I. Beilage Mm Wiestlaüener Tagblatt.
Mo. 1V1. Msrgen-Ausgadr.
(17. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Des Meeres und der Kieke Wellen.
Roman von Arthur Zapp.
Das Beefsteak ist rasch verzehrt und fast erschrocken legt er Messer und Gabel hin. Doch Miß Hillyard präsentirt ihm mit verführerischen: Lächeln die Eier- schüssel. Er wehrt ab, während ihm die Gluth der Ver- legenhest ins Gesicht schießt. Schmollend wirft sie ihre Lippen auf.
„Ich bin noch lange nicht satt", sagt sie vorwurfsvoll. „Ein bischen müssen Sie mir schon noch Gesellschaft ' leisten. Ein Ei werden Sie doch noch bezwingen. Bitte, bitte, mir zu Gefallen!"
Er sieht unschlüssig nach ihrem Teller hin. Ein belegtes Butterbrod liegt allerdings darauf, aber er hat, wahrend er dem Beefsteak zusprach, gar nicht darauf geachtet, ob auch sie gegessen hat.
Da er nicht gleich zulangt, macht die energische Amerikanerin kurze:: Prozeß. Sie klopft selbst für ihn zwei Eier auf und schüttet sie, nach amerikanischer Gewohnheit, in ein Wasserglas, das sie mit ihrer liebenswürdigsten Miene vor ihn hinstellt.
„Bitte, mit Salz versehen Sie sich wohl selbst nach Ihrem Belieben!"
Er widerstrebt nicht länger und läßt es sich gut schmecken. Und sie läßt mit Zureden nicht nach, bis er auch noch von dem Kotelette „geprobt" und auch eine zweite Tasse Cacao geleert hat.
Mt geheimen Vergnügen beobachtet sie, wie gut es ihm schmeckt und wie er sich sichtlich erholt. Seine Augen blicken viel frischer und seine Haltung wird zusehends straffer. Hans Meinhard aber erhebt sich in einer widerspruchsvollen Stimmung vom Tisch. Er ärgert sich über sich selbst, weil er ihren Bitten und seinem Hunger so widerstandslos nachgegeben hat und er kann sich der dunklen Empfindung, daß er ihr Mitleiden erregt und daß sie eine kleine Komödie mit ihm aufgeführt hat, nicht erwehren. Dennoch ist ihm wohl und behaglich zu Muth und er fühlt sich kräftiger als seit Langem. Ein Gefühl inniger Dankbarkeit durchpulst ihn und an: liebsten möchte er ihre zierlichen Finger, die für ihn so fürsorglich thätig gewesen, ergreifen und mit seinen Küssen bedecken.
Und als sie ihm nun mittheilt, was für den Abend geplant ist und daß Konsul Habermann sowohl wie sie auf seine Mitwirkung rechnen, da will ihn zwar eine peinliche Empfindung beschleichen, aber er bringt es nicht über sich, ihren Bitten zu widerstehen und ihr eine schroffe Absage zu ercheilen.-
So viel wie an diesem Vormittag und Nachnüttag ist das Pianino im Salon wohl noch nie in Anspruch genommen worden. Einer löst den Anderen ab, Jeder will noch schnell ein Stündchen oder ein halbes Stündchen üben und sogar das Ueberraschende geschieht, auch Leutnant von Mägdewitz erbittet sich für ein Viertelstündchen die Benutzung des Instruments und zuletzt erscheint auch Herr Kasch, der auf die Gefahr, Miß Blechsmiths Ungnade auf sich zu laden, sich nicht ausschließen will und der der Versuchung, sein Licht leuchten zu lassen, nicht widerstehen kann.
Um vier Uhr wftd auf Ersuchen des Kapitäns der Salon geräumt und einige Matrosen unter Anführung des vierten Offiziers erscheinen, um dem Raum einen festlichen Anstrich zu geben.
Samstag» den 13. April.
Ein allgemeines „Ah" der Bewunderung erschallt, als die Passagiere um fünf Uhr sich zum Diner versammeln. Der Salon ist mit unzähligen Fahnen und Fähnchen dekorirt. Hier und da hängen weiße Papptafeln an den Wänden, auf denen in großen, bunten Lettern allerlei Sprüche stehen, die mit launigem, zuweilen auch mit etwas boshaftem Humor gewisseSchwächen bekannter Mitreisenden geißeln und die Wohl zum großen Theil dem ironischen Geiste Konsul Habermanns entstammen, wie zum Beispiel:
Ein Vergnügen eigner Art
Ist doch eine Wafferfahrt??? (Müller aus Berlin.)
Könnt' auf dem Schiff man beffer ruh'n Und müßt man nicht opfern dem Neptun,
Und wären nicht soviel Banausen da —
Ich führ' noch oft nach Amerika.
(Emanuel, der Große.)
Rasch heiß ich und rasch bin ich,
Die schönste Maid gewinn' ich.
Mehr als acht Tage brauch' ich nicht,
Bis sie zu mir. J love you spricht.
Von Germany muvt'*) ich nach Amerika,
Stolz fühl' ich mich als citizen da.
Doch goddam — es ist eine dumme Geschicht' —
Deutsch speak**) ich nicht mehr und english noch nicht.
(Mr. B. in Firma Peoples Garden.)
Willst Du mich sprechen, lieber Sohn,
So such' mich in dem Rauchsalon,
Bei Kartenspiel und Gläserklang,
Da bin ich schneidig mittenmang. (Lt. v. M.)
Braust gleich ein wüthender Orkan,
Und speiest Du noch so sehr Vulkan —
So lange nur das Schiff nicht bricht,
Verliere den Humor auch nicht. (Habermann.)
Laute Heiterkeit wie diese gepfefferten Verse erregt auch der Prolog, den Konsul Habermann während der Tafel vorträgt. Gemüthvoller Ernst mischt sich mit theils lusttge:::, theils beißendem Humor in den zwanglos gereimten Knittelversen, in denen der Vortragende die Leiden und Freuden der Oceanfahrt besingt.
Erst nach aufgehobener Tafel beginnt das eigentliche Fest. Schön gedruckte Programme, die die Kunst des Stewards geliefert hat, der vermittels einer an Bord befindlichen Handdruckpresse die täglichen Menukarten herstellt, verkünden die künstlerischen Genüsse, die der Abend bringen soll. Alle Passagiere sind vollzählig versammelt mit Ausnahme einiger älterer Damen, die sich noch zu angegriffen fühlen. Selbst Herr Müller hat sich, zwar noch blaß und leidend, seiner Kabine entrissen, deren Einsamkeit doch allzu bedrückend ist. Er hofft, daß ihm die Zerstreuung wohlthun und seine Nervosität und Aufgeregtheit, die sichtbar immer mehr von ihm Besitz mimmt, je weiter die Reise fortschreitet, mildern wird. Er hat sich diesmal sogar höchst nobel gezeigt und in einen der Teller, die am Eingang des Salons auf einem Tischchen aufgestellt sind, einen klingenden harten Thaler geworfen.
Während der Pause zwischen den: Diner und der Abendunterhaltung wird das vielversprechendeProgramm eifrig gelesen und mit allerlei Glosse:: versehen. Das Programm selbst lautet:
*) to move — bewegen, fortziehen.
**) speak — sprechen.
49. Jahrgang. 1901.
Musikalisch-deklamatorischer Abend an Bord des „Chamisso" an: 10. Oktober 189—>
1. Theil.
Prolog, verbrochen und gesprochen von Konsul Habermann.
Trio in G-moI1 von Chopin, vorgetragen von Miß Hilst yard, Frl. Habermann und Herrn Meinhard.
Zwei steirische Lieder, gesungen von Frau G'jchwinder.
Floh- (Pardon!) Walzer, vorgetragen am Klavier von Herrn Leutnant von Mägdewitz.
Ungarische Tänze von Brahms, voraetragen von Fräulein Habermann.
Pause.
2. Theil.
Amerikanische Rhapsodie von Hauser, borgetragen von Miß Hillyard und Frl. Habermann.
Mazas, vuc» bi-illuut, vorgetragen von Miß Hillyard und Herrn Meinhard.
Die Liebe im Kuhstall, pommersches Volkslied, gesungm von Herrn Rasch.
Paganini, Kaprice, vorgetragen von Herrn Meinhard. Faust, I. Theil, 1. Scene, vorgetragen von Herrn Hofschauspieler Emanuel Martini.
Das Terzett für Klavier und Violine, das von Fräulein Habermann, Miß Hillyard und Herrn Meinhard vor- getragen wird erregt einen Sturm von Enthusiasmus. Auch die fescheWienerin erringt mit ihren temperamentvoll gesungenen Liedern ehrlichen Beifall. Völlig überraschend wirkt das Auftreten des Herrn von Mägdewitz. Während Fräulein Habermann in Akkorden begleitet, trägt der ehemalige Leutnant seine Piece mit nur zwei Fingern, den beiden Zeigefingern, vor, die mit außerordentlicher Gewandtheft auf den Tasten herumhüpfen. Herr von Mägde- Witz hat mit diesem Kunststückchen, das die Augen noch mehr befriedigt als das Ohr, oft im Kasino stürmischen Applaus gesunde::, auch hier wird dem Vortragenden begeistertes Händeklatschen und Bravorufen zu Theil.
Einen ähnlichen Erfolg heimst im zweiten Theil Herl Rasch mit.den: originellen Liedchen aus seiner Heimath Pommern ein, dessen drastischer Humor im Verein mit dem komischen Pathos des Singenden schallendes Gelächter hervorruft. Den Refrain singt die Tischgesellschaft jedesmal mit jubelnden Stimmen mit, und verschiedene Zuhörer treten nach dem Vortrag an Herrn Rasch heran, um ihn zu bitten, ihnen die urdrolligen Verse von der „Liebe im Kichstall" aufzuschreiben:
Der Kuhjung' zu der Viehmagd sprach:
Ich denke Dein den ganzen Tag,
Im Kuhsiall, im Kuhstall, im Kuhustall.
Ich schwör's bei dieser braunen Kuh:
Meine einzige Liebe bist nur Du,
Im Kuhsiall, Im Kuhstall, Im Kuhustall.
Es blökt das Kalb, es grunzt das Schwein:
Ach könnt' ich immer bei Dir sein,
Im Kuhstall, im Kuhstall, im Kuhustall,
O Gott im Himmel schau darein,
- Wie sie sich lieben treu und rein,
Im Kuhstall, im Kuhstall, im Kuhustall.
So saßen Sie beide in trauter Ruh',
Gcmüthlich brüllten die Ochsen dazu,
Im Kuhstall, im Kuhstall, im Kuhustall.
(Fortsetzung folgt.)
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