Nr. 124.
Sonntag» 30. Mai.
1915.
i Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts.
jfl. Fortsetzung.)
Um die Beute.
Kriminalroman von Reinhvld Ortman«.
-(Nachdruck verboten.)
„Na, jetzt hast du ja, Gott fei Dank, wieder cm bißchen Farbe, meine kleine Martha", sagte der Oberst- leutnant scherzend. „Hast im den Schrecken nun wirklich ganz verwunden?" . . .
Er inochte ihr wohl doch noch ein wenig m den Nerven nachzittern, aber sie konnte wieder lächeln. „Ge- wiß, lieber Vater, es ist schon halb vergessen. Aber m Zukunft werde ich vorsichtiger sein." .. . m „Das will ich hoffen, denn an der nötigen Vorsicht hast du's bis jetzt leider oft genug fehlen lassen — und nicht bloß im Straßengedränge. Du weißt wohl, Kind, wie ich's meine." t „ .
Martha von der Heyde nickte und sah rn warmer Zärtlichkeit zu ihm aiif. „Soldatenblut, Väterchen! Ich fürchte, daß es mir schwer fallen wird, mich von Grund aus zu bessern." . .
Liebkosend legte der alte Offizier seine Hand auf die ihre. „Von Grund aus — nein, das verlange ich
gar nicht. "Eine kleine Portion Wagemut kann^ schließ sich auch einem Mädchen nicht schaden.
_ 7 _, Übrigens,
wenn es erlaubt ist, zu fragen: haben auch Sie der
Armee angehört, Herr — Herr? Verzeihung, Ihr Name war nrir vorhin nicht gairz verständlich."
„Lyncker", sagte der junge Mann, indem er wie in plötzlicher Verwirrung die Augen niederschlug, halb- laut und mit einer etwas befremdlichen Hast, „Herbert Lyncker. — Nein, ich bin nicht Soldat gewesen, Herr Oberstleutnant. Meine Kurzsichtigkeit hat mich leider daran.gehindert."
„So — so! Lyncker — sagen Sie? Vielleicht aus der bremischen Familie dieses Namens?"
Der Gefragte studierte noch immer das erngewebte Muster des ' Damasttifchtuches. „Allerdings. Meine Verwandten hatten einst ihren Wohnsitz m Bremen; aber sie sind nicht mehr am Leben."
Das Gesicht des Oberstleutnants hatte einen sinnen- den Ausdruck angenommen, wie daS eines Menschen, vor dessen Seele ein Zufall plötzlich liebe alte Erinnerungen aufsteigen läßt. „Merkwürdig", sagte er. „Fast möchte ich glauben, Herr Lyncker, daß wir einander heute nicht zum ersten Male im Leben sehen. Aber wenn es wirklich so ist, können Sie sich dessen selbstverständlich nicht entsinnen. Denn es müßten dann schon zwanzig und etliche Jahre seit unserer ersten Be- gegnung vergangen fein. Ich war eben erst Hauptmann geworden, als ich ein paar Wochen lang ge- legentlich eines vorübergehenden Aufenthalts in Bremen in dem gastlichen Hause eines Konsuls Lyncker verkehrte. Der Herr hatte, soweit ich mich erinnere, keine Kinder, aber einen kleinen elternlosen Neffen. Mein Gedächtnis miißte mich ganz >gcwaltig täuschen, wenn der nicht auf den Namen Herbert gehört hätte. Es wäre ja prächtig, wenn Sie dieser kleine Herbert
gewesen rväran." . *
Der junge Mann lächelte. Aber es war ein merkwürdig gelungenes Lächeln. „In der Tat, Herr Oberstleutnant — der Konsul Lyncker war mem Oheim.
Der alte Herr war über seine unerwartete Ent« deckung sichtlich aufrichtig erfreut, und der Retter semer Tochter war ihm jetzt, wo er die Gewißheit hatte, den Abkömnsting einer sehr angesehenen und ihm überdies höchst sympathischen Familie vor sich zu sehen, fast wie ein lieber, vertrauter Freund. War bisher bei aller Freundlichkeit doch immer noch eine gewisse vorsichtige Zurückhaltung in seinem Benehmen gewesen, so gab er sich nun mit herzlichster Offenheit, und es war seltsam genug, daß die Zurückhaltung jetzt eher auf seiten des Herrn Herbert Lyncker zu sein schien.
Er hatte nur hier und da ein fast verlegen klingendes Ja oder Nein, als der Oberstleutnant seine Erinnerungen an das gastliche Lynckersche Haus auskramte» und ein mißtrauischer Beobachter hätte beinahe den Eindruck gewinnen können, daß es ihm sehr willkommen war, als das Gespräch sich auf andere Dinge lenkte.
Martha hatte sich wenig an der llnterhaltuiig beteiligt, und nachdem man etwa eine Stunde in dem Restaurant zugebracht, war sie es, die ihren Vater durch me halblaute Bemerkung zur Heimkehr mahnte.
Der Oberstleutnant fügte sich sofort ihrem Willen; aber während er sich zum Aufbruch rüstete, gab er dem treuen Bekannten aberntals einen Beweis seines Wohlwollens, indem er sagte: „Wir wohnen Elisenstraße 71, und ich werde mich aufrichtig freuen, wenn Sie uns gelegentlich das Vergnügen machen, uns zu besuchen, schon nur der lieben Erinnerungen willen, die für mich mit Ihrer Person verknüpft sind. Aber Sie müssen sich auf ein einfaches Haus gefaßt machen und auf eine bescheidene Gastfreundschaft, denn wir betrachten im- seren Aufenthalt in der Hauptstadt nur als einen vor- übergehenden und haben uns demzufolge nicht aus geselligen Verkehr eingerichtet." . r ,
Herbert Lyncker verbeugte sich tief und sprach ein paar Worte ehrerbietigen Dankes für die freundliche
Einladung. . _ r 1( , . r ^ ..
„Ohne Umstände also, mein Lieber!" fuhr der Oberst- leutnant fort. „In den Nachmittagsstunden .finden Sie mich beinahe imnter zu Haus. Aber vielleicht leben auch Sie nicht dauernd in diesem schrecklichen Babel? Haben Sie Ihren Wohnsitz noch in Bremeii?
Der Gefragte schüttelte verneinend den Kopf. ,,^ch habe mich während der letzten Jahre fast immer auf Reisen befunden und mich nirgends länger als em paar Monate aufgehalten." ^
„Ein Leben, um das man Sie beneiden konnte. >;ch hatte geglaubt, daß der kinderlose Konsul seinen 9dessen zum Erben der alten angesehenen Firma be-
stimmt habe." ^ r , , ,_
„Das mag auch in seinen Wünschen gelegen haben» aber ich taugte nicht recht für den kaufmännischen Be- ruf, und die Verhältnisse in Bremen waren mir zu eng. „Das Haus Lyncker hat also aufigehort zu bestehen? „Die Firma ist mit dam Tode meines Ohemis er- loschen, und von der Familie ist niemand, mehr ant Leben außer mir." . .
