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1 Anlage rum Wiesbadener TagblM

Freilag, bm 24. Mai.

MH Tvrtfchung.)

(Nachdruck verboten.)

Slawische Leidenschaft.

Roma» von Aaniet Tesueur.

Autor istrt« Uebersetzuug aus dein Französische» von Natalie Htümetiu.

_ i v öe L@ m f diese geheimnisvoll und doppelsinnig lautenden Worte ausgesprochen hatte, blickte Hirbert zu- Mlg auf Nadja und sah sie plötzlich erblassen. In dieser augenbtlcklichen Schwäche wandte sie sich aber nach ihm um und ihre Blicke begegneten sich. In dein Ausdruck «drer Augen lag ein inbrünstiges Flehen, ein unbedingtes Betrauen das ihn tief bewegte, obgleich er ihre stumme Brite nicht begriff. Vielleicht wollte sie sich davon über- gen, daß in dieser durch Hatz und Mord verdüsterten tt ihr eme treue Zuneigung erblühte; vielleicht wollte ihn auch nur ausfordern, zu schweigen und ihren !tten mcht ,n eme Unterhaltung über so peinliche Dinge m verwickeln. Zum ersten Mal sah Hubert den ruhig- >tzen Ausdruck dieser schwarzblauen, sammetartigen mgenfterne sich in offene Traurigkeit verwandeln, und .^ue geheime Freude darüber mischte sich in sein imend- ttch^ Mitleid. Sie verließ sich also schon auf ihn! .

Ob sie wohl errieth, daß sich in dem Herzen dieses Mannes Alles, was sie an Bewunderung und Neugierde bei ihn, erregt hatte, in dem Wunsch auflöste, ihr dienen, für sie minpfen und sich für sie opfern zu können — denn in dies Stadium warm dieGefühle des Marquis jetzt eingetreten Bon LlÄe wähnte er sich weit entfernt, weil er sich nach seinen Erfahrungen unfähig glaubte, eine verheirathete Frau zu heben, denn der Ehebruch hatte ihm wohl Ab Wechslung und Zerstreuung geboteil, niemals aber eine Mdenschaft m ihm erweckt, da er eine solche nicht für vereinbar hielt mit der Möglichkeit oder gar der Gewiß- beit des Theilsns. Uebrigens hätteii sich in diesen, be- sonderen Falle einer solchen Beziehung auch unüberwind­liche HrndernMe entgegengethürmt, denn die Frau Mira- nosfs — dieses gewalttgen und geraden Charakters, dieses Greises, der ständig von Meuchelmördern bedroht, seine letzten Lebensjahre am Rande eines dunklen, gähnenden Abgrundes verleben mußte—, die Frau dieses Helden, desM aufrichtiger Verehrer und Freund er war, die Mißte dem Marquis von Br6naz heilig sein und bleiben. Rein, den Hof wollte er ihr nicht machen, aber es würde unenÄich beglücken» wenn sie geruhen wollte, ihn zu “ daß er sich um ihretwillen irgend einer schweren mSsetzen solle.

Zwar verlangte sie nicht so viel von ihm, aber mit dem unt»kgkchen Instinkt der Frauen fühlte sie bald "raus, daß er ,hr eine Ergebenheit eirtgegentrug, die ' beglückt hatte, selbst wenn sie nicht die Absicht hegte, \me auf die Probe zu stellen. Nun traf es sich aber, ji>K arme kleine Gräfin ihn um einen großen, äußerst heiklen, beinahe gefährlichen Dienst bitten wollte, den ihr wn,t Niemand lösten konnte oder wollte, wenigstens nicht ohne außergewöhnliche Vergünstigungen dafür zu ver­langen. Der Zufall aber wollte, daß gerade in dein AugenMch wo der Herr von Bc6naz wünschte, etwas für Fwu von Miranoff ttzm, zu können, diese wünschte, Herr von BrÄmz möchte etwas für sie thun. Vielleicht ließ auch

ihn um

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Gefahr

das süße Bewußtsein, ihm dadurch zu Dank verpflichtet zu werden, der Gräfin die Ausführung des Auftrages, mit dem sie ihn betrauen wollte, noch dringender er scheinen.

, Etwa zehn Tage, nachdem sie sich kennen gelernt hotten, stellte die Gräfin an dem nämlichen Ort, wo sie Hubert das erste Mal gesprochen hatte, jene engen Be ziehungen zu ihm her, die aus einem gemeinsamen Ge heimniß immer zu entstehen pflegen.

In enrer Ecke des Spielsaales saßen sie nebeneinander auf dem Ledersopha, während sich Graf Miranoff beim ot-quarante unterhielt und, von unerhörtem Gluck begünstigt, auf dem grünen Tisch vor sich immer größere Haufen von Gold und Papierscheinen aufhäufte. Hinter ihm stand wie immer der wachsame Semens, dessen rechte Hand sich um den furchtbaren Stock ballte, während die linke die heute Abend nicht leichter werdende Leder lasche krampfhaft umschloß.

Robert Welinann saß aber nicht mehr als Dritter zivlichcn der Gräfin und dem Margiüs. Der Journalist war am Abend vorher abgereist und sein spöttisches Lächeln, seine neugierigen, hinter dem fiinkelndei: Augen- sllas versteckten Blicke und seine skeptischen Bemerkungen störten nun die eigenartige Atmosphäre nicht niehr, die diese beiden Menschen nach und nach umfing und von der ubrigeir Menschheit abzuschließen begann. Noch war das fuße, geheunnißvolle Fluidum, das sich zu verdichten be­gann, um sie ganz einzuhüllen, durch einen leichten Hauch zu zerstören, aber dieser Hauch mußte von außen kommen, denn die Seelen, die sich an einer keimendeii Leidenschaft berauschen, gleichen dem unbedachten jungen Mädchen, das sich in einem von betäubendem, allzu süßem Blumen- r'S erfüllten, geschlossenen Raume vomTraum umfangen laßt: eine Art Betäubung kommt über sie, und wenn sie die tödtliche Gefahr benrerken, ist es zu spät — haben sie nicht mehr die Kraft, ihr zu entfliehen.

Nadja iind der Marquis unterhielten sich zuerst über Weltmann,, zu denr die Gräfin nie volles Vertrauen hatte fassen können, obgleich er sie als Gesellschafter sehr gut unterhielt.

„Warum?" fragte Hubert. „Er ist edelmüthig, treu, frei von kleinlicher Eifersucht, hat feine engen Vor- urtheile-

. ,"® Q§ w gerade!" entgegnete die jiinge Frau, ^ch glaube, daß er überhaupt gar keine Vorurtheile hat "

„Aber, Gräfin, ein Vorurtheil ist ein durch Unduld­samkeit verdoppelter Jrrthum."

„Nein, ein Vorurtheil ist ein Glaubensartikel. Nur Menschen, die an nichts glauben, nichts lieben und sich für nichts aufzuopfern vermögen, haben gar kein Vor­urtheil."

Als Brsnaz erstaunt, diese tiefsinnige Bemerkung aus einem solch kindlicheir Mund zu vernehmen, sie ansah, fügte sie lächelnd, aber mit innerster, freudigster Ueber- zeugung hinzu: „Ich bin zum Beispiel davon überzeugt, daß Sie voller Vorurtheile stecken!"

Hubert lachte, fügte aber, beut einem ihn beun­ruhigenden Gedanken erfaßt, rasch hinzu: „Mich packt der Skeptizismus anfallsweise. Und was Ihre Theorie, Gräfin, bestätigen könnte, ist, daß diese Anfälle mich :mmer irt. dem Augenblick packen, wo ich ein Ziel erreicht habe, wo ich aufgehört habe, mich zu begeistern, das heißt:

49. Zahrgarrg. 1901.

»u wünschen und zu glauben ... In solchen Augen» blicken verhöhne ich alle Vorurtheile bitter, am bittersten» die, die mir am theuersten waren ..."

„Und haben Sie derartige „Anfälle" häufig?"

„Nicht allzu häufig!"

„Wann haben Sie den letzten gehabt?"

Er richtete einen tiefen Blick auf sie und erblaßte, ciXS er sich selbst gestand, was er zu sagen im Begriff wart! „Auf dem Campo Santo in Genua ..."

Schon wollte er hinzufügen: „Ehe ich Sie gesehen hatte!" aber er wagte es nicht und sagte nur: „Ja, damaM fragte ich mich, wozu ich eigentlich lebe."

..Und jetzt?"

Sie fragte dies in so schlichtem Ton, mit einem stk ruhigen Gesichtsausdruck, daß er von ttefster Achtung füv diese lautere Frauenseele, für diese Gedankenreinheit er­griffen wurde.

„Jetzt . . . Aber jetzt . . . Jetzt hat mich wieder das Bedürfniß erfaßt, eine große, ruhmvolle, nutzbringende That zu vollbringen . . . Nur weiß ich noch nicht, was ich thun soll . . . Stecken Sie mir ein Ziel, gnädige Frau . . . Was würden Sie zu thun wünschen, wenn Sitz ein Mann wären?"

„Ich habe keine derartigen Wünsche", entgegnete fiel rasch, „oder vielmehr ... ich habe nur einen Wunsch, Ach, wenn Sie mir helfen wollten, diesen zu verwirr« lichen! . . ."

Er konnte nur ausrufen: „Ach, gnädige Frau!" denst die Freude schnürte ihn: d,e Kehle zu. Seine Augenlid«! zuckten und rötheten sich . . . Ein feuchter Schleier legts sich über seinen männlichen Blick.

„Wie gut Sie sind", rief sie. „Aber Sie wissen jüi noch nichts . . . Die Sache ist sehr ernst . . . Ich schwanke noch und ich bin so unersahren. Ich weiß nicht, ob es recht oder unrecht wäre. Wollen Sie, der Sie Alles verstehen, mir einen Rath geben?"

Er fand den Muth zu fragen: „Wollen Sie nicht lieber Ihren Hern: Gemahl um Rath fragen?"

„Ihn! . . . Ihn! Aber das ist ja ganz unmöglich!"'

Bei diesein Ausruf, den sie beinahe laut hervorstieh, erfüllte ein Wonneschauer Huberts Brust, der aber als» bald einem Gefühl eisiger Kälte wich, als die Gräfin hin« zufügte: „Aber ich will ja gerade für ihn handeln! . . « Von seiner persönlichen Sicherheit ist die Rede. Glauben Sie denn, ich ivürde ein Geheimniß vor ihm haben, wenn ich nicht um jeden Preis sein Leben schützen müßte?"

Einen Augenblick schwiegen Beide; dann sagte der Marquis in ernstem, fast feierlichem Ton: „Gnädige

Frau, verfügen Sie über mich, als ob ich der Sohn oder Bruder des Grafen Miranoff wäre. Meine Erfahrung» mein Leben und mein Vermögen stehen zu Ihren Diensteil' . . . Nein, danken Sie mir nicht", — sie hatte eine Bewegung gemacht — „ich bin glücklich, sie Ihnen anbieten zu dürfeir!"

„Ach, wie merkwürdig", sagte sie, „Sie sehen, daß ich Verttauen in Sie setze und Ihre Aufopferung annehrne, )ie ich allerdings ilicht mißbrauchen werde . . . und doch haben Sie mir Angst eingeflößt, als ich Sie zum ersten Mal sah. Seien Sie mir nicht böse, lieber Marquis, ich wußte ja nicht, wer Sie waren — und ich hatte einen Traum gehabt, eineil furchtbaren Traum, in dem Sie meinen Gatten tödteten." (Fortsetzung folgt.)

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