—4-,-’:;’ 49. Jahrgang»
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Verlag: Langgasse 27.
AV,FGO Ahomrrnterk,
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Abend-Ausgabe.
Die innere Lage.
L. Berlin, 26. Avril.
Wie verlautet, hatte Graf Bülow heute im Kanzler- palais eine Besprechung mit mehreren Mitgliedern der Kanalkomimssiori. Die wahrhaft ungeheuerliche fort dauernde Verschleppung der Vorlage wird in Regiernngs kreisen als cme Beleidigung, als eine unerträgliche Ver° Sewaltlgung empfunden, und es steht zir erwarten, daß Graf Bulow versuchen wird, diesem lächerlichen Zustande auf i^end eine Weise ein Eirde zu bereiten. Er wird es versuchen, dies ist so gut wie gewiß. Aber höchst ungewiß und zweifelswürdig ist es, ob er auch Erfolg haben wird. Gegen das wlmderfam geschickt ausgebildete System der Hinzogerung, gegen diese in: Unschuldsgewande völliger Korrektheit einhergehende Obstruktioir der Kanalgegner hat der Reichskanzler und Ministerpräsident ein Mittel nur dann zur Verfügung, lveun er die Konservativen ent- lveder niederzwingt oder sanft überredet. Es sieht iricht so aus, als ob einer dieser beiden Wege schon eingeschlagen werden kann. Die Konservasiven sind störrisch, mißtrauisch und reich an Wünschen und Forderungen. Sie wollen höhere Getreidezölle gesichert haben, sie werden den, Grafen Bülow dies Verlangen wieder und wieder unterbreiten und sich weder durch Drohungen noch durch Schmeicheleien davon abbringen lassen, ein verineintliches Zwangsmittel, als welches ihneii die Kanalvorlage erscheint, nach ihrem Belieben zu benutzeii. Nun steht es aber so, daß Graf Bülow den Bündlern feste Zusagen in Bezug auf die Höhe der künftigen Getreidezölle garnicht machen kann. Um das Ding be'un rechten Nanieii zu nennen, so mag gesagt werden, daß in dein Augenblick, wo der starke Widerstand der anderen Vertragsstaaten gegeir den Doppeltarif und gegen eine übermäßig hohe Bemessung der Getreidezölle lebendig wurde, die Sachlage hier einen gründlichen Wandel erfuhr. Möglich, daß bis dahili auch der Reichskanzler nicht viel dagegen gehabt hätte, seineil Frieden mit den Konservativen durch weitgehende Berücksichtigung ihrer Forderungen zu niachen. Heute aber kann er das nicht ncehr, sondern die Gefahr, daß im Falle einer einseitig agrarisch gerichteteii Zollpolitik die Handelsverträge nicht wieder erneuert werden, ribt auf die Regierung einen wohlthätigeii Zwang dahin aus, daß versucht werden Miß, dieses Unglück für das deutsche Wirthschaftsleben zu vermeiden. Es kann aber leicht und sicher' vermieden werden, indem sowohl auf den Doppeltarif verzichtet, wie die Erhöhung der Getreidezolle auf ein erträgliches Maß beschränkt wird. Augenscheinlich verlaufen die Absichten und Vorbereitnugs- arbeiten der Negierung in dieser Linie, und gerade weil d,e Konservativeil eine Witterung davon haben, daß es so
itehc, sind sie ungeberdig und argwöhnisch geworden und verbeißen sicy umso trotziger in die Bekämpfung der Kanalvorlage. Sie wissen, sie müssen wissen, welche Gefahr sie daber laufen, aber es mag ihnen eine Genug thuung bereiten,sich sagen zu können, daß der Reichs kanzler keine geringere Gefahr dabei läuft. Denn der politische Frontwechsel, der im Falle eines dauernden Zerwürfnisses mit che r Rechten nöthig wäre, erfordert eine unerschütterlich feste Stellung des verantioortlichen Staatsmannes, und die Erfahrung hat hinreiche,rd ge- lchrt, dag auch die scheinbar gesichertste Stellung über Nacht erschüttert werden kann. Inzwischen jedoch handelt es sich nicht um diese weiten Perspektiven, sondern r,m die Arbeit des w,ages, die eben der Tag selber leisten muß. And da stehen die Konservativen denn doch vor Hindernissen, deren Anblick sie nachdenklich stimmen müßte. Vor Allem zeigt sich, daß das Centrum keine Neigung hat, den Bundlern bei einer etwaigen allzu rabiaten Politik Gefolgschaft zu leisten. Das Centrum muß naturgemäß mit seiner Wählerschaft in den Jndustriebezirken rechnen i>nd wird Alles thun, um die künftige Zollpolitik auf das Gleis eines sogenannten mittleren Maßes zu dirigiren. Sollte bei der Unterredung, die Herr v. Wangenheim mit denl Reichskanzler hatte, die Absicht einer Interpellation wegen der Getreidezölle zur Sprache gekommen sein, so würde dem Reichskanzler seine Stellungnahme wohl durch die Sicherheit erleichtert worden sein, daß er voin Centrnm nichts Ernstliches zu besorgen hat. Es ist schon aus diesem Grunde fraglich, ob die Agrarier es z,l einer Jnterpellationsdebatte kommen lassen werden.
- Preußischer Arrrdtag.
Abgeordnetenhaus.
Berti», 26. April.
Im Abgeordnetenhause stand der konservative Antrag, betreffend die innere Kolonisation, auf der Tagesordnung. Der Gesetzentwurf verlangt 12 Millionen Mark zum Ankauf und zur Befiedelung von Grundstücken. Die zu besiedelnden Stellen sollen nur als Rentengüter verkauft werden. Die Redner aller Parteien erklären sich damit einverstanden, daß durch gesetzgeberische Maßnahmen der Verdrängung des Kleinbesitzes durch den Großgrundbesitz entgegengearbeitet und dadurch gleichzeitig die Regelung der ländlichen Arbeiterfrage gefördert werde. Nur über die Fassung des Entwurfes, insbesondere über den Paragraphen, welcher die Schaffung einer neuen Behörde zur Durchführung des Gesetzes vorsieht, und über di- Höhe der erforderlichen Summe herrschten Meinungsverschiedenheiten, welche erst in der Kommissionsberathnng geklärt werden müssen. Finanzminister v. Miguel und Landwirthschaftsminister von Hammerstein gaben grundsätzlich zustimmende Erklärungen ab, allerdings nur für ihre eigene Person, da, wie v. Miguel ausdrücklich hervorhob, die Regierung einen Beschluß über die Vorlage noch nicht habe fassen können. Nach längerer Debatte wurde der Antrag an eine Kommission verwiesen. Nächste Sitzung Montag 1 Uhr.
Feuilleton.
Pariser Brief.
c (A o li" u n s e r e m Korrespondenten.)
Paris, 24. April.
, Nur langsam hat sich Paris nach der Ausstellung wieder in seine alten Gewohnheiten gefunden. Der Stempel, welchen das internatioiiale Treiben der Stadt wifgedrückt, ließ sich nicht mit einem Male verwischen und me Fremden, welche auch nach der Ausstellung hier mieben, acclimatisirten sich nicht so schnell. Jetzt ist me>er Standpunkt zuni größten Theile überwunden; Parts ist wieder das, was es lvar und mit dem gleich- u>aßigen Leben sind auch wieder die ältcn Gewohnheiten
erwacht.
., ^de Jahreszeit bringt hier ihre Ereignisse. Sind oie Wiiitervergnüguilgen verrauscht, so kommen die des Frühlings an die Reihe; ein ewiger Wechsel in den Unterhaltungen der vornehmeii Welt!
Mail muß die Feste feiern, wie sie fallen. Das ist nun recht schön und recht gut und wer feierte nicht gcnr mit, wenn des Guten nur nicht zuviel gethan wird? — ßhon auf Wochen ist der Ailinerkekaleilder mit »cotizen gefällt, und dazwischen lvird noch immer ein- pcfaioben. Ter Raum für mivorhergeseheile Fälle wird minier ileiner. Es wird gestrichen und Wichtigeres hinzu- »osugt Jede Stunde, jede Minute ist besetzt, wie darf man da an ein geordnetes, gemüthliches Familienleben oenken! Ich hatte einmal Gelegenheit, eineil solchen l.chonder zu durchblättern, welcher einer russischen Coiii- r> •* .^lörte, einer bekannten, vielbewunderten Schön- yeit der Pariser Salons. Mir standeir die Haare zu ^erge! Jedenfalls muß ich ein sehr verblüfftes Gesicht «en, acht habeii, denn lächelnd sagte sie: „Ja, ja, mein i? ? - .Sind wir armen Frauen nicht zil bedauern?" uw wirklich, ich bedauerte sie, da ich tut Augenblicke nichts desstes z„ fugen wußte, ■
' Für die Eröffnung des „Salons", welcher in jedem Frühjahr das größte Ereigiliß der Pariser großen Welt bildet, war selbstverständlich schon Alles lange vorher in Bereitschaft gesetzt, von Seiten der Daiiieil die Toiletten — in diesem Falle die Hauptsache — von Seiten der ausstellenden Künstler deren Werke. Mr. Carolus Durmk, derPräsident der „Socieite nationale desBeaux-Arts", hatte sich alle Mühe gegeben, die Sache so interessant als möglich zu gestalten. Was aber für das Ganze von erhöhter Bedeutung wurde, daS war die Aeberlassung des großen Palais der Ausstellung für die Werke der Künstler, ein Raum, würdig des Dargebotenen. Am vergangenen Sonnabend, Nachmittags 3 Ahr, besichtigte der Präsident der Republik die ausgestellteu Kunstgegeu- ftände, wodurch die Ausstellung ihre offizielle Weihe em- pfing. Loubet besuchte zuerst die Säle, in welchen die Malereien untergebracht waren, wobei ihm die noch unbekannten Künstler, die sich zu der Feier eingefunden hatten, vorgestellt wurden. Hierauf wurden die Pastells besichtigt lind nach einer kurzen Unterbrechung am Buffet die Säle in Augenschein genommen, in ivelchen sich die Werke der dekorativen Kunst und der Kunstmöbel befanden. Ein beinerkenswerther Fortschritt war bei der diesjährigen Ausstellung zu verzeichnen. Jede Ueberfülle mürbe ängstlich vermieden, und es sind nur die Hälfte der in früheren Jahre» zugelassenen Knnstgegenstände von der Ausstellnngskommission augenomnien. Eine weitere Annehmlichkeit bot der genügende Raum für dieselben dar. Die Geniälde sind so gehängt, daß sic mit dem Auge deutlich wahrgenommen werden können und man nicht nöthig hat, bis zur Decke emporzublicken.
Am Sonntag fand daun die Vernissage statt, auf welche ganz Paris gespannt war. Schon von 10 Uhr. ob bot der Platz, welcher in der Ausstellnngszeit soviel Prachteiitfaltuug gesehen, ein interessantes, wechselvolles und buntes Bild. Karossen und Miethfnhrwerke rollten ohne llnterlaß daher, die getreuen Bewunderer und Be- wnnderinnen der Künstler aus allen Theilen der Pariser Windrose herbei,ährend. Es herrschte bei dem herrlichen
Deutsches Reich.
* Hof- «nd Personal-Nachrichten. Der Kaiser hat dem Generalobersten v. H a h n k e anläßlich seines gestriqen Dienstjubiläums die Brillanten zum Schwarzen Adlerorden verliehen, welche Gcheimrath v. Lucanus im Aufträge des Kaisers mit einem Handschreiben desselben dem Jubilar überbrachte. Die Kaiserin fügte ihrem Glückwünsche ein Bild mit der Photographie ihrer Söhne bei. Von verschiedenen Seiten erhielt der General kostbare Geschenke. — Der frühere Staatssekretär des Reichsschatzamts und spätere Präsident der Seehandlung, v. Burchart, ist vorgestern Nachmittag im 68. Lebensjahre an einem Herzschlage gestorben.
* Zu dem Gesundheitszustände des Königs Otto wird aus München gemeldet, das starke Widerstreben das der noch immer ungewöhnlich kräftige Mann jedweder körperlichen Untersuchung entgegcnstelle, habe bisher eine sichere Feststellung des organischen Leidens verhindert. Der Kranke habe ein -auffallend blasses Aussehen, der Bart sei lang und verwildert. Was Schlaf und Nahrungsaufnahme anbetreffe, führe der König eine höchst ungeregelte Lebensweise und genieße ausschließlich kalte Speisen. Er verschmähe jegliche körperliche Bewegung, die Wagenfahrten im Park seien gänzlich eingestellt worden. Der König erkenne ihm aus seiner Juaend bekannte Personen wieder; indessen sei von lichten Augenblicken, in beiten der König klar und vernünftig denke oder sich seines Zustandes bewußt werde, keine Rede.
* Berlin, 27. April. In der Budgeikommifsion des Reichstags wurde gestern das Gesetz über die Versorgung der Kriegs-Invaliden und Kriegs-Hinterbliebenen in zweiter Lesung angenommen, ohne daß die Beschlüsse erster Lesung eine materielle Acnderung erfuhren. Nach Mittheilung der Regierung erhöht sich infolge des Gesetzes der jährliche Bedarf für die Invaliden auf 14.M0.000 Ml. Die bereits in erster Lesung angenommene Resolution, betreffend rechtzeitige Vorlegung der Revistonsgefetze bezüglich des Militär-Pensions- und Mrlttär-Relikten-Gesetzes in nächster Session, wurde wiederum genehmigt und außerdem eine Resolution beschlossen welche jährliche Vorlegung von Uebersichten über die Invaliden- und Pensions-Auszahlung verlangt.
Die Reichstagskommission für das Weingesetz setzte die zweite Lesung gestern bei § 4 fort. Derselbe besagt: Die Vorschriften in den §§ 2 und 3 finden auf Schaumweine "mir in soweit Anwendung, als Getränke, welche den Vorschriften in Z 3 Nr. 1 bis 3 zuwider oder unter Verwendung eines nach 8 2 Nr. 4 untersagten Zusatzes hergesiellt sind, bei der Bereitung von Schaumweinen nicht verwendet werden dürfen. Ein Antrag Antrick und Genossen, wonach auch zur Schaumweiiifabrikatwn kein Kunstwein verwendet werden darf, wurde hierzu angenommen und Z 4 in der Fassung erster Lesung bestätigt. 8 4a wurde in folgender Fassung angenommen: Schaumwein der gewerbsmäßig verkauft oder feilgehalten >oird, muß eine Bezeichnung tragen, welche das Land und erforderlichen Falles den Ort erkennbar macht, in welchem er auf Flaschen gefüllt worden ist. Schaumwein, der aus Fruchtwein Obst- oder Beerenwein) hergestellt ist, muß eine B ezeichnung tragen, welche
Frühlingswetter ein Leben, als ginge es zur Feier eines fröhlichen Festes, nicht aber zur ernsten Inaugenscheinnahme der Erzeugnisse der heiligen Kunst. Die Weihe ivelche ein solcher Augenblick mit sich zu bringen pflegt und welche dazu gehört, daS zu empfinden, was' der Künstler bec seinem Schaffell empfunden, die Eigenart der individuellen Auffassung zu erkennen, ging hier vollständig ab. Im höchsten Falle kam man nur, um einige „Kunstschnäpse" zu genießen. Der Franzose thut und kennt es einmal nicht anders. Aeußerst gering ist die Zahl Derjenigen, tvelche ein wirkliches Kunstbedürfniß in diese Hallen treibt. Es wurde geschwatzt, gelacht, das Dejeuner besprochen, welches man in den Restaurants der Champs-Elysees einziinehmen gedachte, gedankenlose ja lächerliche Kritik geübt und so schoben sich die Masseir von einem Saal in den anderen. Ein Vergnügen ist ein Vernissage-Tag in Paris nicht, im Gegentheil, es ae- hören Nerven dazu, um die Ruhe zu bewahren.
Auch der König der Belgier, Leopold II., welches augenblicklich in Paris weilt, konnte es sich nicht versage', die Ausstellungsräume zu besuchen. Er traf bereits um !) Uhr in Begleitung der Prinzessin Clemmtine ein bevor das Publikum zugelassen wurde.
Eine Besprechung der einzelnen Kunstwerke würde au dieser stelle imtürlich zu weit führen. Ich will des- halb nur benierken, daß eine ganze Anzahl wirklich be- wnndernswerther Leistungen zu schm waren, neben ivelchen aber auch das Bizarre und Groteske nirf seine Rechnung kam. Ein Ausscheiden derartiger Erzeugnisse ist bei der heutigen Kunstrichtung und deni Geschmackssinn der großen Menge auch ein Ding der Unmöglichkeit.
Im Grunde genommen, schaden solche Ausgeburten eines wild arbeitenden Gehirns auch nicht, sie nützen vielmehr den Meisterwerken, welche neben deuselben erst recht zu ihrer vollen Geltung gelange».
Eine Erinnerung an die kougreßwüthige Zeit der Hilndertjahr-Ausstelluiig, bei ivelcher mehr dem Vergnügen als wirklicher fruchtbringender Arbeit gehuldigt wurde, rief in Baris der Schluß des internationalen Kon-
