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*87. Morgen-Ausgabe._ 23. April. 49. Jahrgang. 1901.

(28. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Des Meeres mt& der Klebe Welle«.

Nomau von Arthur Zapp.

Hans Meinhard richtet sich noch straffer in die Höhe; seine Mienen nehmen noch einen entschiedeneren Ansdruck starrer Zurückhaltung an.

„Pardon", erwidert er kühl, „mein Entschluß ist reif­lich überlegt, so sehr ich auch bedaure, Ihrem Fräulein Schwester eine Zerstreuung rauben zu müssen. Die Fahrt dauert ja nur noch kurze Zeit uitd für Miß Hillyard wird es ja keine weiteren Folgen haben, wenn ihre Finger rin wenig außer Uebung kommen."

Der Amerikaner nickt.

„Wie Sie wollen, Mister Meinhard", sagt er sichtlich verletzt und nachdem er dem Künstler das rückständige Honorar behändigt haß verabschiedet er sich mit ge­messenem Gruß. —

Seit dem ersten Tage der Fahrt isl das Deck nicht so belebt gewesen von promenirenden. Plaudernden und an­dachtsvoll in stummes Schauen versunkenen Passagieren, deren Blicke sich an dem ihnen bietenden Naturfchauspiel weiden.

Es ist ein wunderschöner, stiller Abend, der heraus­kommt. Keine Brise, keine Böe stört das Gleichgewicht der stlunm Bewundernden, kein Nebel, kein Dunst be­einträchtigt dm Ausblick. Die Sonne geht nieder; tief­goldiger Glanz strahlt am Horizont und darüber breitet sich heller Purpur. Wie ein mächtiger, feuerglühender Ball steigt sie in hoheitsvoller Größe ins Meer und die See schimmert in den berückendsten Farbenspielen: in

tiefem Blau, in mattpurpurnein Roth, in gleißendem Gold. Hier spiegelt sie grüne Streifen, dort violette Welligen, hier blitzt es wie blinkender Stahl, dort glitzert es wie eitel Silber. Nun werden die Farben dunkler, matter wird derSchein, nun taucht sie ganz hinab, die ge­waltige Sonne, und der stille Abend breitet seine Schatten über die weite, weite Wasserwüste.

„Großartig,, gnädiges Fräulein, wie?" sagt Leutnant von Mägdewitz, der etwas abseits von den klebrigen neben Miß Hillyard an der Brüstung lehnt. „So etwas be­kommt man doch zu Lande nicht zu sehen. Bedaure wirk­lich, daß ich seinerzeit nicht bei der Marine eingetreten. Wirklich beneidenswerth die Herren Kameraden zur See! Wahrhaftig, allein um das zu sehen, verlohnt sich die Fahrt über den Ocean — das große Glück, das gnädige Fraulein kennen und bewundern gelernt zu haben, nicht einmal mitgerechnet."

Me Amerikanerin erwidert nichts. Sie steht, leicht vornüber geneigt, das Gesicht dem Wasser zugekehrt; ihre Augen ruhen mit sinnendem, träumerischem Ausdruck auf der See; ihre Unterarme liegen aus der Brüstung, ihre Hände hängen herab.

.Letzt finkt sie hinab I" ruft der Leutnant in wirklicher Begeisterung. „Sehen Sie doch nur, gnädiges Fräulein, dieses bestrickende Schauspiel! Welch ein Farbenspiel! Welch eine unendliche Fülle von ineinanderfließenden Nüancen und Schattirungen. Der reine Kongreß von allen nur denkbaren Farbentönen!"

Die Miß nickt langsam. Von ihren Lippen kommt nur ein leises Flüstern.

„Ja, es ist wunderbar schön!"

„Nicht wahr, es ist einzig, einfach unbeschreiblich? Und was für eine Stimmung das erweckt! Es wird einen: so — ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll — so merkwürdig eigen. Es überkommt einen eine so weiche, melancholische, sehnende Stimmung." Er beugt sich zu ihr hinab und nähert sein Gesicht dem ihren und mit gefühlvollem, fast girrendem Ausdruck wispert er ihr . ins Ohr: „Man fühlt sich so —- —- so unwiderstehlich ge­trieben, sich einer gleichgestimmten Seele anzuvertrauen, seine Gefühle und Empfindungen in einen mitfühlenden Busen zu ergießen. O mein verehrtes, theures Fräulein, dürfte- ich hoffen, daß Sie mich verstehen, daß Sie unter dem Bann derselben unentrinnbaren Macht flehen, daß Sie von demselben Impuls durchzuckt sind, wie ich in diesem Augenblick?!"

Sie erwidert nichts; ihr Haupt ist noch tiefer herab­gesunken, sodaß er den Ausdruck ihres Gesichts nicht er­kennen, sondern nur einen Theil ihrer linken Wange sehen kann. Verstanden haben muß sie ihn aber ja doch, da er in ihrer unmittelbaren Nähe steht, da sein Mund fast ihr Ohr berührt. Sie erwidert nichts, sie wider- spricht also nicht, sie weist ihn nicht zurück, seine kühnen Worte finden also ein klingendes Echo in ihrer Brust. Nach Mädchenart schweigt sie natürlich schämig und spielt die Ueberraschte und wartet, bis er ihr „ja" von ihre» Lippen geküßt hat.

Triumphirend strahlt das Antlitz des von seinem Glück Berauschten. Hurrah! Er hat es ja gewußt. Na ja, wäre auch noch schöner, wenn man nicht einmal solch ein schwaches Mädchenherz besiegen könnte.

Herr von Mägdewitz sucht die Lippen der still in sich Versunkenen. Aber sie hat ihr Antlitz halb abgewendet und er muß sich begnügen, ihre Wange zu küssen. Da schnellt Miß Hillyard mit einem leisen Aufschrei empor und -sieht den neben ihr Stehenden :nit erschreckten Augen an. .

„Bestie!" flüstert er trunken vor Freude. „Meine an- gebetete, süße Bestie, ich liebe Dich!"

Sie sieht ihn mit einem so starren, geistesabwesenden Ausdruck an, daß dem siegesgewisseil Leutnant doch ein wenig bänglich zu Muthe wird.

„Ich verstehe Sie llicht, Herr von Mägdewitz. Sprechen Sie überhaupt zu mir?"

Sie sieht über ihre Schulter zurück, als vermuthe sie, daß Jemand hinter ihr stehe, den: des Leutnants Worte gegolten.

„Aber, meine theure Miß Bestie", sagt er, all seineil Muth zusammennehmend, „gewiß sprach ich zu Ihnen. Die Stimmung riß nach hin und Ihr Stillschweigen er- lnuthigte mich. Ihnen zu gestehen, was ich, seit ich Sie kenne, im Herzen mit mir herumtrage. Sie haben doch meine Worte gehört, Miß Bestie?"

Sie zieht streng die Angenbraueir zusamiuen; die intime Anrede scheint ihr Mißbehagen zu erregen. Aber gleich darauf gleitet ein etwas boshaftes Lächeln über ihre Züge.

„Sie müssen schon verzeihen, Herr von Mägdewitz",

erwidert sie, „ich habe wirklich gar nicht darauf hingehört. Ich weiß gar nicht, daß Sie überhaupt zu mir gesprochen haben. Noch einmal: excuse me! Ich war so tief in Gedanken. Was haben Sie denn gesagt zu mir?"

Er rafft sich zusaminen. Seine Augen blitzen ent­schlossen.

„Daß ich Sie liebe, Miß Bestie."

Ein ironisch bedauernder Ausdrrick zuckt in ihren Mienen.

„Und das habe ich nicht gehört? Wie schade! Ich muß wirklich sehr in Gedanken gewesen sein. — Aber was soll ich Ihnen nun antworten, Herr von Mägdewitz?"

Muth und Hoffnung sluthen wieder in'der Seele des Leutnants lind er greift nach ihrer Hand.

„Daß Sie mir nicht zürnen, Miß Bestie, daß ich hoffeil darf —"

Sie unterbricht ihn mit einem energischen Kops- schütteln. Ihr Gesicht wird Plötzlich ganz ernst.

„Nein, Herr von Mägdewitz. Ich würde lügen, wenn ich sagte, daß Sie hoffen dürfen. Ihnen zürnen? Nein, das thue ich nicht! Ihr Geständniß ist sehr schmeichelhaft für mich. Aber —" wieder sprüht der Schelm aus ihren Augen -— „aber so unglaublich es Ihnen auch klingen mag: es ist nicht Liebe, was ich für Sie empfinde, sondern Freundschaft, aufrichtige Freund-, schüft und Dank für die Liebenswürdigkeit, die Sie mir alle Zeit erwiesen haben."

Die Wärme, mit der sie ihre letzten Worte gesprochen, machen dein Abgeiviesenen Mlith, noch einen letzten Ver­such zu wagen.

„Aber, vielleicht ist es doch möglich. Miß Hillyard, daß sich diese Freundschaft mit der Zeit in ein wärmeres^ Gefühl verwandelt, wenn es mir gelungen sein wird,. Ihnen zu beweisen —"

Sie schneidet ihm mit einer abwehrenden Hand­bewegung die Rede ab.

„Ich glaube, daß es zri spät dazu ist, Herr vott Mägdewitz."

»Zu spät?"

„Ja, denn ich glaube, daß mein —" sie unterbricht sich jäh.

„Nein, Herr von Mägdewitz, glauben Sie mir, wir Passen überhaupt nicht'zu einander. Sie werden in Amerika viel hübschere, liebenswürdigereMädchen finden, als ich bin

„Me, Miß Hillyard, nie!"

„Und Sie lverderl noch einnial", fährt sie fort, ohne seinen Einwurf zu beachten, „mit Huinor und einem Ge­fühl der Zufriedenheit an heute Abend zurückdenken. Und nun kominen Sie, lassen Sie uns hinabgehen in den Salon. ES fängt schon an kühl zu werden. Finden Sie nicht?"

Er steht mit einern ganz zerknirschten und verstörten Gesicht vor ihr. Die Ernüchterung ist zu grausam und bringt ihll ganz aus seinem Selbstgefühl »nb seiner sonst so sicheren Haltung.

„Pardon!!" stottert er. „Ich möchte doch — Sie verzeihen — ein bischen frische Luft wird mir —" (Fortsetzung folgt.)

9. Langg;«§se 9.

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