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Do. 332. Redaktions-Fernsprecher No. 52. Mot»tllg> öS» 20. Müi.
Verlags-Fernsprecher No. 2266.
1901 .
Abeiief^Jtusgaiie*
Me Storch-Tragikomödie in Serkien.
Die Balkauhalbinsel scheint an gekranktem Ehrgeiz zu leiden. Wir haben vor nicht langer Zeit auseinandergesetzt, daß die neue orientalische Frage in Ostasien die alte orientalische Frage völlig in der: Hintergrund gedrängt habe. Das aber scheiirt den Ehrgeiz der Balkanvölker angestachelt zu haben, . denn plötzlich regt es sich überall im Balkan. Die Türkei provozirte den Postkonflikt mit den Mächten, in Bulgarien spukt die mace- donische Frage, Runränien und Griechenland sind näher aneinander gerückt, um der Türkei gegenüber eine verstärkte Position zu gewinnen, auf Kreta hat die Opposition gegen den „Gouverneur", Prinzen Georg, die Oberhand gewonnen, und nun ist auch noch zu allen: Unglück in Serbien der sehnlich erwartete Storch ausgeblieben!
Die Storch-Tragikomödie in Serbien ist, wenn man sie auf ihre Folgen hin betrachtet, in Wahrheit weniger komisch als tragisch oder „dragisch", wenn man an die Heldin der Tragödie, Frau Draga Maschin, denkt. König Alexander der Kleine von Serbien, der keine Aussicht hat, jemals ein Alexander der Große zir werden, hat den Grundstein zu seinem Unglück gelegt, als er in cinein Wer, in dem andere Erdenkinder in kürzen Höschen herumlaufen, auf den serbischen Thron kletterte. Mit 1LZ4 Jahren wurde Alexander der Kleins König, mit 16*4 Jahren stürzte er die Regentschaft und erklärte sich für großjährig, mit 24 Jahren, am 6. August v. I., heirathete er die um dreizehn Jahre ältere Frau Draga Maschin und mit 25 Jahren wurde er — beinahe Vater!
Alles dies ist zum Unglück Alexanders zu früh geschehen. Er wurde zu früh König, zu früh selbständig, zu früh Gatte und er tväre beinahe auch zu früh Vater geworden. Alexander blieb das Kind auf dem Throne, wenn auch aus dem kleinen Kind ein großes wurde. So fiel er mit Leichtigkeit in die Netze der um dreizehn Jahre älteren Frau Draga Maschin, welche ehemals Hofdame seiner Mutter gewesen war. Was man schon damals an- nahm, daß Alexander hier einer raffinirten Frau in das Garn gegangen war, die ihn durch den Hinweis auf die „Folgen" des Verhältnisses, das sich zwischen den Beiden entspannen hatte, festhielt, ist jetzt zur Gewißheit ge- worden.
t> König Alexander von Serbien erklärte vor seiner Ver- nlählung ausdrücklich, er reiche der Frau Draga Maschin die Hand nicht nur deshalb, weil er ohne sie nicht leben könne, sondern auch aus dem Grunde, weil er sich als Manu von Ehre verpflichtet fühle, einem Verhältnisse, das bereits zu gewissen Folgen geführt habe, die gesetzliche '.ind kirchliche Weihe zu geben. In der That hieß es da- mals in Serbien allgemein, daß Frau Draga sich schon vor der Ehe als „Landesmutter" fühle. Schon einen Monat nach der Trauung erschien im serbischen Amtsblatt eine Bekanntmachung, wonach bereits begründete Aus
sicht vorhanden sei, daß dem Königspaar ein Thronerbe befchieden werde.
Hatte cs nun in Serbien schon böses Blut genug gemacht, daß der König sich zur Gemahlin eine Frau erkor, deren Ruf keineswegs einwandsfrei war, so kam noch dazu die spezielle Entrüstung aller derjenigen Familien, welche gemeint hatten, daß der König besser daran gethan Hätte, eine ihrer Töchter auf den Thron zu führen. So schaffte sich Alexander eine starke gegnerische Partei unter allen einflußreichen Familien des Landes und die Macht dieser Partei wuchs dadurch bedenklich an, daß der größere Theil der serbischen Weiblichkeit sich zu ihr schlug.
Durch den jetzigen tragikomischen Ausgang der Storch- affaire aber hat Fürst Alexander und damit die Dynastie der Obrenowitsch überhcuipt einen vielleicht unreparir- baren Stoß erlitten. Denn nachdem jetzt zweifellos geworden ist, daß Frau Draga Maschin den jungen Alexander lediglich durch die Vorspiegelung „guter Hoffnungen" gekapert hat, ist König Alexander noch mehr als bisher der Lächerlichkeit anheimgefallen, die auch in Serbien, wenn nicht tödtlich, so doch immerhin gefährlich genug wirkt.
Noch weit bedenklicher aber kann die Situation für den jungen Alexander werden, wenn der Storch im serbischen Königspalast nicht nur diesmal, sondern für immer ausbleiben sollte. Denn Alexander hat bei den Serben schon so viel auf dem Kerbholz, daß das Ausbleiben des erwarteten Thronerben — und mit der Möglichkeit eines dauernden Ausbleibens wird man anscheinend rechnen müssen, — der Dynastie der Obreno- witsch leicht den Todesstoß versetzen könnte. Es mutz eben bedacht werden, daß diese Dynastie in Serbien seit Milans Zeiten alle Popularität verloren hat und die Hoffnung Alexanders darauf beruhte, daß sich dem etwaigen Thronfolger die Sympathieen zuwendeu könnten, die er selbst nicht besitzt.
Schwinden die Hoffnungen auf einen Thronfolger erst völlig, dann könnten die Chancen des Thronprätendenten Fürsten Arsen Karageorgiewitsch leicht zum llnheil für die Obrenowitfch beträchtlich steigen, denn die Königs- treue sitzt bei den Serben nicht allzu tief, und eine Fürstengruft brauchte man in Belgrad noch nicht zu bauen, da bisher noch kein serbischer Herrscher, wenn er nicht wie Fürst Michael ermordet wurde, als König gestorben ist.
* * *
hd. Berlin, 18. Mai. Aus Belgrad wird gemeldet: Nach der ungeheueren Aufregung über den Eindruck, den die grausame Enttäuschung hervorgerufen, beginnen sich die Ge- miither allmählich wieder zu beruhigen. Man ist geneigt, anzunehmen, daß an dem guten Glauben der Königin, die selbst auf die Berufung der Aerzte drang, nicht gezweifelt werden kann. Der Gesandte Tscharikoff wurde gestern vom König Alexander in Audienz empfangen; ein russischer Generalkonsul existirt in Serbien überhaupt nicht. In der letzten Zeit war der Königliche Palast von einem ganzen Heer von Spionen umgeben, die von der Partei Karageorgiewitsch entsandt waren. Diese Partei hatte von den Gerüchten einer geplanten Kindes-Unterschiebung
gehört und wollte die Vorgänge im Palast aufs Genaueste überwachen. Da das erwartete Ereigniß nicht eintrat, gewann bei diesen die Ueberzeugung Raum, daß es im Palast nicht mit richtigen Dingen zugehe. Der König selbst glaubte bis zuletzt an die bevorstehende Niederkunft der Königin und erträgt das Fehlschlagen seiner Hoffnungen mit größter Selbstbeherrschung, und tröstet sich damit, daß die Königin sonst gesund und die Möglichkeit einer zukünftigen Mutterschaft seiner Gemahlin nicht ausgeschlossen ist. Selbstverständlich unterbleiben infolge dieser Wendung der Dinge alle seit Monaten in Angriff genommenen Vorbereitungen für die verschiedenartigen Hof- und Volks-Festlichkeiten. Wahrscheinlich ist aus diesem Grund auch die bereits dieser Tage abgelaufene 3-monatliche tiefe Hof- und Hecrtrauer für den König Milan auf weitere drei Monate verlängert worden.
wb. Belgrad, 19. Mai. Das Gutachten des rumänischen Professors Cantacuzene besagt, daß bei der Königin, entgegen dem Gutachten Coulets im September 1900, alle Anzeichen einer sogenannten falschen oder nervösen Schwangerschaft Vorlagen. Die Königin wurde durch die verschiedenen Umstände in ihrer Meinung noch bestärkt. Es handle sich um einen krankhaften Zustand, der geeignet sei, die von ihm Betroffene und ihre Umgebung irre zu führen. Cantacuzene stellt bezüglich jener Anzeichen verschiedene krankhafte Ursachen fest.
wb. Belgrad, 19. Mai. (Meldung des Wiener K. K. Telegr.-Korresp.-Bür.) Die Gerüchte, daß das Kabinett seine Demission eingereicht habe, sind falsch.
hd. Berlin, 19. Mai. Wie dem „Lokal-Anzeiger" zufolge aus Belgrad verlautet, hat der Kronprätendent Peter Karageorgiewitsch mehrere Agenten nach Belgrad entsandt, welche für ihn Stimmung machen sollen. Es heißt, daß diese Agitation iheilweise auf fruchtbaren Boden fällt. Der König hat die angebotene Demission des Kabinetts noch nicht angenommen und sich auch noch nicht über den Vorschlag geäußert, sich von der Königin scheiden zu lassen und diese in einem russischen Nonnenkloster unterzubringen. Die Königin liegt zu Bett und empfängt Niemand.
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Deutsches Deich.
* Hof- und Personal-Nachrichten. An Stelle des verr storbenen Generals Freiherrn v. Bülow ist, wie das „Berliner Tageblatt" meldet, der Generalleutnant Freiherr v. B i s s i n g, bisher Kommandeur der Freiburger Division, zum komman- direnden General des westfälischen 7. Armee-Corps ernannt worden. Der Kommandeur der Freiburger Brigade, Generalmajor v. F a l l o i s , ist mit der Führung der Freiburger 29. Division beauftragt worden. Der Flügeladjutant des Kaisers, Oberstleutnant v. I a c o b i, bisher Abtheilungschef im großen Generalstab, ist unter Beförderung zum Oberst zum Kommandeur des Füsilier-Regiments v. Gersdorff, dessen C^ef die Kaiserin Friedrich ist, ernannt.
* Gegen die Flnstverunreinigunge». Wie die „Nordd. Allg. Zig." meldet, beschloß der Bundesrath auf die Resolution des Reichstags vom 13. März 1899, worin die Verbündeten Regierungen ersucht werden, angesichts der zunehmenden Verunreinigung der Flußläufe durch Einleitung von Fäkalien, Schmutzwässern re. eine Reichskommission einzusetzcn, welche den Zustands der mehreren Bundesstaaten gemeinsamen Wasserstraßen im allgemeinen sanitären Interesse und rücksichtlich der
Feuilleton.
Holmsln-Ausstellrmg.
Japan ist heute eine sonderbare Mischung von dem Europa vor tausend Jahren und dem Europa von heute. Neben Einrichtungen und Anschauungen, wie sie wesensverwandt bei uns vor einem Jahrtausend herrschten, finden wir ein modern ausgerüstetes und gedrilltes Heer, eine Schlachtenflotte von höchster technischer Vollendung, eine Presse, von der wir noch manches lernen könnten, eine konstitutionelle Verfassung, die trotz scheinbarer Rückständigkeit in Europa noch lange nicht die schlechteste wäre. Dieses merkwürdige Gemisch von zähem Festhalten an dem Ueberlieferten und einer erstaunlich raschen Assimilation an das Neue durchsetzt dort alle Lebensäußerungen. Naturgemäß muß sie in einer Thätigkeit, die deutlich, wie kaum eine andere, den Charakter eines Volkes wiedcrspiegelt, der Kunst, am stärksten hervortreten. Auf diese Art bieten Hokusais Zeichnungen, die derzeit in erster Serie bei Banger ausgestellt sind, neben dem künstlerischen Interesse auch ein solches als eigenartige Kulturdokumente. Der Europäer, der ihren vollen Werth für sich erschöpfen will, muß sie sich von beiden Seiten ausehen.
Hokusai ist wie jeder große Künstler das vervollkommnete und vertiefte Abbild seines Volkes und seiner Zeit. Wie das Japan von heute ist Hokusai der Sohn zweier, fast ein Jahrtausend auseinander liegender Zeiten. Mit Mängeln, wie dem Fehlen einer ausgestalteten Perspektive und einer konsequenten Beobachtung der anatomischen Gesetze, vereinigt er ein Streben nach Lebenstreue, eine Vielfältigkeit der Lebensbeobachtungen, die im besten Sinn modern genannt werden muß. Mag Hokusai in seiner Heimath von den Anhängern der akademijchen Kunst für minderwerthig angesehen werden, der Vorurtheilslose bei Uns wird trotz manchem Befremdenden einen Verwandten Unserer großen Vorkämpfer der Wahrheit in der Kunst erkennen.
.Es jlinLt zwar nach.dem bisher .Gesagten nicht reckt glaub- I
lich — aber das Erste, was dem Beschauer der Originalzeichnungen, nach Befreundung mit dem Fremdartigen, auffällt, ist die — Eleganz der Linienführung. Ich finde keinen anderen Ausdruck dafür. Da ist z. B. ein japanischer Krieger, der, den Dolch zwischen den Zähnen haltend, in voller Kampfeswuth sein Schwert zieht. Der Krieger könnte — mit gewissem Vorbehalt selbstverständlich — eine der besten Zeichnungen des — „Simplicisfimus" sein. Er scheint mit einer, ich möchte sagen, nonchalanten Leichtigkeit und Sicherheit gezeichnet, die nur das Produkt der höchsten Meisterschaft in der Technik zu sein pflegt. Wer nun die mühsam-kalligraphische Art der japanischen Zeichentechnik kennt — und über sie konnte auch Hokusai nicht ganz hinaus — wird diesen Gesammteindruck seiner Zeichnungen noch mehr bewundern.
Ein zweites Moment, das zu meiner unwillkürlichen Erinnerung an den „Simplicisfimus" beitragen mochte, ist das satirische Element, das auch in jenen ernsten Zeichnungen zu finden ist, die nichts weniger als Karikaturen sein wollen. Der als Beispiel angeführte Krieger ist in der Darstellung der wüthenden Bewegung und Anspannung aller Kräfte von einem überzeugenden Realismus, wie er wirkungsvoller trotz mancher unwahrer, anatomischer Details nicht gedacht werden kann. Trotzdem liegt über dem Ganzen ein undefinirbares Etwas, das, ungeachtet des Ernstes der Darstellung, über den ganzen Kerl mit seiner tollen Wuth zu lachen scheint. Man kann nicht zustimmen, aber man kann es begreifen, daß die Gegner Hokusais ihn nur als Karikaturisten gelten lassen wollen. Sicher ist, daß er den Satiriker fast nie ganz unterdrücken kann. Aus irgend einer Einzelheit guckt immer der Schelm, der über alle, und nicht zuletzt über sich selbst, ironisch lächelt. Da ist unter den Orignalzeichnungen z. B. ein Blatt mit 4 Figuren, welche die als Gruß gegen Höhere übliche Kniebeugung in verschiedenen Varitationen darstellen. Die Figuren sind, was Darstellung der Bewegung anlangt, von einer geradezu unübertrefflichen Meisterschaft, dabei aber von so echtem Humor durchsetzt, daß Bewunderung und Heiterkeit sich in einer ganz seltenen Innigkeit mischen. '
Aehnliches ließe sich an den meisten Zeichnungen zeigen. An einem Blatt mit neun Köpfen kann man die anscheinend unbegrenzte Ausdrucksfähigkeit, die mit kleinen Mitteln die größten Wirkungen erzielt, bewundern. Wunderbar muthet ein Blatt, ein altes Paar unter einem Baum, an. Hier hat man die Empfindung des Fremdartigen völlig verloren. Das sind zwei alte Leute, wie sie uns ganz vertraut sind, von einer überwältigenden Macht des feierlichen Ausdrucks. Dabei ist nichts von der Wahrheit geopfert, und der kritisch- Verstand freut sich gleichzeitig über die fast beispiellose Feinheit der Ausführung. Die Farbenholzschnitte Hokusais bringen für die Beobachtungen an seinen Originalzeichnungen nur neue B-weise. Wunderbar zarte . Landschaften, die trotz mancher Unzulänglichkeiten der Technik eine zwingende Stimmung ausdrücken, Staffagefiguren, die trotz ihrer großen Zahl und ihrer dementsprechenden Kleinheit von charakteristischem Leben erfüllt sind und andere Wunder der Kunst mehr. Auf einem Holzschnitt, der den Vorhof eines Tempels darstellt, ist z. B. eine Menge Tauben zu sehen, die auf dem Bilde kaum die Größe einer Fliege haben und wie mit zwei oder drei Strichen gezeichnet erscheinen. Trotzdem ist jedes der Thierchen in einer anderen, lebenstreuen und bewegungsvollen Stellung wiedergegeben.
Vieles ließe sich noch sagen. Nur noch die Karikaturen. Was sich da an echtem, genialem Humor, an künstlerischem Können in grotesken Stellungen, bizarren Gliederverrenkungen, scharf beobachteter Komik des menschlichen Gesichtsausdruckes zusammendrängt, würde allein genügen, von Hokusai mit Recht als von einem Meister seiner Kunst sprechen zu lassen. Manche junge Dame wird sich im ersten Moment vielleicht entrüstet von dem übermüthigen Spötter wegwenden wollen. Sieht sie sich ihn aber länger als zehn Sekunden an, so lacht sie sicher herzlich und schaut interessirt weiter seinem Uebermuth zu.
Nicht nur aus Befriedigung darüber, etwas Neues kennen zu lernen, sondern auch aus reiner Kunstfreude wird man die nächsten Serien der Hokusai-Ausstellung bei Banger mit Interesse erwarten. Josef Kaisser.
