■ -n Morgen-Beilage des wierbadener Tagblatts.
Nr. 119. Sonntag, 23. Mai. 19IS.
KltppCtt, (Nachdruck verboten.)'
5[20. Forischuna.) Roman von Helene Schede-Heller,
XVIII.
So wusste Erna Rickling das Glück zu zwingen, in Ihrem neu erbauten Haus zu bleibe>n.
Die Lieb« zu Hilde Roswald und ihrem Kind blieb tief ln Rickliugs Herz eingewurzelt — aber sie hinderte nicht mehr das Emporkommen zärtlicher Gefühle für feine Frau. Und sie wußte und fühlte es.
Eines Abends zur T-ämmerstunde saßen sie wieder beide in seinem Arbeitszimmer.
Und keiner sprach — und keiner wollte Licht machen. UM nicht den Zauber der Wendstunde zu verscheuchen.
Sie konnte ihn deutlich von ihrem Platz aus sehen >— und ihr Herz floß von Licke über.
Da schlich sie zu ihm hin — errötend wie eine schüchterne Braut — und fuhr mit der Hand über feine Haare — und dann über die Stirn — und dann legte sie den Arm um seinen Nacken und zog ganz leise und sanft seinen Kopf an sich heran und küßte ihn wieder und wieder-
Er sah auf — blickte in innige, strahlende Augen'.
„Was ist es, Eric?" fragte er weich.
Wie eine Liebkosung berührte sie der Klang der Stimme — oh — wie sie ihn liebte — wie alles in ihr 'ihm jetzt gehörte.
Sie schlich sich noch näher zu ihm heran.
„Weißt du — weißt du —" sie suchte ihre Worte. „Weißt du. Hans, — ich glaube —" und hielt tune und barg den heißen Kopf in seine Hände.
Da verstand er.
Ein Jubel zog durch seine Seele. Ein Glück, das er erstorben glaubte, leuchtete ihm entgegen:
„Erie — mein Lick — ist es wahr — ist es möglich?" und preßte sie am sein Herz und küßte sie.
Dann sprachen sie von dem Kind, das kommen sollte. Sie sagte, es sollte ein Junge sein und Hans sollte er heißen wie er und ganz dieselben licken Augen , und dieselben Züge haben wie sein Vater.
Die Monate vergingen — wie schöne Sommerkagö — voll Leben und Wärme und Hoffmmgen.
Sie traute kaum, an ihr Glück zu glauben. Saß jetzt stundenlang am Fenster, vor dem die Sonne stand und nähte an kleinen Spitzenhäubchen und träumte von J>em rosigen Gesicht, das.daraus hervorlugen würde — und von den Augen, die gleich Sternen ihr ins Herz scheinen würden.
„Ihr Kind" — wie sie es beide jetzt schon lickten —< schon von ihm lebten.
Das eine Wort barg eine Welt — eine Welt, aus der sie Kraft schöpften, um trotz allem, was die Vier- gangenheit ihnen gckracht hatte, zuversichtlich in die Zukunft hinauszuschauen. ^
Nun war die Zeit verstrichen. t ' Ein armes, schwaches Kind lag in der Wiege, schrie Und rang nach Atem.
Der Arzt sagte, es könne mir einige Stunden lcken.
Er ist ein alter Mann — hat schon viel Elend gesehen — sich fast an den Tod und Krankheit gewöhnt — und fühlt sich doch erschüttert, wenn er in Ricklings, heiße, tränenlose Augen blickt.
Er hat alles versucht und kann nicht helfen. Das Lcken entweicht; er kann es nicht zurückhalten.
Rickling ninmut sein Kind .in die Arme und sicht es an lange — lange. —
Ein Junge ist es — sollte Hans heißen, wie er —- ein Dichter werden wie er — ausgewachsen zwischen ihnen und ihre Welt und ihre Zickunft sein-jetzt —
Jetzt war zum zweiten Mal seine Welt zertrümmert.
Das Kind würde nie sprechen, nie lachen — nie sich freuen. Es war gekommen und würde gchen, ehe man etwas von ihm hatte wissen können.
Sie würden allein bleiben. Immer mir andere Eltern sahen, die Kinder hatten, und an das eigene —> das verlorene — zurückdenken.
„Hans, gib es mir", die Mutter flehte darum. Sie weiß nicht, daß es sterben muß.
Er logt es in ihre Arme und sie lächelt — so glücklich — so selig.
„Unser Kind."
Wie das Wort ihm ins Herz schneidet.
Er nimmt es zurück. — Sie läßt es geschchen. Sie ist so schwach. Sie will ruhen.
Man bringt das Kind in die Wiege zurück.
Es hascht nach Atem — zuckt zusammen — der Arzt! eilt herzu — ober es ist schon vorbei.
Es liegt da — still und weiß — regt sich nicht mehr — schreit nicht mehr.
Die Mutter denkt, es schläft. Doch Rickling weiß esl Sein Kind ist tot.
Man wird ihm einen kleinen Sarg machen. Er wird es hineinbetten. Dann wird man es hinaustragen auf den Kirchhof, wo schon so viele Kreuze stehen. Die Blumen auf seinem Grabe werden blühen und welken — und er — der Vater, wird weiterleben nuissen.
Weiterlckon? Wozu noch? Der sonnenlosen Zukunft entgegen.
Hieß lcken nicht immer nur kämpfen und leiden, und machtlos dastchen müssen, wenn das Schicksal mit einem Faustschlag die zartesten und heiligsten Hoffnungen zerstörte? ^
Mit dem Tod ihres Kindes schien auch für ErNst Rickling die Freude am Lcken erloschen zu sein.
Die Enttäuschung war zu groß.
Sie kränkelte dahin — der Arzt machte ein sorgenvolles Gesicht. Da stellte sich das Ficker ein, das er befürchtet hatte, und warf.sie auf ihr Lager zurück.
Schwere Äage und Nächte folgten.
Sie fand keine Ruhe. Wehrte sich wie ein Ertrinkender gegen die Erinnerungen, die sie um fluteten. Rang nach Licht und fand es nicht. Immer fester um-
