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248. Redaktions-Fernsprecher No. 52.
Donnerstag, den 30. Mai.
Abend-Ausgabe.
Her Hupt und die strnWsche Bittafrap.
Unser Pariser rv-Korrespondent schreibt uns:
Eine der wichtigsten Fragen des wirtschaftlichen Lebens in fast allen Staaten Europas, besonders aber bei allen Großmächten mit Ausnahme Italiens bildet die Zuckerfrage. Besonders verwickelt gestaltete sich dieselbe aber, seitdem fast alle Zuckerstaaten in der fieberhaften Thätigkeit der Konkurrenz zum System der künstlichen Unterstützung gegriffen; ich nieine die Zuckerprämien, sei es in Form von Produktionsprämien, von Ausfuhrprämien oder zum Mitidesten in Form von Schutzzöllen. Nirgends aber ist dieses System künstlicher Entwickelung der Zuckererzeugung so weit getriebetr worden wie in Frankreich. Es kann daher nicht überraschen, daß auch nirgends so heftige Angriffe dagegen geführt wurden wie hier. An der Spitze dieses Feldzuges steht einer der hervorragendsten Nationalökonomen Frankreichs, der ehemalige Finanzminister Jves Guyot. In seinem Blatte, dem „Siöcle", führt er seit langer Zeit einen wahren Krieg gegeir die ungerechte Bevorzugung eines Produktionszweiges auf Kosten des ganzen Landes.
Seine Fehde hat er in einem soeben erschienenenBuche zusammengefaßt, welche die ganze Zuckerfrage in Frankreich behandelt. Der fünfte und letzte Theil der Abhandlung, in welchem die Folgerungen niedergelegt sind, bietet das Interessanteste derselben dar.
Jves Guyot zeigt uns darin, wie in Frankreich das Prämiensystem Nlehr als sonstwo drückend ist. In Frankreich giebt es nämlich sowohl Produktions- als auch Ausfuhrprämien. Diese Einrichtung lastet schwer auf den Steuerzahlern; denn während der Campagne von 1899 bis 1900 zahlte die Regierung an die Zuckerproduzenten und Zuckerhändler rund 103 Millionen Franken, das sind 831/2 Millionen Mark! Eine furchtbare Last für das ohnehin arg beschwerte Budget Frankreichs! Dies ist aber noch nichts, wenn man bedenkt, daß die Ver- zchrungssteuer 61 Franken, also 62 Mark für 100 Kilo, gegen 20 Mark in Deutschland beträgt. Dies erhöht den Preis des Zuckers außerordentlich, wodurch die Thatsache entstanden ist, daß der französische Zucker in England viel billiger als im Erzeugungslande selbst ist.
Seitdem die Prämien in Frankreich eingeführt sind, das ist seit 1884, hat man die diesbezügliche Gesetzgebung dreimal umänderu müssen, so drohend gestaltete sich das Anwachsen der für Prämien ausgegebenen Summen. And gleichwohl hat Frankreich von 1884 bis 1900 nicht weniger als 764 Millionen Franken dafür ausgegeben, während der Gesammtwerth aller Zuckerfabriken Frankreichs auf weit weniger als die Hälfte, nämlich auf 320 Millionen geschätzt wird.
Ein solcher Zustand steht im Widerspruch mit den allereinfachsten Regeln der Wirthschaftspolitik; überdies kann er zu einer wahren Krise führen, denn die ganze französische Zuckerindustrie ist auf die Ausfuhr, namentlich auf eine solche nach England berechnet. Nun ist aber der englische Verbrauch so groß, daß die französische Aus- ftchr doch nur einen verhältnißmäßig geringenTheil, etwa 17 pCt., desselben deckt, folglich ist England auf Frankreich nicht gerade angewiesen. Außerdem öffnen sich immer neue Produktionsquellen; Italien, Egypten, die Balkanstaaten fangen an, ihren Verbrauch selber zu decken. Infolge der hohen Verzehrungssteuer ist der Verbrauch in Frankreich sehr gering, weniger als 13 Kilo pro Kopf, ivährend er in Deutschland 15, in England nahezu 42 Kilo beträgt. Die Schuld dieses geringen Verbrauchs liegt am Preise, der durch die hohe Steuer veranlaßt wird.
Unter diesen Umständen muß früher oder später eine Krise eintreten, was bestimmt der Fall sein wird, wenn die Absatzquellen versiegen. Um diesen gegenwärtigen Uebelstäuden und den drohenden künftigen Gefahren vorzubeugen, verlangt Jves Guyot: Aufhebung der Prämien, 30 Francs Verzehrungssteuer, das heißt eine Summe gleich dem Werthe des Produktes, anstatt 64 Francs fiir den Metercentner, und endlich Aufhebung der Laxe jjte die Raffinerie.
Die Abschaffung der Prämien würde den durch die Verminderung der Steuern verursachten Ausfall genügend deckest, namentlich weim die Erhöhung des Verbrauchs infolge der niedrigeren Preise in Betracht ge- zogen wird?.
Man kann den Forderungen Guyots nur Beifall zollen und Wnschen, daß eine ähnliche gesunde Anschau- UngswÄe der Wirthschaftspolitik in Frankreich und andersttw sich möglichst verbreite. Bei dem immerhin Nicht geringen Einflüsse, welchen Guyot trotz aller seiner Schrullm hier besitzt, und unterstützt durch den „Sidcle" Md seine Anhänger, ist es anzunehmen, daß seineStimme Wer ÄÄL ckMetkge Frage nicht verhallen wird. Schon
setzt wird den Zuckerspekulanten Hierselbst das Leben so sauer gemacht, daß sie seit Monaten jede Lust zu energischer Thätigkeit verloren haben, und es dürfte nicht Wunder nehmen, wenn die Regierung sich veranlaßt sähe, zu dieser Frage neuerdings Stellung zu nehmen, welch- bereits so vielen ihrer Vorgängerinnen Kopfschmerzen bereitet hat. _
Dentsches Reich.
* Hof- und Personal-Nachrichten. Auf Wunsch des Kaisers wird am Freitag nach der Parade die Königin Wilhelmine von Holland beim Besuch der Reichshauptstadt am Brandenburger Thor vom Oberbürgermeister Kirschner begrüßt werden. An der Begrüßung werden wahrscheinlich auch Mitglieder des Magistrats und der' Stadtver- ordneten-Bersammlung theilnehmen. Das Brandenburger Thor und der Pariser Platz werden, so weit es noch die Kürze der Zeit erlaubt, geschmückt werden. — Entgegen den bisherigen Dispositionen bricht, wie der „Breslauer General-Anzeiger" aus Oels meldet, der Kronprinz seinen Jagdaufenthalt in Oels vorzeitig ab und trifft bereits Donnerstag Früh wieder in Potsdam ein. Man bringt diese plötzliche Abreise mit dem Besuch der Königin Wilhelmine im Neuen Palais in Verbindung.
* Berlin, 30. Mai. Dem hi st arischen Exer- ciren der Kaiser-Brigade auf dem Tempelhofer Felde zur Erinnerung an die Parade, welche gestern vor 13 Jahren Kaiser Friedrich im Schloßparl zu Charlottenburg über die von dem damaligen Kronprinzen befehligte zweite Garde-Jnfanterie- Brigade abnahm, wohnte gestern Vormittag auch der französische Generalmajor Bonnal und sein Begleiter, Oberstleutnant Gallct, bei. Wie immer, leitete der Kaiser das Exer- ciren selbst. Nach Schluß des Gefechts führte er gegen 1 Uhr das 2. Garde-Regiment in die Kaserne zurück/ um mit dem Offizier-Corps im Kasino das Frühstück einzunehmen. Die französischen Gäste ritten im Gefolge des Kaisers. Am Gedenkstein im Charlottenburger Schloßpark legte im Auftrag des Kaisers General v. Mackensen einen Lorbeerkranz nieder.
Der Kaiser hat gelegentlich seiner Anwesenheit in Metz dem Weihbischof und Abt des Trappistenklosters zu Oelenburg, Struck, eine fast halbstündige Audienz ohne alle Zeugen ertheilt. Diese Mittheilung wird jetzt in verschiedenen Blättern damit in Verbindung gebracht, daß Herr Struck zum Bischof von Metz ausersehen sei. Die Ernennung soll angeblich, da ihr von Rom aus nichts im Wege sei, nahe bevorstehen.
Da auf Wunsch mehrerer Angehöriger die Leichen verschiedener in Ostasien verstorbener deutscher Offiziere, Militärärzte, Militärbeamten und Mannschaften in die Heimath überführt werden sollen, hat der Kaiser angeordnet, daß die Leichen auf den preußischen, hessischen und Reichseisenbahnen frachtfrei befördert werden.
Der nationalliberale Abgeordnete Dr. Bassermann hat in einer Rede eine kurze außerordentliche Session des Reichstags zur Erledigung des Branntweinsteuer- Nothgesetzes in Aussicht gestellt. Dieselbe würde im September stattfinden. (? ? D. R.)
Aus Handelskreisen ist, wie der „Lokal-Anzeiger" berichtet, dem Neichsschatzamt ein Gesuch um Einführung von 10 - M !.- Kassenscheinen zugegangen, da sich das Fehlen dieser Zwischenstelle bei dem Mangel an Kronen fortdauernd fühlbar macht und die 5-Mk.-Scheine verhältnißmäßig selten seien. Doch sollten dafür entsprechend viel 20-Mk.-Scheine eingezogen werden, da eine Vermehrung des Papiergeldes zu vermeiden sei.
* Weilands Geisteszustand. In Bremen weilte vor Kurzem eine Kommission, bestehend aus sechs hervorragenden Psychiatern aus verschiedenen Städten, um im Aufträge des Reichsgerichts über Weilands Geisteszustand ein Gutachten zu erstatten; wie das letztere ausgefallen und ob es überhaupt schon endgültig festgestellt ist, ist noch unbekannt. Zuverlässig ist darüber von amtlicher Seite, wie die „Weserztg." schreibt, nichts zu erfahren. Weiland ist aus der Irrenanstalt wieder in das Untersuchungsgefängniß gebracht worden.
Ausland.
Französische Darlehen an Korea.
Von ihrem Special-Korrespondenten in Söul erhält die „Morning Post" einen langen telegraphischen Bericht über das französische Darlehen an Korea. Cazalis, der Vertreter des Mnnan-Syndikats inKorea, sagte ihm: Das Syndikat schieße der koreanischen Regierung fünf Millionen Jen zu 6 y 2 pCt. gegen Verpfändung der Zolleinkünfte vor. Das Geld solle zur Einführung der Metallwährung in Korea verwendet werden. Als Gegenleistung erhalte das Syndikat gewisse Konzessionen, darunter die zum Baue der strategischen Eisenbahn von Söul nach Pingyang. Das Abkommen sei Namens der koreanischen Regierung unterzeichnet worden, habe aber noch nicht die Unterschrift des Kaisers von Korea erlangt. Die „Morning Post" bemerkt hierzu: Der Dienst, den Frankreich Rußland leiste, indem es im Einvernehmen mit ihrn in koreanischen Angelegenheiten handle, sei der, daß Japan dadurch gelähmt werde. Japan habe wenig Aussicht, in einem
Verlags-Fernsprecher No. 2266. 1901.
Kriege gegen die zwei Mächte zusammengenommen zu siegen. Die beste Hoffnung für Japan läge in einer Gegencoalition. Für diesen Zweck könnten nur zwei Mächte in Betracht kommen: Deutschland und Großbritannien. Deutschland könne es aber nicht wagen, Japan gegen Frankreich und Rußland zu unterstützen, weil der erste im fernen Osten abgefeuerte Schuß dis russische Armee an seine Ostgrenze und die französische Armee an seine Westgrenze bringen würde. Der Fall sei wahrscheinlich durch die Dreibundverträge nicht gedeckt. Auf Großbritannien könnte Japan ebenfalls nicht zählen, da seit den letzten 30 Jahren keine britische Regierrmg vorhanden ist, die mit der Hoffnung auf Erfolg einen Krieg gegen Rußland und Frankreich zusammengenommen führen könnte. Mithin sei Japan, die wachsende Seemacht im fernen Osten, ebeirso isolirt wie Großbritannien, die alte Seemacht des Westens. Da eine Gegenkoalition fehlt, genieße Rußland mit Unterstützung Frankreichs eine besonders vor- theilhafte Stellung im fernen Osten.
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* Rußland. Wie mehrere Blätter melden, soll zu Ende des nächsten Jahres ein Tabakmonopol der Krone eingeführt werden.
* Türkei. Die Pforte richtete an die Botschafter Oester
reich-Ungarns, Englands und Frankreichs Noten, worin sie den Empfang der Noten vom 20 . 15 . bestätigt, wodurch die drei Botschafter von den befriedigenden offiziellen Erklärungen des Ministers des Aeußern, Tewfik Pascha, betreffs des P o st- k o n f l i k t s Kenntniß nehmen. Die Pforte erklärt in der Note, daß die Note der Botschafter vom 20.15. nicht so gedeutet werden dürfte, als ob die Türkei auf ihr Regal verzichtete, und daß in dieser Beziehung die Lage beiderseits dieselbe bleibe, wie vor dem Ausbruch des Postkonflikts. Da die Pforte indessen in der letzten Note keine Anspielung macht, welche den Werth der erwähnten Erklärungen Tewfik Paschas herabzumindern vermöchte, bleibt der Postkonflikt erledigt. — Nach einer der „Pol. Korr." aus Konstantinopel zugehenden Meldung hat die Pforte das kürzlich gemeldete Verbot der Einführung von Schreibmaschinen in die Türkei infolge von Vorstellungen Seitens der interessirten diplomatischen Kreise wieder aufgehoben. _
Der AnfKaird in China.
hd. Berlin, 30. Mai. Der Kaiser hat gestern beim Frühstück im Kasino des 2. Garde-Regiments einen Trinkspruch gehalten, in welchem er, dem „Lokal-Anzeiger" zufolge, zunächst des Kaisers Friedrich gedachte. Darauf fuhr der Kaiser fort: Er freue sich, mittheilen zu können, daß es im fernen Osten zu Friedens-Abschlüssen gekommen ist und daß die Truppen zurückgezogen werden könnten. Es seien ihm, dem Kaiser, aus diesem Anlaß von vielen Seiten Anerkennungen und Danksagungen zu Theil geworden. Auch eine vom Kaiser von Rußland persönlich abgesandte Depesche habe er gestern erhalten, welche laute: „Für die Dienste in China sage ich Euer Majestät meinen herzlichsten Dank. Graf Waldersee hat eine schwere undankbare Sache mit Würde und Geschick geführt. Ich bezeuge meine volle Sympathie." Darauf kam der Kaiser auf die Theilnahme der beiden französischen Offiziere an dem gestrigen Exercircn zu sprechen und hob des Weiteren die gute Waffenbrüderschaft und treue Kameradschaft der Franzosen und Deutschen in China hervor. Der Kaiser schloß mit einem Hoch auf die beiden Offiziere und ihre gesammte Armee. General Bonnal antwortete auf diesen in deutscher Sprache gehaltenen Trinkspruch des Kaisers auf Französisch mit warmen Dankesworten und schloß mit eineru Hoch auf die deutsche Armee und ihren Soldatenkaiser. Der Kaiser verweilte drei Stunden lang im Offizierkasino.
bä. Berlin, 29. Mai. Nach einer Meldung aus Paris sprach Kaiser Wilhelm dem General Bonnal gegenüber seine Befriedigung über das kameradschaftliche Verhältniß der deutschen und französischen Truppen in China aus. Bezüglich seiner bisherigen militärischen Beobachtungen '. Berlin äußerte sich Bonnal zu einem Interviewer reservirt. Immerhin weiß man, daß der General sein Hauptaugenmerk der Marsch-Ausdauer, sowie der raschen Auffassung der einzelnen Aufgaben im Felde zuwendet.
hd. Berlin, 29. Mai. Das Kriegsministerium charterte den Dampfer „Sylvia" der Hamburg-Amerlka-Linie für den Heim-Transport der Chinakämpfer.
hd. Berlin, 29. Mai. Nach dem „Lokal-Anzeiger" hat die Regierung der Vereinigten Staaten anläßlich der bevorstehenden Entbindung des Grafen Waldersee vom Oberkommando über die internationalen Streitkräfte in China der Reichsregierung ihre Anerkennung über die äußerst taktvolle und geschickte Art ausgesprochen, mit der sich der Feldmarschall seiner überaus schwierigen Aufgabe entledigte. In ähnlicher Weise sprachen sich auch andere Kabinette dem deutschen Aer- treter gegenüber aus.
hd. Berlin, 29. Mai. Der „Post" zufolge lag bis heute an hiesiger unterrichteter Stelle keine Bestätigung der vom „Reuter'schen Büreau" gemeldeten verschiedenen Zusammenstöße zwischen Deutschen und Amerikanern in Peking vor.
hd. Berlin, 30. Mai. Nach einem Telegramm des „Lokal-Anzeiger" aus London wird aus^ Washington depeschirt: China erließ ein Edikt, worin es verspricht, eine Entschädigung von 460 Millionen Taels zu 4 PCt. zu zahlen. “
