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«»• Jahrgang.

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fffo. 242. Redaktions-Fernsprecher No. 52.

Samstag» den 26. Mai.

VerlagS-FerusPrecher No. 2266.

1901 .

Abend-Ausgabe.

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Pfingsten.

Das Pfingstfest gilt irns Deutschen von Alters her als das „liebliche Fest". Weihnachten und Ostern ge­hören der Familie, der Erbauung und der Festfreude im stillen Kämmerlein unseres trauten Heims. Das Pfingst­fest ruft uns hinaus in die Welt, wo sich die Wunder der Schöpfung dem aufmerksamen Auge erschließen.

Das Pfingstfest ist uns das Hochfest des Frühlings. Empfinden wir auch schon am Osterfest das Erwachen der Natur, ihr Auferstehen, ihre volle Prachtentsaltung bringt uns auch diesmal erst das Pfingstfest, wo der Frühling in ungestümerer und stürmischerer Weise als ge­wöhnlich ins Land gezogen kam und nicht alle die Hoff­nungen erfüllte, die auf ihn gesetzt wurden.

Jetzt aber, nachdem die Wehen des Frühlings über­wunden sind, prangt die Natur in herrlicher Blüthe. Wohin das Auge blickt, erfreut es sich am saftigen Grün der Wälder und am duftigen Blüthen- und Blumen­schmuck, mit dem die junge Erde sich bekleidet. In stillem Frieden liegen um uns Flur und Feld und Wald und Hain. Tausend steißige Hände haben sich schon geregt zur Bestellung der Aecker; Wachsthum und Gedeihen lacht uns allüberall entgegen. Nun erst „winkt's und flüstert's in den Bächen, nun duftet's aus dem Thal heraus, in un­gestümer Sehnsucht brechen die Knospen und die Herzen auf." — Die Knospen und die Herzen, denn das Pfingst­fest ist uns ein zwiefaches Fest, ein Fest der Natur und ein Fest des Geistes. In dem Pfingstfest feiert die christ­liche Religion das Fest des heiligen Geistes, wie er die Jünger des Herrn erfüllte. Zu Pfingsten trat das Christenthum äum ersten Male in die Welt. Das Wort Jesu an die Jünger: „Gehet hin und lehret alle Völker!" hatte eine Weile in ihrer Seele geruht, bis es an jenenr ersten Pfingsttage „in feurigen Zungen" ausbrach. Das Pfingstfest bezeichnet den Eintritt des Christenthums aus der Weltabgeschiedenheit in die Weltgeschichte und den Beginn des Siegeslaufes, in dem es den Religionen des Sondergeistes entgegentrat als die Religion, als die Weltreligion.

Vor jenem ersten Pfingstfest hatte es als ein unan­fechtbarer Grundsatz gegolten, daß die Menschen von der Natur selbst in verschiedene Stämme und Völker getheilt sind, deren Beruf es ist, sich gegenseitig zu bekämpfen oder sich gar zu vernichten. Die christliche Religion — und damit hatte die Menschheit eine neue Stufe ihrer Entwicklung erreicht — trat jenen Religionen des Hasses gegenüber als die Religion der Liebe. Die christ­liche RÄigion verkündete zum ersten Male die Lehre, daß die Menschen dazu berufen sind, in Frieden miteinander zu leben und gemeinsam den hohen Zielen zuzustreben, die zu erreichen der Menschheit als Ziel gesteckt sind.

Freilich, wir wissen wohl, daß wir von den Zielen, Heren Erreichung das Christenthum der Menschheit zur

Aufgabe gemacht hat, noch weit, sehr weit entfernt sind. 1 Noch immer entscheidet über Recht und Unrecht zwischen den Nationen das blutige Kriegsglück. Und statt der feurigen Zungen der Beredtsamkeit und der Liebe, mit denen am ersten Pfingsttag die Jünger dem Volke die Lehre des Herrn kündeten, müssen wir es mitansehen, wie von Volk zu Volk mit den Feuerzungen der Geschosse ge­predigt wird.

Haben wir es doch mit Bedauern erfahren müssen, wie sich im Reich der Mitte die heidnische Halbkultur und Barbarei gegen die christliche Kultur erhob und wie die civilisirten Mächte, statt sich rückhaltslos zum gemein­samen Schutz ihrer Kultur zu vereinigen, in kleinlichen Eifersüchteleien ihre Kräfte zersplitterten, sodaß die Be­mühungen, in China Ruhe und Ordnung zu schaffen, jetzt bereits ein Jahr währen, ohne daß diesen Bemühungen ein endgültiger Erfolg beschieden worden ist. Mußten wir es doch trauernd erleben, daß in Südafrika zwei freie und friedliche Bauernvölker in mörderischem Vernich­tungskampfe aufgerieben werden, weil der Goldreichthum ihres Landes die Habgier einer Großmacht reizte, die sich mit ganz besonderem Eifer ihres Christenthums zu rühmen pflegt.

Aber dürfen wir uns darüber wundern, daß sich im Verkehr der Völker untereinander der Haß stärker erweist, denn die Liebe, wenn wir sehen, wie unter den Genossen eines Volkes die Mahnung zur Liebe und Versöhnlich­keit mißachtet wird. Da ist es heilsam, ain Festtage der Mahnungen der christlichen Glaubenslehre zu gedenken, damit aus dem Pfingstgeist sich über die Menschen er­gieße der heilige Geist der Versöhnlichkeit, der leider auf dieser Erde noch immer nicht so heimisch geworden ist, wie die Lehren des Christenthums es der Menschheit ver­kündet und geboten haben.

Deutsches Deich.

Zur Frage der Landtags-Auflösung.

L. 53 e r I i n , 24. Mai.

Die Konservativen, genauer gesagt die Matadore des Bundes der Landwirthe, haben sich in den Auflösungs­gedanken förmlich verbissen. Je eifriger sie das Für und Wider einer Auflösung des Abgeordnetenhauses erörtern, desto mel mühte Graf Bülow in der Ueberzeugung be­stärkt werden, daß er wenig klug handelte, wenn er den Bündlern den Gefallen thäte. Er denkt aber nicht daran; man hat sich das schon sagen können, ohne daß in der Wilhelmstraße etwas über die Sache geäußert wurde, und man erhält jetzt von dort her die Gewißheit, daß die Auf­lösungsfrage nur in der willigen Phantasie ihrer konser­vativen Erfinder gespukt hat. Der erste Eindruck bleibt hier der bestimmende, nämlich daß es für die Konser­vativen ein Glück wäre, wenn die Regierung ohne die er­forderliche Vorbereitung gewissermaßen ins Blaue hinein an die preußischen Wähler appelliren wollte. Das Gesetz der Trägheit gilt unweigerlich auch in der Politik, und nachdem sich die Konservativen so viele Jahrzehnte auf

den gesammten Verwaltungsapparat vom Oberpräsiden­ten bis zum Gendarmen hatten stützen dürfen, wäre es heute geradezu unnatürlich, wenn diese enge Verbindung bloß dadurch, daß die Regierung sie aufgehoben wünscht, auch wirklich aufgehoben würde. Nun kann aber selbst­verständlich nicht die Rede davon sein, daß Graf Bülow dauernd darauf verzichten möchte, eine andereZusammen- setzung des Abgeordnetenhauses durch Neuwahlen herbei­zuführen. Es wird bestätigt, was einem Blatte von hier aus berichtet worden ist, nämlich daß der Oberpräsident v. Bethmann- Hollweg Anfangs Mai dasMinisterium des Innern nur unter der Bedingung eines Verzichts der Re­gierung auf eine Auflösung desAügeordnetenhauses über­nehmen wollte. Indem Graf Bülow diese Bedingung ab­lehnte, bleibt die Auflösungsfrage allerdings in der Schwebe, aber es kann wiederholt gesagt werden, daß einstweilen nicht die Absichten besiehen, zu denen die Bündler die Regierung so gern drängen möchten.

Zur Rcichstagswahl i» Greifswald.

Die Vorgänge bei der Reichstagsersatzwahl im Wahl­kreise Greifswald-Grimmen verdienen das stärkste Interesse und finden es auch in allen politischen Kreisen. Seit 1883 ist dieser Wahlkreis ein beinahe unbestrittener konservativer Besitz gewesen. Jetzt ist dort die konser­vative Stimmenzahl so erstaunlich gesunken, die frei­sinnige so überraschend gewachsen, daß es wahrscheinlich zu einer Stichwahl kommen wird, bei der die Social­demokraten, die im klebrigen stark an Stinimenzahl ver­loren haben, den Ausschlag geben werden. Ganze Dörfer haben überwiegend freisinnig gewählt, Dörfer, in denen noch bei den letzten Hcmptwahlen der Agrarkonservatis­mus ziemlich widerspruchlos geherrscht hat. Die Er­scheinung ist so auffällig, daß sie mit den üblichen Redens­arten, in denen sich unterlegene oder zurückgedrängte Parteien zu gefallen pflegen (mangelhafte Vorbereitung, „Skrupellosigkeit der Gegner" rc.) nicht erklärt werden kann. Das ganze Bündlerthum ist ja nichts als eine einzige dauernde Kampforganisatton, die namentlich bei den Wahlen rücksichtslos zu arbeiten gewohnt ist. Wenn diesmal der Apparat zwar nicht ganz versagte, aber be- trächtlich in seiner Wirkung nachließ, so bedeutet das also, daß die agrarische Phrase ihre Zugkraft zu verlieren Ve- ginnt. Greifswald-Grimmen ist ein überwiegend länd­licher Wahlkreis. Wenn irgendwo, so müßte es sich hier bewahrheiten, daß der Bund der Landwirthe die wahren Interessen der Landwirtschaft und besonders der bäuer­lichen Bevölkerung vertritt. Aber die Hommerschen Bauern sind offenbar nicht mehr in solcher Anzahl wie früher dieser Meinung, und daß sie das jetzt offen be­kundet haben, fällt doppelt in die Waagschale Angesichts der weitgehenden Bearbeitung der Wählerschaft durch die zweifelswürdigsten Mittel. Es wird von groben Ver­stößen gegen das Wahlgesetz berichtet, und der Landrath des Kreises Grimmen hat sich für den konservattven Kandidaten derartig eingesetzt, daß der Reichstag die im Falle eines konservativen Sieges zu erwartenden Proteste gewiß nicht in die Ecke werfen wird. Mit Recht wird ge-

Feuilleton.

Pfingsten.

Ein Maientag! Auf allen Wegen ,, Spielt tausendfarbig Licht und Glanz»

Die ganze Welt ein Gottessegen,

Die ganze Welt ein Blüthenkranz!

Es schnurrt und summt in bunten Reigen Durch Feld und Wald, und Rohr und Rietz Ünd jubelnd tönt aus allen Zweigen Ein frohbewegtes Dankeslied!

/.Und wie die Flur im Festgewanbs Sich schmückt mit schimmerndem Behang, Da tönt cs brausend durch die Lande Die Orgelton und Glockenklang.

Hell durch den sonnverklärten Morgen Tönt aller Welt die Zuversicht:

Dl flieh'» die Zweifel und die Sorgen,

Dir Glaube siegt! — Es wurde Licht!

Und welch ein Licht! In gold'ner Helle Glüht's von den Höh'n hinab zum Thal.

t rlbst in des Bächleins Silberwelle richt gleißend sich der Zauberstrahl,

Doch über allem Weltgetriebe Schwebt jener hohe, heil'ge Geist,

Der Freude, Frieden und auch Liebe Dem Erdenpilger treu verheißt!

\ Das aber ist der Geist der Pfingsten- Der uns so Frohes offenbart,

Der selbst dem Kleinsten und Geringsten Des Lebens höchste Guter wahrt.

Drum, wie da draußen auf den Fluren Kur Freude herrscht und Sonnenschein,

So laßt im Herzen auch die Spurez Der, Winternoth vergessen sejntzz. '

Ein Maientag voll Glück und Segen, Allüberall soll Frieden sein!

Und draußen spielt auf grünen Wegen Mit Blüichenschnee der Sonnenschein!

Es klingt aus jedem Baumgeäste,

Und jede Blume, die da sprießt,

Nickt leis: Du lieblichstes der Feste,

Sei uns vieltausendmal gegrüßt!

Albert Jäger.

(Nachdruck verboten.)

.Maien» kaust Maien! . .

Pfingstbilder von B. Hertvr.

„So, Mutter, und nu is Feierabend, nu kann kommen, wer will, ich habe die ganze Woche durch genug geschuftet, nu laß auch mal Dein Schrubbern sein und helf mir den Schuster­tisch wegtragen . . . beide Feiertage rühre ich nichts an, das sag' ich Dir; einmal im Jahr muß der Mensch wissen, wozu er da is . . . . Na, sage mal, wird der Blechkuchen auch gut, es riecht schon fein aus'm Ofen raus? . . ."

Die fleißige Frau nickte ihm freundlich zu.

„Die Kinder sollen doch auch wissen, daß Feiertage kommen. Und ob's morgen schönes Wetter ist oder regnet — wenn sie ihr Stück Kuchen einzustippen haben, sind sie glücklich . . . Da

— Vater, hast 'nen Groschen zu Tabak, das langt über Pfingsten. . ."

Er steckte das kleine Geldstück schmunzelnd in die Westen­tasche.

„Danke schön, Mutter", sagte er, „das wird mir gut thun." „Maien, kauft Maien! . . ." so klang es bis in den K-ll-r hinunter.

„Nanu kommt auch noch d e r Versucher", lachte die ^rau,

— „ne, ne, giebt's diesmal nicht, 's geht auch ohne Maien . . .

Sie putzte weiter an ihrer Küche herum. Eben hatte sie ihr größtes Schmuckstück, den Messingkeffel, abgerieben und auss Brett gestellt . *

„Dahinter würde sich's sogar fein machen", sagte sie . . . „und über der Uhr . . . und am Spind . . ."

„Mutta, Mutta", rief es von draußen, und wie die wilde Jagd stürmten die Kinder herein.

„Mntta .... der Wagen mit Maien ist da ... . gieb Geld, bitte, bitte.... für 'nen Groschen giebt's schon 'ne Menge und Kalmus dazu, hör' mal, Mutta, wie die Jungens piepen."

„Ist nicht nöthig, Kinder", wehrte die Frau ab . . . „ n Groschen ist 'ne Menge Geld und wenn er zum Thaler fehlt, ist es schlimm ... Ihr kriegt schon morgen sowieso 'ne feine Sache . . . seht mal Karlchen, wie er herumschnuppert, der riecht es schon."

Der Kleine machte ein pfiffiges Gesicht, der Große ließ nicht nach.

„Mutta, sie haben All- welchen gekauft . . . beim Kauf­mann hängt ein großer Busch über'm Zuckerhut, und der Kutscher hinten hat sich den ganzen Stall ausgeputzt. . . Mutta! . . ." rjt

„Es geht nicht, Kinder, es geht nicht, ich Hab' den Groschen nicht übrig . . ."

Die Jungen blieben betrübt stehen.

An den Vater durften sie nicht 'ran; denn das wußten sie, daß Mutter die Kasse hatte.

Der Schuster nickte ein paar Mal mit dem Kopfe, griff immer wieder in die Westentasche, — dann plötzlich . . . folgte er den enttäuschten Kindern.

Bald darauf kam er mit einem großen Busch Maien wieder in den Keller.

„Da — Mutter", sagte er, „ich mach' mir nicht so viel aus dem Rauchen; ich glaube auch gar nicht, daß es mir gesund is . . . nu, mach' Dir Deine Küche fein . . . hier, hinter'm Spiegel kannst Du auch 'nen kleinen Garten plaziren . . . fein, was? als ob der ganze Frühling in unfern Keller gezogen ist. Nu sieh bloß die vergnügten Gesichter der Kinder ..."

Gerührt nahm die Frau die Maien .... dann klopfte sie ihrem Mann liebevoll aus die Schulter.,