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Dienstag, 25. Mai 1915.

Kbend-Ausgabe.

Nr. 238. ♦ 63. Jahrgang.

Der Krieg gegen Italien.

Ein erfolgreicher erster Vorstoß Ser öster­reichisch-ungarischen Flotte und Flugzeuge.

Der größte Teil der italienischen Ostküste unter dem Feuer der österreichischen Flotte.

W. T.-B. Wien. 24. Mai. (Nichtamtlich.) Amtlich wird gemeldet: Unsere Flotte hat in der auf die Kriegserklärung folgenden Nacht vom 23. zum 24. Mai eine Aktion gegen die italienische O st k ü st e zwischen Venedig und B a r l e t t a nnternommcn und hierbei an zahlreichen Stellen militärisch wichtige Objekte mit Erfolg beschossen. Gleichzeitig belegten unsere Seeflugzeuge die Ballon­halle in Chiaravelli sowie militärische Anlagen in Ancona und das Arsenal in Venedig mit Bomben, wodurch sichtlicher Schaden und Brände verursacht wurden. Flottcnkommando.

*

DieBedeutung dieses erfolgreichen österreichisch-ungarischen Flottenvorstoßes wird erst klar, wenn man sich aus der beisteben- den Karte vergegenwärtigt, daß Barletta im südlichen Italien, an der Küste Apuliens, dem Breitengrad nach unge­fähr aus der Höhe van Neapel gelegen,, von Venedig etwa 700 Kilometer weit entfernt ist. Die tapferen Schiffe unserer Bundesgenossen haben also fast die ganze italienische Ost - küste, jedenfalls aber % ihrer Länge, erfolgreich unter Feuer genommen. Dieser Offensivvorstoß der Flotte gleich­zeitig mit der erfolgreichen Fliegerbeschießung von Ancona und dem westlich von ihm liegenden Chiaravelli bedeutet eine außerordentlich wirksame Eröffnung des Krieges, die ihre moralische Wirkung auf das italienische Volk nicht verfehlen wird. (Venedig, Ancona, Barletta sind auf unserer Karte unterstrichen.)

Oer bedeutende angerichtete Schaden, klneona vom Gros der Flotte beschoffen. Ein Zerstörer erbeutet.

W. T.-B. Wien, 26. Mai. (Nichtamtlich.) Bei der Flottenaktion warf ein österreichischer Flieger 14 Bomben bei Venedig. Am Ar s e n a I entstand ein Brand. Ei» Zerstörer wurde stark be- sch ä d i g t. Bei P o r t o K o r s i n i entstand ein hef­tiger Kampf, an dem ein Zerstörer, der Kreu­zer „No vara" und ein Torpedoboot beteiligt waren. Die Verluste des „Novara" betrugen 4 Mann tat. 8 Mann verwundet. Die Verluste der Italiener sind 10 bis 20 Mann schwerer. Ancona wurde von dem Gros der Flotte beschossen. Bedeutende Zerstörungen wurden angerichtet. zwei Dampfer versenkt, der Neubau auf der Werft demoliert. Bei Barletta wurde der italienische Zerstörer „T orbine" lahm geschossen und ergab sich. 35 Mann der Besatzung, darunter der Komman­dant und die Offiziere, wurden gefangen ge­nommen.

Der Umfang der Italienischen Mobilmachung.

Sr. Lugano, 28. Mai. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Mn.) DaS italienische Mobilisierungsdekret ist außerordentlich um­fassend, insofern sofort auch der L a n d st u r m bis zum Jahrgang 1876 einberufen wird, also 39jährige Landsturm­leute aller Waffen, die Landwehr aller Waffen sind bis zum Jahrgang 1882, die Reserven je nach der Truppen­gattung vom Jahrgang 1886 bis 1892 einberufen worden.

von der „Urieysbegeisterung" der italienischen Truppen.»

Panik in Venedig.

Br. Athen, 25. Mai. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Zahlreiche aus Österreich in Korfu angekonimene griechische Reisende versichern, daß seit drei Tagen un­unterbrochen italienische Truppen nach der Grenze befördert werden. Bei den Soldaten sei aber kern Enthusiasmus zu bemerken. Bei der Bevölke­rung der italienischen Grenzstädte herrsche Ruhe und Niedergeschlagenheit. Venedig werde von allen Personen, die die Mittel dazu besitzen, eiligst verlassen. Die italienischen Behörden hätten Venedig von allen Kunstwerken ent­blößt und diese nach dem Inneren des Landes ge­bracht. Die Kirchen seien mit Holzverschlägen umgeben, über die zum Schutz gegen Flieger­bomben Sandsäcke gelegt würben. Die Kunst­schätze in den Museen wurden in Sicherheit gebracht. Auf den Balkonen der meisten Häuser in Venedig sind Maschinengewehre zur Abwehr gegen Flugzeuge ausgestellt. Unter den Einwohnern der Stadt, die eine Zerstörung von San Marco Vor­aussagen, herrscht völlige Panik.

Angeblich« italienische Rriegspläne

Berlin, 26. Mai. (Ktr. Bln.) Nach einer Drahtnachricht Ser „Löss. Zlg." aus Athen erfährt „Hestia" aus angeblich guter Quelle, daß sich Italien an den Operationen gegen die Dardanellen vorläufig mit 40000 Mann aus seiten der Dreiverbaudswächte beteiligen wird und auch einen kleinen

Teil ferner Flotte stellen werde. Die übrige italienische Flotte werde zwischen der Adria und dem Mittelmeer verwendet wer­den. Die Unterseeboote würden wahrscheinlich den Kriegshafen Pola angreifen. Ferner erfährt das Blatt, daß italienische Truppen in Montenegro zwecks Eroberung von C a t t a r o und Berstärtnng der montenegrinischen Front gegen Dalmatren gelandet werden würden.

Das Hauptquartier Padua.

Mailand, 21. Mai. (Ktr. Bin.) In Deputiertenkreisen wurde gestern erzählt, das Große Hauptquartier Italiens im Feldzuge werde sich in Padua befinden.

Nach dem ersten Rausch — eine nüchterne Betrachtung.

Lugano, 24. Mai. (K. V. Z.) Der Generalstabschef C a d o r n a ist gestern abend über Florenz nach dem Grenz­gebiete abgereist. Die italienische Presse beginnt be- reits ihre Leser auf die Schwierigkeiten oes Feld­zuges vorzubereiten. Der „C o r r i e r e d e l l a Sera" sagt, daß ein Sieg zur S e e für Italien nur mit schweren Opfern zu erringen sei. Er zählt die vielen Verluste der eng­lischen und französischen Flotte auf und meint natürlich, trotzdem habe die deutsche und österreichische Flotte nicht die entfernteste Hosfriung auf den Sieg zur See. Im übrigen dürste es der italienischen Flotte nicht besser ergehen wie der französischen und britischen Flotte. Im Gegenteil, Österreich besitze weit größere Vorteile wegen der natürlichen Ver­stecke im Adriatischen Meere. Das Blatt befürchtet die Be­schießung von Küstenhäfen und appelliert an den opfer­willigen Patriotismus der Bewohner. Man müffe sich auf die Versenkung von Panzerschiffen gefaßt machen.

vie italienische Regierung und der Vatikan.

Br. Berlin, 25. Mai. (Eig. Dvahtbericht. Ktr. Bln.) Die italienische Regierung scheint vorläufig das Garantiegesetz für den Vatikan achten zu wollen. Die Abreise der beiin päpstlichen Stuhle be­glaubigten diplomatischen Vertreter der Zentralmächte ist n i ch t auf ihre Veranlassung, auch nicht auf Veran­lassung des Vatikans erfolgt, sondern bie Regie­rungen selb st haben ihre Gesandten zurückgerufen. Dadurch werden jedenfalls unangenehme Situa­tiv n en vermieden. Ähnlich dürfte sich auch die Havasmeldung aus Rom erklären, derzufolge die bei- den deutschen Geistlichen, Ehrle und Haag, Vor­steher der Bibliothek und der Sternwarte des Vatikans, sowie die deutschen und österreichischen Beamten der Kurie angeblich auf Befehl. des Papstes Rom ver­lassen hätten. Ein solcher Befehl des Papstes ist wohl nicht ergangen, sicherlich dann nicht, wenn diese Per­

sönlichkeiten innerhalb des Vatikans gewohnt hätten; wohnten sie aber außerhalb des Vatikans, dann dürften sie, um Unannehmlichkeiten zu entgehen, aus eige­nem Entschluß Rom verlassen haben. Vorausgesetzt, daß an der MÄdung überhaupt etwas Wahres ist. vie deutschen Gesandten beim Vatikan bleiben in Lugano.

IV. T.-B. Bern, 24. Mai. (Nichtamtlich.) Das Schweizer politische Departetnent teilte seiner Regierung mit, daß die Gesandten Preußens und Bayerns beim Vatikan während der

Kriegsdauer in Lugano Aufenthalt nehmen werden. Es ersuchte die Regierung, die erforderlichen Maßnahmen zu treffen.

Abreise der österreichisch-ungarischen Botschafter am (Juirinal und am Vatikan.

"W. T.-B. Wien, 25. Mai. (Nichtamtlich.) Der Bot- schafter Österreich-Ungarns rn Italien erhielt bereits seine Pässe und reist heute abend im Sonderzug mit sei­nem Personal nach der Schweiz ab, wo der österreichische Zug wartet. Auch der Botschafter am Heiligen Stuhl verläßt mit den Mitgliedern der Botschaft Rom. Den Schutz der österreichisch-ungarischen Staatsangehörigen in Italien über­nahm Spanien.

Oer letzte Gottesdienst in der Rapelle der deutschen Botschaft in Rom.

W. T.-B. Rom, 23. Mai. (Nichtamtlich.) In der Kapelle der deutschen Botschaft im Palazzo Caffareli hat zu derselben Stunde, zu welcher die italienische Regierung dem österreichisch-ungarischen Boffchafter seine Pässe zustellte und hiermit auch der Abbruch der Beziehungen zwischen Deutsche­land Ulld Italien gewiß wurde, ein P f i n g st g o t t e s d i e n st stattgesunden, wozu Fürst Bülow von der Villa Malta her- übergekommen war. Es war der letzte Gottesdienst, der i« dieser Kapelle stattfand, die gerade vor 100 Jahren zum ersten­mal den Deutschen rn Rom ihre Pforte erschlossen hatte, denn der nächste Gottesdienst nach dem Frieden sollte in der neuen deutschen Kirche Via Toscana, welche tunmittelbar vor der Einweihung stand, abgehalten werden. Auf diese historische Erulnerung wies der Botschastsprediger Dr. Schubert zunächst hin und siihrrc dann m ergreifenden Worten aus: Wie schmerzlich es gerade die Deutschen, die in Rom eine zweite Hernrat gefunden haben, empfinden, daß dieser Krieg un­vermeidlich geworden ist. Die Zurückbleib enden er- mahiite er, dem deutschen Vaterland die Treue zu halten, aber auch nlchi zu vergessen, wie viel Freunde Deutschland rn Italien gehabt habe und noch h ä t te. Fürst B ü l o w un- rerhielt sich nach dem Gottesdienst noch mit verschiedenen Mit­gliedern der deutschen Gemeiiide, ehe er nach der Villa Mallg zurückkehr te.

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