>- " i Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagbialts. ^ » !
Nr. 121.
Donnerstag. 27. Mat.
IVlö.
(28. Fortsetzung.)
Klippen.
Roman von Helene Schede-Heller.
(Nachdruck verboten.)
Am selben Lage in der frühen Nachmittagsstunde begab sich Rickling nach dem Cap Martin zu Frau Roswalds Villa.
Berlin mit seinen Weißen Dächern und wirbelnden Schneeflocken schwand aus seiner Erinnerung, er sah nur noch den lockenden Frühling des Südens.
Ihm war, als hätte der Himmel in plötzlich ausbrechender Leidenschaft die Erde geküßt, und als sei aus diesem Kuß diese üppige, lachende, von Licht überschäumende Natur geboren.
Wie gebannt hingen seine Blicke am Meer.
Einem Heer von Riesen gleich schreiten die blauen Wellen in geraden Flanken vorwärts zur Bestürmung der Felsenmassen..
Sie schütteln ihre weißen Mähnen und stürzen mit wildem Getöse auf das ausgezackte, feurigrote Gestein.
Das Cap Martin ist mit Fichten bewachsen. Die knorrigen Stämme winden sich. Die Wipfel neigen sich tief, alle dem Meer zu, vom Sturm gebeugt und von der lockenden Kraft des Wassers angezogen.
Im Grün erscheinen die Villen wie Edelsteine, die im Sonnenlicht funkeln.
Jetzt stand Rickling vor Frau Roswalds Landhaus, und im nächsten Augenblick kam sie ihm entgegen durch den Garten, in dem die Orangen gleich Goldaugen glühten und rote Rosen dufteten.
„Hans —"
„Hilde —«
Stumm hingen ihre Blicke aneinander.
Kein Wort mehr brachten sie über die Lippen.
Konnten nur den Namen aussprechen, den jeder in der Seele trug.
Jahre waren seit dem Abschied in Berlin vergangen. Jahre, in denen sie beide am Leben gelitten und gelernt hatten. Sie war ihrem Kinde eine Mutter — im tiefsten Sinne des Wortes — er seiner Frau ein Gatte geworden.
Ein Meer war zwischen ihnen gerauscht. — Sie wußten es beide. Hörten sein Wogen und Dosen. Schauten auf die steigende Flut der Erinnerungen. Suchten einander mit ängstlichen Blicken auf den Klippen, mitten in der brandenden See und fanden sich plötz. kich Hand in Hand — fern vom Sturm — am sonnigen Ufer.
Wie wohl daS tat.
Wie die Ruhe ins Herz sich stahl. .
Wie beseligend war das Bewußtsein für jeden von beiden, daß der andere nicht zurückgeblieben, daß er an den harten Felsen omporgeklommen war und sich zu einem klaren Lebensblick durchgerungen hatte.
Für keinen waren die Jahre des Leidens und Kämp- fens verloren gewesen. Keiner hatte in Verbitterung Und Groll sich in sich selbst verschlossen.
Gereift — geläutert — veredelt standen sie sich gegenüber.
Vergaßen, daß sie Mann und Weib waren — und sahen nur noch die Seelen — und erbebten von dem Glücke, sich in solcher Harmonie wiederzusehen.
Da nahm er ihre Hand und küßte sie und sprach einmal ums andere ihren lieben Namen aus.
Sie führte ihn in ihr Haus, das sie für ihn mit Blumen geschmückt hatte — sie fetzten sich ans Fenster und schauten hinaus auf den Frühling, der draußen jubelte.
Und waren so still — so froh.
Weit hinter ihnen sank zurück das Wünschen und Begehren der Leidenschaft.
Sie empfanden es beide instinktiv — ohne Enttäuschung — ohne Bitterkeit.
Sie war die in sich selbst gefestigte, über den Kampf und die innere Unruhe hinausgcwachsene Mutter — nicht mehr die sehnsüchtige, lieLende Frau.
Die Liehe zu ihrem Kinde war stärker noch gewesen als ihr Schmerz und hatte allmählich von ihrem ganzen Sinnen und Trachten Besitz genommen — die schwersten Stunden der Entsagung und Vereinsamung langsam erhellt.
So stand sie nicht vor ihm als gebeugte, durch das Leid vergrämte Frau, sondern als Mutter, deren ein- ziges Glück im Glück ihres Kindes liegt.
Sie sprachen von den verflossenen Jahren. Er erzählte von seiner Arbeit, seinen Erfolgen, feinen Zielen. Seine Seele erschloß sich, wie früher, vor ihren Blicken. Die lange Trennung hatte keinen Mißklang in ihre Beziehungen gebracht; es quoll aus ihrem Zufanrmensein ein tiefer, lächelnder Friede.
Nur von seiner Frau sagte er nichts.
Eine Scheu, die er vergebens zu überwinden suchte, schloß ihm die Lippen.
Es war wie ein leiser Schatten, der zwischen ihnen schwebte; aber sie fühlten beide, es war noch zu früh, um ihm Gestalt zu verleihen und ihn zu vertreiben.
Diese Zeit war noch nicht gekommen. Sie mußten noch warten und schweigen.
„Und Röschen?" fragte er endlich, und erschrak fast, daß sein Herz bei der Frage so laut und stürmisch pochte.
„Röschen —"
Die Mutter wies lächelnd aus die Gartentür, durch die soeben ein schlani' ausgewachsenes Mädchen trat.
„Onkel Hans — Onkel Hans!" Sie hatte ihn schon erblickt und lief zu ihm ins Zimmer herein — Jubel in den Augen — Jugend auf Lippen und Wangen.
Sein Röschen war esl
Es waren ihre sonnigen Augen, die noch kein Blick in die Gründe und Klüfte des Lebens getrübt hatte — die Kinderaugen, die leuchtend und wärmend in sein« Seele hineinschienen und von den Toten ihn zu den Lebenden zurückgeb rächt hatten.
Es war ihr Lachen!
Dieses Lachen, das immer an Bergqnellen und Waldesgrün erinnerte und wie eine frohe Botschaft in
