iesbaüeim Tagblatt.
Uo. K57. Morgen-Ansgahr.
lis. Forti-tzung.) (Nachdruck verboten.)
Kiavische Leidenschaft.
Roman von Aaniel Lesueur.
iHutorisirte Ueders-tziing aus dem Französischen
von Hlaiakie Aümekin.
Seit dem gestrigen Tag lebte sie nur in der Erinnerung an den letzten Blick Huberts und fiihlte immer aufs Neue wieder ihr ganzes Wesen unter diesem Blick erbeben, der sie mit angstvoller Freude erfüllte. Mit leidenschaftlicher Wonne hatte sie sich immer wieder in diesen Augenblick zurückgeträumt und sich dabei selbst beruhigt mit der Versickerung: „Dies ist die einzige
Schwachheit, der ich mich jemals schuldig machen werde!"
Als sie aber fühlte, wie ihre Energie und ihr Stolz unter der Gluth dieser gefährlichen Träumerei zu schmelzen be-
? amten, wurde sie von Angst erfaßt. Nun, da der Augen- lick gekommen war, wo sie ihn Wiedersehen sollte, suchte Ke ihre Kraft zusammen zu raffen. ^ „ r .
Als sie sich von ihrem Betschemel erhob, glaubte sie ihrer wieder ganz sicher zu sein, als aber das doppelte Anschlägen der Glocke, das im ganzen Palais wiederhallte, die Ankunft eines Besuches verkündete, wanktet: ihre Kttiee und sie fühlte sich erbleichen. ,
Sie schob den Riegel der Thüre zurück und trat m ihr Boudoir, wo sofort ein Diener erschien und meldete, der Herr Marquis von Vrünaz erwarte sie unten im »Quellensalon". Man nannte diesen Raum so wegen einer Marmorstatue, die den Kamin schmückte. Sie stellte ein junges Mädchen dar, das eine Urne ausgoß, und war eines der wenigen lieblichen und anmuthigen Werke, die unter dem Meißel des großen Thorwaldsen entstanden fmd, der mehr dazu geeignet war. Niesen L» bilden J- Als Nadja das Gemach betrat, war ihr Gesicht so weiß wie das der Marmorstatue. Und wie hätte sie auch diese Befangenheit unterdrücken sollen, wo selbst Vrünaz, der sonst seine Nerven so gut zu beherrschen wußte und so latrge ganz Herr seiner selbst zu sem geglaubt hatte, fühlte, wie ferne Lippen bebten und wie die Hattd zitterte, die seinen Hi it hielt.
Utld trotzdem wagten diese beiden Menschen, die einander dermaßen aus der Fassung brachten, Anfangs nur von gleichgültigen Dingen zu reden. >za,' "f*;L erkundigte sich sogar, ob er den Grasen nicht sehen könne, weil er Nadja kein Alleinsein aufzwingen wollte, das sie nicht ausdrücklich gewünscht hatte.
„Um diese Zeit", entgegnete die junge Frau, deren Gesicht und Hals sich mm mit glühender Rothe ^ uver- »offen, „um diese Zeit empfängt der Gras Niemands Er schließt sich in sein Arbeitszimmer ein, um seme Korrespondenz zu erledigen, und ich selbst wurde nicht wagen,
ihn ohne einen sehr triftigen Grund zu stören."
Während sie aber diese Worte sprach, erinnerte sie sich, daß sie dem Marquis gerade diese Stunde bestimmt hatte.
Die Verlegenheit, die sie darüber empfand, vereint mit der Gewißheit, daß er Paris mm nicht verlassen, daß er sich nicht von ihr entfernen würde, kühlte sie ab und gab ihr ihren Stolz zurück. Gestern hatte ihr die Angst, diesen Mann zu verlieren, ihn werthvoller erscheinen lassen, als ihren äußeren Glanz und als ihren Stolz, diese Angst hatte ihr das Herz so zusammcngeschnurt, daß ihr Auge sich zu einem Geständniß hmretßen lieh. Nun er heute da tvar, nebeti ihr saß und nicht mehr vom Abreisen sprach, mm er vielleicht um desscntwlllen blieb, was sie ihm gezeigt, was sie ihm Zu hoffen gestattet Hatte, da erstickten Scham und Zorii die Leidenschaft Nachas. Wenige Minuten zwar hatte sie gebetet wie eine Verzweifelte, um der Liebe zu entrinnen, die sie verzehrte, und nun erlosch plötzlich diese Liebesgluth und sie wurde kalt wie Eis. , „ ,,, ..
Mittwoch, den 5. Juni.
49. Jahrgang. 1901.
danke, daß sie durch ihr Verhalten am gestrigen Tag Herrn von Brünaz das Recht gegeben habe, ihr eine Erklärung zu machen; nun wartete sie auf diese Erklärung, um sie mit verächtlichem Stolz zurllckzuweisen. Wahrend er über die Nihilisten mit ihr sprach er hatte diesen Gegenstand wieder aufgetiommen, um sie von ihrer ckv- sicht, Sonia zu besuchen, abzubringen—, sah sie ihn de- harrlich mit bösen Blicken an, hatte ihre Gedanken ganz wo anders und quälte sich mit der Erinnerung an ihre gestertl in den Champs Elysües gesprochenen-Worte, deren Tragweite sie in der augenblicklichen peiiilichen Verlegenheit übertrieb. ' ,
Hilbert errieth so ziemlich, was das junge impullwe Herz bewegte, das einem scheuen, wilden Vögelchen glich, das sich mit heftigen Flügelschlägen von der Hand zu befreien sticht, die es gefangen hat und festhalten will. Er wußte auch, daß die Liebe des Weibes Niemals die sichere zuverlässige Gleichmäßigkeit hat, wre die Leidenschaft be§ Mannes, sondern daß sie sich von Aufregungen, E - schütterungen, Verzweiflimgsanfallen und manchmal so- gar vom Hasse nährt; er wiißte, daß die Liebe des Vselbe^ zweifeln, glauben, verachten und anbeten will, daß sie sich bald auflehnen, bald demüthrgen muß, um rhre» Höhepunkt zu erreichen. Vielleicht verstand Hubert die Gräfin besser als sie selbst und fürchtete sich nicht allzusehr vor den wüthendenBlicken,die sie ihm zuschleuderte Uebrrgens enipfand er aufrichtige Hochachtung für st? und hatt . f s gestern keinen Augenblick gedacht, diese stolze und reme junge Frau werde ihm jetzt ohne werteren Widerstand m die Arme sinken. Im Gegentheil, er hatte vorausgesehen, daß ihm Frau von Miranoff bei der nächsten Gelegenheck einen eisiaen Empfang bereiten werde, daß er sucheir müsse, sich für die ihm erwiesene Grinst Verzeihung zu erlangen, und daß die kleinste anmaßende Aeußerung ihn in der Meinung der Gräfin für immer herabsetzen wurde.
Er sprach deshalb auch mit hochachtungsvoller Gute zu ihr, er freute sich, sie in der vermutheten Stimmung zu finden, und war auch entzückteste nun so würdevoll zu sehen, nachdem sie sich ihm so offen gezeigt hatte. Sowohl in der Schwäche ihrer Lrebe, als auch m der Auflehnung ihres Schamgefühles und ihres Stolzes gegen dieselbe, war die Gräfin von jeder Koketterie weiter entfernt als irgend ein anderes Werb, das Hubert wahren seiner immerhin an Erfahrung reichen Lrebeslaufbahn begegnet war. , . ,
Da die Unterwerfung des jungen Mannes eberlso aufrichtig war, als das hochmüthige Mißtrauen der Gräfin, stellte sich nach und nach ein gewissem Gleichgewicht her zwischen diesen beiden einander entsprechenden Strm-
E'Nachdem sie, gewappnet mit all ihrem Stolz, eme lange Viertelstunde auf eine Erklärung gewartet hatte, die tricht kommen wollte, begann Nacha thatsachlrch dem Gehör zu schenken, was er sprach, ohne zwischen iedcm Satz eine versteckte Kränkung für sich herauszuhoren.
Hubert beschwor sie, ihm sein Wort zurückzugeben und nicht darauf zu bestehen^ daß er sie zu Fräulem Kavetchme
rathe Ihnen noch mehr im Jntereste Ihrer Freundin als in Ihrem eigenen zur äußersten Vorsicht , sagte er, da er wußte, daß sie egoistischen Gründen völlig rinzugänglich bleiben würde. „Sre haben Mir I» doch selbst gesagt, daß Graf Btiranoff sie der rusiischen Polrzer ausliefern lassen will, wenn Sre sie besuchten ?
„Der Graf wird es nicht erfahren! Ick habe das Recht, wenn nicht sogar die Pflicht, in dieser Sache hinter seinem Rücken vorzugehen. Meme Lrebe zu Soma ist mir heilig, und Herr von Mrranoff Mißbraucht ferne Autorität als Gatte sowohl als seine Macht, als polr sich einflußreiche Persönlichkeit, wenn er zwei Schwestern trennen will rmd einer Frau droht, ^ch verehre den Grafen von ganzem Herzen und wurde zehnmal liebe
sterben, als den ruhmreichen Namen bloßstellen, den er.
firnge'hielt inne und blickte dem Marquis lelt ins Auge - dann fuhr sie fort: „Aber ich glaube Nichts Unrechtes oder gar Schmachvolles zu Aim wenn ich Soiria besuche. Sie ist eme Frau von Herz und Geimmi. und leidet so gilt wie ich unter unserer Trennung lck sw zürnt mir vielleicht imStillen darum. Wer weiß.welche Bitterkeiteti, welche Vorurtheile ein derartiges Vorgehen meinerseits für alle Zeiten verwischen und ausgleichen
fütm Wie wollen Sie der lleberwachung des Grafen euch geben?" fragte Hubert weiter. „Sie werden za doch wohl wissen,' daß Ihr Gatte mit der Polizeiprafektur rm
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Es hat sich sogar das Gerücht verbreitet, der Graf sei in geheimer Mission hierher gekommen, um die nihilistischen Verbindringen zu vernichten, denen unsere Hauptstadt immer mehr und mehr als Operationspunkt
^^PAber in diesem Fall wäre er doch inkognito hierher
riesig! Ich berichte Ihnen auch nur ein un> verbürgtes Gerede! So viel aber steht fest, daß der Graf sich inständigem Einvernehmen mit der Polizeiprafektur
Nun aut", entgegnete Nadja, „danti müssen Wik eben unsere Vorsichtsmaßregeln entsprechend treffen, il^. das ist Ihre Sache, Herr Marqurs. >zch habe ^hr Ehren wort' V @ie kennen Paris und wissen, wie mau sich hier unerkannt zu bewegen verrnag." ... .
Hiibert neigte seufzend sein Haupt. Es Ware vec- aeblicke Mühe gewesen, sich weiter gegen dielen ^rauen- willm aufzickchnen. In russischen Gemüthern lebt chiie Art von Fatalismus, den nian vielleicht am treffendsten als aktiven Fatalismus bezeichnen wurde: er begnügt sich nicht damit, sich dem Schicksal zu beugen, sondern er gefällt sich darin'ihm, zu trotzen. D e starke fr che Ern- bildungskraft dieses iugendlichen, Volkes greift cinen abenteuerlichen Gedanken ungemein rasch auf und ber dieser uihprünglichen Natur setzt sich der Gedanke unendlich rascher in die That um, als bei unseren vbeudlan icken Völkern, die seitGenerationen gewohnt sind, zwischen iNre Gedanken rmd ihre Handlungen die lleberlegung
ireten u lchsin Dieses Uebermaß von Impuls über- rascht bei einem Barbaren ja nicht, Wohl aber bei dem Russen, mit dessen hoher Geistesbildung er sich vollständig
3U ^Hubeü fichltE^daß der Entschluß Nadjas ein uner> schütterlicher war, und daß sie allem handeln wurde, saM
Cl ' aber zuvor nahm er ihr
das Versprechen ab, daß sie dies gefährliche Unternehmen
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dem mit Sonia verabredeten Tag um zwei Uhr m daS
■' m t!ewJTSie Ä mittWIm. w-Ichm %m Knnin gewählt hat? Sie hört Vorlesungen und ist Nicht frei, deshalb müssen wir,ihr die ^Bestimmung uberlass Aber wie werde ich es erfahren?
(Fortsetzung folgt.)
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