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Mittwoch, 26. Mai 1915.
Oer Krieg gegen Italien.
Oer erste italienische Kriegsbericht.
Wahrheitsprozentsatz nach dem Muster der französischen und ruffischen Berichte.
W. T.-B. Rom, 25. Mai. (Nichtamtlich. Agenzia Stefans.) Das Kriegsbulletin meldet über die Operationen am 24. Mai in Kärnten und Friaul: An der Grenze von Kärnten erössnete die österreichisch-ungarische Artillerie am 28. Mai. 7 Uhr abends, das Feuer gegen unsere Stellungen, ohne Resultate zu erzielen. Am 24. Mai feuerte unsere Artillerie aus die Stellungen der feindlichen Artillerie. Längs der Grenze von Friaul rückten unsere Truppen überall im feindlichen Gebiete vor, wobei sie nur schwachen: Widerstand begegneten. Wir besetzten Craporetto sowie di« Höhen zwischen Indrio und dem Jsonzo mit den Ortschaften Cromons. Versa, Cervignano und Terzo. Der Feind zog sich zurück, indem er die Brücken zerstörte und die Häuser niederbrannte.
Unsere Torpedobootszerstörer erösfneten das Feuer gegen eine feindliche Abteilung in Portobuso und landeten Truppen, welche 70 Österreicher gefangen mchmen. Die Gefangenen wurden nach Venedig verbracht. Unsere Verluste sind: I Mann tot, einige wenige verwundet.
(gez.) Cadorna.
Besorgnis der Regierung um die künstliche Rriegsbegeisterung.
d'Annunzio beim Kriegsminister.
Sr. Lugano, 25. Mai. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Mn.) Ein Beweis, tme groß die Besorgnis der Regierung ist, daß durch ungünstige Nachrichten die künstliche Kriegsbe- geifterung abflauen könnte, ist ein königliches Dekret, das jede nichtamtliche Veröffentlichung über die Zahl von Verwundeten und Toten, über Veränderungen in den höheren Kommandostellen in Heer und Marine verbietet und die Präfekten ermächtigt, jede Druckschrift zu beschlag- nah m e n, die geeignet erscheint, die S t i m m u n g herabg-u« drücke» oder das Vertrauen in d-te Staatsbehörden zu erschütrern. Ein weiteres königliches Dekret beschränkt die Preßfreiheit, die Theaterftecheit, hebt das Briefgeheimnis auf und schränkt den Telegvammverkehr ein; sie gestattet auch, den Vertrieb von Zeitungen zu verhindern.
Gabriele d'A n n u n z i o wurde vorgestern vorn Kriegs- minister in langer Audienz empfangen.
Die Furcht der Rriegstreiber vor der Revolution
Die Sozialisten geben notgedrungen nach.
W. T.-B. Basel, 25. Mai. (Nichtamtlich.) Nach Privatmeldungen der „Nationalztg." hat -das Aktionskomitee der Interventionisten in Rom in Voraussicht einer all fälligen Revolution nunmehr beschlossen, gegen alle 'Ruhestörer vorzugehen und die Regierung in allen Maßnahmen für die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung zu unterstützen. Das Komitee begründet diesen Beschluß mit dem bezeichnenden Hinweis und dem Geständnis: Der Krieg wird zwar siegreich, aber keineswegs einfach und kurz sein.
Die offiziellen Sozialisten haben beschlossen, ein Manifest zu erlassen, in dem die Bevölkerung ausge- ford«t wird, die Zivilbchörden und die Regierung bei den Mobumachungsmaßregeln zu unterstützen.
Fürst Bülow über die Verantwortung der italienischen Regierung.
Berlin, 26. Mai. (Ktr. Bln.) Fürst Bülow äußerte sich auf der Fahrt nach Berlin dem Berichterstatter des „B. T." in scharfen Worten gegen die italienischen Minist«? hielt aber das Volk im großen und ganzen für irregeleitet und warnte davor, Regierung und Volk in einen Topf zu werfen. Die Zeit könne vielleicht einmal kommen, wo die Mäßigung eine künftige Wiederverftän- digung erleichtern werde. Vor allem müsse man den Schimps- artikeln der Hetzpresse nicht allzu viel Bedeutung beimeffen.
*
Die „Kölnische Zeitung" ist sicherlich der allgemeinen Zustimmung »in Deuffckland gewiß, wenn sie dem Fürsten Bülow zu seinem Scheiden aus Rom die folgenden Worte widmet' „Es war sicherlich keiue leichte und keine angenehme Aufgabe, mit Leuten vom Schlage Salandras und Sonninos, deren Staatsideal offenbar in einer räuberischen Schakal- politik besteht, zu verhandeln. Fürst Bülow, der einen im Inland wie im Ausland hochgeachteten Nanren zu verlieren hatte, hatte bekanntlich aus den Ruf des Kaisers hin diese auf alle Fälle undankbare Pflicht nnternonimen. Gelang e§ ihm, dazu mitzuhelfen, daß Italien durch dicke Brocken öster- reichffchen Gebiets zur Ruhe gebracht wurde, so hatte er später, nach dem mit Sicherheit vorauszufehenden Siege der verbündeten Kaisermächte, das Odium zu tragen, eine vielleicht unnötige, sehr schmerzliche Gebietsabtretung durch Österreich-Ungarn gefördert zu haben; erreichten seine Bemühungen nicht das Ziel den Frieden zu erhalten, so setzte er sich bei Unverständigen dem Vorwurf aus, seinen Posten in Rom nicht mit dem genügenden Geschick -msgefüllt zu haben-, tztun zeigt sich aber, wie wir mit Genugtuung feffftellen, daß in Deutschland kein unverständiger Besserwisser und Nörgler den geringsten Borwurf gegen den Fürsten Bülow zu erheben h<st Das deutsche Volk ist einhellig der Überzeugung,
Kbend-ktusgabe.
Nr. 240. * 63. Jahrgang.
daß Fürst Bülow in Rom zur Rettung des Friedens a l. e ^ getan hat, was ein so erfahrener, weltgewandter und beherzter Diplomat nur hat tun können. Und wenn er jetzt nach Deutschland zurückkehrt, so kann er des Dankes gewiß fein, den sein patriotischer Opfermut verdient."
Fürst Bülow in Berlin zurück.
W. T.-B. Berlin, 26. Mai. (Nichtamtlich.) Fürst und Fürstin Bülow sind heute früh in Berlin eingetroffcn.
Die Abreise.
W. T.-Bv Lugano, 25. Mai. (Nichtamtlich.) Die Ab- r e i s e des Fürsten Bülow von Rom ging gestern um 9,30 Uhr abends ohne jeden Zwischenfall vor sich. Der Sonderzug bestand aus einem Salonwagen, Speisewagen,
düng steht der Regierung zu, die sich mit der Sequestration begnügen will.
Verzögerung der italienischen ttriegserklarung um 24 Stunden.
Br. Budapest, 26. Mai. (Eig. Dvahtbericht. Ktr. Bln. Der „Poster Lloist)" meldet aus Chiasfo, daß die italienische Regierung bereits am 2 2 . Mai den Herzog von Avarna telegraphisch angewiesen hatte, die Kriegserklärung zu überreichen. Da aber die Tele- graphe»Verbindung unterbrochen war, erhielt der Botschafter erst am 23., am Pfingstsonntag, das Telegramm und konnte erst an diesem Tage den Befehl aussühren.
Schlafwagen und mehreren Wagen 1. und 2. Klasse. Mit demselben Zuge, mit dem das Fürstenpaar Bülow abfuhr, ist auch der preußische Gesandte beim Vatikan abgereist, da die Geschäftsführung der deutschen Missionen beim Vatikan nach Lugano verlegt wird, während die Fiktion aufrecht erhalten wird, als verblieben die Gesandtschaften selbst in Rom. Deshalb reiste in einem ztveiten Sonderzuge, der dem bayerischen Gesandten am Quirinal, v. d. Tann, zur Verfügung stand, auch der bayerische Gesandte am Vatikan, Baron Ritter, ab. Das Benehmen der italieni- scben Bevölkerung, sowohl bei der Fahrt zum Bahnhof wie bei der Abfahrt des Zuges, war mustergültig. .Keiner der mehr als 150 Deutschen, die mit den beiden Zugen abreistvn, wurde belästigt. Die Fahrt vevlief ohne Zwischen-
fdL w. t.-B. Lugano, 25. Mai. (Nichtamtlich.^ Der Sonderzug des Fürsten Bülow ist heute vormittag 3V 2 Uhr hier durch- gefahren. Ein zweiter Sonderzug mit den Botschaftern Österreich-Ungarns und der Türkei folgte eine Stunde später. Der preußische und der bayerische Gesandte beim Vatikan, die sich in dem Zuge des Fürsten Bülow befanden, sind im Grandhotel abgestiegen.
Beschlagnahmung feindlichen Eigentums in Italien.
Br. Genf, 26. Mai. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bin.) Dtzr Gemeinberat vom Tivoli bei Rom beantragte die dem österreichischen Thronfolger gehörende Villa Este als Staatseigentum zu erklären. Dre Entschei-
Italienische Nacht.
Der „große" Dichter und Lebemann Rapagnetta, der sich klangvoller Gabriele d'Annunzio nennt, hat behauptet, daß Jtalieu jetzt in eine neue Epoche emtrrtt. Der Mann hat nicht so unrecht.. Denn mit -der bisherigen italienischen Herrlichkeit und Groß mach t s- stelIun-g, die im Schatten der deutschen Kraft heranwuchs, ist es nun ein- für allemd vorbei. Herrn Rapagnetta wird das freilich wenig kümmern. Er toird das Siindengelb, , das ihm dre Kriegshetze eingetragen hat, wie bisher in irgend einem ausländischen Modebade verleben. Denn was ist chm Italien? Er hat die apenninijche .Halbinsel schon vor Jahren verlassen, ang-eblich nur, weil chn die bösen Gläubiger drängten. Und seine perversen Romane schrieb er in französischer Sprache. Den diesmaligen Ausflug nach Italien hat er nur gemacht, weil es do^ .'twas zu verdienen gab. Also Herr Rapagnetta macht sich keine Sorgen um die Zukunft. Wenn er es täte, so würde wohl niancher Schweißtropfen seine schon geschminkte Wange herunterrinnen.
Denn die Zukunft Italiens ist grau. Mit Froh- locken haben verschiedene zersetzende Kräfte ge- sehen daß der kleine Mann auf dem italienischen Königsthron sich wirklich in den Strudel eines Krieges hineinreißen ließ. Diese Leute warten n u r d r e n ä ch st e n Wochen ab, um dann ernstlich an dem
