Verlag Lauggasse 21
„Tagdlalt-HauS".
Gchallrr-Hollk geSffner »o» S Uhr morgrn» bi» 7 Uhr -bind».
wöchentlich
BezngS-Preir für beide Ausgabe«: 70 9Sfg. monatlich, 3Ji. vierteljährlich durch den Verlag vanggaffe 21 . ohne Bringerlohn, M, 3,— vierrcliährlich durch alle deutschen Postanstalten, aurjchließlich Bestellgeld, — Bezugs-Bestellungen nehmen »ußcadem entgegen: in Wiesbaden die Zweigstelle Bismarckring 19, sowie die Auzgabestellen in allen Teilen der Stadt: in Biebrich: die dortigen All», gadeüellen und in den benachbarten Landortcn und im Rheingau die betreffenden Tagblatt-Träger.
12 Busgaben.
Bon
Fernruf;
„Tagblatt-H-uk" Nr. 6650-53.
Uhr morgen» bis 9 Uhr abend», außer Sinnlag».
» cn-PreiS für die Zeile: iS Big. für örtliche Anzeigen im „ArbeitSmarlt" und „Kleiner Anzeiger» tirlicher Eatztorm; ÄPsg. in davon abweichender Latzaussührung, sowie für alle übrigen örtlichen Anzeigen: S» Pfg. für alle auswärtigen Anzeigen: 1 Wk, sür örtliche Reklamen; S Mk. für auswärtige Reklamen. Ganze, halbe, drittel und viertel Testen, durchlaufend, nach besonderer Berechnung. — Bei wiederholter Ausnahme unveränderter Anzeigen st, kurzen Zwischenräumen entsprechender Nachlaß.
"W! «?”'hÄÄÄ“? »erlmet Schriftleitung dev Wiesbadener Tagblatts: Berlin-Wilmersdorf Güntzelftr. 66. Fernspr.: Amt Uhl-nd 450 u. 451. f£en‘ m» «uSTn«t?Sh!?flwSäS? r IÄSISS
Dienstag, 25. Mai, morgens.
Sonder - Ausgabe.
1915.
Italiens Kriegserklärung gegen Oesterreich
Das Ungeheuerliche - Tatsache
W. T.-B. Wien, 23. Mai. (Nichtamtlich.) Der italienische Botschafter überreichte dem Minister des Äußern die Erklärung, daß sich Italien von morgen ab als im K r i e g s z u st a n d mit Österreich-Ungarn befindlich betrachtet.
Der Text der Rriegserklärung.
W. T.-B. Wien, 23. Mai. (Nichtamtlich.) Der Text der vom Königlich italienischen Botschafter dem k. u. k. Minister des ! u. k. Hanfes und des Äußern überbrachten Kriegserklärung hat folgenden Wortlaut:
Wien, am 23. Mai 1315. Den Befehlen Sr. Majestät des Königs, seines erhabenen Herrschers, entsprechend, hat der Unterzeichnete Königlich italienische Botschafter die Ehre, Sr. Exzellenz dem Herrn österreichisch-ungarischen Minister des Äußern folgende Mitteilung zu übergeben: Am 4. d. M. wurden der k. u. k. Regierung die schwevlviegenden Gründe be- kanntgcgeben, weshalb Italien im Vertrauen auf sein gutes Recht seinen B ü n b n i s b e r t r a g mit Österreich-Ungarn, der von der k. u. k. Regierung verletzt worden war, für nichtig und von nun ail wirkungslos erklärt und feine volle Handlungsfreiheit in dieser Hinsicht wieder erlangt hat. Fest entschlossen, nrit allen Mitteln, über die sie verfügt, sür die Wahrung der italienischen Rechte und Interessen Sorge zu tragen, kann die König,liche Regierung sich nicht ihrer Pflicht entziehen, gegen jede gegeiuvärtige und zukünftige Bedrohung zum Zwecke der Erfüllung der nationalen A s p i r a t i o n c n jene Maßnahmen zu ergreifen, die ihr die Ereignisse auferlegen. Seine Majestät der König erklärt, daß er sich von morgen ab als im Kriegszustand mit Österreich-Ungarn befindlich bewachtet. Der Unterzeichnete hat die Ehre, Seiner Exzellenz dem Herrn Minister des Äußern gleichzeitig mitzutrilen, daß noch heute dem k. u. k. Botschafter m R o m die Pässe werden zur Verfügung gestellt werden, und er wäre Seiner Exzelleiiz dankbar, wenn ihm die seinen übermittelt würden. Gez. A dar na.
*
Gegen Italien!
Nun stürmt alle hinaus Aus Hof und Haus,
Die Ihr noch nicht die Waffen getragen.
Um den neuen Feind,
Der so tückisch es meint,
Wuchtig zu Boden zu schlagen.
Packt ihn hinten und vorn In wütendem Zorn!
Treibt den ehrlosen Bruder zu Paaren!
Gott der Herr ist gerecht:
Unser deutsches Geschlecht Wird er gnädig trotzdem bewahren.
Aus in Kamps und in Tod Unser Sturmaufgebot:
Ganz Deutschland stehet in Flammen:
Auf die Feinde nur draus!
Laßt sie kommen zu Haus:
Wir harren sie dennoch zusammen. Senatspräsident Dr. Max Paehler (Berlin).
*
Italiens Trezibruch.
Bon Professor Dr. med. H. Bogt, Wiesbaden.
Der Treubruch Italiens wirkt nicht mehr so erschütternd auf uns, wie es am Anfang des Krieges die Per- fidie Albions und die Unwahrhaftigkeit der russischen Zarentelegramme getan hat. Und doch ist jener eigentlich das G r a n d i o s e st e, was in dieser an Dokumenten der Falschheit so reichen Zeit geleistet worden ist. Aber es wirkt nicht mehr so ans uns, weil wir abgebrüht sind durch alles das, was ivir erlebt haban. Oft faßt man sich an den Kopf und fragt sich, vb man nicht seine Begriffe von Anstand und Ehre einmal einer Revision unterziehen müsse.
Das sind aber nur Anwandlungen. Denn es steht fest und es wird einmal eines der schwärzesten Blätter der menschlichen Geschichte sein, daß Italien, der Alcibiades unter den Völkern Europas, alles verleugnen konnte, toas ihm seine eigene Geschichte als teuer und achtbar erscheinen lasten mußte.
Italien ist, so sagt Kjellen, durch seine eigenen Niederlagen und durch die Siege sei-ner Verbündeten groß geworden. Hat etwa Italien allein sich aus der Zersplitterung zur Einheit erhoben, wie das Deutschland von 1814 und 1870, haben die Italiener die Geschichte der Erwerbung Venetiens und des Kirchenstaates vergessen? Auch ist Italien nicht wie etwa Japan allein durch eigene Macht groß geworden. „Italia farä da so" hat sich geschichtlich nicht bewahrheitet.
1856 erhielt das Königreich Sardinien in Gegenleistung sür die Sympathien, die es Frankreich im Krimkricge ent- gegcngebracht hatte, einen „Platz am grünen Tisch in Versailles" und war so beim Pariser Frieden, durch den der Krimkrieg abgeschlossen wurde, zum erstennmal im Rate der Völker beteiligt. Venetien wurde den Italienern 1866 durch die preußischen Siege in Böhmen, der Kirchenstaat durch die deutschen Siege über Frankreich 1870 erkämpft: in der sicheren Deckung des Dreibundes hat Italien seine Großmachtstellung entwickelt, es hatte für alle seine Pläne Rückendeckung -durch den Bund mit den Zentralmächten, zuletzt für das tripol:- tanische Unternehmen. Davon weiß in Italien heute offenbar kein Mensch mehr etwas und auch der Träger der Krane hat nicht den Anschluß an die traditionellen Pflichten gefunden; im Leben der Völker aus Dankbarkeit zu rechnen, ist eitel Träumerei, aber die Loslösung des italienischen Königs von allem, was für die Geschichte seines Hauses und seines Landes und das Erbteil seiner Väter so viel, oft alles ausmachte, können und müssen wir am Maßstab menschlicher Pflichten und Gefühle messen. Der König hat es vorgezogen, statt dessen einem d'Annunzio Gehör zu schenken.
Betrachtet man diese Tatsachen und im Zusammenhang damit die Äußerungen des italienischen Volkes, die seiner berufenen Vertreter und die seiner führenden Presse, so fordert das alles zu einem Vergleich mit unserer eigenen Lage in den Augusttagen des vorigen Jahres und im jetzigen Augenblick heraus. Wir dürfen diesen Vergleich ohne Selbftüberhebung anstellen. «Ein geheimer Traum", so schreibt das „Giornale d'Jtalia", „geht in leuchtende Erfüllung, die mit allem Glanze, allen Blumen, allen Hymnen, allen Bannern einer prächtigen Wiedergeburt geschmückt ist." Wir haben solche Phrasen nicht nötig; man sagt, daß durch sie nur innere Hohlheit verdeckt werde. Sollte das auch für die Idee und die Motive eines blutigen Krieges möglich sein?
Vieles, was wir in diesen Tagen erleben, läßt uns mit Schärfe und Lebendigkeit unsere eigenen Stimmungen und Empfindungen im Anfang dieses großen Krieges wieder durchleben. Das Gefühl unserer gerechten Sache ist Vielleicht nur noch stärker geworden. Unserer Ehre tut es k e i n e n Abbruch, daß wir einen Gegner und eine Kampffront mehr haben werden.
Uns aber entflammt der gerechte Zorn über die Ehrlosigkeit eines treubrüchigen Freundes und Bundesgenossen, Die Handlungsweise, wie sie Italien vermag, ist u nserem. Fühlen und Denken fremd. Wir sehen unsere Bundestreue mit Verrat gelohnt. Wir können nur Verachtung, Zorn und gerechten Hatz dabei empfinden gegen die Leiter der italienischen Politik und die Minderheit, die ihr in der Mehrheit bisher friedlich gesinntes Volk in den Krieg hineingehetzt haben. Doch tvozu viele Worte machen in einer Zeit, in der Ehre und An- stand zu den Hunden geflohen sind? Neun Monate hat Deutschland mit seinen Verbündeten siegreich den Kampf bestanden, nach Ost und West trug unser Heer und trägt es wieder in diesen Tagen seine Fahnen in Feindesland! Auch die neuen Opfer im Feld und zu Hause wird Deutschland, sein Heer und sein Volk, ohne Zagen breiigen. Und der Bandit, der uns von rückwärts überfällt, weil er uns müde wähnt vom langen Kämpfen, er wird des deutschen Schwertes Schärfe zu fühlen bekommen. Das allein wird unsere Antwort sein. Je schwerer der Kampf, desto höher der Preis! Den Italienern aber rufen wir heute zu: Gibt es noch einen Sinn im Weltgeschehen, werden wir siegreich auch diesen Kampf bestehen, dann „vae victis!"
Die allgemeine Mobilmachung Italiens.
W- T.-B. Rom, 23. Mai. (Nichtamtlich. Havas.) Der
König ordnete die a l l g e m e i n c M o b i l m a ch un g des HcercS und der Marine sowie die Nequiriernng aller Fuhrwerke und der znr Beförderung dienenden Tiere an.
Kürst Bülow verläßt Rom.
Eine deutliche deutsch-amtliche Erklärung.
W- T.-B. Berlin, 23. Mai. (A m t I i ch.) Die italienische Regierung hat heute durch ihren Botschafter Herzog von Ävarna der österreichisch-ungarischen Regierung erklären lassen, daß sich Italic» von Mitternacht ab im Kriegs- z u st a n d mit Lsterrcich-Nngarn befinde. Die italienische Regierung hat durch diesen vom Zaune gebrochenen Angriff gegen die Donaumonarchie das Bündnis a n ch mit Deutschland ohne Recht und Grund zerrissen. Das durch die Waffenbrüderschaft noch fester geschnricdete vertragsmäßige Treu Verhältnis zwischen Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich ist durch den Abfall des dritten Bundesgenossen und seinen Übergang in das Lager seiner Feinde unversehrt geblieben. Der deutsche Botschafter Fürst Bülow hat deshalb Anweisung erhalten, Rom zugleich mit dem österreichisch-ungarischen Botschafter Baron Macchio zu verlassen.
Die Abreise der deutschen Diplomaten aus Rom
W. T.-B- Rom, 24. Mai. (Nichtamtlich.) Gestern nachmittag forderte der Botschaftsrat v. Hindenburg auf der Eousulta die Pässe für den Botschafter Fürsten v. Bülow. Fürst Bülow, das Botschaftspersonal, der bayerische Gesandte am Quirinal sowie der preußische und bayeriche Gesandte am Vatikan verlassen abends in zwei Extrazügen Rom.
W. T.-B. Rom, 24. Mai. (Nichtamtlich.) Fürst Bülow hat von der Consulta die amtliche Mitteilung erhalten, daß Italien sich ab morgen als im Kriegszustand mit Oster- reich- Ungarn befindlich betrachtet.
Die letzten Besprechungen der Vertreter der Zentral- möchte.
W■ T-B. Rem, 23. Mai. (Nichtamtlich. Agenzia Stcfani.) Nach der „Tribuna" hat Fürst Bülow den Minister des Äußern S o rr n i n o gestern nachmittag zwischen 3H4 und 3% Uhr in der Consulta besucht. Um 4%l Uhr empfing Sonnino den österreichisch-ungarischen Botschafter Frhrn. v. Macchio.
Ein flammender Aufruf des Raifers * Franz Joseph.
W. T.-B. Wien, 21. Mai. (Nichtamtlich.) Eine Extraausgabe der „Wiener Zeitung" veröffentlicht folgendes Aller« höchstes Handschreiben:
„Lieber Gras Stürgkb! Ich beauftrage Sie, 'das angeschlossene Manifest an meine Völker zur allgemeinen Verlautbarung zu bringen:
Franz.Joseph. Stürgkh.
An meine Völker!
Der König von Italien hat mir den Krieg erklärt. Ein Treubruch, dessen gleichen die Geschichte nicht kennt, ist vom Königreich Italien an seinen beiden Verbündeten begangen worden. Nach einem Bündnis von mehr als 30jähriger Dauer, währenddessen es seinen territorialen Besitz mehren und sich zu ungeahnter Blüte entlasten konnte, hat uns Italien in der Stünde der Gefahr verlassen und ist mit fliegenden Fahnen in das Lager unserer Feinde übergegangen. Wir haben Italien nicht bedroht und sein Ansehen nicht geschmälert, wir haben seine Ehre und seine Interessen nicht angetastet; wir haben unseren Bündnispflichten stets getreu entsprochen' und ihm unseren Schirm gewährt, als es ins Feld zog. Wir haben mehr getan: Als Italien seine begehrlichen Blicke über unsere Grenzen sandte, waren wir, um das Bündnisverhältnis und den Frieden zu erhalten, zu großen und schmerzlichen Opfern entschlossen, zu Opfern, die unserem väterlichen Herzen besonders nahegingen. Aber Italiens' Begehrlichkeit, das den Moment nützen zu sollen glaubte, war nicht zu stiller^ und so mutz sich das Schicksal vollziehen.
Dem mächtigen Feinde im Norden haben in z e h n - m. onatigem gigantischen Ringen in treuester Waffenbrüderschaft mit dem Heere meines erlauchten Verbündeten meine Armeen siegreich standgehalten. — Der neue heimtückische Feind im Süden ist ihnen kein neuer Gegner. — Die großen Erinnerungen cm Novara, Mortara, Custozza und Lissa, die den Stolz meiner Jugend bilden, der Geist Radetzkys, Erzherzogs Albrecht und Tegetthoffs, der in meiner Land- und Seemacht fortlebt, bürgen mir dafür, daß wir auch gegen Süden hin die Genzen der Monarchie erfolgreich verteidigen werden.
Ich grüße meine kampsbewährten, siegerprobten Truppen, vertraue ans sie und ihre Führer! Vertraue auf meine Völker, deren beispiellosem Opfermuts mein innigster väterlicher Dank gebührt. Den Allmächtigen bitte ich, daß er unsere Fahnen segnen und unsere gerechte Sache in seine gnädige Obhut nehmen möge.
Franz Joseph. Stürgkh.
Wien, am 23. Mai 1915.
Die Rundgebungen der Begeisterung und Empörung in Oesterreich-Ungarn.
W. T.-B. Rom, 24. Mai. (Nichtamtlich.) Der Botschaftsrat v. Hindenburg begab sich gestern nachmittag um 5 Uhr aus die Konsulata, wo er im Aufträge des Fürsten v. Bülow unter Hinweis auf den Abbruch der Beziehungen zwischen Italien und Österreich-Ungarn die Pässe für den deutschen Botschafter forderte. Fürst Bülow, das Personal der Botschaft, ebenso wie der bayerische Gesandte onr Quirinal sowie der preußische und bayerische Gesandte am Vatikan verlassen heute abend in zwei Extrazügcn Rom. Der Zug des Fürsten Bülow fährt um 9 Uhr 30 Min. ab und soll morgen früh in. Chiaffo um 0 Uhr 30 Miu. eintreffen. Rom ist vollkommen ruhig, allerdings ist der Abbruch der offiziellen Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und Italien noch nicht bekannt geworden.
W. T.-B. Wien, 24. Mai. (Nichtamtlich,) Die patriotischen Kundgebungen, welche bereits in den vorhergegangenen Tagen
