Wiesbadener Tsnblstt.
Verlag Langgafle 21
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Samstag, 29. Mai 1915.
Oer Krieg.
von den östlichen Kriegsschauplätzen.
Oie „Times" über Galizien.
Keine Hoffnungen mehr auf die Russen.
W. T-B. London, 28. Mai. (Nichtamtlich.) Die „Times" schreibt über die Lage der Russen in Galizien: Aus dem letzten österreichisch-ungarischen Bericht geht hervor, daß der Feind den Ring um Pizemysl jetzt immer enger schnürt, so dass die Festung sich in ernster Gefahr befindet. Alle Berichte aus jüngster Zeit weisen darauf hin, dass die Angriffe aus die Festung immer stärker werden. Przemysl ist jetzt der Schlüffe! zur Stellung der Russen in Galizien. Bei ollen Angriffen ließ der Feind die Westfront der Festung unbehelligt und beschränkte sich daraus, Przemysl von Norden und Süden einzuschlicßen. Unglücklicherweise sind keine Anzeichen dafür vorhanden, daß die Russen imstande waren, kräftige Gegenangriffe zu machen.
Die Bedeutung unserer Erfolge am Strrff.
Wien, 29. Mai. (Ktr. Bln.) Der Staunt von Strhj, die strategische Schlüsselstellung und das wichtigste Vorwerk der russischen Dmestr-BerteMgung, sperrt, wie das „Fremden- blatt" zum Durchbruch am Stryj schreibt, den Zugang nach Lemberg gegen Süden und hat Wert als Flankenstellung gegen die Operationen westlich von Lemberg und rn Südostgalizien. Von West und Süd durchbrochen, kann das wankende Gebäude des russischen Widerstandes kaum lange aufrecht bleiben.
Herzog Ulrich von Württemberg leicht verwundet.
°W. T.-B- Stuttgart, 28. Mai. (Nichtamtlich.! Bei den Kämpfen im Osten ist Herzog Ulrich von Württemberg durch einen Schravnellschuß am Arm leicht verletzt worden.
Der Zar im Zarskoje Selo zurück.
Petersburg, 27, Mai. Der Zar ist von der Front nach Zarsroje Selo zurückgekehrt.
Alle Deutschen aus Petersburg ausgewiesen.
Kopenhagen, 28. Mai. (Ktr. Bln.) Wie die „Nowojc Wremja" meldet, erhielten alle in Petersburg lebenden Untertanen der feindlichen Mächte, welche die Erlaubnis erhalten batten, dort zu bleiben, bis ihr Gesuch, die russische Staatsangehörigkeit zu erwerben, entschieden sei, jetzt den Befehl, Petersburg zu verlassen. Viele Deutsche und Österreicher werden demnächst nach den nördlichen Gouvernements übergeführt und dort interniert. Alle Naturalisationsgesuche sind abgelehnt worden.
Die Explosion einer russischen Sprengstoffabrik.
Angeblich 1500 Personen getötet.
Sr. Kopenhagen, 29 Mai. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Ein aus Petersburg in Stockholm cingctroffener Grschäfts- mann teilt mit, daß bei der kürzlich erfolgten Vernichtung einer Sprengstoffabrik in der Nähe von Petersburg 1500 Arbeiter ihr Lebeneingebüßt haben. Auch der Sachschaden ist ungeheuer. Als Urheber sind russische Revolutionäre verdächtig, auch ein höherer russischer Offizier ist in die Angelegenheit verwickelt. Bisher sind 20 Personen verhaftet worden.
Tiflis als neues Heim der Lodzer Industrie?
Seit längerer Zeit bereits wird, wie die Nachrichtenstelle für den Orient mitteilt, in den verschiedensten russischen Zeitungen die Frage lebhaft erörtert, an welcher Stelle Rußlands die Industrie der Stadt Lodz, ans deren Wiedergewinnung man offenbar gar nicht mehr rechnet, neu erstehen soll. MS Bewerber sind bisher ausgetreten die Städte Wilna, Bialjstok, Odessa, Jekaterinoslaw, Berdjansk. Imorka. Baku. Mit größerer Tatkraft ist jetzt auch Tiflis als Anwärterin ausgetreten. Wie die „Nowaja Sakcrwkaskaja" berichtet, hat eine besondere Versammlung unter dem Vorsitz des Stadthauptes Ehatisow zwecks Erörterung dieser Frage stattgefunden. Der Fabrikinspektor Saschtschewsky führte als besondere Gründe, die für Tiflis sprächen, an: 1. Tiflis hat die günstigste Lage zu den Msatzgebieten, die Rußland wirtschaftlich beherrschen; 2. Tiflis liegt in der Nähe der baum- wollerzeugenden Gebiete (Turkestanff 3. der Kaukasus überhaupt und Tiflis als sein Zentrum haben eine große Zukunft.
Der Krieg gegen England,
Oie bisherigen Schiffsverlufte unserer Seinde.
8. Berlin, 29. Mai. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Nach einer Zusammenstellung haben im bisherigen Kriege unsere Feinde an Schiffen verloren: England 9 Linienschiffe mit 141150 Tonnen, 7 Panzerkreuzer mit 103 000 Tonnen, 5 geschützte Kreuzer mit über 22 000 Tonnen, 7 Torvedobootszerstörer, 10 Unterseeboote und 5 große Hilfskreuzer. Frankreich: 2 Linienschiffe mit 23300 Tonnen, 2 Panzer krcuzer mit 22100 Tonnen, 1 Kanonenboot, 1 Torpedo bootszerstörer und 2 Unterseeboote. Die tatsächlichen Verluste dürften sich noch erheblich höher gestalten und besonders groß werden die Verluste sein, die der französischen Marine durch schwere Be s ch ä d i g u n g vieler Schiffe in den Kämpfen im Adriatischen Meer und vor den Dardanellen zugefügt worden sind.
Kbend-Ausgabe.
Neue Beute unserer II-Boote.
W. T.-B. London, 28. Mai. (Nichtamtlich. Reuter.) Der englische Dampfer „Cadsby", von Oporto nach Cardiff unterwegs, ist aus der Höhe der Scillv-Jnseln von einem Unterseeboot in Grund geschossen worden. Die Bemannung und vier Passagiere, die auf dem Schiffe waren, sind gerettet worden.
Zum Untergang des „Nebraska".
W. T.-B. Rotterdam, 29. Mai. (Nichtamtlich.) Der .Rotterd. Courant'' meldet aus London: Der Kapitän des Dampfers „Nebraska" hat :n'Liverpool erklärt, daß das Schiss von „etwas" getroffen worden ist. Niemand habe in der Umgebung ein Unterseeboot gesehen, eibwühl der Haaptmaschinist einen Schaumstreifen wahrgenommen zu haben glaubt. (?)
3um Untergang der „prinzetz Irene".
W.T.-B. London, 29. Mai. (Nichtamtlich.) Die „Times" meldet aus Sheerneß: Der Hilfskreuzer „Prinzeß Irene" ist durch eine innere Explosion zerstört worden. Die Ursache ist unbekannt. Die Gewalt der Explosion war furchtbar. Auf eine Entfernung von mehreren Meilen wurden Fenster zertrümmert und Zimmerdecken stürzten ein. Augenzeugen sagen, daß die Flammen 300 Fuß hoch gestiegen sind. Zwei Feuersäulen stiegen auf, in wenigen Sekunden von dichten Wolken weißen Rauches begleitet. Als nach einigen Minuten sich der Rauch verzogen hatte, war bas Schiss verschwunden und nur Wrackstücke schwammen umher. Mehrere Leute an Bord in der Nachbarschaft ankernder. Schiffe sind durch umherfliogeude Trümmer verletzt worden. Ein kohlender Hilfskreuzer verlor seinen Kran, der durch die Wucht der Explosion aus der Montierung gerissen wurde. Ein Teil des Kessels siel auf ein eine halbe Meile weit entfernt liegendes Schiff. Wie die „Daily Mail" berichtet, war die Besatzung des Hilfskreuzer,357 Mann stark. Einer wurde gerettet. Die „Prinzeß Irene" lag dret oder vier Bojen von dem Platz entfernt, an dem der „Bulwark" in die Luft geflogen war. Mehrere B-avken, die neben dem Schiff lagen, sind z e r st d r t worden. Das Unglück geschah in Fort Victoria.
Nrieasmüdigkeil in England.
Br. Berlin, 29. Mai. (Eig. Drcchtbericht. Ktr. Bln.) Der heutige Leitartikel des „Vorwärts" bringt eine interessante Zusammenstellung von Auszügen aus dem Londoner „Economist", in denen sich die Stimmung in den liberalen Kreisen Englands grell widerspisgelt Aus allen Kriegsartikeln des führenden Finanz organs Englands in den letzten Monaten liest man die unverkennbare Kriegsmüdigkeit und den Wunsch heraus, der Krieg möge ein schnelles Ende nehuien. Daneben tritt immer deutlicher das Mißtrauen zu den Leitern der äußeren Politik Englands und die Befürchtung zutage, der Krieg würde bestenfalls eine übermäßige Schwächung des Gegners herbeiführen, was das „politische Gleichgewicht Europas" stören würde, und schlimmstenfalls eine Revolution herausbeschwören, die unbekannt wann ausbrechen und unbekannt wie aus- gehen würde.
Der Ruf nach der allgemeinen Wehrpflicht in England.
London, 28. Mai. (Ktr. Bln.) In einem Leitartikel führt die „Times" aus, daß das englische Volk allmählich die Wahr heit zu sehen anfange. Aller Augen seien auf die Regierung gerichtet. Das Volk wünsche, daß die allgemeine Wehrpflicht in der schwierigsten Stunde unseres Geschickes oingesührt wird. Auch die bekannte Suffragette Frau Pankhurst besiir wartet die Einführung der Wehrpflicht. Sie kündigt ein nroßes Meeting an, wo Lady Macworth eine Rede halten ircc'b'c.
W. T.-B. London, 28 Mai. (Nichtamtlich.) Alle konser vativen Blärter bringen heute Leitartikel, m denen sie darauf dringen, daß die Regierung die allgemeine Wehrpflicht cin- führe. _
Die ernste Lage in der englischen Textilindustrie.
W. T.-B. London, 29. Mai. (Nichtamtlich.) Die .Tinies" meldet aus Manchester: Die Lage in der Textilindustrie wird ernst. Der Verband der Spinne- reigcwerkschasten hat den Arbeitgebern eine Forderung auf eine Kriegszulage von 10 Prozent überreicht. Der Sekretär des Verbandes erklärt, .daß die Arbeit- g e b e r durch die Drohung mit einer allgemeinen Aus Sperrung das frühere Lohnabkommen ge b r o ch e n hätten. Der Arbeitgeberverband b e h a r r t auf der Absicht, die A u s s p c r r u n g zu erklären.
Ein treffendes dänisches Urteil üder die innernoliti ^ e Laos Englands.
W. T.-B. Kopenhagen, 28. Mm. (Nichtamtlich.) Tie bisher deutschfeindliche Zeitung „EkStrablaldet" schreibt über die Umbildung des Ministeriums Asguith u. a.: Das liberale 'Ministerium ist durch ein Sammlungsministcrinm abgelöst worden. Im Vergleich zu Frankreich, wo schon zu
Nr. 246. * 63. Jahrgang.
Kriegsbeginn Ähnliches durchgesührt wurde, kommt dieseMaß» regel ziemlich spät. Das liberale Ministerium in, England war Nicht so stark, wie es ein Ministerium in Kriegszeiten sein mutz. Die hervorragendste Schwäche des Miniisteviums war sicherlich, daß Churchill Marinientimster war und in dieser Eigenschaft fortgesetzt Aussprüche tat, die nur daraus berechnet zu sein schienen, die britische Flotte herabzusetzen. Churchill war es, der die groß prahlerische Drohung in die Welt setzte, daß er die deutsche Flotte a u s dem Kieler Hafen treiben wollte wie eine Ratte aus dem Loch. Die deutsche Antwort hieraus war, daß deutsche Kriegsschiffe englische Küstenstädte bombardierten und deuffche Unterseeboote der englischen Marine einen Verlust nach dem anderen beibrachten. Die englische Kriegsflotte war zur Untätigkeit verurteilt. Deshalb' mußte das Ministerium Asquitb zurücktreten, den Hochverräter C ar so n in seine Mitte aufnehmen, seinen bittersten Feind Bonar Law zum Kolonialminister machen und dem Führer der feindlichen Partei B a l f o u r das Marineministerium übertragen. Es scheint aber, daß diese Unzufriedenheit sich nicht nur aus die Flotte, sondern auch auf das Heer bezieht. Kitchener behielt zwar seine Ministerstellung, aber in dem neuen Kabinett wuwe ein neues Ministerium errichtet: Llovd George, der frühere Finanzminister, wurde Minister für die Waffenversorgung. Es ist bezeichnend für den Wahnsinn dieser Zeit, daß der Antimilitarist Lloyd Gorge Leiter der englischen Versorgung mit Pulver, Kugeln und Granaten wurde. Diese Ernennung zeigt, daß auch auf diesem Gebiete große Versäumnisse begangen worden sind, die sich für Englands Kriegsführung verhängnisvoll gezeigt haben.
vom französisch-belgischen Kriegsschauplatz.
Oer „Temps" über die militärische Lage.
Nur die Balkanstaaten können helfen.
Gcrfl, 28. Mai. (Ktr. Bln.) Über die russische Kriegslage schreibt der „Temps", jetzt sei daselbst Ebbe, wie schon so off, aber die Flut kehre wieder, dann werden die Russen alles überschwemmen. Ungarn möge wieder zittern, unterdessen, überfluten die Italiener den Süden der Monarchie in großartigem Siegeslauf. Die Serben rüsten zur Offensive. Aber alles werde vergeblich bleiben, falls nicht die anderen Balkanvülier dciittReigen mittanzten.
Ter Saatenstand in Frankreich.
W. T.-B. Paris, 29. Mai. (Nichtamtlich.) Nach der im Amtsblatt veröffentlichten Ausstellung des Saatenstandes in Frankreich betrugen am 1. Mai die bestellten Flächen für Korn 5123128 Hektar gegen 6 493 38b Hektar tat Mai 1914. Für Weizen 1039 810 (1178 610) Hektar, Hafer 3 375 579 (8 979 420) Hektar.
Die englische Berlustlistc.
W. T.-B. London, 29. Mai. (Nichtamtlich.) Die neuest«. Verlustliste enthält die Namen von 53 Offizieren und 750 Mann.
Deutsche Ortsnamen in Belgien!
über dir Namen in belgischen Ortschaften hat der Gene- ralgouvernrur eine besondere Verfügung erlassen. Bei der Benennung dieser Orte im Sprachgebrauch der Behörden sind inr allgemeinen die Bezeichnungen anzuwenden, die in der Generalstabskarte 1:300 000 enthalten stad. Abweichend davon soll aber bei folgenden größeren Orten gesetzt werden: Meckeln statt MalineS, Li er statt Lierre, Tongern fielt- Tangers, Rousselare statt Roulers, Kortryk statt Courtrai. Aalst statt Alost. Ypern statt Ypres. Die deutsche Postverwaltung hat die Namen Mecheln, L,er nnd Ronffe.«e schon bisher angewandt. Für die drei anderen -rte sit ine deutsche Schreibweise ebenfalls angeordnet worden. Die Po,t- stemvel werden geändert. Im übrigen stimmen die Namen der deutschen Postämter in Belgien mit deutschen wie mit belgischen Beamten bis auf wenige Llbweicyungen mit der Generalstabskarte überein.
Zur Zivilverwattung in Belgien berufen.
M.-Gladbach, 28. Mai. Kommerzienrat C. O. La ngeu, der Vorsitzende der hiesigen HanLvlskaiiuner. ist vom «>taoch»- sekretär des Innern als Referent für w>rt,chastliche riragen. iiamcntlich auf dem Gcbicl der Textilindustrie, rn die Zidrl- verwaltung für Belgien ber ufen worden.
Dev Nrieg gegen Italien.
Der italienische Kriegsbericht.
W. T.-B- Rom, 29. Mai. (Meldung der Agcuzia Sie- tarn.) Das Große Hauptguarlier gab am 27. Mai 10 Uhr abends bekannt: An der Grenze Tirols, und des Trentmo
dauert der Artiller iekampf zwischen unseren Be. festignngcn und den feindlichen Befestigungen am Zonale auf dem Asiagoplateau an. Wir dehnten die Besetzung des Ge- bietes jenseits der Grenze gegen Norden oberhalb der Mündung eines Baches in den Jdrosee und ebenso die Besetzung der Bergzone zwischen dem Jdrosee und dem Gardasee aus Die Notabeln von Tecze im Suganatace und aus anderen besetzten Gebieten stellten sick unseren Behörden vor und drückten ihre patriotischen und ergebenen Gefühle
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