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Freitag. 28. Mai 1915.

Abend»Kusgabe.

Nr. 244. ♦ 63. Jahrgang.

Der Krieg.

von den östlichen Kriegsschauplätzen.

Die Nämpfe südlich des Njemen.

^Telegramm unseres zum Ostheer entsandten Kriegsbericht­erstatters.)

Jurburg, 26. Mai.

Nach den vernichtenden Niederlagen in Galizien und unserem erfolgreichen Vormarsch in Kurland suchten die Rüsten mit starken Kräften gegen unseren Nordflügel zu drücken. Das führte auf der nördlichen Hette des Njemen zu den heftigen Kämpfen im Dnb issa-Abschnitt bei S z a w l e und Rossienje, bei denen wir in überraschen­dem' Vorstößen und Ausweichen den Rüsten sehr starke Äer- lnste zufügten, so daß ihre Offensive, die letzten Endes auf die Befreiung Libaus zielte, nicht vorwärts kam, zumal die an sich erheblichen russischen Kräfte die zunehmende Minderwertigkeit des russischen Soldateumaterials erkennen ließen, da ganz junge Bürschchen, die kaum das Gewehr handhaben konnten, sich in großer Menge unter diesen Truppenteilen befanden. Auf der südlichen Seite des Njemen machte sich schon seit längerer Zeit eine lebhafte Tätigkeit der Russen bemerkbar, die sich zunächst im verstärkten Artillerieseuer zeigte. Die Orte Marjampol, Lud- winow, Kalwaria wurden der Reihe nach Unter Auf­wendung riesiger Munitionsmengen beschossen. Da die Be­legung der Orte mit Granaten in fast regelmäßiger Folge vor sich ging, konnten deutscherseits rechtzeitig alle Truppen aus den Plätzen enffernt werden, so daß während der Be­schießung kaum ein Dutzend Mann deuffcher Truppen in den Städten blieb. Diese selbst wurden auf das furchtbarste zu- sammeugeschossen. In sinnloser Angst flüchteten die Ein­wohner/ von denen viele dem Bombardement zum Opfer fielen, zu den deutschen Stellungen.

Während dieser einleitenden Artillerie­kämpf e, in denen wir uns auf gelegentliche Erwiderung be­schränkten, fühlten sich stärkere russische Truppenmassen in den Wäldern westlich von Kowno vor. Es war augenscheinlich das Bestreben der russischen Heeresleitung, nicht so sehr aus militärischen wie aus politischen Gründen, an irgend einer Stelle oft preußischen Boden zu erreichen und etwa über den Neu-Luböner Forst über die Grenze zu dringen. Auf unserer Seite hatten an der Memel hinter Schillehnen und in der Gegend- von Schirwiudt inzwischen Truppenzu- sammenziehungen stattgesunden. Gleichzeitig waren größere Kräfte nördlich von Wilkowischki bereitgestellt worden-.

Nachdem die Russen bei Wilken und weiter westlich mehrere Njeinenbrücken geschlagen _ hatten, begann ihr Vor­marsch in nordwestlicher Richtung. Kavalleriemassen ver­schleierten den Aufmarsch der deutschen Kräfte hinter Wilko­wischki. die den marschierenden Russen allmählich genau in der Flanke standen. Die Aufklärung der russischen Kavallerie versagte völlig; sie meldeten nur das Vorhanden sein von stärkeren deutschen Kavallerieabteilungen'.

Am 17. begannen unsere Truppen in der Richtung Gryszkastuda, Syntowty, Szaki den Angriff gegen die vordringenden Russen; der Stoß von Jurburg her wurde gleichzeitig mit dem von Sloboda und Tilwischki geführt, so daß sich die Russen von zwei, fast drei Seiten an­gegriffen sahen. Die Truppen, die sich in eiligem Rückzug von Syntowty zurückdrängten, trafen mit denen bei Gryszkabuda und Szaki angegriffenen und flankierten Teilen zusammen, so daß eine regellose Flucht einsetzte. Die Njemen- brücken bei Wilki waren nicht mehr zu erreichen-; es blieb keine Wahl, die russischen Korps mutzten sich in das enge Walddreieck zwischen der Eisenbahnlinie Pilwiszki-Kowno und dem Njemen zurückretten. In diese Rückzugsstraßen schlugen schon die deutschen Granaten und streuten bald auch Schrapnells, so daß die russischen Verluste außerordent­lich b l u t i g waren, wenn auch die Zahl der Gefangenen sich nur auf etwa über 2000 hielt.

Die schützenden Wälder von Kowno, in denen die schwere Artillerie von Kowno den Rückzug deckte, geboten schließlich der deutschen Verfolgung ein Halt, so daß sich ein Teil der zerrütteten russischen Kräfte wieder nach der Festung retten konnte.

Die deutsche Kavallerie ging inzwischen längs des Njemen in ziemlicher Nähe von Kowno bis über Sapi-eszyszki vor Alle Stellungen, die zu einer Belagerung von Kowno notwendig waren, sind nach dieser kurzen und glänzend ab­geschlossenen Aktion in unserer Hand. Die Russen bereiten sich auch nach ihrer Art auf einen etwaigen deutschen Vor­marsch vor. Als ich gestern in das Quartier des au dieser Stell- kommandierenden Generals fuhr, einem wunder­schönen Schloß, .brannten am Horizont meilenweit die Dörftr und ganze Waldstücke, um den deuffchen Truppen die Unterkunfismöglichkeiten zu nehmen. Bei dem außer­ordentlich warmen und trockenen Wetter, das hier jetzt schon seit über vieiqehn Tagen herrscht, fangen die Truppen ^ber schon längst an zu biwakieren, so daß die grausamen russgchen Maßnahmen nur die eigene schiver leidende Bevölkerung treffen. Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter.

Der Ansturm auf przemysl.

Bukarest, 27. Mai. (Ktr. Bln.) Die Petersburger Agentur Westik hebt in einer amtlichen Meldung des rus­sischen Generalstabes besonders hervor, daß über Przemhsl

zum wiederholten Male feindliche Fliege r.er­schienen seien, um Bomben abzuwerfen. Nach russischen Mel­dungen hat die Festung heftige Stürme zu bestehen. Besonders in der Lücke L u t k o w und I a t w e g i richten die österreichisch-ungarischen und deutschen Truppen heftige Angriffe gegen die russischen Stellungen. Dort gelang es ihnen auch, mehrere Schützengräben zu erobern.

Italiens Notlage.

Berlin, 27. Mai.

Als :m Winter und im Frühjahr die -großen deut­schen Kohlenlieferungen durch den Gotthard nach Italien gingen, mag mancher besorgt gefragt haben, ab wir gut daran tun könnten, einen verdäch­tigen „Freund" fo reichlich mit diesem unentbehrlichen Mittel icder industriellen Tätigkeit wie jeder doch zu befürchten gewesenen Kriegführung zu versehen. Aber wir durften die Sicherheit haben, -daß für diese vollbe- ladenen Kohlenzüge entsprechende Men -ge n von Ware n, die wir selber brauchen, zu uns zurückrollen mußten. Was dos für Waren sind, braucht nicht ge­sagt zu werden, jedenfalls jedoch war es ein Geschäft 81! g um Zug, wobei wir gewiß keinen Nachteil er­litten haben. Je mehr Kohlen Italien von uns bezog und beziehen mußte, weil England nur mehr sehr un­genügend, zuletzt wohl -gar nicht mehr liefern konnte, desto umfangreicher ist zweifellos die Gegen­leistung ausgefallen, so sehr mau sich jenseits der Alpen freilich nur mit Widerwillen, aber doch un­weigerlich unter dom Zwang der Verhältnisse, dazu verstehen mußte. Die Eindeckung, die wir uns zu ver­schaffen hatten, wird also unserer Leistung zum min- dosten entsprochen, sie vielleicht sogar übertroffen haben. Der Unterschied zwischen uns und Italien ist indessen der, daß wir überhaupt a« keinem Material für die Fortführung unserer wirtschaftlichen Wirksam­keit Mangel leiden, während unser neuester Feind schlimm .daran sein wird, wenn chm die Kohlen aus- gehen. Allerdings soll England die durch, die Kriegserklärung Italiens geschaffene Lücke aussüllen, aber inwieweit vermag es das? Die Notwendig* Mt, Kohlen aus Westfalen zu beziehen, also wegen der sehr teuren Eisenbahnsrachten einen viel höheren Preis als für.englische Kohlen zu zahlen, trat doch nur daruni ein, weil Großbritannien fast nichts mehr av- gcken konnte. Die walisischen Gruben arbeiten mit stark herabgesetzten Kräften, Frankreich, dessen Kohlenbezirke in unseren Händen sind und das aus die belgischen Kohlen zu verzichten hat, muß von Eng lan d aus versorgt tverden, und wie schwer das ist, er gibt sich schon aus den unerhört gestiegenen Kohlen preisen in Paris, die ein Vielfaches der -bei uns üblichen ausmachen. Die englische Schiffahrt ist außerordentlich gehemmt, die Regierung hat unzählige Danipser für die Kriegstransporte mit Beschlag ge- lagt, die Kohlenausfuhr nach Italien ist schon seit Monaten auf einen ganz geringen Umsang zusammen geschrumpft. Eine außerordenMche Lage wird aller dings dazu zwingen, dieser Schwierigkeiten irgendwie Herr zu werden, aber wir glauben darum doch, daß zu den Sorgen und Nöten, in die sich Italien durch seinen verbrecherischen Leichtsinn gestürzt hat, die Kohlen- frage in erster Reihe gehört. Sie ist nur em Teil der endlosen Bedenken und Bedenklich­keiten, mit denen die Finanz- und die Wirtschafts­lage Italiens die noch bei Vernunft gebliebenen Beur­teiler am Tiber erfüllen muß. Es ist keine Übertrei­bung sondern die schlichte Wirklichkeit, wenn immer wieder betont wird, daß keiner unserer Feinde den Krieg auf einer so schmalen Grunk>Iage inne­rer Kraft begonnen hat, wie es Italien jetzt tut. Italien hat k e i n G e l d, es fängt den Krieg mit einer schier sinnlos erscheinenden Inanspruchnahme, der N o t e n p r e s s e an, während selbst Rußland zu diesem gefährlichen Mittel erst nach Monaten geschritten ivar England aber hängt den Brotkorb der S-uv- s j d i e n schon jetzt so hoch, daß die -begehrlichen und verzweiselten iNänner vom Kapitol wohl heftig nach ihm springen, ihn aber nicht z-u sich herunterziehen wer­den Wieder wird uns erzählt, die britische Regierung habe drei Milliarden zur Bersügung gestellt; wir Minen nur wiederholen, daß wir dieser Darstellung zweifelnd gegenüberstehen, und wir haben Mnen An­laß, der Angabe zu mißtrauen,, wonach es nicht drei Milliarden, sondern nur eine Dreiviertel- milliarde sein sollen. Im weiteren Verlauf wird England freilich ni e h r h-ergeben müssen, vorausgesetzt, daß die neueste Krücke der Dreiverbandshossnungen nicht vorzeitig zu sa m menb r i ch t. Gewaltige Summen der italienischen Kriegskosten werden natür­lich ebenso wie aus den anderen gegen uns int Kriege befindlichen Ländern nach Amerika für Waisen und Munition gehen. Um so dringender muß hiernach, für uns der lein wah bleiben hißfo einseiti­

gen Begünstigung unserer Fein d e durch die Union mit allen verfügbaren Mitteln entgegeiizuwir- ken. DKse Frage hat mit -dem neuen Kriege, der uns durch den Verrat Italiens beschert worden ist, nur un­mittelbar zu tun, ä>er alles hängt doch eng zusammen» und jedenfalls besteht für uns die verstärkte Not­wendigkeit, allen Versuchen der Washingtoner Re- gierung, uns durch Drohungen einschüchtern zu wollen, den entschlossensten Widerstand zu, leisten. Noch ist die Antwort unserer Regierung aus die letzte Bryan- sche Note nicht übergeben worden. Daß man sich Z e r t läßt, dünkt uns ein gutes Zeichen dafür, daß diese Antwort so aussallen wird, wie allein sie auSfallen kann und darf, nämlich als ein Bekenntnis zu den» unbeugsamen Entschluß, den Untersee­bootkrieg rücksichtslos fortzusetzen oder vielmehr noch zu verschärfen, damit er seinen Zweck erreicht, und möglichst viel von den Krregs- I i e f e r u n g e n, mit denen den t s ch e -Soldaten ums Leben gebracht werden sollen, auf dem Grunde des Ozeans -versenkt. Davon wollen, davon -dürfen wir nicht lassen. ^

Der vierverband gegründet.

Br. Rotterdam, 28. Mai. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Dem „Daily Chronicle" wird aus Rom gemeldet, datz Smr- niuo am Sonntag mit den Botschaftern Frankreichs, Eng. landS und Rutzlands lange Besprechungen hatte, deren Er- gebnis war, datz sich der bisherige Dreiverband in eine» Vierverband umgcstaltete, indem Italien sich den Mächten des bisherigen Dreiverbandes in aller Form anschloß.

General tteim über die Uriegsführung gegen Italien.

Berlin, 28. Mai. In der „Tagt. Ru-ndsch." schreibt Keim: Es ist törichtes Geschwätz, dem deutschen Wolke voriznreden, der Krieg -mit Italien ginge vor allem Österreich- Ungarn an. Er geht ebensogut Deutschland an. Denn wenn es den Italienern gelänge, Kriegsvorteile zu er­ringen, so würden die Rückschläge aus uns fallen. Es d-aüf- fortzsn in Berlin, Wien und Konstantinopel nur noch einen Gedanken geben, diesem neuen Feind ohne Erbar­men alles a- n z -u t u n, -um ihn recht bald aus der Reihe unserer Fwnde verichwinden zu lassen.

Die ersten Schüsse.

Eine englische Meldung.

Haag, 26. Mai. (Ktr. Mn.) „Daily Expreß" meldet auS Genf: Die ersten Schüsse in dem neuen Krieg wurden cmr 24. Mai. gegen 2 Uhr morgens, gelöst, als die österreichische Artillerie die ttalieniischen Bortruppen an der Etsch bei R i v o l i kurze Zeit beschoß. Die Italiener beantworteten jedoch das Feuer nicht. Die Österreicher sprengten zwei kleine Brücken über die Etsch. Die meisten Grenzbrücken auf italienischem Gebiet stehen noch, sind jedoch unter- m i n iert. Die ersten ernsteren Gefechte werden aus diesem Grenzgebiet in der Valdselinic erwartet. Diese Gegend ist von den Bewohnern fast völlig geräumt. Tirana ist voll von Flüchtlingen.

Die italienische Spionenfurcht.

Ein Mailänder Hotel vom Pöbel zerstört.

Berlin, 28. Mai. (Ktr. Bln-.) Dem „B. L.-A." wird aus Ehiasso vom 27. Mai gemeldet: In Italien treibt die

Spionenfurcht immer schlimmere Blüten-. Gestern abend bot der Domplatz in Mailand das Schauspiel eines regelrechten Pogroms nach russischem Muster. Aus dem Dache des dem Domplatz gegenüberliegen!d-en Hotels „Metro- pole" war angeblich ein starker Lichtschein beobachtet worden, and bald verbreitete sich das Gerücht, cs handle sich um Signale für den Feind. Als die Wut der Menge immer großer wurde und die Rasenden mit den Rusen- „Tod den Svwnen" sich anschickten, das Eingangstor des Hotels zu er- irechen-, telephonierte der Besitzer des Hotels an -die Polizei. Diese erschien. Aber Karabinieri und Schutzleute waren un­fähig. die Stürmung des Hotels zu verhindern, in dem alles zerschlagen wurde. Sogar die Marmorstufcn und das eiserne Geländer der Treppen ivurde-n zerstört. Militär traf ein und besetzte das Hotel. Aber trotzdem wurde das Hotel von dem wütenden PoUshaufen iwchmals gestürmt und^zum zweiten­mal verwüstet, weil man einen neuen Lichtschein gesehen haben wollte. D-r Besitzer des Hotels batte sich längst über die Dächer der Nebenhäuser in Sicherheit gebracht. Zwei Personen wären säst gelyncht wovden, weil sie sich über die Akcnge abfällig geäußert hatten, uind mußten von der Polizei geschützt werden.

Furückzieftunq Ser italienischen Hruppen ans dem Innern von Tripolis

Eine vielsagende Maßnahme.

Bc'-lin, 28. Mai. (Ktr. Bln.) Laut „Deutscher TageSztg." meldet „Jkdam", datz die italienische Regierung beschlossen habe, die Truppen aus dem Innern Tripolitaniens nach der Küste zurückzuziehen.