Wiesbadener TaMstt.
Jahrgang
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Us» 211. Redaktions-Fernsprecher No. 52. DiöNstttg, de« 7 . Mm.
Verlags-Fernsprecher No. 2266.
Moi a yen>fiusgaEie.
Streitfrage!', in den KranKcnlmsseu.
Von vr. für. W. Brandis -Berlin.
Während des fünfzehnjährigen Bestehens der zwangsweisen Krankenversicherung haben sich manche Mängel des Gesetzes herausgestellt, und beabsichtigt bekanntlich die Reichsregierung eine Reform. Umfragen an die Ministerien der Bundesstaaten süld ergangen. Bon diesen werden die Gutachten Seitens der oberen und unteren Verwaltungsbehörden eingeholt und in den meisten Krankenkassen beschäftigt man sich mit der Frage, welche Mängel hervorgetreten und wie ihnen abzuhelfen ist.
Ueber einige Punkte besteht Einstintmigkeit der Ansicht. Dazu gehört vor Allem die Frage der Ausdehnung der Krankenversicherung von 13 aus 20 Wochen. Es soll hierdurch ein Anschluß an die Invalidenversicherung erreicht werden. Das neue Jnvalidenversicherungsgesetz vom 13. Juni 1899 hat nämlich die sogenannte Karenzzeit, das ist die rentenlose Zeit nach eingetretener Invalidität, auf ein halbes Jahr festgesetzt. Sie betrug früher ein Jahr. Wenn also eine Person, für welche zweihundert Wochen hindurch, die sogenannte Wartezeit, geklebt ist, erwerbsunfähig wird, so erhält sie jetzt nicht erst nach einem Jahre, sondern bereits nach einem halben Jahre die Invalidenrente. Bis auf ein halbes Jahr sollen deshalb einer Resolution zufolge, welche vom Reichstag bei der Berathung des Jnvalidenverficherungs- gesetzes gefaßt ist, die Krankenkassen ihre Leistungeil ansdehnen. Bisher besteht nur in denjenigen Fällen, in welchen die Invalidität durch einen „Unfall" herbeigeführt ist, eine uriunterbrochene Krankeiifiirsorge für den Verletzten. Die Krankenkassen hoffeir, diese Enveite- rung ihrer Leistungen, also nicht iiiir freie ärztliche Behandlung und Gewährung freier Arznei riebst kleinerr Heilmitteln, sondern auch die Zahlung von Krankengeld leisten zu können ohne Erhöhung der Beiträge. Nöthig sei aber, wie von manchen Krankenkassen betont wird, eine Verschärfung der Aufsicht über die Simulanten. Deren Kontrolle fällt den Ortskrankenkassen mit ihren verschiedenen Berufen angehörigen Mitgliedern thatsächlich viel schwerer als den Betriebs- oder Fabrikkrankenkassen.
Einig ist man ferner über die Beseitigring der Gemeinde -Kranken Versicherung. Diese ist für die Gemeinde eine Last. In Norddeutschland ist sie viel weniger verbreitet als in Süddeutschland, und soll sie hier allerdings einige Sympathie haben.
Nahezu einmüthig ist nian auch in der Forderung, daß als ärztliche Behandlurrg von deir Krankenkassen nur eine solche durch approbirte Aerzte gewährt werde. Die Zuziehung von Naturärzten oder sonstigen Heilkundigen sei nur zulässig, werin der approbirte Arzt sie änocdne oder bei Gefahr im Verzüge. Mehrfach waren Naturärzte mit Zustimmung der Aufsichtsbehörden zur Behandlung zugelassen worden, besonders im Königreich Sachsen.
In anderen Punkten ist eine Klärung der Ansichten noch nicht erfolgt und stehen sich die Gegner an manchen Orten mit leidenschaftlicher Erbitterung gegenüber, da theils wirthschaftliche Interessen, theils politische An- schauungen bestimmend fiir die Stellungnahme sind. Hierzu gehört in erster Linie der Streit über die Centrali- sirung der Krankenkassen und über die T h e i l n a h m e
der Arbeitgeber an derVerwaltung. Wie die Beiträge zu den Krankenkassen gegenwärtig bekanntlich von den Arbeitgebern zu einem Drittel und von den Versicherten zu zweiTritteln aufgebracht werden, so haben letztere sowohl im Vorstand als auch in den Generalversammlungen zwei Drittel der Stimmen abzugeben, sind also in der Lage, die Verwaltung ganz ausschließlich in ihrem Sinne zu leiten. Anderseits wird Seitms der Versicherten die Meinung vertreten, daß die Beiträge gerechter Weise zu gleichen Theilen von den Arbeitgebern getragen werden müßten. In einem vom Geheimen Regierungsrath Hofsmann aus dem König!. preußischen Ministerium für Handel und Gewerbe veröffentlichten Aufsatz wird die Ansicht vertreten, daß der Vorsitzende ein Beamter sein solle, der ebenso wie die llnterbeamten von der Gemeinde ernannt werde. Hinsichtlich der Gefahren, tvelche der bisherige Zustand mit sich bringe, verweist Stadtrath v. Frankenberg in Brannschweig auf einen Beschluß der Berliner Ortskrankenkassen, welche Krairken- geld auch dann gewähren wollen, wenn die Krankheit vorsätzlich oder durch Trnnkfälligkeit oder durch schuldhafte Betheiligung an Schlägereien herbeigeführt ist. Das würde zur Folge haben, daß auch Jemand, der sich z. B. verstümmelt, um sich der Wehrpflicht zu entziehen, von der Krankenkasse außer ärztlicher Behandlung auch baar unterstützt werden miißte.
Unter C en t r a I i si ru n g der Krankenkassen versteht man die Verschmelzung der verschiedenen Orts-, Betriebs- (Fabrik-) und Bau-Krankenkassen eines Ortes zu einer großen einheitlichen Kasse. Der Vortheil soll darin bestehen, daß dieVerwaltung eine erheblich billigere, und daß die Uebersicht eine leichtere und bessere sei. Dagegen wird angeführt, daß manche Betriebs- (Fabrik-) und besonders manche Knappschaftskassen sich große Verdienste um humane Einrichtungen erworben und für ihre Mitglieder werthvolle, iiber die gesetzlichen Pflichten hinausgehende Einrichtungen geschaffen haben, auch zum Theil durch Schenkungen reich geworden seien, so daß man ihnen ein Aufgeben dieser besonderen Zuwendungen nicht Wohl zumuthen könne.
Sehr lebhaft umstritten wird auch der Grundsatz der freien A r z t w a h I. Die Krankenkassen sind hierbei allerdings in der großen Mehrzahl einig, nämlich gegen die freie Arztwahl. Der Grund ist, daß dadurch die Doktorkosten der Krankenkassen ganz bedeutend vermehrt werden, und daß es, wie Stadtrath v. Frankenberg erklärt, sich herausgestellt habe, daß es einem angeblich Kranken, wenn es ihm gestattet sei, auf die Suche nach einem Arzt zu gehen, fast immer gelinge einen Arzt zu finden, der ihn erwerbsunfähig schreibe. Die ärztlichen Kreise sind es, welche vom Standpunkt der Freiheit des Individuums, sich einen Arzt zu wählen, zu dem es Vertrauen habe, die freie Arztwahl und die Bezahlung nach der Mindesttaxe fordern. Die Kassen »vollen ihre Stellung dazu von den örtlichen Verhältnissen abhängig machen, insbesondere als große Kunden und prompte Zahler billigere Gebühren vereinbaren.
Wirthschaftliche Interessen spielen eine Rolle bei der Frage, ob die Krankenversicherung a n s g e d e h n t werden soll auf alle der Invalidenversicherung unterworfenen Personen, also auf alle „A n g e st e l l t e n, deren dienstliche Beschäftigung ihren Hauptberuf bildet, sowie Lehrer und Erzieher, säinmtlich sofern sie Lohn oder Gehalt beziehen, ihr regelmäßiger Jahresarbeitsverdienst aber 2000 Mk. nicht übersteigt". Geh. Negierungsrath Hoffmann tritt dafür ein, daß die Aus
dehnung der Krankenversicherung vorläufig nur auf land- und forstwirthschaftliche Arbeiter, auf das Gesinde und auf Handlungsgehülfen erfolgt. Stadtrath von Frankenberg tritt in Uebereinstimmung mit dem Verband der Ortskrankenkassen für die Ausdehnung auch auf die llnterbeamten ohne Pensionsberechtigung ein.
Meinungsverschiedenheit besteht auch darüber, ob die durch geschlechtliche Ausschweifungen entstandenen Krankheiten ebenso behandelt werden sollen, wie die durch Trunkfälligkeit oder Rauferei herbeigeführteir Krankheiten. Im Interesse der Volksgesundheit wird dies voin ärztlichen Standpunkt allgemein gefordert und eine entsprechende Abänderung des Gesetzes verlangt, welches es den Statuten der Krankenkassen überläßt, ob sie außer freier ärztlicher Behandlung auch Krankengeld gewähren wollen.
Völlig entgegengesetzt sind die Ansichten schließlich über die Beibehaltung der freien Hülfskassen neben den Zwangskassen. Hier tritt man entschieden für ihre Beibehaltung als völlig gleichberechtigte Kassen ein, dort will man sie lediglich als Zuschußkasseu neben dm Zwangskassen fortbestehm lassen. Man wirft ihnm vor, daß sie dieArbeiter, solange sie jung und kräftig seien, an sich zögen und festhielten, sobald die Arbeiter aber älter und damit weniger günstigeRisiken für die Krankenkassen würden, träten diese kleinlich und strenge auf und schlössen leicht ein Mitglied aus, das dann bei dm Orts- Krankenkassen Zuflucht nehmen müßte. Die freim Hülfskassen umgekehrt haben eine starke Anziehungskraft dadurch, daß sie von denArbeitgebern keine Beiträge fordern und stellen deshalb viele Arbeitgeber nur solche Leute ein, die eine Quittung der freien Hülfskasse vorlegen können.
Ich enthalte mich der Stellungnahme zu dm obigen, für alle Kassmmitglieder, feien sie Arbeitgeber oder Arbeitnehmer, sehr wichtigen Streitfragen, erblicke viel- mehr meine Aufgaben lediglich darin, die wichtigeren Streitpunkte zusammengestellt und das Für und Wider als Grundlage für die eigene Stellungnahme Seitms des Lesers kurz angedeutet zu habm.
Aus Stadl und Land.
Wiesbaden, 7. Mai.
— Das Kaiser-Panorama in der Mauritiusstraße . wirbt sich stets neue Freund«. Immerhin giebt es noch Tausende in unserer Stadt, die nicht zu wissen scheinen, was dieses einzig in seiner Art dastehende Kunst- und Bildungs-Institut für ein ganz minimales Eintrittsgeld Unterhaltendes und Belehrendes in geographischer Hinsicht, für Länder- und Völkerlunde bietet, und diesen möchten wir dringend anrathen, sich einmal eine halbe Stunde Zeit zu nehmen und dem Panorama einen Besuch abzustatten; sie werden alsdann bei jeder neuen Serie gern wiederkehren und sich die Vortheile eines Abonnements zu Nutzen machen. — In dieser Woche werden wir wieder nach dem sonnigen Süden, und zwar diesmal in die malerische Hafenstadt T r i e st geführt. Wir sehen effektvolle Verkehrsfernen im Hafen und im Innern der Stadt, prächtige Parkanlagen, besuchen das herrlich gelegene Schloß M i r a m a r e, den Lieblingsaufenthalt des unglücklichen Kaisers Max; sowie weiter noch das malerische Castelmuchio. Der Besuch kann nur dringend empfohlen werden.
— Volksbildungs-Verein. Am Samstag Abend 8 Mj U hr hielt der hiesige „Volksbildungs-Verein" seine diesjährige Generalversammlung ab. Dabei wurde festgesetzt, daß die bisher von ihm geleitete Fortbildungsschule naheliegender Gründe halber cingegangen, die Volksbibliotheken und die Lesehalle da
Femlletmr.
Das Frühlingsfest des Alpenvereins.
Nach berühmten Mustern wäre es eine schickliche Einleitung, von den Frühlingsfesten im Alterthum zu sprechen und langsam, aber sicher, von den alten Griechen, Römern und Germanen auf die Sektion Wiesbaden des Deutsch-österreichischen Alpenvereins zu kommen. Mir liegt ein anderer Weg näher. Seit Schiller Wien die Stadt der Phäaken taufte, preist man Wien und die gemüthliche Fröhlichkeit seiner Feste. Ich hatte dort mehrere Male Gelegenheit, Feste der Wiener Alpinisten mitzumachen und mich des frischen und freien Geistes der Gebirgsfreundr zu freuen. Nun, die Wiesbadener Alpinisten geben denen Wiens darin garnichts nach. Der „Alpen-Verein" hatte seine Freunde und Gäste auf den Neroberg geladen. Dadurch erhielt das Frühlingsfest einen stilvollen äußeren Rahmen. Mancher allzu Bequeme, der auch gern mitgethan hätte, mag über den etwas entlegenen Festort gemurrt haben und mit einem Seufzer der Resignation daheim geblieben sein. Aber die Einladenden sind eben Alpenfreunde, die gewohnt sind, ihre schönsten Freuden mit körperlichen Anstrengungen zu bezahlen und Aehnliches im kleineren Maßstab also auch für Andere vorausfetzen.
Wem die kleine Unbequemlichkeit nicht zu viel war, der konnte mit der Wahl des Festortes nur einverstanden sein. Die kleine abendliche Fahrt machte Stimmung, der Neroberg im Mondlicht mit dem nachtruhigen Walde verstärkte dieselbe, und aufs Ach« vorbereitet, betrat man .den Festsaal. Dort hätte
man sich, wären die vielen bekannten Gesichter nicht gewesen, hübsch weit von Wiesbaden in den Bergen glauben tönnen. Eine große Zahl von sauberen „Dirndln" und „Buam" in Kostümen von oft verblüffender Echtheit — der „Salontiroler" war so gut wie ganz verbannt —, füllte den Saal, der so alpinistisch- stimmungsvoll dekorirt war, daß sich die unkostümirten Stadt- lcutc ihrer Stillosigkeit schämen mußten. Sofort nach dem Einzug der gesammten Bauernschaft, an deren Spitze eine Dorfkapelle mit dem grausamen Eifer echt ländlicher Musikanten einen Einzugsmarsch blies, trat der Tanz in seine Rechte, bei dem natürlich der ins „Ländlerische" übersetzte Walzer, dem Charakter des Festes entsprechend, am häufigsten wiederkehrte. Ein Quartett von prächtig kostümirten Buam löste mit äußerst echt gesungenen Schnadahüpfln den Tanz ab. Ebenso wirkungsvoll schlug ein Duett, das bekannte „Wenn der Auerhahn balzt . . ein. Den Schlußjodler hätte man bei einem Preisjodeln in den Bergen nicht kunstgerechter hören können, als rhn die beiden Damen produzirten. Weit von aller Stadtblafirt- heit ging's dann wieder mit ländlich-naiver Hingebung zum Tanz. Zwei traurige Städter, die in Frack und weißer Binde, den Cylinder auf dem salbenduftenden Haupte unter die Alpenleute geriethen, zogen es vor, unter dem diabolischen Hohngelächter der Joppen- und Kniestrumpfleute wieder zu verschwinden, und so das einheitliche Bild von ihrer stillosen Anwesenheit zu reinigen. Dann rief die fürchterliche Thratcrglocke mit einer Sttmmkraft, die genügt hätte, eine in den Bergen zerstreute Heerde zu sammeln, wieder vor die Bühne. Bier Paare, von denen eines besonders nenne« den anderen Unrecht thun
hieße, tanzten einen Schuhplattler von bretterdurchschlagendrr Echtheit.
Das bloße Ansehen dieser kräfteverzehrenden Leistung machte schon Hunger, und so folgte man dem Ruf zum Nachtessen mit nirgends verhehlter Befriedigung. Die rege Unterhaltung an allen Tischen bekundete die allseitige animirte Stimmung. Noch gehobener wurde dieselbe nach einer wirkungsvollen Rede des Bereinsvorsitzenden, die Alles, was sich zur Verherrlichung des Alpinismus sagen läßt, formvollendet zusammenfaßte. Lange saß man in gemüthlicher Unterhaltung an den Tischen. Dann versammelte die Sturmglocke die Anwesenden wieder vor der Bühne. „Unter dem Pantoffel" lautete der Titel der Vauern- komödie, die einen grandiosen Heiterkeitserfolg zu verzeichnen hatte. Die angekündigten Schlierseer, die Damen: Wendel, Zentgraff, Margerie und die Herren: Frankenbach, Hühner, und Allen voran Herr E. Engel, hatten diesen redlich verdient. Der darauffolgende Dialektmonolog „Das Wiesbadener Vtrreche". von Herrn Schweißguth in bekannter Vorzüglichkeit dargestellt, erregte mit seinen zahllosen aktuellen Anspielungen wahre Lachstürme. Mit gesteigertem Eifer eilte man dann wieder zum Tanz.
Später sammelten sich allmählich immer mehr Tanzmüde in dem gemüthlichen Vierkeller, wo die Fröhlichkeit unter Scherzen von Tisch zu Tisch immer höher stieg. Wenige nur benutzten den ersten Bergbahnzug, der um 2 Uhr Morgens städt- wärts führte. Die böse Frau Fama behauptet sogar, die Mehrzahl der Festtheilnehmer wäre erst mit den ersten fahrplanmäßigen Morgenzügen in die Stadt zurückgekehrt. 3. K.
