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Sonntag, 30. Mai 1913.

Morgen-Kus gäbe.

Nr. 247. ♦ 63. Jahrgang.

Der Krieg.

Der Tagesbericht vom 29. Mai.

W. T.-B. Großes Hauptquartier, 29. Mai. (Amtlich.)

westlicher Kriegsschauplatz.

Starke französische Angriffe bei Ingres blutig abgewresen. Kblain freiwillig ausgegeben.

Tic Franzosen setzten gestern, nachdem wir sie bet A n g r c s zurückgcworfcn und ihnen eine Anzahl Gefangener abgenommen hatten, mit st arten Massen zu einem Gegenangriff längs der Straße Bethune- S o u ch e z an, wurden aber unter den empfindlich st en Verlusten auf der ganzen Front abgeschlagen. In der Nacht nahmen wir die schwache Besatzung des Ost- tciles von A b l a i n, da der Verbleib in der dort vorge­schobenen Stellung nur unnützes Blut gekostet hätte, u n * bemerkt vom Feinde aus die unmittelbar dahinter befind­liche n ä ch st e Linie zurück. Südlich S o u ch c z wurde gestern abend ein französischer Angrifssversuch durch unser Feuer im Keime erstickt. Das südlich Souchez liegende von den Franzose» als von ihnen erobert erwähnte S ch l o ß Le Carieul ist dauernd von uns gehalten. Südöstlich Neuville wiesen wir feindliche, mit Minen und Handgra- natcnfeucr vorbereitete Vorstöße leicht ab.

Im P r i e st e r w a l d e nordwestlich Pont-ä-Mousson scheinen die Franzosen wie am 27. Mai abends wieder einen größeren Angriff vorbereitet zu haben. Unser Feuer hielt den Feind nieder. Vereinzelte nächtliche Teilvorstöße wurden blutig zurückgewiescn.

Unsere Flieger belegten die befestigten Orte Gra­tz e l i n c S und Dünkirchen sowie den Etappenort St. Omer mit Bomben und erzielten auf dem feindlichen Flugplatz nordöstlich Fismes mehrere Treffer.

westlicher Kriegsschauplatz, weitere Erfolge an der Oubissa.

An der oberen D u h i s s a griffen die Russen südöst­lich Kurtowiauy und südöstlich Kielmy ohne Erfolg an. Im weiteren Verlauf der Känipfe an der unteren Du- bissa wurde der Gegner an vielen Stellen über den Fluß geworfen. Bei der Verfolgung wurden noch 380 Ge- fangene gemacht.

Südöstlicher Kriegsschauplatz.

vie Belagerung przemysls.

Unsere Truppen haben sich gegen die Nordfront von Przemysl näher herangeschoben. Auf der Front zwischen W i s z n i a und Lubaczowka-Abschnitt (östlich Radhmno und FaroSIau) machten die Ruffen wieder­holt verzweifelte Teilangriffe. Sie wurden überall unter schweren Verlusten zurückgcworfcn. Das rus­sische 179. Infanterie-Regiment ist aufgerieben. Westlich und südlich S e n i a w a hat der Gegner seine Angriffe nicht er­neuert. Ober st e Heeresleitung.

*

Der österreichisch - ungarische Tagesbericht.

W. T.-B. Wien, 29. Mai. (Nichtamtlich.) Amtlich verlautet vom 29. Mai, mittags:

Nordöstlicher Kriegsschauplatz, vie Fortschritte vor przemqsl und am Dnjestr.

An der Lubaczowsta und östlich R a d y m n o versuchten die Russen auch gestern und heute nacht an mehreren Stellen heftige Angriffe, die alle unter schweren Verlusten für den Feind abge­wiesen wurden. Am Ostufer des San dringen die verbündete» Truppen unter fortdauernden Kämp­fen vor.

Am oberen Dnjestr, dann bei D r o h o b i t s ch und S t r h j sind die eigenen Angriffe bis auf die nächste Distanz vorgetragcn. Vorstöße der Russen wurden durchweg blutig zurückgcschlagen.

Die sonstige Lage ist unverändert.

Südwestlicher Kriegsschauplatz. Grenzplänkreleien an der italienischen Grenze. Venedig erfolgreich erneut mit Bomben belegt.

Tic Grenzvrte A l a und P r i m ö r haben italieni­sche Truppen erreicht. Im übrigen hat sich au der Tiroler und kärntnerischen Grenze nichts ereignet. Im Küstenland beginnen kleinere K ä m p f c. Bei K a r f r e i t wurde ein italienisches Bataillon versprengt. Bei P l a v a wurden der Vorstoß eines feindlichen Detachements und nördlich Görz andere feindliche Angriffe a b g e w i e s e n.

Gestern unternahmen mehrere Marineflieger eine neue Aktion gegen Venedig. Sie warfen unter heftigem Gewehr- und Geschützseuer eine große Zahl Bomben zumeist auf das Ar s e n a l ab, die mehrere ausgedehnte Brände und im Fort N i c o I o auch eine Explosion hcrvorricfcn.

Der Stellvertreter des Chefs des Generalstäbs: v. H ö f e r, Feldmarschalleutnant

Kriegsdebatte im Reichstag.

(Von unserer Berliner Schriftleitung.)

8- Berlin, 29. Mai. (Ktr. Bln.) Der Reichstag hat heute an einer Dauevsitzung tatsächlich feinen Ar­beitsstoff erledigt und ist in die Sommerferien gegan­gen. Zwischen rein fachlichen Debatten von minderem Interesse, darunter die Verabschiedung der Gesetz- entwürfe über Miet- und Pachtzins­forderungen und über die Fürsorge für die Invaliden und die Kriegsh interbliev e- n e n. gab es eine große und zum Teil leidenschaftlich erregte Kriegsdeüatte. Die Sozialdemokraten waren es, die diese Debatte gewünscht hatten und ern- leiteten. Es war nicht Schuld der Fraktion, daß sie wiederum zu einer Sturmszene führte. Die Verant­wortung trifft vielmehr die taktische Ungeschick­lichkeit und Rücksichtslosigkeit des kon­servativen P a r t e i f ü h r e r s auf der einen. und die Taktlosigkeit des Abgeordneten Lieb­knecht auf der anderen Seite. Der Abgeordnete Ebert, einer der maßvollsten Redner der Fraktion, leitete die Debatte ein. Er war mit dem Reichskanzler einig in der Verurteilung des italiemschen Treubruchs und er unterstrich sehr stark die Einigkeit des Volles auch die­sem neuen Feinde gegenüber. Aber gerade diesem ausgesprochenen Eroberungsfeldzug der Italiener gegen­über gab er auch der Hoffnung Ausdruck, Deutschland werde den Friedensschluß nicht von territorialen Erobe­rungen abhängig machen, und diese Hoffnung und die »Forderung, daß ein Voll, das so ungeheure Opfer ge­bracht, nun auch im Innern nicht länger um das „gleiche Recht für alle" zu känipsen haben werde, rief den kon­servativen Führer, den Grafen Westarp, auf den Plan. Leider begnügte er sich nicht damit, den Sozialdemo­kraten eine Standpauke -darüber zu halten, daß sie überhaupt in dieser Stunde das Thema anfchnitten, ^uch nicht damit die abweichende Meinung der Konser­vativen in der Frage des Kriegsziels zum Ausdruck zu bringen, er machte sich vielmehr das billige Vergnügen, gegen die Internationale zu polemisieren. Graf Westarp weiß natürlich, was er will, wenn er eine Internatio­nale bekämpft, die es ja in Wahrheit in dieser Stunde in Deutschland nicht mehr gibt. Aber er hatte sich ver­mutlich doch nicht träumen lassen, daß gerade der nationalliberale Abgeordnete Schifser, gewiß einer der schärfsten Gegner der sozialdemokrati­schen Theorie und Agitation, der maßlos angegriffenen sozialdemokratischen Fraktion zu Hilfe eilen werde. Auch Herr Schiffer ist zwar anderer Meinung über das Kriegsziel, auch er meint, daß die ungeheuren Opfer an Gut und Blut gebieterisch eine Sicherung unserer Grenzen gegen Wiederholung solcher Überfälle verlange, wie wir sie eben erlebten, aber er hat auf der anderen Seite ans der Rede des Abgeordneten Ebert nichts an­deres herausgehört als ein Bekenntnis zum deutschen Volke, als eine Bekräftigung der durch­aus würdigen Hallung der Sozialdemokratie, die wir am 4. August erlebten.

Die Wirkung der ausgezeichneten Rede des national­liberalen Abgeordneten wurde noch erhöht durch einen Zwischenfall, den hier der Abgeordnete Liebknecht her- vorrrief. Als Schiffer von der sittlichen Pflicht -sprach, die unter Umständen eine Veränderung der Grenzen fordern werde, rief Liebknecht dazwischen: „Kapitalinteresscn!" Ein Sturm ühne,gleichen war die Antwort. Man hörte Rufe wie: „Verräter!", „Ver-

rückter Kerl!", „Hinaus mit dem Lumpen!", „Schämt der Kerl sich nicht!" und Ähnliches. Und der Lärm er­neuerte sich noch, als auf die Frage des Präsidenten, wer den Zwischenruf getan, Herr Liebknecht mit kühlem Lächeln sich dazu bekannte. Um so stürmischer und an­dauernder war dann der Beifall, den das vaterländische Bekenntnis des nationalliberalen Redners am Schlüsse ■erntete.

Der Rest der Sitzung ging vor fast leeren Bänken ohne Zwischenfall vor sich. Die neue Liebknechtsche Szene wird vermutlich im Ausland wieder nach Kräften auf­gebauscht und ausgenutzt werden. Im Reiche dagegen wird diese abermalige Entgleisung eines wildg-eworde- nen Außenseiters nur ein mitleidiges Lächeln hervor-

^Den Schluß der Sitzung, die sich bis zum späten Abend hinzog, bildete eine Teuerungsdebatte, veranlaßt durch einen sonaldemokratischen Antrag, der eine Herabsetzung der Höchstpreise für Getreide, Mehl, Brot und Kartoffeln und sofortige Festsetzung niedri­gerer Höchstpreise für Hülsenfrüchte, Vieh und Fleisch verlangte. ^

Sitzungsbericht.

In der fortgesetzten Beratung zum

Gesetzentwurf, bctr. Einschränkungen der Verfügungen

über Miet- und Pnchtzinsfordcrungen, befürwortet Abg. Landsbcrg bei Art. 2 durch einen Antrag

die Heraufsetzung der unteren Grenze des Pfändungsrechtes auf Haushaltungsgegen- ftänbe und Möbel auf 2000 M.; außerdem einen Antrag auf Verkürzung der Kündigungsfrist im Todesfälle eines Kriegsteilnehmers.

Staatssekretär Dr. Lisco: Ich bitte Sie, es bezüglich der Kündigungsfrist der dem Anträge der Kommission zu belassen und die eben begründeten Anträge abzulehnen.

Abg. Waldstcin (Vpt.): Wir lehnen die sozialdemokra­

tischen Anträge ab und stimmen der Komm-ssionsfassung zu.

Damit schließt die Debatte. — Die sozialdemokra­tischen Anträge werden abgelehnt und Art. 2 in der Kommissionsfassung angenommen. Ebenso der Rest deS Gesetzes mit den Anträgen der Kommission. Die dritte Be­ratung wird einstweilen verschoben.

Es folgt der mündliche Bericht der Budgetkommission über das ihr zur Durcharbeitung nach sozialen Gesichtspunk­ten überwiesene

Gesetz über die Versorgung der Personen der Untcrklaffen des Reichshecrcs und der Marine und der Schutztruppcn und Hintcrblicbrncngcsctz.

Abg. Metzer (Herford) berichtet über die Verhandlungen der Kommission und befürwortet, da die finanzielle Tragweite der Hinterbliebenenfürsorge erst nach dem Feldzuge zu übersehen sein werde, daß die Festsetzung bestimmter Unterstützungssummen bis zur ersten Sitzung des Reichstages nach Friedensschluß zu ver­schieb e n sei, für welchen Zeitpunkt sich die Regierung prinzipiell bereit erklärt hat, diese Ehrenschuld des Reiches voll zu erfüllen.

Abg. Hoch (Soz.): Wir haben von jeher gefordert, daß

die dringenden und notwendigen Verbesserungen der Hinter- bkiebenen-Versorgung im Gesetze festgelegt werden. Wir wissen schon jetzt, daß die Zahl der Hinterbliebenen des Mili­tärs sehr groß sein wird. Wir wissen auch, daß die Finanzlage des Reiches eine schwierige sein wird. Deshalb muß auf allen Gebieten größte Sparsamkeit geübt werden. Wir haben das Vertrauen, daß die Regierung sich eifrig bemühen wird, ihr Versprechen zu erfüllen und den Forderungen der Parteien und des Volkes ge­recht zu werden. Die ganze Lage des Vaterlandes bedingt es ja. Es muß aber noch einmal betont werden, daß den Be­teiligten bis zum Erlaß des Gesetzes die notwendige Hilfe ge­leistet werden wird.

Staatssekretär Dr. Hclfferich: Ich will auch hier im

Plenum des Reichstags feststellen, daß die verbündeten Regie­rungen mit dem Reichstag durchaus einig sind in der An­erkennung der Ehrenpflicht, für die Kriegsinva­liden und die Hinterbliebenen der Kriegsteilnehmer zu sor­gen. Die Meinungsverschiedenheiten, die in der Kommission zutage getreten sind, liegen auf dem Gebiete der technischen und finanziellen Durchführung. Die Gründe, aus denen es den verbündeten Regierungen augenblicklich noch nicht mög­lich ist, mit einer definitiven Ordnung der Materie vor den Reichstag zu treten, habe ich in der Kommission schon ent­wickelt. Ich will nur noch wiederholen: Zugesagt worden ist, daß entsprechend den Wünschen der Kommission, die auch in einer Resolution ihren Niederschlag gefunden haben, bei der künftigen Regelung Zusatzrenten entsprechend dem früheren Arbeitseinkommen gewährt werden sollen. Zuge­sagt ist ferner, daß aus deu ftüheren finanziellen Zugeständ­nissen die verbündeten Regierungen die Konsequenz ziehen und dem Reichstag, so bald es möglich ist, eine Vorlage zu­gehen lassen werden, die diese Materie regelt. Für dm Zwischenzeit sollen nach den Grundsätzen, über die Überein­stimmung besteht, die Mittel des den verbündeten Regie­rungen hierfür bewilligten Fonds verwendet werden. End­lich ist zugesagt, daß alle Anregungen hierzu geprüft werden und, soweit möglich ist, auch bei der endgültigen Regelung der Materie Berücksichtigung finden sollen und werden.

Abg. Liesching (Vpt.): Mit dem Ausdruck des Dankes an die Hinterbliebenen von Kriegsteilnehmern ist es nicht getan. Überall, wo Notstände vorkiegen, muß Vas Reich helfend ein- greifen, Für die Kriegsbeschädigten müssen in allen Teilen des Reiches Genesungsheime eingerichtet werden, iim den Kriegern die Erwerbsfähigkeit möglichst zu erhalten. Da­durch würden auch die Rentenaus:ivben vermindert werden. Für erblindete Krieger soll eine Zentralwrüstalt ge­gründet werden, in der die Unglücklichen leichter über ihr Unglück hinwegkommen, als wenn sie auf die sonstigen Heime verteilt werden. Hinsichtlich der finanziellen Regelung wäre es außerordentlich wertvoll, wenn wir jetzt schon mit im Gesetz festgelegten Grundsätzen der Bevölkerung gegenübertreten könnten. Wir erwarten aber, daß die Regierung in der Zivischenzeit vis zum Friedensschluß die nötigen Vorarbeiten für die Gesetzgebung erledigt. Sofort nach dem Friedens- jchluß muß das Gesetz verabschiedet werden können,

Abg. v. Westarp (kons.): Die große Frage kann zwar vor­läufig nicht gesetzlich geregelt werden, doch wünschen wir, daß die Fürsorge für die Witwen und Waisen sofort geregelt wird, und zwar sollte nicht die militärische Charge, sondern das Arbeitseinkommen des Mannes für die Hinter­bliebenenversorgung ausschlaggebend sein. Vielfach entsteht die Gefahr, daß die Familien der Reservisten oder Landwchr- inänner aus der durch Fleiß und Sparsamkeit errungenen Lebensstellung ms Proletariat gedrückt werden.

Damit schließt die Debatte.

Das Haus tritt einstimmig der Bu-dgetkommission bei.

Daraus erfolgt die Wiederholung der Abstimmung über die zum Gesetz, betreffend Einschränkung der Verfügung