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morgen>Beilage des Wiesbadener Tagblatts, g

Nr. 122.

Kreitag. 28. Mai.

V».

jSchlutz.)

Nlippen.

Roman von Helene Schede-Heller.

'(Nachdruck verboten.)

Zilde Roswald stählte sich gegen das Leid, das ihre ile beschlichen -hatte, und sah sich nach Röschen und Rickling u-m.

Sie waren eine kleine Strecke vorangeeilt: er hatte ihr Zweige von einem blühenden Dornbusch abbrechen helfen.

Nun saßen sie im Moos, — Seite an Seite, und warteten auf -die Mutter.

Das Bild prägte sich tief in ihre Seele ein.

Es war doch nichts Ungewöhnliches daran — sie hatte sie schon oft so sitzen sehen — und doch war es, als schaute sie sie heute zum erstenmal.

Röschen mit dem blonden Haar, das wie das Go-Id der Münos-a leuchtete — die Augen — so klar.— so blau

— so vertrauend — die Lippen, die -nur auf den Kuß

der Liebe warteten-

Und er dicht dabei — an-gesteckt von ihrem blühen­den Leben — voll Kraft und Jugend und Lebenslust — das geistreiche Gesicht, von dam so viel Begeisterung ausströmen konnte-

Nichts Herbes mehr um Mund und Augen. Er lachte, weil er aus ihrer lachenden Jugend schöpfte.

Er strahlte — weil der Widerschein des Frühlings auf ihn gefallen war.

Und in ihren Augen — tief hinter dem Sprühen und Lächeln versteckt — lagen Träume und Wünsche —

Das alles konnte die Mutier erkennen, wie sie sie nebeneinander sah, die beiden Menschen, die ihr das Liebste waren auf der Welt.

Und eine Mutter entsagt nicht. Ihrem Kinde gibt sie, weil sie reich ist.

Zusammen kehrten sie nach Hause zurück. Schritten plaudernd durch den Silbevglanz der Olivenwälder. — Aber ihnen der Himmel — durch die Ausmeißelungen der Bäume das blaue Schimmern des Meeres — daS Aufleuchten eines Daches, eines weiß gekalkten Hauses

— immer nur Ausschnitte einer Landschaft, die einen eigenen Reiz besaßen.

Um sie her die Sonne des Südens — -die die Hütte in einen Palast und ein rotes Bettlertuch in einen Purpurnrantel verwandelt.

Wie glücklich Rickling -war!

Sie konnte es fühlen, als sei das, was seine Seele erfüllte, greifbar und hörbar geworden.

Sein Hotel lag weit von ihrem Landhaus.

Er hatte sie oft in den verflossenen Wochen besucht, sich hineingelobt in die Wärme dieses Heimes, bis er nicht mehr wußte, ob er die Mutter in dom Kinde oder das Kind in der Mutter liebte.

Sie aber wußte, daß er beide liebte — daß aber ratr das Kind >das Glück ihm bringen konnte, nach dem die Jugend seiner Seele sich sehnte.

An dem Abend sprachen sie zum erstenmal von seiner Fräst #

Am offenen Kamin knisterten die Flammen

Sie saßen vor dom Feuer, nm sich zu wärmen, denn es ist iim Süden kühl, wenn die Sonne nicht mehr leuchtet.

Die Erinnerung flutete auf sie ein.

Auf leisen Sohlen zog die Vergangenheit durch den stillen Raum.

„Ich habe nie begreifen können, woher Sie die Kraft gefunden haben, damals von mir Abschied zu nahmen", meinte er — und nur der Gedanke an das, was sie beide gelitten hatten, ließ ihn erbeben.

„In späterer Zeit habe ich es selber kaum verstehen kön­nen", versetzte sie. „Immer wieder habe ich mich gewundert über diese geheime Macht, der ich hatte gehorchen müssen» obwohl sich niein ganzer Wille dagegen aufbäumte. Eine Macht, die ich haßte und verfluchte, weil sie den Weg zum Glück mir versperrte, und der ich doch nachgeben mußte. Ich dachte, nachher würde -mit -der Entsagung der Frieden konrmen. Aber er kam nicht. Man gelangt nicht so rasch ins Sonnenland. Erst muß man gekämpft und gelitten und den Schritt erlebt haben, den die Seele vollzogen hat."

„Das sind furchtbare Zeiten — Hilde — ich habe sie an mir selber erfahren und nie geglaubt, daß ich dar­über hinweg leben würde", sagte er — die Erinnerung packte ihn mit schwerer Hand.

„Aber man muß sich durchringen", fuhr sie fort. „Und seitdem es klar um mich her geworden -ist, verstehe -ich immer besser, daß Ihre Frau in vielem, das sie wäh­rend jener schweren Unterredung zu mir sagte, recht hatte. Sie schrie die Qual ihrer Seele mir entgegen in -dem Wort: „Was ist mir ein -seelenloser Mann, seine Seele will ich -haben."

Er seufzte. Dachte an die Worte zurück, die sie in ihren Fieberphantasien gesprochen hatte.

„Ich war hart", meinte er dumpf. „Das war mein Vergehen. Ich war stark und habe den Stein nach ihr geworfen, die schwach war, und erst an -ihrem Toten- bette erkannte ich, daß ich mit an ihrem Fehler schuldig war — weil ich sie allein nach Scheveningen hatte ziehen lassen."

In Hildes Gesicht zuckte der Schmerz.

„Auch ich hcibe gefehlt. Ich wußte, -daß zwischen Mann und Weib alle aus der Tiefe quellenden Beziehungen mit Freundschaft beginnen und mit Liebe enden. Man verschanzt sich hinter dem Worte Freundschaft —- Ihre Frau hatte recht, als sie meinte, bas sei für bas Ge­wissen ein bequemes Befchwichtigungsmittel und es liege in solchen Freundschaften eine weit größere Gefahr für bas Gluck der Gattin als in ben Leidenschaften, dio vorübergehend in das Lüben des Mannes Hineinspielen.

Die Frau hat das Recht, eifersüchtig zu sein und um ihre Liebe zu zittern, wenn sie sieht, daß ihr, Mann feine Seele — seinen Geist — bas Beste in ihm — einer andereil gibt. Was bleibt dann für sie zurück, die die ganze Last des täglichen Lebens und der häus­lichen Sorgen mit ihm trägt? Nichts — nichts HM? als ein Schema — ein Schatten-" *■'-- t