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* 9 . Jahrgang.

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||0, 246. Redaktions-Fernsprecher No. 52.

Mlbersd-JÄissgu^lae«

Deutsche» Deich.

Zur Zolltariffrage.

Die Verwirrung in den Nachrichten über die Grund­züge der künftigen Zolltarifvorlage wird nicht gerade größer, als sie schon gewesen ist (denn das wäre schließlich auch nicht recht möglich), aber sie ist wirklich groß genug. Indessen würde eine chronologische Zusammenstellung der betreffendenNachrichten doch nur ein recht eintchuges Bild ergeben, indem nämlich zwei Hauptmeldungen einander in stetem Wechsel abgelöst haben und immer noch ablöjen. Nach der einen wird kein Doppeltarif für landwirthschaft- liche Erzeugnisse vorgelegt werden, nach der anderen wird ein Doppeltarif dorgelegt werden. Natrirgemäß folgen diese Nachrichten sich regelmäßig unmittelbar auf dem Fuße. Entweder wird das Eine behauptet, worauf prompt eine Bestreitung uachkommt, oder das Andere wird behauptet, worauf ebenso prompt das Gegentheil versichert wird. Dann ist es eine Weile still davon, inan hat in der Zwischenzeit vergessen, welches Denienti gerade das letzte war, und so kann das Berichten und das Ent­gegnen nach einiger Zeit behaglich von Neuem beginnen. In den jüngsten Tagen ist in diesem Stil abermals ver­fahren worden. Die Mittheilung, daß 81 landwirth- schastliche Doppeltarifpositionen vorgeschlagen tverden stillen, wird wieder bestritten, sie soll nur auf der miß- derständlichen Wiedergabe allgemeiner Gerüchte beruhen, und weiter wird hinzugefügt, daß Graf PosadowSky für die am 4. Juni beginnenden Besprechungen des Grafen Bülow mit dm Dtinistern der größeren Bundesstaaten keine Vorschläge irgendwelcher Art ausgearbeitet habe. Man kann diesen sich ablösenden Mittheilungen immer­hin eine wichtige Thatsache entnehmen, nämlich daß die Kämpfe zwischen den beiden Richtungen, die durch die Staatssekretäre des Innern und der Finanzen vertreten werdm, unentschiedm fortdauern. Offenbar haben die Nachrichterl aus beiden Lagen: Recht und Unrecht zu­gleich. Beschlossen worden ist noch garnichts, und so kann weder gesagt werden, daß ein Doppeltarif vorgelegt wer­dm wird, noch, daß keiner vorgelegt werden wird. Aber dessm darf man sicher sein: Graf Posadowsky wird ihn «usgearbeitet haben. So gut die Aintsverschwiegenheit gewahrt worden ist, so giebt es nichtbeamtete Personen, die dm vorläufigen Entwurf gesehen haben und die sich nicht verpflichtet fühlen, mit ihrer Wissenschaft hinter dem Berge zu halten. Diese Personen habe:: erzählt, daß ein Doppeltarif entworfm worden ist. Jndessm braucht das Keinen zu schrecken, wenn nur die Parteien, die Männer und die Kräfte sich regen und rühren, die die drohende Gefahr noch abwendm können. Und das wird denn hoffmtlich geschehm. Es ist immer ein gutes Zeichen, wenn die Agrarier sich nicht Wohl fühlen. Gegenwärtig fühlen sie sich nicht Wohl.

*■ Hof- und Personal-Nachrichten. Finanzminister a. D. M i q u e l, welcher sich z. Zt. in Zeffel bei Oels aufhält, begiebt sich am 29. Mai Früh 9 Uhr nach Berlin. Daselbst wird er

Feuilleton.

(Nachdruck verboten.)

Pariser Pries.

(Von unserem Korrespondenten.)

Paris, 21. Mai.

Je weiter die schöne Jahreszeit sortschreitet, umso zahlreicher stellen sich die Fremdm ein. Immer mehr tauchen sie auf den großm Boulevards auf, das an und für sich schon lebhafte und bunte Treiben durch ihre unge­wohnten Trachten verstärkend. Engländer undAmerikaner mit ihren Danrm bilden, wie in jedem Jahre, auch dies­mal die überwiegende Zahl der Reisenden und wenn sie wich für gewöhnlich ihre auf dm Boulevards befindlichen Bars lind Theehäuser aufsuchm und sich wmiger unter die die Terrassen der Brasserim und Cafühäuser bevor­zugenden Franzosen mischen, so sind diese luftigm Plätze trotzdem Abend für Abend besetzt.

Es giebt für die Pariser aber auch nichts Ange­nehmeres, als sich dort nach der Hitze des Tages bis spät rn die Nacht niederzulassen, das unaufhörlich wechselnde Gewoge der Lustwandelndm an sich vorüberziehen zu lassen und dabei dm Klängen einer aus dem Jnnem des -^okals gedämpft herausschallmden Musik zu lauschen. Bevorzugt ist eine Brasserie, welcher gegenüber sich ein Haus befindet, dessen erste Etage für Reklamezwecke ein- genchtet ist. An einem mächtigm Fmster werden in bunter Reihenfolge auf einer elektrisch beleuchtetm Glas­platte alle möglichen Dinge vom Mostrich bis zum leidenm Jupon in farbigen Bildem angepriesm. Der- vrüges würde jedoch, weyst nicht gjjjg öesMexx ZugM

Mittwoch, den 29. Mai.

zur Abschieds-Audienz beim Kaiser sich melden und nach kurzem Aufenthalt die Weiterreise nach Frankfurt a. M. antreten, wo bekanntlich Herr b. Miquel dauernden Aufenthalt nehmen wird. Sein Befinden hat sich in der ländlichen Zurückgezogenheit wesentlich gebessert. — Der Oberprästdcnt der Rheinprovinz hat, der „Bonner Zeitung" zufolge, den Landräthen und Bürger­meistern der Städte über 10,000 Einwohnern folgende Ver­fügung übersandt: Se. Majestät der Kaiser und König haben

angeordnet, die Bürgermeister und Ortsvorsteher anzuweisen, baß Sr. Kaiserlichen und Königlichen Hoheit dem Kron­prinzen bei Ausflügen keinerlei Ovationen gebracht werden, damit Höchstderselbe feine Jugend ungestört genießen könne. Sie wollen dieserhalb sofort das Geeignete veranlassen. — Wie aus Schwerin gemeldet wird, wird der Kaiser den Besuch der niederländischen Herrschaften und des Groß­herzogs am 6. Juni in Schwerin erwidern und im dortigen Schlosse Wohnung nehmen.

* Berlin, 29. Mai. Die „Post" bezeichnet die Blätter- mcldung, daß den für den 4. Juni anberaumtcn Minister- Lesprechungen in Berlin ein ausgearbeiteter Entwurf mit 31 Doppeltarif-Positionen unterbreitet werden soll, als unbegründet.

Der polnisch-socialisiische Parteitag hat beschlossen, die „Gazetta Robotnicza" am 1. Juli nach Kattowitz zu verlegen, wohin auch der bisherige Verleger übersiedelt. Ferner wurde be­schlossen, wegen des Verbotes des Parteitages in Gnesen, sowie anderer polnischer Versammlungen der Provinz Posen eine Interpellation an den Reichstag zu veranlassen.

* Der Verband deutscher Vogelhäudler hat in Berlin seinen ersten Kongreß abgehalten. Es wurde u. A. eine Resolution beschlossen, die Reichsregierung möge: 1. den zahlreichen von Seiten der Kanarienzüchter-Vereine ausgehenden Petitionen, den Handel mit einheimischen Vögeln und das Halten solcher zu verbieten, nicht stattgeben und eventuell einem dasselbe Ziel verfolgenden Beschluß des Reichstags die Zu­stimmung versagen; 2. baldigst eine Revision des Vogelschutz- gesehes vornehmen, um den Mastenfang der geschützten Vögel zu verbieten, sowie den Handel mit tobten Vögeln zu Speise­zwecken und den mit Vogelbälgen zu Modezwecken; 3. den Handel mit lebenden Vögeln, sowie das Halten solcher in keiner Weise zu beschränken; 4. Geldmittel bereit stellen, uni praktischen Vogelschutz treiben zu können; Schaffung künstlicher Riststätten, Ankauf von Gelände zur Errichtung von Vogelschutzgehölzen und dergleichen.

* Unfallstatistik. Vom Reichsversicherungsamt ist be­kanntlich, ebenso wie für das Jahr 1887, auch für 1897, eine statistische Erhebung über die gewerblichen entschädi­gungspflichtigen Unfälle veranstaltet worden. Die Schlußergebnisse dieser Erhebung liegen nunmehr vor. Danach hat sich herausgestellt, daß 42,5 pCt. aller Unfälle auf un­vermeidliche Betriebsgefahr zurückzuführen waren, d. h. etwas weniger als die Hälfte der Unfälle, für welche im Jahre 1897 zum ersten Mal Entschädigungen festgestellt sind, erscheint nach dem damaligen Stand der Unfallverhütungs­technik als unvermeidlich oder unter Anwendung von bekannten und bewährten Sicherheitsmaßnahmen noch nicht vermeidlich. Es ist aber zweifellos, daß ein großer Theil gerade solcher Un­fälle durch weitere Ausgestaltung der Unfallverhütungstechnik stch künftig vermeiden lassen wird, weshalb nach dieser Richtung ganz besonders weitere Verbesserungen angestrebt werden müßten. Auf die Schuld des Arbeitgebers waren 16,81 pCt. der Unfälle zurückzuführen, indem fehlende oder un­genügende Schutzvorrichtungen mit 7,82 pCt., mangelhafte Be-

dazu geboten wäre, wohl nur gleichgültigen Blicken be­gegnen. Darum glaubte der geniale Erfinder dieser Bombenreklame das Angenehme mit dem Nützlichen ver­binden zu müssen und führte den Zuschauern deshalb ein artiges Theater vor. Kinematographische Scenen wechseln deshalb mit einer Reihe von Reklamen ab, wo­durch das Interesse gefesselt wird. Auf beiden Seiten des Boulevards staut sich die Menge, daß man nur schwer passiren kann und der Zweck ist erreicht.

Aber auch sonst wird jedes, wenn auch noch so gering­fügige Ereigniß mit der größten Anfnierksamkeit verfolgt, wobei es je nach der Gelegenheit an Witz und Spott nicht mangelt. So trug sich gestern Abend ein allerliebstes Stücklein zu, welches den Zuschauern eine fröhliche Stunde bereitete. War da an einem der Reklamezwecken dienenden, innen erleuchteten Kioske eine der Gasröhren schadhaft geworden, aus welcher eine Stichflamme züngelte. Die unmittelbare Folge davon war, daß sich eine nach Hunderten zählende Menschenmenge an­sammelte, und es dauerte auch nicht lange, so stellten sich die braven Gardiens de la paix, die sonst gewöhnlich da sind, wo sie nicht gebraucht werden, in starker Anzahl ein. Man konnte ja nicht wissen: Vielleicht ein politischer Putsch, vielleicht der famose Graf von Lus Salnces als Volksredner, der von der Haute-Cour mit seinem Freunde Ddroulöde im Hochverrathsprozesse in contu­maciam verurtheilt war, und jetzt aus der Verbannung zurückgekehrt ist, um eine neue Verhandlung herbeizu­führen I Als sie sich aber über die Ursache des Auf­laufes genügend informirt und ein umständlicher Kriegs­plan gehalten, wie man des gefährlichen Elementes Herr werden sollte, wurden nach vieler Mühe einige Leitern gusgl-triebm^ um die UamW erreichen zu könuem Nun

Verlags-Fernsprecher No. 2266. 1901.

triebseiurichtungen rc. mit 7,5 PCt. und fehlende oder unge­nügende Anweisung rc. mit 1,84 pCt. als hierunter fallend an­gesehen wurden. Auf die Schuld des Arbeiters ent­fielen 29,89 pCt. aller Unfälle, und zwar auf Ungeschicklichkeit und Unachtsamkeit rc. 20,85 pCt., Handeln wider bestehende Vorschriften oder erhaltene Anweisung 6,44 pCt., Nichtbenutzung oder Beseitigung vorhandener Schutzvorrichtungen 1,92 pCt., Leichtsinn 1,19 pCt., ungeeignete Kleidung 0,49 pCt. Der Rest der Unfälle, so weit deren Ursachen ermittelt waren, entfällt auf Schuld des Arbeitgebers und Arbeiters zugleich zu 4,66 pCt., Schuld von Mitarbeitern oder anderen Personen zu 5,28 pCt., sonstige Ursachen, wie höhere Gewalt, Zufälligkeit rc., zu 1,31 pCt.

Ausland.

* Italic«. Im Ministerium des Innern wird eifrig die Frage ventilirt, ob infolge der letzten Volkszählung die Kammer nicht um 150 Sitze zu vermehren sei. — Der General Baratieri, der sich nach dem unglücklichen Feldzug in Afrika nach Arco zurückgezogen hatte, ist seit einem halben Jahre wieder stabil nach Italien zurückgekehrt und hat seinen Aufenthalt in Venedig, genommen. Er hat noch viel an den Folgen des Klimas und der überstandenen Strapazen zu leiden und wird demnächst nach Deutschland gehen, um sich in Frankfurt a. M. einer Kur zu unterziehen.

* Großbritannien. Die letzte Milizstatistik wirft ein trauriges Licht auf die praktische Durchführbarkeit des Armee-Reform Plans. Während der Reformplan eine starke Erhöhung der Effektivstärke der Miliz vorsieht, zeigt die letzte Statistik, daß die Miliz am 1. Juli 1900 um nicht weniger als 39,422 Mann unter ihrer etatsmäßigen Stärke war. Die Zahlen sind: etatsmäßige Stärke 136,647, wirk­liche Stärke 96,226, wovon nicht weniger als 87,768 einge- zogcn waren.

* Türkei. Gestern traf in Konstantinopel ein Regiment Artillerie-Soldaten behufs schärferer Bewachung des Mldiz- Palastes ein.

* Philippine«. Aus New-Dork, 11. Mai, wird der „Franks. Ztg." geschrieben: Heute ist Kardinal Gibbons nach Europa abgereist, wo er mit Erzbischof Chapelle von New- Orleans Zusammentreffen wird. Die beiden kirchlichen Würden­träger werden dann nach Rom. reisen, um dem Papst Vorschläge über die Erledigung der Klostergüterfrage auf den Philippinen zu machen. Den „Friars" sind ja ihre ausgedehnten Besitzungen, die fast das ganze wirklich werthvolle Land auf dem Archipel einbegreifcn, durch den Pariser Vertrag gesichert worden, in­dessen hat die amerikanische Regierung schon lange erkannt, daß die Parzellirung dieser großen Landstrecken das einzige Mittel ist, einen dauernden Frieden auf den Inseln zu erzielen. In Washington hegt man den Plan, den Mönchen die großen Strecken abzukaufen und sie zu geringen Preisen an bona kicks Ansiedler auf den Philippinen abzugeben. Erzbischof Chapelle und Kardinal Gibbons haben nun die Aufgabe, den Papst für diese Idee zu gewinnen. Ersterer ist bekanntlich längere Zeit auf den Philippinen gewesen und hat sich über die Wünsche und Erwartungen der Mönche informirt. Dieselben würden gern als theilweise Gegenleistung für die Abtretung ihres Landes einen dauernden Einfluß auf die Schulen auf dem Archipel ge­winnen, indessen kann davon keine Rede fein. Sie werden sich schon mit Baargeld zufrieden geben müssen, und in dieser Hin­sicht dürften die Herren Chapelle und Gibbons in Rom ihren

aber hieß es, Freiwillige vor! Doch keiner der tapferen Hüter des Gesetzes verspürte Lust, sich dem gefährlichen Dinge zu nahen. Wie leicht konnte eine Explosion ein- treten und das liebe Leben, an dem auch das Herz eines Gardien de la paix hängt, wäre verloren! Infernali­sches Gelächter, Pfeifen und Johlen der Menge, sowie der Cafäbesucher lohnte diese Unentschlossenheit. Me Ehre nuißte gerettet werden, das sah der Herr Brigadier ein, dem der Angstschweiß auf der Stirn stand. Kurz entschlossen warf er einem seiner Untergebenen das kurze Mäntelchen zu, ließ sich die Leiter, die von zwei Alaun der größeren Sicherheit wegen gehalten wurde, zurechtrücken, und kletterte nun nach Art der Bierhünder^in die Höhe, um mit einem Stück Kork die gefährliche Stelle zu ver­schließen. Daß dieser ganze Vorgang nicht ohne Jubel und Halloh abging, läßt sich denken. Händeklatschen und Bravorufe lohnten seine muthige That und stolz wie ein Triumphator blickte er auf die Menge von seiner „schwindelnden" Höhe herab. Um das Komische der ganzen Situation aber auf das Uebermaß zu bringen, rückte die Feuerwehr mit lautem Trara auf den: Sclmu- platze des „Großfeuers" in zwei completten Zügen an. Die Zuschauer wandten sich in Lachkrämpfen und Polizei und Feuerwehr glaubten nichts Besseres thun zu können, als so schnell und unauffällig als möglich von dem heiteren Schauplatze zu verschwinden.

Derartige unschuldige Sachen werden nun im Hand­umdrehen wieder vergesse», und die Reputation der heiligen Hennandad leidet unter solchen kleinen Schwäche- anwandlnngen durchaus nicht. Anders ist es aber, wenn man von der sogenannten guten Gesellschaft mit Spott verfolgt wird. So ettvas haftet an, schrecklicher als ein unfreiwilliger Aufenthalt in einem von der übrigen