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Donnerstag» 27. Mai 1915.

Abend'Ausgabe.

Nr. 242. . 62. Jahrgang.

Italien nach der Kriegserklärung

O Berlin. 26. Mai.

Je brünstiger sich die verantwortlichen Männer cn Italien gebetben, je glühender sie Fahnen und Schwerter vor allem Volk küssen, je leidenschaft­lich e r sie sich in die Arme fallen, wie es Sallmdra imd Eadorna soeben getan haben, desto schwüler wird ihnen allen hinter dieser gespielten Leidenschaftlich­keit ums Herz sein. Wenn sie noch Ehre zu vertreten oder zu verlieren haben, muß man ihnen mindestens die Möglichkeit zuschreiben, sich rein als M e n s ch e n zu schämen, und zwar nicht bloß wegen ihres beispiel­losen Verrats, sondern auch wegen des n i ch t wieder gutzumachendenLeichtsinns, mit beul sie ihr Land in diesen Krieg hineingetrie­ben haben. Niemand bei uns und in Österreich- Ungarn nimnrt den Krieg mit Italien aus die leichte Achsel, aber die Gewißheit haben wir, daß unsere leitenden militärischen Stellen dem Kcanmenden mit einer Zuversicht entgegensehen, wie sie mit solcher unerschütterlichen Festigkeit keinem anderen unserer Feinde gegenüber bis dahin bestand. Darüber ließe sich manches sagen, aber es ist natürlich unratsam, es zu tun, und die kriegerischen Ereignisse werden ja auch bald einsetzen, um mit aller Wucht und Krast den Beweis für die Berechtigung des in B e r- l i n wie in Wien gehegten Vertrauens zu liefern. Mit besonderer Spannung darf man jetzt er­warten, wie die Italiener ihre Streitkräfte, die schwer­lich eine Million Wersteigen werden, zu verteilen beabsichtigen. Wie sie sich aber auch entscheiden wer­den, e§ wird an allen Grenzen gewiß ausreichend für den Empfang der neuen Feinde vorgesorgt sein. Im Grunde genommen, hat Italien den Krieg gegen uns und das Donaureich eigentlich schon seit dem August geführt, sowohl durch Taten wie durch Unter­lassungen, ersteres durch die Ansammlung großer Streitkräfte an der österreichi­schen Grenze, so daß entsprechend große Truppen- Massen unserer Freunde den Kriegsschauplätzen an der serbischen und russischen Grenze entzogen werden mußten, letzteres — die Unterlassungen — dadurch, daß, wie man bei uns gut weiß, nur eine geringe Trup- penzahl an der französischen Grenze gehalten wurde. Frankreich konnte somit die ganze Kraft seines Angriffs gegen uns richten, ohne befürchten zu müssen, daß es im Süden angegriffen werden würde. Über all das ist man bei uns und in Wien mit groß­mütiger Duldung hinwoggegangen, Übermensch­liches ist im Ertragen und V e r z e i h e n geleistet worden. Aber wir wollen uns nicht in Rückblicke ver­lieren, wir müssen vorwärts sehen. Um ein zu­treffendes Bild von der Lage zu gewinnen, in die sich Italien gebracht hat, werden wir immer wieder die Frage zu stellen haben, was eigentlich der abtrünnige Bundesgenosse vom Dreiverbände zu erwarten hat. Wir sind uns kühlster -Objektivität bewußt, wenn wir sagen, Italien kann uns leid tun. Wäre der Verräter schon vorher zu bezahlen gewesen, so würde es sich viel­leicht noch um ein zwar 'Moralisch zu verwerfendes, sonst aber glattesGeschäft handeln können, bei dem der klingende Lohn die Schmach für abge­brühte Gemüter allenfalls auszugleichen vermöchte. So liegt es jedoch nicht, sondern Italien wird auf Zukunfts Wechsel angewiesen, deren Einlösung nicht bloß von der Macht, sondern auch bem guten Wil­len seiner neuen Verbündeten abhängt, und wo hat man in Rom die Sicherheit, wo kann man sie haben, daß dieser gute Wille vorhanden sein wird? Die Sicher­heit fehlt schon darum, weil England und Rußland ge- wiß nicht einig über die hinznwerfende Entlohnung sind rmd es 'wegen der auseinandergehenden Interessen beider Mächte sowohl an den Meerengen wie auf dem östlichen Balkan auch gar nicht sein können. Für seinen Abfall von den Zentralmächten wird Italien fortan auf Gnade und Ungnade den neuen Freunden ausgeliefert sein, die es völligin derHand haben, wie sie den Mitläufer behandeln wollen. Wenn sie chn schlecht behandeln wollten, müßte sich Italien das stumm gefallen lassen, es hätte keine Stütze inehr, es hat sein Recht auf Gleichwertigkeit der- wirkt. Und darum noch einmal: Staat, Regierung und Volk können uns leid tun. Dies Gefühl ist nicht ganz ohne Beigabe von Rücksichtnahme aus unsere eigenen Interessen. Wir hatten es mit Italien nich bloß um seiner selbst willen gut gemeint, sondern es mußte uns daran liegen, im Bereiche des Mittel­meeres einen starken, zuverlässigen Gegenspieler gegen die Westmächte zu haben. Damit ist es jetzt vorbei, und wir wollen uns nicht verhehlen, daß wir 'das zu bedauern haben. Auf der anderen Seite freilich wird es gut sein, daß die Un­vereinbarkeit der italienischen und der österreichisch- ungarischen Interessen aus dem Balkan durch einen

schnellen Schnitt vor aller Welt klargemacht wor­den ist, daß also dort die Fragen von Macht und Einfluß deutlich und unbeirrt in Angriff genommen werden vnnen. Zeigt es sich doch jetzt erst, welche E r- chwerung die Kriegführung durch die ewige Rücksichtnahme aus Italien fand. Das_Geheim­nis der Schonung Serbiens durch unsere Ver­bündeten an der Donau enthüllt sich ganz in diesem Augenblick, wo wir erkennen, daß Österreich-Ungarn eine überlegene Kraft gegen diesen zerbröckelnden Grenzstaat nur darum nicht gebrauchte, weil sonst die Unannehmlichkeit der italienischen Ein­mischung schon früher erfolgt wäre. Nachdem nunmehr nach allen Seiten freie Bahn geschaffen tvvvden ist, wird sich vieles ändern. Wie ver­hängnisvoll leichtfertig Italien in die Netze des Dreiverbands geraten ist, dafür gibt es zwar Be­lege genug, aber noch einer sei hier erwähnt., Es fft nämlich nichts mit den angeblichen drei Militär- i) e n Franken, die England den Italienern vorgeschossen oder in Aussicht gestellt haben soll, sondern es sind nur dreiviertel Milliarden, auf die Italien zu rech­nen hat, und das ist gleichbedeutend damit, daß das Königreich finanzpolitisch dem Abgrund entgegen­taumeln wird. Aber man hat es in Rom ja so g e- wollt, und darum gut so. Wir müssen es hinnehmen, wie es ist; nicht wir werden die Leidtragenden sein.

*

Das österreichisch-ungarische Rotbuch.

W. T.-B. Wien, 25. Mai. Das Ministerium -des Äußern veröffentlicht eine Reihe diplomatischer Aktenstücke mit einer einleitenden Denkschrfft über die der italienischen Kriegserklärung voran gegangenen Verhandlungen Zwischen der österreichisch-ungarischen und der italienischen Regierung. Zunächst wird darauf hingewiesen, daß, obwohl es dem Wortlaute und dem Geiste des Artikels 3 des Dreibund sver­trag e s entsprochen hätte, daß Italien bei Aus­bruch des Weltkrieges an der Seite seiner Verbünde­ten in denselben eintrete,

zumal der Angriff von Rußland nusging, dennoch Anzeichen vorhanden waren, daß Italien sich der Erfüllung der Bündnispflicht ent- ziehen und dies durch allerlei an dem Wortlaut des Vertrages geübte Auslegungskünste bemänteln werde. Da Artikel 4 des Dreibundvertrages sogar für den Fall einer aus defensiven Gründen von einem der Verbün­deten ergriffenen kriegerischen Initiative die anderen zu wohlwollender Neutralität verpflichtet, konnten Österreich-Ungarn und Deutschland also doch mindestens erwarten, daß Italien durch wohlwollende Neutralität seine Verbündeten im ungeheuren Kampf unterstützen werde. Anfangs trafen diese Annahmen zu. Die italienische Regierung beschloß am 1. August vori- geri Jahres die Neutralität Italiens, indem sie sich aus den Standpunkt stellte, daß das Vorgehen der Monarchie gegeir Serbien einen aggressivM Akt gegen Rußland darstelle, eine Behauptung, die durch den bloßen Hin­weis aus die bekannten umfassenden Vorbereitungen Rußlands für den Angriffskrieg gegen die beiden Mit­telmächte widerlegt erscheint. Italien wies 'weiter aus die Gefahren des Weltkrieges angesichts seiner exponier­ten geographischen Lage hin. was zutreffen mag, ohne- daß Italien seiner Verpflichtung hierdurch entbunden gewesen wäre. Es betonte schließlich, daß Österreich- Ungarn es verabsäumt habe, sich im Sinne des Ar­tikels 7 des Dreibundvertrages vor den entscheidenden Schritten mit Italien ins Einvernehmen zu setzen.

Dem letzteren Punkt gegenüber nahm die öster­reichisch-ungarische Regierung mit Recht >den Stand­punkt ein, daß der Artikel 7 des Dreibund- vertrages, welcher dem Wortlaut nach einzig und allein auf den Fall der Besetzung türkischen Gebietes anzuwenden war, auf den Fall eines Konfliktes mit Serbien keine Anwendung finden konnte, weshalb sie nicht verpflichtet war, vor einem diplomatischen Schritt in Belgrad, der noch nicht den Krieg bedeutete, wenn er auch dazu führen konnte, gewisserrnaßen die Genehmi- gung Italiens einzuholen. Nach den über die letztere Frage zwischen den beiden Kabinetten in freundschaft­lichstem Tone geführten längeren Verhandlungen er­klärte die österreichisch-ungarische Regierung, um Italien einen Beweis iveitesten Entgegenkommens zu geben, sich bereit, für den Fall einer zeitweiligen oder end­gültigen Besitzergreifung eines auf der Balkanhalbinsel gelegenen Gebietes in einen

Gedankenaustausch mit Italien über die Kompensations­frage

cinzutreten. Der Minister des Auswärtigen. Marchese di Sou Giuliono, quittierte banfmö am 25. August

des Vorjahres. Diese Erklärung hielt es jedoch bei

damaliger Kriegslage für verfrüht, die Frage etwa lg er Kompensationen zu besprechen. Hiermit waren dre Verhandlungen zwischen Wien und Rom über die prin­zipielle Seite des gegenseitigen Verhältnisses zu einem vorläufigen Abschluß gelangt. Die Regierung benützte die nächsten Monate zur

Ausgestaltung und Kräftigung der militärischen Macht­mittel Italiens

und begann mit einer Aktion, die auf die Erwerbung territorialer Stützpunkte jenseits der Adria in Albanien Mzielte. Wiewohl dies mit dem in der Denkschrift angefügten Abkommen vom Jahre 1900/1901 sowie der Anfang August 1914 von der italic- nischen Regierung in Wien abgegebenen formellen Er­klärung, daß Italien den hinsichtlich Albaniens mit Österreich-Ungarn eingegangenen Abmachungen ebenso wie den Beschlüssen der Londoner Konferenz treu blei­bet werde, nicht im Einklänge stand, erhob Öfterreich- Ungarn keine Einwendungen, um so 'weniger, als Italien jede einzelne provisorische Maßnahme in Wien unter Wiederholung dieser formellen Erklärun­gen zur Kenntnis brachte. -Bald aber begann eine leidenschaftliche Erregung Italien zu er- fassen. DieThese der absoluten Neutrali tät wich nun der Parole einer wachsamen und b ewaff- neten Neutralität uud später der zynischen Phrase des Sacro Egois-mo. Mit dem Eintritt Sonninos in das Kabinett begann 'die Zweite Phase in der Haltung Italiens, welche von dem Entschlüsse be­herrscht war, ohne Rücksicht auf die Bundespslicht oder sonstige moralische Bedenken den günstigen Augenblick, da die beiden Verbündeten in schweren Kämpfen gegen ihre mächtigen Gegner begriffen waren, auszunützen, um von Öfterreich-Ungarn die

Abtretung seiner südlichen, von Italienern bewohnten Gebiete zu erpressen

und sie im sstotfalle gewaltsam zu erzwingen.

Die Denkschrift schildert eingehend den Verlauf und Jnhall der seit dem 11. Dezember gepflogenen V e r - Handlungen, in welchen Italien unter dem Hin­weis auf nationate Bestrebungen durch den Wiener Botschafter den Standpunkt vertreten ließ, daß es nach Artikel 7 des Dreibundverträges das Recht auf K o m- pensationen besitze, welchen einen Monat später die formelle Anfrage folgte, ob Österreich-Ungarn eine Abtretung von Teilen seines Gebietes als Grundlage der Verhandlungen anzunechmen gewillt sei. Wiewohl Österreich-Ungarn sich nur schwer mit dem , Gedanken beffeunden konnte, kampflos auf Gebiete zu verzichten, die seit vielen Jahrhunder­ten unter dem Zepter des Habsburger Hauses standen und als natürlicher Schutz­wall der Monarchie vorgelagert waren, ent­schloß sich der Minister des Äußern am 9. März mit Genehmigung des Monarchen und der Zustimmung bei- der Regierungen, dem italienischen Botschafter zu er- öffnen, daß Österreich-Ungarn im Grundsatz die Ab- tretung eigenen Gebietes als Verhandlungsgrundlage über die Kompensationsfrage annchme. Tatsächlich trat auf Wunsch Italiens Österreich-Ungarn am 2 7. März mit Vorschlägen hervor, in denen es fast die ganzen italienischen Teile Süd- tirols anbot, während Italien wohlwollende Neu­tralität bis zum Friedensschlüsse zusichern und für die Kriegsdauer volle Aktionsfrerheit am Balkan Österreich- Ungarn zugestehen sollte. Erst auf wiederholtes Drän­gen gab Italien am 10. Apoll Gegenvorschläge bekannt, die tatsächlich exorbitant waren; denn Italien verlangte nicht nur die Abtretung ganz Welsch­tirols, sondern auch deutscher Gebiete, weiter vorwiegend slawischer Gebiete des Jsonzotales samt Görz. eines Streifens von Kärnten, des Küstengebietes bis N a b r e s i n a, endlich der durchaus slawischen Inseln Lissa, Lessina, Curzola, Lagosta und einig« kleinere Inseln, weiter die Errichtung von Tviest und Gebiet als unabhängigen Staat, die Anerken­nung der italienischen Souveränität über Wallona und Gebiet sowie völliges Desinteressement Österreich- Ungarns in Albanien und die sofortige Durchführung der territorialen Abtretungen. Trotz der

Maßlosigkeit der Forderungen Italiens, die zum Teil Ansprüche enthielten, welche geradezu eine Negation der wichtigsten Lebensinter­essen der Monarchie bedeutet hätten, war Öster­reich-Ungarn bekanntlich zu weiterem Entgegenkommen bereit, so daß schließlich kaum mehr eine wesentliche Differenz bestehen blieb. Trotzdem entschloß sich das Kabinett Salanidra, ohne auf ein letztes Angebot Österreich-Ungarns zu antwor- ten, am 4, Mai die bekannte Erklärung abzugeben. wo- nach eS den B ü n d n i s v e r i r a g als hinfällig betrachte. Am 21. Mai erfolgte die bekannte Gegen-