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1. Beilage zum Mestmüener Tagblatt.

195 * Morgen-Ansgal-e.

(29. Fortsetzung.) Nachdruck verboten.)

Des Meeres und der Liede Weilen.

Roman von Arthur Zapp.

«erböfeftcn un5 aufgeregtesten gebärdet sich Herr Mulles der unablässig auf den Beine,: ist und zwischen ^"erKabme dem Salon und dem Deck hin- undhereilt Plötzlich verschwindet er in der Kasiite des Schiffsbarbiers und als er wieder zunr Vorschein kömmst staunt Jeder Herr Kuller ist kaum wicderzuerkennen. Er hat sich Vollbart abnehmen lassen und sieht mindestens unr ftinf ^ahr junger aus. Noch veränderter erscheint der Berliner Kaufmann dadurch, daß er ab und zu wie Nase drückt^ Reifer mit blauen Gläsern auf'seine

»Der Teufel soll mich holen", wispert Konsul Haber- mann seiner Gattin ms Ohr, „wenn der Mensch mir mcht vorkommt wie solch ein durchgebrannter Kassirer, der sich gern unkenntlich machen möchte!"

Die letzte Mittagstafel — das sogenannte Kapitäns- om besonders feierliches Gepräge Es ^ md ' bo & man fo vollzählig und fröhlich ES rlr 5«|t cS scheiden; in alle Winde

r bK ^estegefahrten zerstreuen, die mehr als eine Woche lang die Freuden und Leiden der Seefahrt gemelniam getragen und sich fast wie eine Faniilie mit­einander eingelebt haben, und wer weiß, ob man, hat

wiedersthen'wird^" on ^ Qn ' 3 gesetzt, sich je im Leben

r • b ? n i Braten erhebt sich der Kapitän, klopft an seui Wemglas und halt eine kurze schlichte Ansprache, die m ein „Hoch dm Kajuten-Passagiere" ausklingt. Gleich darauf sielst Konsul Habermann auf und erwidert in

folgendermaßen mi 3 eflin f tcrtcn "nd launigen Weise

Hochverehrter Herr Kapitän!

Sie hatten soeben die Liebenswürdigkeit, uns bei der bevorstehenden Trennung Ihre,! Gruß zu entbieten und uns herzliche Glückwünsche mit auf den Weg zu geben. Herzlichen Dank dafür sage ich Ihnen in unser Aller- Namen. Sie haben, Herr Kapitän, auf das gute Ein- vernehmen und die guten Beziehungen hingewiesen, die unserer ganzen Reise zwischen der Bemannung des Schiffes eurerseits und zwischen deri Passagieren andrerseits geherrscht hat. Wir Alle danken Ihnen und .ihren Offizieren mrd Leuten, daß Sie durch Ihr freund- l-chev, entgegenkommendes Verhalten die Basis zu dieseir guten Beziehungen geschaffen haben. Wir danken Ihrer Prinzipalin, der Gesellschaft, in deren Dienst Sie stehen,

- rirx blirdf) mustergültige Einrichtungen, durch die möglichst große Sicherhett, Bequemlichkeit und durch kineii geradezu unübertrefflichen Komfort dafür gesorgt hat, daß w,r uns hier wohl und behaglich fühlen konnten,

lD ' r uns an Bord gewissermaßen wie in Abrahams Schooß vorkamen. Herr Müller, Sie brauchen gar nicht ^ksicht zu schneiden, ich komme schon l on selbst darauf: trotz aller dieser Bemühungen, uns o>w -.eben möglichst angenehm zu machen, haben wir frei- 77 b ^voch Alle sehr trübselige Sttinden an Bord durch- gemachst Stunden, in denen Einer dein Andern sein innerstes offenbarte und in denen man weniger Mensch ' U' sozusagen ein, wenn auch nicht feuerspeiender Vulkan ^lf nicht, daß wir nach des Einen Rezept Cognac, Wem und andere schön schmeckende, anregende

Samstag, den 27 . Aprii.

uns hineingossen oder daß wir nach des Andern °ben an Deck in frischer Luft aufhielten, so lange es irgend gehen lvollte. Gegen die Seekrankheit SIen den Tod kein Kraut gewachsen. Aber wir wollen deshalb nicht grollen, diese schweren Stunden liegen hinter uns und Volldampf voraus segeln wir einer neuen Welt und zum großen Theil einem neuen Leben zu Sw haben uns, Herr Kapitän, freundliche Wünsche "nt auf den Weg gegeben. Auch ich wünsche von Herzen, daß sich ^edem die Wünsche, die er mit über das Meer genommen hat, in dem Lande, den, wir uns mitDampfes- erle nähern, m Erfüllung gehen mögen. Unsere ewig b^i^re Lachtaube, ^rau G'schwinder, möge eitel Freilde und Gluck m den Armen ihres sehnsüchtig harrenden Gatten finden. Sie, traut'ster Herr Kalluweist mögen, wenn sie ,m nächsten Jahre nach Ihrer Heimath „Keenigs- barg von ^hrer mnerikanischen Geschäftstour zurück- kehrew vergnugt ausrufen: Ach Chott, ach Chott, ivelch Orches Erdtheilche, welch kauflustiges Volkche! Dir, Miß Blechsmith, uas soll ick Dir ruasch uünschen? Well, ick uunsche Dir eben — Ruasch. Unserm Meister Emannel Martini mögen auf seiner amerikanischen Gastspiel- Touimöe immer so wirkungsvolle, effektvolle Abgänge beschieden sein, wie neulich — wer erinnert sich nicht mit Vergnügen daran bei seinen, Debüt während uiiserer Abendunterhaltung. Meine Herrschaften, ich will mich kurz fassen, ich wünsche Allen das, was sie sich selbst wünschen. Niir Ihnen, Herr Kapitän, will ich noch den speziellen Wunsch aussprechen, daß auch Ihre zukünftigen Fahrten so glücklich verlaufen mögen, wie unsere Reise bisher verlaufen ist. Und hieran will ich den Dank den wir Alle Ihnen schulden. Das Wasser ist eu, gefahrlichesElement und hat bekanntlich keine Balkeii Wenn wir dennoch so sicher den Ocean gekreuzt haben, so verdanke wir das Ihrer Umsicht, Herr Kapitän, Ihrer aowistenhaften Führung und den: Pflichtgefühl rind der Tüchtigkeit Ihrer Leute. Und darum bitte ich Sie, meine verehrten Damen und Herren, sich zu erheben und mit mir anzustoßen: Unser allverehrter Herr Kapitän ,ind ferne Mannschaft, sie leben hoch — hoch — hoch!"

...Begeistert stimmten Alle in diesen Ruf ein uild Keiner e ^> fein Glas an dem des freundlichen

Führers des Schiffes anklingen zu lassen.

Leider fängt das Wetter gegen Abend an, sich zu trübem Die See wird wieder unruhig. Dazu kommt em Dichter Jeebel, der sich über die weite Wasserfläche und über da» Schiff senkst so daß man nicht zehn Schritte vor vsb fohen kann. Alle Passagiere gehen deshalb zeitig zur Ruhe, aber freilich das Nebelhorn rnit seinem unheim­lichen, markerschüttemdcn Getute läßt nur Wenige den ersehnten Schlaf finden. Alle wissen, daß der Nebel, der grogte Feind des Seenianns, umso gefährlicher ist je mehr man sich dem Lande nähert.

Plötzlich Mitternacht ist längst vorüber — ertönt un Kurs des „Chamisso" rückwärts von diesem der grelle langgezogene Pfiff einer Dampfpfeife. Der Kapitän' der sich neben dem wachthabenden dritten Offizier auf der Kommandobrücke befindet, dreht sich mit jähem Ruck um Er steht ein grünes Licht, das sich der Backbordseite des „Chaniisso" mit großer Schnelligkeit nähert.

„Um Gotteswillen!" ruft der alte Seemann bis ins innerste Mark seiner Knochen erschreckend.

Er will eben den Befehl geben, das Ruder nach Steuerbord zu legen, als ihn eine Erschütterung des Schiffes fast zu Boden wirft. Entsetzt richtet er sich

49. Jahrgang. 1901.

straff in die Hohe Jetzt erblickt er auch ein rothes Licht und Hort die Maschine eines fremden Danrpfers. Kein Zweifel, das fremde Schiff hat den „Chamisso" ange. rannt. Mit gewaltiger Willensanstrengung drängt er da» Gefühl des Enisetzens, das ihn überkommen will. Zurück und ertheUt dem Offizier an seiner Seite den Be. fehl, sich über die Größe des Schadens zu informiren. Der dritte Offizier eilt die Treppe hinab nach der Back- bordsette, von wo die Lichter des fremden Schiffes, von dem nichts niehr zu sehen ist und das mit vollem Dampf weitergefahren zu sein scheint, aufgetaucht sind. Er biegt stK weit über Bord und sieht einen Hellen Schein auf baä Master fallen Hier also, dicht hinter dem Maschinen, ramn, ist das Kollistonsloch. Da neigt sich auch schon der Chamisso" nach Imks.

„Schotten -schließen!" kommandirt der Kapitän auf der Brücke Und gleich darauf: „Alles an Bord! Die Mannschaft auf ihre Posten!"

Während der dritte Offizier nach der Kajüte hinab, stürzt, um die Schließung der Schotte:, zu veranlassen, befiehlt der Kap-tan, Nothsignale zu geben. Dem Gebot wird prompt gefolgt. Offiziere und Mannschaften thun kaltblütig und mit bewundernswerther Präzision ihre >frtd)'. Jiafetert iittb 331cmlid)t£r iDctbctt ob^cbrcnxitt und fortwährend mit kurzen Zwischenpausen wird die Danipspfeife gezogen.

Unter den Passagieren entsteht eine unbeschreibliche Aufregung. Alle drängen — die meisten nur halb be- Ueidet — an Deck, jeder will der erste oben sein Der elementare Trieb, das Leben zu retten, läßt alle Rück, ächten, alle Regeln gesellschaftlicher Höflichkeit hintenan letzen. Vergebens kreischt Miß Blechsmith in den Lauten höchster Singst: „Mister Ruasch, ick bitten Dich, rette mir! -Mister Ruasch, ick lieben Dir!"

Der kräftige, hünenhafte Pommer ist der erste der Er heraufstürmt. Alle ihm nach, einander

stoßend, schiebend, drängend.

„Stop your noise, Kitty!" schreit Mr. Blechsmith Zornig. „Der fellow hört Dich nicht. Hurry upi" Er packt die Halbohnniächtige mit seiner nervigen Rechten und zieht sie mit sich hinauf.

Mr. Hillyard umschlingt seine Schwester mit einem Arm und gefaßt, ruhig wenn auch bleich, eilen Beide vor- wärts. Konsul Habermann spricht seiner jammernden Frau Muth zu, ihre rechte Hand erfassend, während er mit der linken seine Tochter führt.

Mit schlotternden Beinen, sich am Geländer krainpf. Haft festhaltend, wankt Herr Müller hinauf. Seine Zahne schlagen hörbar zusammen, fiebernde Todesangst blickt aus seinen irreil Augen.

Herr Kalluweit aus „Keenigsbarg" denkt an die Lieben daheim und klagt imnierfort: „Mein armes Frauche! Meine arnien Kinderchens! Ach Chott, ach

In Leuttiant von Mägdewitz regen sich angesichts der Gefahr seine besten Eigenschaften: sein soldatischer Muth und seine Ritterlichkeit. Er packt die Wienerin, deren heitere Züge vom Schreck erstarrt sind und die wie leblos m einem Sessel liegst und trägt sie in seinen Armen an Deck.

Das Schiff neigt sich immer mehr backwärts und auch das Hintertheil beginnt ins Wasser zu sinken. Die Kajütenpassagiere stürmen nach dem Bug zu, der hoch in die Luft steigt.

(Fortsetzung folgt.)

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