Übliatowr Tägtilätt
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Verlag: Langgafse 27.
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Die Kafferngefahr in Südafrika.
Kein Tag ohne neue Sorge! So können die Eng »ander in Südafrika sagen, denen dort zu den alten Sorgen immerfort neue Sorgen erwachsen. Die tägliche Verlustliste der Engländer redet schon an sich eine deutliche Sprache. Neben der Liste der Gefallenen wächst die der Maroden, Kampfunfähigen und Kranken voii Tag zu Tag ins Ungeheure an. Neben denk Typhus, der schon lange unter den englischen Soldaten grassirt, fordert die Pest tagtäglich ihre Opfer. Aber noch weit bedrohlicher ist die Wirkung der Pest auf den Transportdienst, dre Verproviantirung und die Truppennachschübe, und die Lage der Engländer würde sich noch weit bedenklicher gestalten, wenn sich jetzt auch, wie es den Anschein hat. die Pest außer in Kapstadt auch in Port Elizabeth festsctzen sollte, welches seit der Pestverseuchung Kapstadts den wichtigsten Kriegshafen der Engländer in Südafrika bildet.
Zu all diesen Sorgen kommt jetzt eine neue, die noch weit ernsthafterer Natur ist. oder es wenigstens iverdeii kann. Englische Quellen selbst berichten, daß in Natal eme umfangreiche Kaffernverschwörung fest- gestellt worden sei. deren Ziel dahin geht, das Land. Welches ja die Engländer einst den Kaffern genommen haben, wieder zurückzuerobern und die Oberherrschaft der Weißen abzuschütteln. Die Führer dieser Bewegung, dereir Parole lautet: „Afrika den Afrikanern!", sind sogmannte unabhängige Geistliche schwarzer Hautfarbe, und die Erhebung gegen die Weißen wird durch Blätter geführt, welche in der Sprache der Eingeborener: gedruckt sind.
Sonderlich überraschen kann diese Nachricht den, der den Ereignissen in Südafrika mit Aufmerksamkeit ge-
l ft, keineswegs. Wir haben schon vor Beginn des südafrikanischen Krieges und wiederholt auch im Verlaufe desselben darauf hingewiesen, daß die Folge des mörderischen Kampfes der Weißen untereinander die sein werde, daß die bis dahin im Zaun gehaltene Kaffernbevölkerung sich gegen die Herrschaft der Weißen auflehnen werde. Wundem kann inan sich nicht über die jetzt aus Natal gemeldete Kaffern-Bewegung, sondern höchstens darüber, daß die Kaffernstämme in Südafrika sich bisher verhält- mßmäßig ruhig verhalten haben.
Welche unermeßliche und unübersehbare Gefahr darin liegen würde, wenn die Bewegung in Natal um sich greift «nd auch auf die anderen Kaffernstämme in Südafrika ubergreifen würde, geht am dentlichsten daraus hervor, «aß die schwarze Bevölkerung in Südaftika der weihen um weit mehr als das Dreifache an Zahl überlegen ist. An Natal, wo sich die Kaffern jetzt zuerst regen, zählt die Kaffernbevölkerung, die der weißen hier um das Fünffache überlegen ist. ungefähr 450,000 Köpfe. In der Kapkololnie ist die farbige Bevölkerung mit rund i
1,150,000 Köpfen dreimal so stark als die weiße Bevölkerung. Im Basutoland. wo sich kaum tausend Weiße aufhalten, zählt die recht kriegerische Bevölkerung mehr als 200,000 Köpfe, im Swaziland, wo Weiße überhaupt kaum zu finden sind, zähle,: die Kaffern 60,000 Köpfe. Das stärkste llebcrgewicht aber haben die Schwarzen in Rhodesia, wo die Weißen nur ca. 13,000 Köpfe stark sind, während die Matabeles. welche nicht minder kriegerisch sind als die Basutos, mindestens eine halbe Million Köpfe stark sind. In der Transvaal-Republik endlich beträgt die Anzahl der Kaffern ca. 600,000, im Oranje-Fre,staat ungefähr 130,000.
Mithin beträgt die Kaffernbevölkerung des von den Krwgsunruhen berührten südafrikanischen Gebietes rund 3 Millwnen Köpfe, sodaß die Weißen sich bei einer allge- meinen Erhebung der Schwarzm einem Massenheer von über einer halben Million Neger gegenübersehen können. Hiervon kann freilich Vorläufig nicht die Rede sein, denn eminal scheint es sich bisher nur um eine lokale Bewegung nr Natal zu handeln und andererseits fehlt es den Kaffern Südaftkas an irgend einer Organisation und, bis auf me Basutos und die Matabeles, auch an Waffen und an Muth.
Kann somit bis auf Weiteres kaum von der Gefahr eines allgemeinen Kaffernaufstandes gesprochen werden, so müssen die Engländer doch, wenn der Krieg sich noch lange Zeit hinzieht, mit der Möglichkeit eines Kaffernaufstandes in Natal, iin Basutoland und Rhodesia rechnen, wo die Stärkeverhältnisse für die Kaffern ain günstigsten liegen, wie es aus den vorher wiedergegebenen Ziffern hervorgeht. Besonders die Basutos, welche zwar unter der britischen Oberhoheit stehen, aber in der Praxis ihre Unabhängigkeit behauptet haben, bilden mit ihren nahezu 50,000 meist gut bewaffneten Kriegern eine schwere Gefahr für die Engländer. Und die Matabele- Neger in Rhodesia sind ebensowenig wie die Basutos jemals unterworfen worden, sondern auch hier ist die Herrschaft der Chartered-Company im größten Theil des ungeheuren Gebietes nur eine nominelle. Regen sich die Kaffern erst auch in anderen Gebieten als in Natal, dann könnte das die englische Regierung leicht dazu veranlassen, den Bure,: wesentlich günstigere Friedensbedingungen anzubieten. Denn die bei der Fortsetzung des mörderischen Kampfes der Weißen gegeneinander ständig wachsende Gefahr einer Erhebung der Kaffernstänune in Südafrika ist von so ungeheurer Tragweite, daß die Engländer keine Neigung haben werden, diese Gefahr muth- willig heranfzubeschivören.
Aus Stadt und Land.
Wiesbaden, 19. April.
Schulbeginn nm 7 Uhr Morgens.
Diese Frage, welche auch für Wiesbaden in weitesten Kreisen von aktuellem Interesse ist, wurde kürzlich in der „Frankfurter Zeitung" einer lebhaften Besprechung unterzogen. Da hier, gleich wie in Frankfurt, gewichtige Stimmen dafür
laut werden, den Schulbeginn von 7 auf 8 Uhr Morgens zu verlegen. so glauben wir, die betreffenden Artikel des Frankfurter Blattes unseren Lesern nicht vorenthalten zu sollen. Nervenarzt Dr. Otto D o r n b l ü t h - Frankfurt spricht sich wie folgt auSr „Die ich rief, die Geister, wcrd' ich nicht mehr los", werden die Meisten sagen, die sich für den Schulbeginn um 7 Uhr verwendet haben. Als unsere Schuljugend auch in den heißen Sommermonaten mit Nachmittagsunterricht von 2 bis 4 Uhr geplagt wurde und man die üblen Folgen dieser Anspannung und den geringen Erfolg der Belehrung übermüdeter Kinder täglich vor Augen sah, mußte jeder Kinderfreund die Verlegung des ganzen Unterrichts auf die Vormittagsstunden mit Freuden begrüßen. Man wollte dann gleich ein Uebriges thun und legte, um den Kindern auch die heiße Stunde von 12 bis 1 zu ersparen, den Unterricht auf die Zeit von 7 bis 12 Uhr. Das klingt wirklich sehr einleuchtend, 7 Uhr ist für den Sommer keine übermäßig frühe Stunde, und so waren gerade die Aerzte die eifrigsten Verfechter der neuenOrdnung. Man sagt freilich, daß die Väter schulpflichtiger Kinder schon sehr bald ihre ärztliche Meinung geändert hätten. In Wirklichkeit bedeutet ja der Schulbeginn um 7 Uhr, zumal bei großstädtischen Entfernungen, ein Verlassen des Elternhauses um 6% Uhr, und wenn die Eltem pflichtmäßig selbst dafür sorgen wollen, daß der Schüler sich gründlich wäscht und in Ruhe und genügend frühstückt, so fällt die Stunde des Weckens für di- ganze Familie schon mehr oder weniger weit vor 6 Uhr. Das ist aber entschieden zu früh, wenn man bedenkt, daß gerade an heißen Tagen das Bett nicht so früh ausgesucht werden kan». Kinder in, Schulalter bedürfen eineS 9-stündigen Schlafes für die oberen, eines 10-stündigen für di« unteren Klassen, und diese Zeit bringt man im Hochsommer einfach nicht heraus. Treibt man aus Grundsatz die Kinder wirklich zu der berechneten Zeit ins Bett, so schlafen sie doch nicht ein, weil das Zimmer und die Luft noch zu wenig abgekühtt sind. Diese allgemein bestätigten Erfahrungen haben die ärztlichen Meinungen sehr beeinflußt, und ich habe nicht nur hier in Frankfurt, sondern auch an anderen Orten gefunden, daß ärztliche Autoritäten jetzt entschieden für den Schulbeginn um 8 Uhr eintreten. Vielleicht könnte man für Frankfurt den Mittelweg Anschlägen, die Schule, wi« in den dunkleren Wintermonaten, um sy 2 Uhr, im Sommer um 7% Uhr beginnen zu lassen. Sicher wäre das für April, Mai und September das Geeignetste. Ich möchte aber den Einwand, daß im Hochsommer die Stunde von 12 bis 1 durch die Hitze besonders ungünstig für den Unterricht sei, überhaupt nicht gelten lassen. Die fünfte Unterrichtsstunde hat stets eine verminderte Leistungsfähigkeit aufzuweiscn. und ich gebe gerne zu, daß diese Unvollkommenheit durch die Mittagshitze des Hochsommers gesteigert werden kann, sie wird aber jedenfalls noch viel größer, ivenn die Schüler nicht ihren genügenden Nachtschlaf gehabt haben. Wie andere Nervenärzte, bin auch ich durch Beobachtungen überzeugt worden, daß der Mangel an Schlaf die Leistungsfähigkeit des Nervensystems und das Gesammtbefinden mehr schädigt, als irgend eine andere Schädlichkeit. Physiologen haben das durch den Thierversuch bekräftigt: Thiere, die man nicht zum Schlafen kommen läßt, gehm früher zu Grund, als wenn man ihnen keine Nahrung giebt." — Ein Prof. W. P. im Elsaß. Direktor einer dortigen Realschule, knüpfte hieran nachstehende Bemerkungen: „Ich selbst habe an der von mir geleiteten Anstalt in den beiden letzten Sommern den Schulbeginn um 7 Uhr praktisch erprobt und bin zu dem Ergebniß gekommen: Nie wieder. Da bei diesem Versuche
Feuilleton.
Fürst Krnpoltüns Memoiren.
Im Verlag von Robert Lutz in Stuttgart ist ei,: ungewöhnlich interessantes Werk erschiene,:: Die „Memoiren eines Revolutionärs" in 2 Bänden von dem russischen Fürsten Krapotkin. Der Verfasser Peter Krapotkin ist. so urtheilen „Westermanns Monatshefte", ein geistreicher, hochgebildeter Mann, dessen Welt- und Menschenbetrachtung durch den leichten Anflug von Ironie nur noch interessanter wird. Wechselvoller und stürmischer noch als das Tolstois verläuft sein abenteuerliches Leben. Zunächst Page am russischen Kaiserhof. dann Offizier, wird er m die revolutionäre Bewegung verwickelt, 1873 verhaftet und drei Jahre lang in der Peter-Paul-Festung gefangen gehalten. Seine höchst romantisch bewerkstelligte Flucht bringt ihn nach England, dann in die Schweiz und Jff}.),. Frankreich, von wo er für seine Ideen eine rege Thatigkeit entfaltete. Eine feurige Freiheitsbegeisterung ohne aufdringliches Pathos und ohne alle eitle Selbst- bespiegelung geht durch die Aufzeichnungen, die eine reine Liebe für die Sache athnien. Man braucht diese nnnen Augeiiblick zu seiner eigenen zu inachen und wird doch reichen Stoff zur Ueberlegung und zum Nachdenken in den Blattern finde». Sie sind ein Beitrag zur Seelenkunde des modernen Rußland, wie es außer den Tolstoi- iciien Schriften wenige oder gar keine giebt. Krapotkins Leben ist ein Spiegelbild dieser socialen Zustände. Wie Tolstoi ,st auch er Idealist durch und durch, ein Idealist nm, der weit davon eutsernt ist. neben der Religion etiva, wie es sein großer asketischer Volksgenosse thut, we Kunst und Wissenschaft gering zit schätzen. Mit der Schilderung der in Moskau und auf den, Lande idyllisch
verlebten Kindheit setzen die Erinneriingen ein. Patriarchalisch-friedliche, aber auch herzerschütternd grausame sociale Bilder aus dem russischen Volksleben wechseln mit- einander ab. Eines der letzteren sei hier wiedergegeben, als Beispiel, wre zur Zeit der Leibeigenschaft die russische,: Gutsherrn m,t ihren „Seelen" — so nannte man seltsamer Werse die Leibeigenen — umgehen durften.
„Eine unserer Mägde. Pauline, oder, wie sie gewöhnlich hreß, „Polja", hatte die seine Stickerei gelernt und leistete darin Bedeutendes. In Nikolskoje stand ihr Stickrahmen in unserer Schwester Helenens Stube uiid oft nahm sie an unserer Unterhaltung Theil. Ihrem Benehmen und :hrer Sprache nach glich Polja mehr einem gebildeten jungen Mädchen als einer Hausmagd.
S:e beging einen Fehltritt und iiierkte, daß sie bald Mutter werden würde. Sie erzählte Alles meiner Stief- mutter, die m heftige Vorwürfe ausbrach: „Ich will dieses Geschops nicht länger in meinem Hause haben! Ich will wlche Schande nicht länger in meinen: Hause dulde,: I O, das schamlose Geschöpf!" und so weiter. Helenens Thränen konnten nichts ändern. Polja wurde das Haar kurz geschnitten und sie selbst in eine Meierei verwiesen Da sie aber gerade eine besonders feine Stickerei ange- fangen hatte, mußte sie diese in einer schmutzigen Hütte der Meierei an einem kleinen Fensterloch vollenden Sie „rächte sie fertig und „och zahlreiche andere Stickereien, immer in der Hoffnung, sie würde Verzeihung finden. Dach die Verzeihung blieb aus.
Der Vater ihres Kindes, der Diener eines benachbarten Gutsbesitzers, bat flehentlich um die Erlaubniß, sie heirathen zu dürfen, aber da er kein Geld hatte, wies man ihn zurück. PoljaS zu „feine Manieren" wurden als eine Beleidigung empsniiden, und es stand ihr das bitterste Loos bevor. Zu unserem Haushalt gehörte auch ein Mann, der ivegen seiner Zwerggestalt als Postillon Verwendung fand; man nannte ihn allaeniein „fnnmu*
beiniger Filka". Als er noch ein Knabe war, hatte ihn ein furchtbarer Hufschlag getroffen, und seitdem wuchs er nicht riiehr. Seine Beine ivaren krumm, feine Füße einwärts gerichtet, seine Nase zerbrochen und nach einer Seite gewendet, seine Kinnbacken mißgestaltet. Dieses Schreckbild sollte Polja heirathen, und man zwang sie auch gewaltsarn dazu. Das Paar wurde nachher auf unserer Njäsauschen Besitzung angesiedelt." —
Die schaurigen Eindrücke, die der junge Peter beim Ailblick der Leiden des Volkes empfing, legten den Grund zu seiner späteren politisch-socialen Denk- und Handlungsweise. lieber Thal und Höhen bewegt sich das weitere Leben Krapotkins. Hof und Gefängniß, Pagen- corps und Theater, Militär und Proletarierheim, Sibirien und Petersburg, Zürich und Genf, Edinburg und London, Belgien und Paris, abermals die Schweiz, England und Frankreich — das sind die bunt wechselnden Schauplätze des au romanhaften und gefährlichen Situa- tionen überreichen, von der ganzen Bildung seiner Zeit getragenen Buches. Mitte,: aus geologischen Forschungen, die ,hrn die höchsten Erfolge versprechen, reißt den Verfasser der Gedanke an all die Armen und Elenden, denen die furchtbare Sorge um das tägliche Brod alles Licht des Gedankens wehrt. Von Neuen: setzt er sich als ein denmthig lauschender Schüler zu den Füßen des Lebens, und der Reiche, der Gelehrte lernt von den Armeil und llngebildeten. Mag das sociale Ziel, das ihin vorschwebt, eine Utopie sein und bleiben, der Weg zu diesen Vorstellungen und Plänen, de» er uns mitgehen läßt, ist voller behcrzigenSwerther Erfahrungen und humaner Reformgedanken. Der gelehrte Geschichtsforscher wird aus dem Werke ebensoviel lernen können wie der ungelehrte Leser, der für sich in der Seele einer Zeit und eines Volkes lesen möchte. Beigefügt sind der Ausgabe drei Bildnisse, zwei des Verfassers aus verschiedenen Lebensaltern, eines von seiner schönen, sanften Mutter.
