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«»• Jahrgang.

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Anr«r-.,.Ammi,me - g». dl. A»,.chm.

U». 171. SL Samstag, d°„ 13. April. ~ 1901 ,

SSsrgen-ÄsasgsSs©«

Sorialpolitifche Umschau.

Von dielen Freunden des socialen Fortschritts wird ks lebhaft bedauert, daß bisher dieEinführung einer staat­lichen W i t t w e n - und W a i s e n d e r s i ch e r n n g unmöglich gewesen ist. Es braucht nicht besonders her­vorgehoben zu werden, daß dieselbe viel inenschlichesElend l'.ndern und gewissermaßen eine natürliche Ergänzung der Alters- und Invalidenversicherung bilden würde. Zur Ausfüllung dieser Liicke in der staatlichen Arbeiterwohl­fahrt fehlten bisher jedoch die Mittel, und so hat man tri,schuft an die baldige Versicherung der Wittwen und Waisen Wohl kaum gedacht. Einzelne Politiker wollen letzt der Sache jedoch näher treten. Namentlich in den Kreisen des Centrums fühlt man plötzlich, daß die Ein­führung jener Versicherung möglich ist, wenn nian zu derselben den Ertrag der in Aussicht stehenden G e - treidezoll-Erhöhung verwendet. Wir bezwei­feln, daß deshalb diese Zollerhöhung volksthümlicher wer­den wird. Der wahre socialpolitische Fortschritt kann sich nie auf die Vertheuerung der nothwendigsten Nahrungs­mittel stützen, da die beste Socialpolitik jene ist, die Brod, Fleisch und Wohnung so wohlfeil als möglich giebt. Bei der Verquickung der Wittwen- und Waisenversicherung mit einer Erhöhung des Brodzolles würde man mit der einenHand nehmen, um vielleicht weniger mit der andere,: zu geben. Finanzpolitisch ist die Verquickung ein Unding und gänzlich unausführbar. Ilm den hohen Getreidezoll gerneßbar_ zu machen, wird bekanntlich auch von agra­rischer Seite betont, daß er gewissermaßen nur eine e r - z i e h l i ch e Maßregel sei. Er solle dazu dienen, die deutsche Landwirthschaft zu einer so starken Ausdehnung des Körnerbaues zu bewegen, daß sie den deutschen Bedarf ohne fremde Zufuhr decken könne. Wir wissen, daß das aus verschiedenen Gründen gänzlich unmöglich ist, aber immerhin hält nian doch in gewisse,: agrarischen Kreisen M dieser Anschauung fest. Würde sie in die Wirklichkeit umgesetzt, so würde also auch die Zollerhöhung in sich zu­sammenfallen ; es giebt dann keine Zollerträgnisse, da die Einfuhr fehlt. Der sich auf diese Zollerträgnisse gründen­den Wittwen- und Waisenversicherung würde also die finanzielle Unterlage genommen. Man müßte die Ver­sicherung eingehen lassen oder sie in anderer Weise stützen.

Nun ist zwar niemals daran zu denken, daß Deutsch­land zu irgend einer Zeit ohne starke Einfuhr von Brod- korn bestehen kann, aber immerhin wechseln doch die Er­trägnisse aus den Getreidezöllen sehr erheblich nach der Höhe unseres Bezugs von, Auslande, der hauptsächlich durch den Ausfall der heimischen Ernte bestimmt wird. Es ist zum Mindesten sehr unvorsichtig, auf derartig wech­selnde Einnahmen eine Wohlfahrtsgesetzgebung zu Pützen, von der man nicht einmal weiß, wie groß die Zahl der Millionen sein wird, die sie jährlich verschlingt. Wie nun, wenn in Deutschland eine vollständigeMißernte bei gleich­zeitiger großer Arbeitslosigkeit eintritt, so daß unter den: Druck der öffentlichen Meinung und des allgemeinen

Elends die brodvertheuernden Getreidezölle sistirt werden "lüssen? .— Will man auf dieselbe Zeit auch die Wittwen- und Walsenversicher,mg aufheben? Nein, so wohlthätig eine derartige Versicherung wirken würde, so erstrebens- werth sie für den Menschenfreund auch ist — mit der Ge- treioezollerhöhung läßt sich dieselbe nicht verkoppeln. Einerseits nicht, ^ weil sie dann auf sehr schwankendem Grunde ruhen wurde, andererseits nicht, weil sie dazu beitrüge, jene Zölle zu einer ständigen Einrichtung im deutfchen staatsleben zu nwchen. Und das müßte äußerst verhangnißvoll werden. Die deutsche Volkswohlfahrt kann die Last hoher Getreidezölle unter Mühen und em­pfindliche Schäden vielleicht einige Jahre schleppten, etwa wre der Sträfling der „guten alten Zeit" den schweren Motz an der Kette, aber es ist ganz unmöglich, daß der Preno de^> Ärodkorns in Deutschland aus die Dauer wesentlich höher als auf dem Weltmarkt ist und dabei r r r-.P oIE - wirthschaftlich und kulturell gedeiht. Die künstliche tzmaufschranbung der Nahrungsmittelpreise wird, als ständige Einrichtung, den Deutschen sehr schmerzhaft auch als Waarenproduzenten treffen, ihn von seiner Stellung aus dem Weltmärkte verdrängen und mit der Untergrabung seiner Industrie auch die finanzielle Grundlage der deutschen Militärniacht, des Deutschen Reiches erschüttern.

, Was hohe Lebensmittelpreise für die Entwickelung eines großen Reiches bedeuten, weiß jeder Staatsmann, oder er sollte es wenigstens wissen. Das neue italie- Nische^ M i n i st e r i u ni will zur Herbeiführung ge- lunder Zustande das Hauptgewicht seiner Thätigkeit mit auf die Verbilligung der Volks,lahrungsniittel legen. Der Mliiisterpräsident Z a n a r d e l I i weiß, daß wahrhafte Volkvwohlfahrt durch die unbillige Belastung der unteren Klassen ausgeschlossen wird; er sucht daher hier den Hebel anzusetzen. In Italien ist an den Aermsten der Bevölke­rung Vieles gut zu machen; seit je sind sie von der Gesetz­gebung wie ein auszupressender Schwamm betrachtet worden. Eine schlechte allgemeine Politik im Sintern’ und Aeußern und eine noch miserablere Kommunalpolitik und -Verwaltung haben die ärmeren Klassen in Italien an die Grenze der Leistungsfähigkeit und vielfach bereits zu tarier körperlicher und sittlicher Entartung getrieben. Italien kann jedem anderen Staat als warnendes Bei- piel für Zustände dienen, die eintrete,: müssen, wenn die ärmeren Klassen der Bevölkerung unbillig schwer mit den Lasten des Staates und der Gemeinden beladen werden. I Billiges Brod, billiges Fleisch und wohlfeile gesunde Wohnung :st Grundlage aller Volkswohlfahrt; man kam: das nicht oft genug wiederholen. Am ehesten wird das zu­gestanden in Beziehung auf die Wohn u n g. Bei ihr kommen am wenigsten politische Interessen und starke politische Parteien ins Spiel. Es giebt daher kann: noch eine deutsche Regierung, die nicht der Wohnungsfrage ihre Aufmerksamkeit zuwendete. Auch in Preußen wird gegenwärtig ein W o hnun g s g e s e tz ausgearbeitet, über dessen Inhalt noch nichts bekannt ist, das aber jeden­falls Grundbedingungen für die Beschaffenheit der Woh­nungen festsetzen wird. Gewiß sind bei den heutigen, be- onders in den Großstädten herrschenden Wohnungs­zustände,: sanitätspolizeiliche Vorschriften aller Art

meistens sehr geboten, aber man sollte auch nicht der« gessen, daß es vor Allem darauf ankommt, die Errich- tung billiger und gesunder Arbeiterwohn,mgen zu för­dern Staat und Gemeinden dürfen sich nicht auf Maß- regeln sanckatspolizeilicher Natur beschränken, sondern sie müssen schon einen größeren socialpolitischen Schritt thun und durch möglichste Loslösung der Wohnungsfrage von der Bau-, Boden- und H y p o th e k en sp ek u- l a t: o n für dre Herbeiführung besserer Zustände wirken.

Der Preußische Landtag wird sich in einiger Zeit zedensalls auch mit einem Arbeiterschutzgesetz f ü r d a s B a u g e w e r b e in Preußen beschäftigen, das „: emer Petition von den baugewerblichen Arbeiter-Ver- einigungen Berlins verlangt wird. Diese Petition ver- dient auch in weiteren Kreisen Beachtung, da sie „achzu- Wersen versucht, daß weder die Polizeiverordnungen der einzelnen Orte, noch Strafgesetze, noch Gewerbeordnung, noch dre Bestiminungen der Unfallversicherungsgesetze den Bauarbeitern einen ausreichenden Schutz gewähren Die Petition führt hierauf die große Zahl der verunglückten Bauarbeiter zurück. Vom Beginn des Jahres 1888 bis zun: Schluß von 1898 weist die Nordöstliche Baugewerks- Berufsgenossenschaft, mit 122,000 bis 172,000 Ver- sicherten, 1417 Betriebsunfälle auf, die den Tod des Verunglückten herbeiführten. Die Petition verbreitet sich auch über die Berufskrankheiten der baugewerblichen Ar- beiter, schildert die verhältnißnwßig hohe Zahl der Er- kcantüngen der Athmungsorgane, der Magen- undDarm- leide,:, der Bruchschäden, weist auf eine sich erst seit kurzer Zeit unter den Maurern benierkbar machende Krankheit, d:e „Cementkrätze", auf die ausgedehnte Beschäftigung von Frauen und Kindern im Baugewerbe hin und ver­langt schließlich, daß die Beschäftigung derartiger Per- onen.auf Bauten verboten und Kinder unter 16 Jahren inindestens von gefahrvollen Arbeiten ferngehalten wer­den sollen. Die Petition wünscht, daß die zu erlassenden Vorschriften für den Bauarbeiterschutz von besonderen Aufsichtsbeamten kontrollirt und auch Arbeiter zu diesem Aufsichtsdienst herangezogen werden.

In München wird in dem vor einiger Zeit mit staat­licher Förderung errichteten Museum für Ar- b e i t e r w o h l f a h r t nächstens eine besondere Aus- tellung sur den Bauarbeiterschutz veranstaltet. In Berlin wurde kürzlich durch den Staatssekretär Graf v. Posa- d o w s k y der neu ins Leben gerufene Reichs- gesundheitsrath eröffnet, der die deutschen Re­gierungen nanientlich bei Maßregeln gegen verheerende Volksseuchen, aber auch in Fragen des Wohnungswesens der Ernährung und des gewerblichen Arbeiterschutzes unterstützen soll. Auch ein seine Thätigkeit ans alle Länder erstreckendes Hauptbüreau für die B e k ä m p f u n g d e r T u b e r k u l o s e ist jetzt in Berlin gegründet. Dasselbe soll namentlich die neuen Erfahrungen ans dem Gebiet der Bekämpfung dieser furchtbaren Krankheit sammeln und zur weitesten Kenntniß bringen. Eine noch gefähr­lichere Seuche als die Tuberkulose ist für den Volkskörper die Branntweinpest. Einsichtsvollen Menschen braucht man hierüber kein Wort mehr zu sagen; der ver- hängnißvolle Einfluß des Alkohols wird von den Beste,: in allen Kreisen der Bevölkerung erkannt. Ueberraschen

Feuilleton.

Aus Kunst und Leben.

* Königliche Schauspiele. (Spielplan.) «onnlag, ven 14. April, bei aufgehobenem Abonnement: „Oberon", An­fang 7 Uhr. Montag, den 16., Abonnement A, 44. Vorstellung, ouf Begehren: „Fedora", Anfang 7 Uhr. Dienstag, den 16., Abonnement B, 44. Vorstellung: „Aida", Anfang 7 Uhr. Mittwoch, den 17., Abonnement 0, 44. Vorstellung: „Lysanders Mädchen" (Ballet), „Die Dienstboten", Anfang 7 Uhr. Donnerstag, den 18., bei aufgehobenem Abonnement: „Das Nheingold", Anfang 7 Uhr. Freitag, den 19., Abonnement I), 44. Vorstellung: „Haus Rosenhagen", Anfang 7 Uhr. Samstag, den 20., Abonnement A, 46.Vorstellung: „Alessandro Stradella", Anfang 7 Uhr. Sonntag, den 21., bei aufgehobenem Abonne­ment: „Die Walküre", Anfang 6V 2 Uhr.

* lieber die Hygieine des Fastens hat Dr. Beerwald n: der ausgezeichneten neuen Zeitschrift „Blätter für Volks- stesundheitspflege" einen Aufsatz veröffentlicht, der auch für Die­jenigen beachtenswerth ist, die von einer Beobachtung einer Fastenzeit nichts halten oder sich wenigstens von dem religiösen Brauch einer solchen emanzipiren. Es ist auch kein Zweifel, daß selbst von Seiten Derer, die sich an die Vorschriften der Bibel bezüglich des Fastens halten, vielfach nur Humbug damit getrieben wird. Die religiöse Seite der Frage außer Acht ge­lassen, interesstrt sie uns vom geschichtlichen und vom gesund­heitlichen Standpunkte aus. Die großen Neligionsstiftcr haben es fast als für nothwendig und heilsam erachtet, ihren Jüngern Zwiste Bestimmungen über das Fasten vorzuschreiben. Der Grund dafür ist nicht schwer einzusehen. Einmal lag er wohl in der Erkcnntniß, daß eine Selbstüberwindung des Menschen gegenüber seinen körperlichen Gelüsten auch mit Bezug auf daS Esten und Trinken von Nutzen sein kann, dann aber auch in der

Erfahrung, daß die meisten in günstiger Lebenslage befindlichen Menschen gewöhnlich zuviel essen und infolge dessen durch eine Zeit des Fastens wieder auf den richtigen Weg gebracht werden müssen. Eine Ueberladung des Magens mit Speisen ist nicht weniger unzuträglich, als eine solche mit Getränken, und je nahrhafter die aufgenommenen Speisen sind, desto bedenklicher werden auch die Folgen sein, wenn diese Ueberladung dcsMagens gewohnheitsmäßig stattfindet. Di- Anerkennung dieser That- sache hat zweifellos auch seiner Zeit dazu mitgewirkt, dem Vege­tarianismus eine große Zahl von Anhängern zu verschaffen, und es ist nicht zu verkennen, daß die von ihm geforderte Lebens­weise, unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, eine Berechtigung hat und nicht unbedingt zu verwerfen ist. Von allen Er­nährungssünden ist ganz sicher ein unmäßiger Fleischgenuß die bedenklichste, gerade weil das Fleisch das höchstwerthige Nahrungsmittel für den Menschen ist, indem es das für das Leben unbedingt erforderliche Eiweiß dem Körper in der für die Aufnahme günstigen Form zuführt. Ist daS Fleisch aus diesem Grunde für die meisten Menschen unentbehrlich, so muß es, im Uebcrmaß genossen, auch am ehesten zu einer Ueberladung des Körpers mit Nährstoffen führen. Worauf es ganz wesent­lich ankommt, ist die Beurtheilung dessen, was 'wir Hunger nennen. Viele Menschen glauben, jedem Hungergefühl möglichst sofort abhelfen zu müssen, und darin steckt ein großer Fehler, besonders wenn diese Anschauung durch die Erziehung schon im Kindesalter geweckt wird. Ein ebenso großer, wen» nicht noch schlimmerer Fehler ist die Meinung, daß man möglichst so viel essen muß, bis sich ein Gefühl der Sattheit einstellt. Diese beiden Jrrthüiner zusammengenommen, führen, wenn sie von früh auf beobachtet werden, zu einer ungünstigen Entwickelung des menschlichen Körpers, indem das Körpergewicht bis auf eine Höhe anwächst, die für eine gesunde Thätigkeit der meisten edlen Organe unzuträglich ist. Für jede Körpergröße läßt sich an­nähernd ein Gewicht angebe», das als normal anzunehnien wäre, und auf dieses Gewicht sind die Organe, die dje Lebcns-

thätigkeit hauptsächlich unterhalten, eingerichtet, ganz besonders das Herz. Wenn ein Herz nun dazu bestimmt ist, einen Körper von 160 Pfund zu versorgen, und es wird dann vor die Aufgabe gestellt, mit einen, solchen von 200 Pfund fertig zu werden, so kann es begreiflicher Weise seinen Aufgaben nicht mehr gerecht werden. Es ist, als ob man von einer Maschine, die ein be­stimmtes Gewicht zu ziehen vermag, verlangen würde, daß sie außerdem noch ein ganz bedeutendes Uebergewicht vorwärts brächte. Dazu kommt noch, daß die Thätigkeit der Organe und auch des Herzens infolge der Fcttablagerung behindert wird. Schließlich muß eine Uebernährung des Körpers auch zu einer Beeinträchtigung der geistigen Fähigkeiten führen, und Shakespeare hat eine wunderbare Menfchenkenntniß bewiesen, wenn er den Cäsar sagen läßt: „Laßt wohlbeleibte Männer um mich sein", um anzudeuten, daß solche ihm weniger zu schaffen machen würden. Auf die besonderen Folgen der Üeber- ernahrung, wie die Hypochondrie, deren Namen schon auf die Gegend des Unterleibes verweist, und die Gicht braucht man wohl kaum einzugehen. Aus solchen Erwägungen heraus wird sich ja kein moderner Mensch dazu bewogen fühlen, sich eine besondere Hebung im Fasten vorzuschreiben, aber er wird es sich selbst zu danken haben, wenn er seine Gewohnheiten im Essen — vom Trinken versteht sich ja das von selbst — etwas schärfer unter Aufsicht nimmt und sich vor Allem zu demGrund- satz bekennt, daß ein Gefühl des Hungers nicht unter allen Um­ständen gestillt werden muß, da es vielfach auch als eine Täuschung und als eine keineswegs berechtigte Empfindung auf- treten kann. Die Religionsstifter haben wohl auch ähnliche Lehren, wie sie von unseren heutigen Hygieinikern auf wissen- schaftlicher Grundlage gegeben werden, im Auge gehabt, und das Gebot einer zeitweise beschränkten Nahrungsaufnahme, auch der Ausschluß des Fleisches an einem Tage der Woche waren weise Maßregeln, die viele Leute zu ihrem eigenen Vortheil an­nehmen sollten, auch wenn sie von dem religiösen Urspruiu: dieser Sitten nichts wissen wollen.