I Beilage ;mii Wiesba-ener Tagklntt.
Uo. 186. Astend-Ausgabr.
Montag» den 22. April.
49. Jahrgang. 1901.
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Der große Weltenbaumeiftcr stirbt nicht; Jeglich Jahrhundert ist ein Quaderstein,
Den er zu früher», schon gefügten. legt;
Indes Geschlechter steigen stufenweis'.
Andersen.
*999*
(22. Fortsetzung.)
(Nachdruck verboten.)
Gerettet!
Roman von Matter Schmidt -Kaßker. Stuttgart.
>,Aber ich habe es ja bei Verschiedenen schon ange- veutet, baß Du uns nachher überraschen wirst! Du kannst und darfst mich doch nicht so bloßstellen. Weißt Du lvas?
Zieh' Dich ein halbes Stündchen dort in die Ruine zuruck und schüttle ein paar hübsche Verse aus dem Aermell ^ch weiß ja, wie leicht Dir so was wird. Thn' mrr's zu Lrebe, bitte, bitte! — Willst Du?"
Heinrich mußte unwillkiirlich lächeln über die Erregung alten Herrn, dem früher seine schnell geachteten Verse immer ein Gegenstand des Spottes geilen waren, und sagte: „Na gut, Papa, ich werde mich Dir zu LrÄe m die freiwillige Gefangenschaft begeben. Wenn es Dir Freude macht, soll's mir auf eine halbe Stunde Weltabgeschiedenheit nicht ankommen!"
Glückstrahlend reichte der alte Papa seinen! Sohne d,e Hand, und dieser erhob sich lächelnd und ging langsam dm Hügel hinan, nickte von oben dmi Alten lustig zu und verschand in der Thür der alten Ruine.
g Das baufällige Gemäuer wurde seit Jahren sorg- lüg gehütet, benn es verlieh tatsächlich der ganzen aldparthie einm eigenartigen poetischen Reiz, und im vergangmen Jahre hatte Großmann, um das Innere gegm das Eindringen von allerlei Gesindel zu schützen, gegen Vagabonden und Handwerksbnrschen, die oft muth- wrlllg die Reste der Trepven und das eiserne Geländer oemolirten, an die schwere eichene Pforte einm neuert Beschlag und ein mächtiges Schloß machm lassen.
Für dm heutigen Festtag diente der kellerartige, küchle Raum des Gemäuers dazu, um die Biertonnen für das Waldfest aufzuhebm und die für die Bowle nöthigen Flaschenbatteneen zu beherbergm.
Die Pforte knarrte in ihren rostigen Angeln und ttrsttg vor sich hmpfeifmd überschritt der junge Dichter die moosuberwucherte Schwelle. Zwitschernd und flatternd stob ihm zu Häupten eine aus ihren Schlupftvinkeln mfgeschmchte Schwalbenschaar enrpor und schoß über Am, wo kein Dach dm Ausgang wehrte, in die blaue Ätst hmaus. Dann war es wieder still, feierlich still um ihn her! ^ Er stieg die breitm Steinstufm empor, zwischen derm Ritzen sich Farren und kleine Haselbüsche hervordrangten — eine smaragdgrüne kleine Eidechse schoß blitzschnell über die schlüpfrigen Steine — ein wilder Rosmbusch hielt mit zahllosen Dorum seinen Aermel fest — und endlich stand er droben auf der grünen Rasenfläche, wo einstmals wohl ein Söller gewesen sein mochte, von wo schlanke Ritterfrauen den heim- kehrendm Jägern entgegenwinkten.
Wmn er sich ein wmig reckte und über die steinerne Ballustrade hinunterblickte, konnte er durch die schlankeii Birken und lichtgrünen Buchen die Gruppen der fröhlichen Gäste sehen, die am Fuße des Hügels lagertm, und leise und lockmd klang von fern das Gewirr der Stimmen und die lusügen Klänge der Musik in sein seltsames Versteck. Aber es war wirklich hier obm poetisch und stimmungsvoll — wie ein Stückchen Märchen inmitten des buritm Alltagslebens.
Er streckte sich lang ins Gras — ein heiteres, wunschloses Behagm überkam ihn, und während er dein Spiel zweier Schmetterlinge zuschaute, die sich über die Büschel der Wiesmblumen hinjagten, nahm er Notizbuch und
Bleistift aus der Tasche und versuchte seine Stimmung und seine Gedanken in Reime zu bannen!
Währenddessen begann die Gesellschaft drunten immer fröhlicher und animirter zu werderi, und einige junge Herren hatten ein Pfänderspiel vorgeschlagen, das mit allgemeinen! Beifall aufgenommen wurde. — Nur Beate war ein wenig einsilbig geworden und hatte, als Werner sie fragte, über Kopfweh geklagt. Es hatte sie offenbar verstimmt, daß Heinrich, ohne sich zu entschuldigen, plötzlich verschwunden war — und nicht wiederkam. Sie hätte gern den alten Großmann gefragt, wo er geblieben sei, aber ein unbestimmtes Gefühl hielt sie davon zurück. Als die ganze Gesellschaft sich zuin Pfänderspiele schaarte, stand sie unbemerkt auf und trat zur Seite, lehnte ihre Theilnahrne ab unter dein Vorwand, nicht ganz Wohl zu sein, und stand, mit dem Rücken an einen Baum gelehnt, das bunte ausgelassene Treiben mit gleichgültigen Blicken betrachtend.
Gerade ihr gegenüber sah sie Werner neben Erika unter einer breitästigen Buche sitzen, ganz verloren in sein junges, seliges Glück, versunkm in die Augen der Braut, theilnahmslos für Alles, was um ihn her vorging.
lind da stieg mit einem Male ein seltsames, nie gekanntes Gefühl in der jungen Menschenbrust auf, wie ein physischer Schmerz, der ihr das Herzchen qualvoll zusammenpreßte.
Sie kam sich überflüssig vor — zum ersten Male in ihrem ganzen Leben! lieber flüssig! —
Dort der Bruder, dem sie bisher Alles gewesen, dessen ganzes Leben sie ausgefüllt hatte, dachte nicht an sie, kümmerte sich nicht um die kleine verwöhnte Schwester, die hier so mutterseelenallein an dein Birkenstamm lehnte und sehnsüchtig zu ihin hinüberschaute.
All die fröhlichen Menschen um sie her dachten nur an ihr Vergniigen, an das alberne Spiel, jagten lachend und mit erhitzten Wangen an ihr vorbei durch die Büsche, ohne sich nach ihr umzuschauen und Keiner hatte das Be- dürfniß, sie zu fragen: „Was fehlt Dir?! —"
Wußte sie's denn selbst? — lind doch war ihr mit einein Male so weh um's Herz, daß es brennend heiß in ihren Augen aufsüeg und ein paar große Thränen über ihre Wangen rollten.
Und daß auch Heinrich sich so fortgestöhlen hatte, sich so gar nicht um sie kümmerte, das einpfand sie am bittersten, und in ihrer Seele bäumte es sich ernpor wie Trotz und Zorn.
Sie wollte ihn gar nicht jetzt sehen, wenn er kam, wollte chm nicht begegnen, Niemandem, sie wollte allein sein!
Langsarn wendete sie sich um, ging zwischen den Stämmen hin, wie eine Traumwandelnde, und Schritt für Schritt erstieg sie den Hügel, der zur Ruine empor- führte.
Immer weiter lag der Festplatz hinter ihr, immer entfernter klang das Lachen der Festgenossen, das ihr so weh that und so häßlich mit ihrer Stimmung kontcastirte, und droben endlich auf der Anhöhe, als sie nur das Rauschen des Abendwindes in den Wipfeln und das Gezwitscher der Schwalben hörte, athmete sie erleichtert auf Die eichene Thüre stand halb offen — sie blickte hinein.
Drinnen war Alles still — nur im hohen Grase zirpte eine Grille.
Einige Augenblicke stand sie so — traumverloren — einsam inmitten der schweigenden Natur.
Da hörte sie hinter sich Schritte, schwere Männerschritte auf dein Steingeröll hinter der Ruine, und instruktiv huschte sie über die Schwelle und trat hinter emen der breit vorspringenden Mauerpfeiler, um die Kommendeil vorüberzulassen.
_ „ "?? A at , der Johann wieder den Schlüssel stecken lassen! horte sie eine barsche Stimme, während gleich- zerüg draußen die Ankönnnlinge stehen blieben
„Da kann ja Jeder, der Lust hat, Wein holen und
Bier zapfen, so viel wie er will!" — „Wie viel Flaschen sollst Tu denn bringen?" — „Vorläufig sechse", ant- Ivortete eine hellere Stimme, die offenbar einem Knaben gehörte, „nachher soll ich erst die anderen holen!" — „Na, dann warte mal hier", brummte der Erste, „ich werd' sie Dir holen".
Damit stolperte der Betreffende über die Schwelle, und mit hochklopfendem Herzen drückte sich Beate tiefer in die Mauernische, um nicht entdeckt zu werden.
Dann hörte sie das Klirren von Flaschen, die der Eine dem Anderen auf den Arm packte; darauf gingen Beide zur Thür hinaus — die schwere Pforte fiel dröhnend ins Schloß, und mit Erschrecken hörte sie, wie der Schlüssel sich kreischend im Schlosse drehte und dann heransgezogen wurde.
Und die Schritte entfernten sich — die Stimmen der Beiden wurden leiser und undeutlicher, bis sie sich nach und nach ganz in der Ferne verloren.
Sie war allein — gefangen!
Eine Zeitlang stand sie so zu Tode erschrocken, ohne sich zu rühren, ohne einen klaren Gedanken fassen zu können. Alles das hatte sie so überrunipelt, war so plötzlich gekommen, daß sie noch immer nicht zum Bewußtsein der Situation kommen konnte. Es war ihr Alles wie ein Traum. Endlich wagte sie einen Schritt vorzu- thun — sich in ihrem Gefängnisse umzublicken.
Sie befand sich in einem zieinlich großen, hofartigen Raume, der ganz mit wildwucherndem Grün bewachsen ivar, das sich auch an allen Seiten, aus allen Ritzen und Brüchen des Maueriverks hervordrängte. Ihr gegenüber führte eine moosige, halbverfallene Steintreppe hinauf, und von droben fiel in breiter Welle das purpurne Licht des Abendrothes drüber her, ein Beweis, daß sich über ihrem Gefängnisse kein Dach, sondern Bäume und Himmel wölbten.
Sie war von Natur nicht furchtsam, und wenn ihr jetzt das Herz ein wenig schneller schlug als sonst, so war es nur das Gefühl der plötzlichen absoluten Einsamkeit, des unfreiwilligen Nbgeschnittenseins, das sie unbehaglich berührte — sonst Nichts!
Plötzlich stutzte sie — und hielt den Athem an! — Sie glaubte zu träumen, und in heißer Welle schoß ihr das Blut ins Gesicht!
Von droben — dort, wo das Abendroth aus der weiten Bogenöffuung fiel — tönte eine menschliche Stimme zu ihr, eine Stimme, die sie kannte, die ihr wie der Gruß eines Engels erschien. Sie rührte sich nicht, starrte lächelnden Mundes empor und lauschte. Es waren Verse, die zu ihr herunterklangen aus der schweigenden Abendluft, Verse, die ihr innerstes Herz erbeben machten in unsagbaren! Glück, in heißer, zitternder Seligkeit. Verse eines Gedichtes klangen zu ihr herunter, das Heinrich vor nicht langer Zeit auf sie gemacht, das ihr galt und das er ihr zugesandt hatte mit einem duftenden Strauß erster Frühlingsveilchen!
Er war also hier, zu ihm rief sie das Schicksal gerade in dem Augenblicke, wo sich ihr Herz so vereinsamt fühlte, und unwiderstehlich hörte sie es aufjubeln in ihrer Brust in bangern, seligem Entzücken.
Sie stand und lächelte, wie in einem süßen Bann befangen, fast hörbar schlug ihr das Herz, und glühend heiß stieg es in ihren Wangen einpor.
Sie legte die Hand auf das Eisengeländer, Schritt für Schritt stieg sie die Treppen einpor, als wenn un- ichtbare Hände sie leiteten, fast gegen ihren Willen, und gerade als Heinrich droben den letzten Vers in zärtlicher Sehnsucht in die Dämmerung hinausflüsterte und sich langsam umwandte, fiel sein Blick auf die leichigekleidete Mädchengestalt, die mit leuchtenden Augen und lächeln- den Lippen zwischen den blühenden Gebüschen auf der Steintreppe des Gemäuers vor ihm aufstieg.
(Fortsetzung folgt.)
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