchentlich ^^Dgw. 12 (lusgaben. ..T.,»l.it^»--»!r.6ksos3.

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Montag, 31. Mai 1915.

ttbend-klusgabe.

Nr. 248. ♦ 63. Jahrgang.

Der Krieg.

Der Tagesbericht vom 31. Mai.

W. T.-B. Großes Hauptquartier, 31. Mai. (Amtlich.)

westlicher «riegrschauplay.

Eine neue schwere französische Niederlage nördlich Nrras. kluch im Priesterwalde ein neuer Nnqriff gescheitert.

Gestern versuchten die Franzosen, sowohl nördlich A r r a s wie im Pri estcrwald e mit starken Kräften unsere Front zu durchbrechen. Bei Arras hatte sich der Gegner auf der Front Neuville-Roclincourt in den letzten Tagen durch Sappen hcrangearbeitet. Ein Angriff auf die­ser Linie wurde daher, nachdem alle Versuche, uns weiter nördlich aus unseren Stellungen zu drücken, mißlungen waren, erwartet. Er erfolgte gestern mittag nach st u n d e n - tanger Artillerievorbereitung und führte durch die Tapferkeit rheinischer und baherischer Regimen­ter zu einer gänzlichen Niederlage des Gegners. Seine Verluste sind außergewöhnlich hoch. Im Pricsterwaldc gelang cs den Franzosen, nur in einige vorgeschobene schwachbesctzte Grüben einzudringen. Im übrigen ist auch hier der feindliche Angriff gescheitert.

Bei O st e n d e schoß rine Küstenbatterie einen feindlichen Flieger ab.

Der Eisenbahnviadukt Dammerkirch ist gestern voll unserer Artillerie mit wenigen Schüssen wieder z e r st ö r t worden, nachdem es den Franzosen nach monate- langcr Arbeit vor einigen Tagen gelungen war, ihn ge­brauchsfähig zu machen.

Destlicher Kriegsschauplatz.

Keine wesentlichen Ereignisse.

Südöstlicher Kriegsschauplatz, vor przemysl weitere Fortschritte.

In den Kämpfsn bei P r z e m y s l schoben sich die deut­schen Truppen gestern näher an die Nord- und Nordostfront heran. Oberste Heeresleitung.

von den östlichen Kriegsschauplätzen«

Die Entscheidungsschlacht am San.

Immer enger schließt sich der Ring um Przemysl.

Sr. Berlin, 31. Mai. .(Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Wie

der „B. Z. aus dem österreichisch-ungarischen Kriegspreffe- quartier berichtet wird, läßt sich der gegenwärtige Stand der Schlacht am San folgendermaßen charakterisieren:

Die Russen haben in den letzten Tagen äußerste Krastan- strengungen unternommen, um an Reserven alles anzu­bringen, was immer nur von anderen Kriegsschauvlätzen abgezogen werden konnte. Diese Kraftanstrengnngen aber, die auch Mcnschcnmaterial einsetze», das nie für die aktive Teilnahme an den Kämpfen bestimmt war, zeigen, welch ent­scheidender Charakter der Schlacht am San zukommt. Gelingt eü, woran für die Deutschen nicht zu zweifeln ist, einen entscheidenden Sieg über die Russen davonzutragen, so dürfte es zu weiteren russischen Offensivversuchen wohl kaum noch kommen.

über die Lage von Przemysl heißt es: Nachdem mm die von Nordwesten gekommenen, gegen Medika aufgesahrene Artillerie auch die vierte» bisher noch offene Seite dev Festktng beherrscht, müssen sich die Russen bald entschei­de n, ob sie die Festung trotz der dagegen wirkenden :iO,5J Zentimeter-Mörser und anderer schwerer Geschütze aus Prestigegründen halten oder die Besatzung retten wollen.

Die Verbündeten 6 km von przemysl!

Berlin, 31. Mai. (Nichtamtlich.) Aus dem Kriegspresse­quartier erfahrt die Wiener „Reick,Spost", die Armeen der Verbündeten hätten sich bis auf 6 Kilometer der Mitte von Przemysl genähert.

Große russische Truppenansammlungen in den Gstseeprovinzen.

Berlin, 31. Mai. (Ktr. Mm) „Daily Chronicle" meldet aus Petersburg, daß große Truppenkonzentrationen in den russischen Ostseeprovinzen stattfinden.

Die Wirkung des Luftbombardements von kselsingfors.

Der Brand am Hafen und ans dem Militärtransportschiff.

Sr. Stockholm, 31. Mai. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bin.) Ein aus Helsingsors eingetroffener angesehener Geschäfts­mann, der Augenzeuge des durch Flugzeugbomben verursach­ten Hafenbrandes war, teilt einem Mitarbeiter vom „Stockholmer Tagblatt" mit: Donnerstag um 10 Uhr früh

brach plötzlich in den großen Warcnlagerhäusern am Hafenkai ein gewaltiges Feuer aus. Der Brand war infolge des Windes nicht zu löschen, griff vielmehr um sich und dehnte sich a«f das Militärtransportschiff „Bore II.", das gerade nach Reval abgeben sollte, ans. An Bord befanden sich 40 Leute. Es eutstand eine Panik. Die Angaben über die Zahl der

Verbrannten schwankt zwischen 24 bis 40. Die russische Zensur hat bis jetzt alle Mitteilungen darüber unterdrückt, insbesondere auch die Meldung, wonach der Brand angeblich durch einen Zeppelin verursacht worden sei.

Friedenssehnsucht in Rußland?

Kopenhagen, 31. Mai. (Kir. Bln.) Die Zeitung „Semsch- tschina" tritt nun auch, ohne Widerstand bei der Zensur zu finden, für eine Verständigung mit Deutsch­land ein.

Unterdrückung der Sozialisten in Rußland.

Berlin, 29. Mai. (K. Z.) Unmittelbar vor dem 1./14. Mai sind nach dem „Avanti" in Rußland sehr viele Verhaftungen von Sozialisten aller Gattungen vorgekommen. Der Senat in Petersburg hat die Berufung der sozialistischen Abgeord­neten zurückgewiesen.

Das glänzende Ergebnis der zweiten österreichischen Kriegs­anleihe.

W. T.-B. Wien, 29. Mai. «Nichtamtlich.) Nach einer vorläufigen Zusammenstellung der bisher eingelaufenen Zeich­nungen kann als feststehend angenommen werden» daß das Ergebnis der zweiten Kriegsanleihe dasjenige der'ersten um 2200 Millionen Kronen übertrisft.

Der Thronfolger in Wien zurück.

W. T.-B. Wien, 30. Mai. (Nichtamtlich.) Erzherzog Karl Franz Jofeph ist nach einer Besichtigungsreife in dem Operationsgebiet nördlich der Weichsel, welcher ein Besuch am Hoflager des deutschen Kaisers ange- schlossen wurde, zur Berichterstattung an den Kaiser Franz Joseph in Wien eingetroffen.

*

Vom beginnenden Stimmungsumschwung in Serbien.

Aus Sofia, 29. Mai, meldet die „Tägl. Rundschau": Ein Stimmungsumschwung, der für die politische Haltung Serbiens in der nächsten Zukunft von grundlegender Be­deutung sein dürfte, beginnt sich nach Meldungen aus Nisch im Lande vorzubereiten. Die Erregung über die Preis­gabe der serbischen Interessen bei der Gewinnung Italiens für die Trivelentente ist stark im Wachsen, und die Bewegung für einen Sonderfrieden mit Österreich-Ungarn gewinnt mehr und mehr an Boden. Selbst Anhänger der Kviegspartei äußern sich, daß eine Verständigung mit Öster­reich-Ungarn eher möglich sei, als ein Nachgeben gegenüber den Aspirationen Italiens auf dem Balkan, und in russen­freundlicken Blättern wird die Ansicht vertreten» daß die Zu­lassung Italiens nach flawischen Ländern durch Rußland einen Verrat des panslawistischen Ideals bedeute.

Verhängnisvolle Gesundheitsverhältmffe in Serbien.

Rotterdam, 31. Mai. (Ktr. Blu.) Aus London wird be- richtet, dir englische sanitäre Unterstützungsexpedition für Serbien hat mitgeteilt: Die serbische Armee hatte 37 000 Kranke, darunter 8000 Typhusfälle und 8000 Wechselfieber­fälle. Die sanitäre Lage der Zivilbevölkerung ist schwer zu übersehen.

Nach der Kanzlerre-e.

O Berlin, 30. Mai.

So dankenswert deutlich der Reichskanzler in seiner Abrechnung mit Italien war, so steckt in man- chen Wendungen doch noch einiges, was besonders auf­merksam gelesen werden mutz, um hinter den wahren Sinn zu ko inmen. Herr v. Bethmann-Hollweg warf die Frage auf, ob es Bei: Dreiverband „bei Lockun­gen habe bewenden lassen", und er fügte hinzu, daraus werde die Geschichte später antworten. Somit uuterschied er bestimmt zwischen den sichtbaren Vor­gängen und denen, die sich im Hintergründe dunkler Machenschaften abgespielt haben mögen. ®t haben nickst den Beruf zu einer genaueren Prüfung der Worte des Kanzlers, und es würden uns ja auch die Hand­haben zu dieser Prüfung schien, jedenfalls jedoch emp- fichlt es sich, die hervorgehobene Bemerkung scharf im Auge zu hchalten. Die Zeit wird kommen, wo sich ihre Bedeutung ganz entschleiern mutz. Das Rätsel, das die Verräter Politik Italiens der .ganzen Welt aufgibt, ist in vielen Punkten immer noch so undurch­dringlich, daß niemand sich zu scheuen braucht, wenn er bekennt, hier am letzten Ende vor einen: sonderbaren Geh e i m n i s zu sichen. Auch der Reichskanzler gibt ja schließlich zu, dies Rätsch nicht enthüllen zu können. Indem er die italienische Politik „geradezu sinnlos" nennt, erklärt er zugleich, datz er nicht einmal vom Standpunkt Italiens ans, auf den zu treten freilich sür anständige Menschen peinvoll über die Matzen ist, einen vernünftigen Grund sür die Kriegserklärung zu finden vermag. In Italien selbst sind die verständigen Leute nicht besser daran. Wir erinnern uns der eigentümlichen Frage des „Avanti", durch welche „magischen Bande" Sonnino wohl an England gekettet worden sein wird. Wo das Bereich des Magischen beginnt, hilft uns die rationalistische Betrachtung nicht weiter, also müssen wir darauf verzichten, Licht in dies Dunkel zu bringen, und wir können nur darauf vertrauen, daß die erfor­

derliche Aufklärungsarbeit später noch geleistet wer­den wird. An einer anderm Stelle war der Reichs­kanzler deutlicher. Er sprach davon, daß die Straße „vom Golde der Tripelentente" bearbeitet worden sei. Dazu ist nun weiter nichts hinzuzufügen, die krasse Tatsache stM sich in ihrer s ch e u ß- lichen Blöße schon allein hinlänglich widerwärtig dar. Aber eine Bemerkung möchten wir bei diesem An­laß doch machen: wir alle haben mit aufrichtigem Ab­scheu über die bewiesene moralische Farbenblindheit den Phrasenschwall in der französischen Kammer über uns ergehen lassen, mit dem der Präsident Deschanel und der Ministerpräsident Viviani halb ver­rückt vor Freude den Abfall Italiens vom Dreibund feierten. Dagegen haben wir gleiche Kund­gebungen aus England nicht zu hören bekommen, weder aus dem Parlanient noch aus der Presse. Wir brauchen unteren schlimmsten Feinden, den Engländern, die uns alle nur erdenkliche Niedertracht zeigen, wahrhaftig keine Zugeständnisse zu machen, und trotzdem müssen wir sagen, ein Unterschied zwischen ihnen und den vollkommen entgleisten Franzosen ist dann doch noch vorhanden. Offenbar schämt man sich in Großbritan­nien des neuesten Verbündeten. Man will ihn ge­brauchen und mißbrauchen, aber sozusagen über das Geschäftliche hinaus soll die Verbindung nicht gehen. Die schöne Rede des Reichskanzlers darf ihrer Wirkung im ganzen deutschen Volke sicher sein, weil sie mit so viel Schlichtheit wie Festigkeit, mit so viel bebendem Zorn wie entschlossener Selbstbeherrschung alles das aussprach, was unsere Herzen erfüllt. Man braucht, um das zu er­weisen, nickst auf Einzelheiten einzugehen, aber einen Punkt müssen wir doch noch herausheben. Es war dos e r st e Mal, daß aus dem Munde des verantwortlichen Staatsmanns das bedeutungsvolle Wort kam, wir müssen ausharren, „bis wir uns alle nur mög­lichen realen Garantien und Sicherheiten dafür geschaffen urrd erkämpft haben, daß keiner unserer Feinde wieder einen Waffengang wagen wird". Der stürmische Beifall, mit dem der Reichs­tag diesen Worten antwortete, zeigt, wie gut sie ver­standen worden sind. Und wir im Lande verstehen sie auch. Das entscheidende Gewicht ist auf das Wort „real" zu legen. Wir wissen jetzt also, woran wir frei­lich niemals zweifeln dursten, daß die entscheidenden Stellen über das K r i e g s z i e l, von dem nicht ge­sprochen werden soll, ebenso wie die ungeheure Mehrheit unseres Volkes denken. „Real" soll unser Kampflohn sein, und das heißt, daß wir Außen­werke zur Verstärkung unserer Fronten errichten wollen und müssen. Es ist, wie gesagt, das e r st e Mal, daß uns das als Ziel vor die Augen ge­rückt wird, und wenn der Reichskanzler sich hierzu ent- schloß, so darf man fragen, warum das gerade jetzt und nicht schon vor Monaten geschehen ist. Die Antwort dünkt uns leicht und ist erfreulicherweise gegeben. Wir dürfen and dem gewählten Zeitpunkte schließen, daß die Kriegslage heute so günsti g ist wie nie zu­vor, daß sie einer endgültig siegreichen Ent­scheidung z u d r ä n g t, und daß deshalb manches Wichtige, was bis dahin noch zweifelhaft sein mochte, wenigstens angedeutet werden kann, well es keine Über- hebnng mehr ist wenn diese Zweffel als überwunden betrachtet werden. Darum also konnte und wollte der Kanzler das Kr i e g s ziel wenigstens in Umrissen reigen. Wohl ist es möglich, daß die Kriegsschauplätze sich noch erweitern und wir haben ja noch keine Sicher- heit wegen der Haltung der Balkanstaaten, aber trotz- dem beobachten wir mit freudigem Stolze d'e Stimmung, vielmehr die Ü b e r z e u g u n g an den leitenden politischen wie militärischen Stellen, daß uns keine Macht der Welt auf unserem S i e g ?rgan g e aufhalten wird.

*

Das UrteNeines dänischen Blattes zurNanzlerrede

IV. T.-B. Kopenhagen, 30. Mai. (Nichtamtlich») „Poli­tiken" schreiben zu der Rede des deutschen Reichskanzlers: Was vet Reichskanzler über den italienischen Treu­bruch gesagt hat, wird im großen und gangen dem allge­meinen Urteil auch außerhalb Deutschlands ent­sprechen. Zweifellos hat er auch in der Hervorhebung recht ge­habt, daß das italienische Parlament bei seiner Entscheidung über Krieg und Frieden nicht frei war. Man wird nicht vergessen, wie b r u t a l die Regierung bei der Niederschlagung aller Kundgebungen für den Frieden vorgegangeri ist. Die Worte des Reichskanzlers stimmen auch mit der Stimmung des deutschen Parlaments und der Bevölkerung außerhalb des Parlaments überein. Zu der Lage, in der sich Deutschland jetzt befindet, patzt der tiefe Ernst und das starke Pathos des Reichskanzlers. Seine Worte uiid Wendungen entsprechen der Gemütsstimmung, den Wünschen und Hoffnun­gen, die sich in der Nafion geltend machen, deren Kräfte auf ein einziges Ziel gerichtet und auf das äußerste spannt sind.