! ■— -~-ib i Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts,
Nr. 120. Mittwoch, 26. Mai. 1915.
KlfpP^tt, KRarhdruck verboten.)'
X87. Fortsetzung.) Roman von Helene
Dann kam die Nacht, in der die Krisis zu erwarten war.
Das Ficker wogte durch ihre Mieder.
„Hans — Hans", rief sie in Todesangst.
Draußen heulte der Wind, und jedesmal, wenn die Fenster klirrten und die Türen knarrten, fuhr sie empor und stöhnte.
Die Minuten schlichen dahin.
Würde die Nacht nie voriger gehen?
Rickling wich nicht von ihrem Bett und rang nun plötzlich um ihr Leben — lechzte darnach, von ihr erkannt zu werden.
Sie sprach sehr viel und aufgeregt.
Ihre Worte überstürzten sich — sinnlos — ohne Zusammenhang.
Und plötzlich schrie sie auf: „Hans Reimer — nehmt mir Hans Reimer weg, daß mein Mann ihn nicht sicht-"
Sie wollte aus dem Bett springen. Er mußte sie zurückhalten.
Ihm war, als habe der Blitz ihn getroffen. Er taumelte. Kalter Schweiß brach aus seiner Stirn.
Hans Reimer!
Das war der Mann. —
Der hatte sein Weib ihm gestohlen.
So furchtbar war die Erschütterung, die dieser Entdeckung folgte, daß er einen Augenblick sogar die Frau vergaß, die ncken ihm mit dem Tode rang.
„Ich will kein Mitleid", seufzte sie still vor sich hin, „seine Liebe will ich."
Er horchte auf.
„Aber er hat keine Licke für mich. Er lickt nur die andere."
Und dann bat sie: „Komm mit mir, Hans, Ethel hat „ns eingeladen. Ich will nicht allein nach Scheveningen gehen —"
Eine Sekunde, und dann fährt sie wild in die Höhe: „Er will nicht kämmen. Bei der anderen will er blei- Len. Ich muß allein sein — immer allein — wird er nie zu mir konrmen — nie? Hans — Hans —"
Sie streckte die Avme nach ihm ans: aber ohne ihn KU erkennen.
„Ich bin da — Erie — ich bin da —"
Er hatte den Arm um sie geschlungen und preßte sie an sich.
Fodes Hier Worte hatte ihm in dre Seele ge- schnrtten.
O, Gott — würde sie nie erwachen — nie wieder zu sich ko Muren?
„Eric —" sagte er heiß.
„Ich licke dich, Erie, -das Liebste bist du mir.".
Da scheint es, als weckten sie die Worte der Licke. Me Pein in ihren Augen erlischt.
Er fleht: „Geh nicht von mir — Erie — mein Lick."
Sie sieht zu ihm auf. Sie hat ihn erkannt.
Sie braucht die armselige, menschliche Verzeihung sflcht mehr. Sie steht schon jenseits von Schuld und
Schede-Heller.
Sühne. Hinter ihr schwinden auf immer die Klippen. Sie hat das Land der Sonne betreten.
Sie schmiegt ihren Kopf an sein Herz und lächelt; ,^ch wußte, daß du kommen würdest."
Es sind ihre letzten Worte.
In seinen Arenen schläft sie ein.
Als die Morgensonne ins Zimmer hineinschien, glitten ihre Strahlen über ein weißes, starres Frauenantlitz.
Erna Rickling war tot.
An ihrem Bette saß noch immer ihr Mann und schluchzte.
Er, der große, starke Mann, war plötzlich klein und schwach geworden. Fühlte zum erstenmal seine Schuld. Der Gedanke an ihre im Ficker gesprochenen Worte
ilwgte sich in seine Seele hinein.-Sie hatte nach
Licke gehungert — er hatte nicht darauf geachtet. So heiß sich gewünscht, er möchte.mit ihr nach Scheven,n- gen gehen. Er ivar zurückgeblieben — nicht seiner Arbeit — nein, Hildes wegen — sein Gewissen schrie es ihm zu — er konnte nicht mehr taub .dafür sein.
Er hatte geurteilt — gerichtet — sich gekränkt und betrogen gefühlt — und im tiefsten Grunde traf ihn die Schuld an ihrem Vergehen.
Er hatte sie hinausgosandt in die Gefahr — der verlockenden Versuchung entgegen.
Wie hart und grausam hatte er nachher geurteilt —» nie zu verstehen gesucht — immer nur gedacht, daß sie gefehlt und er zu verzeihen hatte.
Und nun fühlte er, .daß auch er etwas abzubitters und zu sühnen gehabt hätte.
„Vergib mir, Erie."
Mer sie hörte die Worte nicht mehr.
Es ist zu spät.
Es ist nie zu spät.
Einige Wochen darauf treffen sich Reimer und Rick- ling in Berlin.
„Er ist der Mann —" denkt Rickling, und heiß wogt der Groll chm durch seine Adern. Ihm kann er nicht verzechen. Zu groß ist die Kränkung gewesen.
' Reinrer kommt auf ihn zu.
Instinktiv weicht Rickling zurück.
Sein Anblick ist ihm verhaßt. Der da ist sein Feind, er kann chn nicht begrüßen.
Hart und kalt sicht er zu chm herüber, als erkenne er ihn nicht, und Reimer denkt mit einem plötzlichen Hämmern im .Herzen: „Er weiß alles!" '
Nun schwankt auch er und will umkehren.
Durch Ricklings Seele über zieht die Erinnerung an die Worte, die seine Frau kurz vor chrem Tode gesprochen hatte: „Wenn ich nicht mchr da bin — heirate Hilde Roswald —"
Das hatte sie gesagt. So hatte sie verziehen. Ep muß sich schon vor sich selber schämen.
Da ringt er seinen empörten Stolz nieder und geht zum Feind und reicht versöhnend ihm die Hand.
