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331. Redaktions-Fernsprecher No. 52. Sonntag, den 10. Mar.

BerlagS-Fernsprechcr No. 2266.

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Klorgen-Ausgaise.

Politische Uelierstcht.

Sfm Mittwoch hat der deutsche Reichstag, der Roth gehorchend, nicht deni eigenen Triebe, seine Thätig- kett abgebrochen, um sie erst am 26. November d. I. wieder fortzusetzen. Zwar ist das Pensum, dessen Erledi- gung demReichstage oblag, keineswegs bewältigt worden, aber die sommerliche Hitze hatte auf die Präsenz des Reichstages, die ohnehin die ganze Session hindurch jaminervoll war, so unheilvoll eingewirkt, daß eine Fort­setzung der parlamentarische,: Arbeit unter diesen Uin- ständen zur Unmöglichkeit wurde.

sah der Reichstag sich genöthigt, zu dem unge- Wohnlichen Aushülfsmittel der Vertagung zu greifen, damit nicht die ganze Arbeit, welche auf die nicht zu Stande gebrachten Gesetzesvorlage:: verwandt worden war, nutzlos verloren gehe. Im Zeichen der Beschlußun- fahtgkeit, in dem der Reichstag die ganze Session hindurch gestanden hat, hat er auch dei: ersten Abschnitt seiner Tagung beendet. Der Versuch der Reichstagsmehrheit, noch am letzten Tage eine Abänderung des Branntwein­steuergesetzes durchzusetzen, scheiterte an dem Widerstande der Linken und an der Unmöglichkeit, ohne die Stimme:: der Linken ein beschlußfähiges Haus zusammenzubringen.

Dem Reichskanzler Grafen V ü l o w braucht die Ver­tagung des Reichstags nichts weniger als unangenehm zu sein. Graf Bülow hat sich zum Theil mit neuen Männern umgeben, die an die Stelle derin den Kanal gefallenen" Minister getreten sind, :n:d die parlamentarische Pause, d:e chm Gelegenheit bietet, sich in die neue Situation hrneinzuarbeiten, darf ihm hochwillkommen sein. Wird dem Grafen Bülow doch ohnehin in dem zweiten Theil der Session eine schwere Wintercampagne bevorstehen, denn mit lvelcher Heftigkeit der Kampf um den Zoll­tarif geführt werden wird, davon haben die in dem erfte» Theil der Session ausgefochtenen Vorpostenkämpfe emen Vorgeschmack gegeben.

Friedensstimmen sind es dagegen, die aus dem österreichischen Reichsrath zu uns herüber­klingen, aber allerdings recht sonderbar klingende Stimmen.Wie wmn Wasser mit Feuer sich menget", so will es uns erscheine::, wenn jetzt in Oesterreich in aller Ernsthaftigkeit der Gedanke einer d e u t s ch - t s ch e ch i - scheu Arbeitsmehrheit gegen die Klerikalen er­örtert wird. Dochdie Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube". Ein ehrliches Zusammengehen der Deutschen mit den Tschechen hätte zur Voraussetzung, daß d:e Tschechen auf ihre staatsrechtlichen Pläne verzichtete:: und ihre nationale Begehrlichkeit für immer ablegten. Aber nichts berechtigt zu einem solchen Optimismus, und deshalb wird man gut thun, dieser neueste,: Wandlung der PolüischenSituation in Oesterreich fürsErste mit skep­tischem Mißtrauen zu begegnen, wenn es auch noth thun wird, diese merkwürdige Entwickelung mit angespanntem Interesse zu verfolgen.

So sehr ist in Oesterreich das allgemeine Interesse durch diese merkwürdige Wandlung auf de::: Gebiete der inneren Politik in Anspruch genommen, daß sogar das Interesse an dem eigenartigen türkischen Postkon- i l i k t in den Hintergrund getreten ist, obwohl Oester­

reich hierbei die am meisten betheiligte Macht ist. Der kranke Mann" in der Türkei ist in neuerer Zeit auf­fallend mobil und lebendig geworden, seit die europäische Politik sich mehr irr Asien als irr Europa abspielt und der kranke Mann" auf diese Weise etwas Luft bekommen hat. Die Hoffnung, daß der Sultan und seine Rathgeber auf den Protest der betheiligten Mächte hin schleunigst zu Kreuze kriechen würden, hat sich als eine Täuschung er­wiesen, und so schnell, als man Seitens der Regierungen der betheiligten Mächte annahm, wird die befriedigende Beilegung des Postkonfliktes jedenfalls nicht vor sich gehen.

Immerhin ist doch auch einmal etwas Erfreuliches aus deninteressanten Ländern" auf dein Balkan zu be richten. Die Zusammenkunft der beiden Könige von Rumänien und vonGriechen land in Abbazia kann als das Anzeichen einer Kon solidirung der Verhältnisse auf der Balkanhalbinsel ange sehen werden. Rumänien hat von jeher die auf die fried­liche Entwickelung der Verhältnisse im Orient gerichteten Absichten der Mächte mit Eifer unterstützt und deshalb kann die Annäherung zwischen Rumänien und Griechen land als ein befriedigendes Ereigniß begrüßt werden.

Ein befriedigender Fortschritt ist in dieser Woche auch :n China zu verzeichnen gewesen, denn die Einigkeit der Mächte hat dort in letzter Zeit etwas weniger Risse als sonst aufgewiesen und die E n t s ch ä d i g u n g s f r a g e ist um ein gutes Stück vorwärts gerückt. China hat sich nicht nur im Prinzip bereit erklärt, zu zahlen, sondern es hat sich jetzt auch zur Erfüllung der von den Mächten auf­gestellten Forderungen bereit erklärt. Es fehlt jetzt nur noch, daß dem guten Willen auch die That folgt. Aber freilich vom Willen zur That ist oft noch ein weiter Weg, und wir fürchten, daß noch geraume Zeit vergehen wird, bis wir die ersten der Taels sehen, welche die Diplomaten bereits auf dem Papier stehen haben.

In Südafrika geht der Krieg unverändert fort und von den Engländern hört man mehr große Worte als große Thaten. Aber mit den längsten Reden wird Lord Salisbury denKrieg nicht beenden, denn auch die schönsten Wortgefechte haben sich noch niemals als eine wirksame Waffe in: Guerillakrieg erwiesen.

Ans Stadt und Land.

Wiesbaden, 19. Mai.

. Feldpostbriefe

eines als Soldat eben in China dienenden Sonnenbergers liegen uns vor. Sie lauten:

T i e n t s i n, 5. 4. 1901. Liebe Eltern und Geschwister!

Heute, am Charfreitag, an Vaters Geburtstag, liebe Eltern, soll es meine Arbeit sein, Euch mit einigen Zeilen zu benachrichtigen. Eure Briefe von Weihnachten und vom Januar habe ich erhalten. Ihr schreibt mir in Eurem letzten Brief, ich soll mehr von mir hören lassen. Ich weiß aber gar nicht, was ich Euch schreiben soll. Was China anbelangt, ist das so eine Sache; man wird nichts gewahr. Gefechte finden noch alle Tage statt, und zwar sind die Boxer jetzt wieder zwischen Tientsin und Tongku. Es sind jetzt ungefähr zehn Tage, daß ich von einem 14-iägigen Streifzug zurück bin. Am Palmsonntag machten von uns 10 Mann auf ein Etappen- Kommando. Kaum waren diese ein paar Stunden fort, wurde

| unsere Abth-ilung alarmirt. Wir liegen hier in einem Lager: 3. Munitionskolonnen, nämlich die Infanterie-, Artillerie- und die Feldhaubitzen-Munitionskolonne. Jede Kolonne hat ihre Munitionswagen und ist zugleich noch eine Batterie mit sechs Schnellfeuergeschützcn. Wir rückten Mittags um 12 Uhr feld­marschmäßig anL nach Tongku zu. Wir nahmen blos 2 Geschütze und ungefähr 60 Reiter, welche mit Karabiner bewaffnet waren, mit, dann kam noch eine berittene Kompagnie Infanterie und eine Schwadron Kavallerie hinzu. Wir ritten bis Abends 8 Uhr, wo wir dann in ein Dorf einquartirt wurden. Am anderen Morgen ging es wieder los bis Mittags um 11 Uhr, dann wurde Rendezvous gemacht bis 4 Uhr. Um 4 Uhr ging cs wieder weiter. Um 7 Uhr wollten wir ins Quartier, konnten aber nicht, weil die Gegend nicht sauber war. Plötzlich kam ein Meldereiter angaloppirt und meldete, daß rechts von uns in einer Schlucht 800 bis 1000 Boxer zu sehen seien. Unsere beiden Geschütze fuhren in Feuerstellung und begrüßten sie mit verschiedenen Shrapnells und Granaten. Von Anfang schossen sic noch ein paar Mal, machten aber bald Kehrt und kamen dann uns und der Kavallerie gerade in die Finger. Wir vermöbelten sie so fest, als wir konnten, und nahmen ihnen 15 Geschütze und die ganze Bagage weg. Sonst Neues weiß ich Euch nichts zu schreiben; wann wir hier wegkommen nach Hause weiß ich selbst noch nicht genau, wahrscheinlich aber doch im halben Mai. (Wer was, obs wohr is.")

* * *

Dem Briefe ist ein zweiter inBerschen" beigefügt, den wir ebenfalls hier zum Abdruck bringen:

Tientsin. 5. 4. 1901.

Liebe Eltern!

Ich sende Euch aus fernem Osten Hiermit einen schönen Gruß,

Weil die Feldpost nichts thut kosten,

Hier liegen ist kein Hochgenuß.

So sehr man auch bei Tag mag späh'n,

Die Boxer sind bloß Nachts zu seh'n.

Man sagt, der Krieg, der sei bald all.

Doch leider ist dies nicht der Fall,

Ihr könnet an dem Vier Euch laben.

Während wir warten auf Liebesgaben.

Der Thee, Ihr dürft's mir sicher glauben,

Schmeckt schlechter als die säuern Trauben,

Der Reis, der ist so wafferklar,

Das Fleifch die halbe Zeit nicht gar;

Des Morgens giebt's 'nen Kaffee hier.

Da gäbt Ihr mir keinen Heller dafür.

Die Liebesgaben, die wir sollen kriegen.

Die werden wohl noch in Deutschland liegen'.

Cigarren erhalten wir alle 14 Tage Ein Stück, o Jammer und o Plage,

Rothwein wöchentlich einen Becher,

's ist doch zu wenig für einen Zecher,

Auch manchmal giebt es Marmeladen,

Wenn's mehr war', könnt' es auch nichts schaben,

Ein Päckchen Tabak giebt's manchesmal Für 18 Mann und den Korporal.

Schnaps haben wir auch als mal empfangen,

Ein Liter muß für die Korporalschaft langen,

Das Brod hätt' ich beinah vergessen,

Da kann man sich doch satt dran essen.

Drei Dollars Löhnung kriegen wir,

Einen halben kostet schon das Bier,

Trinkwasser müssen wir hier hassen,

Denn Gift ist drin in großen Massen.

Das Wasser ans des Peihos Bett Schmeckt abgekocht sogar nach Lett,

Feuilleton.

Die lustigen Weiber von Windsor.

Einer von der Intendanz der Königl. Schauspiele heransgegcbenenEinführung in die Wiesbadener Neu­einrichtung" entnehmen wir u. A. Folgendes:

Das war eine fröhliche Zeit, als Prinz Heinrich von Wales, der nachmalige König Heinrich der Fünfte, lustig tafelte und haushielt, pokulirte und dasSchelmbein warf, nnd Sir John Falstaff in der rauchigen Spelunke mit seinen Kumpanei: Vardolph und Pistol um Dortchen Lakenreiber scharmirte! Fröhlich und herzerquickend aus jener Zeit klingt auch das ausgelassene Lachen der lustigen Weiber von Windsor in unsere Tage hinüber. Falstaff, Dortchen und die lustigen Weiber ein präch­tiger Dreiklang ! Sie standen in Wechselwirkung! Törtchens Zuneigung genügte dein dickenPrahlhans schon lange nicht mehr; er gehrte nach feineren, selteneren Ge- nüssen, und somit verfiel ec auf die Idee, den ehrbaren Frauen in aller Feier und Form den Hof zu machen, ein Unterfangen, das mit der völligen Niederlaae Sir Johns fernen wohlverdienten und erquicklichen Ausgang fand.

^ Angeblich auf ein ausdrückliches Verlangen der Königin Elisabeth von England schrieb Shakespeare feine lustigen Weiber von Windsor.

, Im Jahre 1602 wurde das Werk unvollständig und :n Quartformat der Oeffentlichkeit übergeben, 1623 er­schien es vollständig in Folio.

Kein Wunder, daß aus diesem genialen Lustspiel der Stoff für eine komische Oper herausspringen mußte! Und er sprang heraus, wenn auch verspätet und'erst in den vierziger Jahren dieses Jahrhunderts.

Kein Geringerer wie Mosenthal schrieb das geschickte Libretto, und Nicolai, der jugendliche Komponist, ver­tonte es in blühender und bestrickender Weise.

Was seinelustigen Weiber" uns bei ihrer Erstauf­führung in den vierziger Jahre:: gewesen das sind sie uns heute noch. Nichts hat das Werk in: schnellen Wandel der Zeit von seiner ursprünglichen Frische verloren.

Schon bei Eröffnung des neuen Hauses stand die Neu- einstudirung der Oper auf den: Repertoire; die Aus­führung dieses Vorhabens mußte aber aus verschiedenen Griinden bis jetzt hinausgeschoben werden, ein Umstand, der der nunmehrigen Jnscenirung insofern zu Gute komme:: wird, als hierdurch Zeit und Mittel gefunden wurden, die genauesten Vorstudien zu ermöglichen:. In erster Linie mußte naturgemäß auch bei dieser Neuein- studicung wiederum das Strebe:: nach einer thunlichst vollendeten einheitlichen Wiedergabe des musikalischen Theiles des Werkes stehen. Es ist aber andererseits zu­gleich versucht worden, auch dem feinen Lustspiel- Charakter der Dichtung zu geben, was ihr gebührt, und somir in passender Ausnutzung des musikalisch-deklama- toci'chen Styles Komponist und Librettist nach Kräften gerecht zu werden.

Aeußerlich wurde auf das richtige Treffen des Lokal­kolorits besondere Sorgfalt find. Mühe verwendet, um die

derb-fröhliche Wirklichkeit, das Leben und Treiben da­maliger Zeit und die kecken und ausgelassenen Tage des ehrenwerthen Sir John prägnant und schlagend vor Augen zu führen. Sir John log, lebte, liebte und zechte um die Wende des vierzehnten und fünfzehnten Jahr­hunderts. Zur Jllustrirung seiner Zeit und des fröh­lichen Volkslebens in seinen Tagen mußte logischer Weise der Kostümfrage ein weites Feld eingeräumt werden, mit welcher wiederrnn die Reform des gesammtenScenariun^ geschwisterlich Hand in Hand zu gehen hatte.

Die Interieurs und Dekorationen wurden theils nach alten Stichen, theils unter Benutzung des Werkes Mansions of England in the olden Time", theils nach lokalen persönlichen Studien hergestellt.

Das Waldfest endlich im letzten Akte der Oper ist den Varianten frühmittelalterlichen Mummenschanzes nach­gebildet, wie sie bis auf die Zeit des großen Briten in Städten, auf dem Lande und sogar an den Höfen unter dem lebenslustigen Volke sich abspielten.

So will auch die Wiederaufnahme dieser Oper am hiesigen Königlichen Theater mehr geben als eine Neu- emstudirung im gewöhnlichen Sinne; sie soll vielmehr in der Kette der Nenbelebungen der Meisterwerke unseres Volkes ein weiteres Glied bilden. Nnd wenn die ent- zückenden Melodieen Nicolais Ohr und Sinn des Hörers umschmeicheln, soll auch zugleich dem Beschauer, unauf­dringlich, aber harmonisch im Rahme:: des Ganzen, das getreue Abbild einer verklungenen Zeit erstehen, das nach mehr als einer Richtung hin viel des Werthvollep. An-, regenden und Interessanten zeitiat.