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1. Beilage zum Wiesbadener Tagblatt.

Ko. 169. Morgen-Ansgabr. Freitag» de« 12. April.

49. Jahrgang. 1991.

<16. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Des Meeres und der Liede Wellen.

Roman von Arthur Zapp.

Begeistertes Händeklatschen schallt dem forschend über bse Tafel Hinblickenden entgegen. Dazwischen werden die keudig zustinunenden Zurufe: „Bravo! Sehr gut! Ausgezeichnet! Machen wir!" laut.

Nur Miß Blechsmith wirft geringschätzig die Lippen auf und stößt höhnisch ein halblautes: „Konsense!" aus, aber Niemand achtet auf ihren ohnmächtigen Protest.

»Ich freue mich, meine Herrschaften", fährt der joviale Konsul vergnügt fort, „daß meine Idee bei Ihnen Allen einen so liebenswürdigen Widerhall findet. Ilm das Ge­lingen ist mir nicht bange, besitzen wir doch an Bord ganz hervorragende Kräfte, so zum Beispiel Miß Hillyard, unsre geschickte und schöne Violistin, der sich vielleicht der geniale Geiger vom Zwischendeck — im Interesse unsres guten Zwecks und mit der wohl sicher zu erwartenden Zustimmung unseres Kapitäns — hinzugesellen wird, ferner unsre liebenswürdige Oesterreicherin, Frau G'schwinder, die uns schon einmal mit heimathlichen Liedern erfreut hat. Ich selbst verspreche Ihnen einen Prolog, sogar einen gereimten —"

»Hört, hört!" fällt hier eine lustige Stimme ein.

»Für den ich schon jetzt", fährt der Konsul humoristisch fort. „Ihre freundliche Geduld erbitte. Auch einen Klaviervortrag meiner Tochter wollen wir mit milder Nachsicht hinnchmen."

„Oho!" unterbricht Leutnant von Mägdewitz galant.

Nachsicht kann gar keine Rede sein. Im Gegen-

„Auch Herr Leutnant von Mägdewitz", nimmt der Redner ein wenig ironisch lächelnd das Wort, „überrascht uns vielleicht mit irgend einer künZlerischen Darbietung und war's mit ein Paar Kartenkunststücken."

Die Herren von der engeren Tafelrunde lachen ver- ständnißinnig. Leutnant von Mägdewitz macht gute Mime zum bösen Spiel und ruft schnarrend: „Werde nicht verfehlm, Herr Konsul, ebmfalls auf den: Pro­gramm zu glänzen."

Herr Habermann verneigt sich mit humoristischer Grandezza und spricht mit einem schalkhaften Blick nach der Deutsch-Amerikanerin weiter: „Auch auf einm Vor­trag von Miß Vlechsmith können wir wohl mit Sicherheit rechnen."

Aber die Erzürnte, die wegen der schlechten Aufnahme ihrer Produktion von neulich noch immer grollt und in der harmlosen Bemerkung des Redners höhnenden Spott wittert, springt zornentbrannt auf und sprudelt hitzig hervor: „Du braukst nikt recken auf mir, Mister Haber- niann. Jk dmkm nikt dran zu werfen meine Perlen vor —"

„Aber, Miß Blechsmith", unterbricht der Konsul mit komisch gespieltem Entsetzen das rücksichtslose biblische Citat der wüthmdm Miß. „Sie werden uns doch nicht mit gewissm unappetitlichen Borstenthierm vergleichen wollen! Wir sind doch genug gestraft, daß wir, wie Sie sich ebmso schön wie bescheiden ausdrücken, Ihrer Perlm verlustig gehm werdm."

Miß Blechsmith rennt spornstreichs davon: unter dem schallenden Gelächter der Anderen folgt ihr mit galantem Eifer Herr Rasch. Auch Mister Blechsmith springt auf und ruft, bevor er den Salon verläßt: „All right, Kitty! Das hast Du very good gesagt. Das people hat keinen Schimmer von wahrer Kunst."

Herr Habermann legt sein Gesicht in komisch zer­knirschte Falten.

„Wir wollen uns", sagt er, „von diesem harten Ur- theil nicht darniederschmettern lasse:,, sondern wollen ver­suchen, etwas Tüchtiges zu Stande zu bringen. Uebrigens einen unsrer Vesten habe ich, ich muß es zu meiner Schande gestehen, ganz vergessen: ich meine, unseren

großen Mimen Herrn Emanuel Martini —" Der Konsul sieht sich suchend unter seinen Tischgenossen um — „der leider nicht anwesend zu sein scheint. Weiß Niemand etwas von Herrn Martini?"

„Der spielt noch die Rolle des Vesuv", entgegnet schlagfertig Herr von Mägdewitz und seine witzige Be- inerkung erregt viel Heiterkeit.

„Hoffen wir", schloß der Konsul, „daß sich Herr Martini trotz dieser anstrengenden Rolle heute Abend kräftig genug fühlen wird, uns von seiner großen Kunst etwas zun: Besten zu geben. Und nun, meine verehrten Damen und Herren, will ich Sie nicht länger aufhalten. Gehen wir ans Werk, treffen wir unsere Vorbereitungen! Gute Verrichtung, meine Herrschaften!"

. Er dienert. Man ruft ihm allseitig Bravo zu und steigt dann in Gruppen, eifrig über den bevorstehenden Abend debattirend, znm Deck empor. Am geschäftigsten ist natürlich Konsul Habermann. Er spricht zunächst mit dem Kapitän, der erfreut zusagt, den Salon für den Abend möglichst festlich Herrichten zu lassen und an der Unterhaltung Antheil zu nehmen. Dann heißt es, das Programm mit Hülfe derjenigen Herrschaften zu ent­werfen, die ihre Mitwirkung zugesagt haben. Zuletzt bleibt ihm noch das schwierige und nicht geübte Kunststück, seinen Pegasus zu besteigen und den versprochenen Prolog zu dichten.

Auch unter den übrigen Herrschaften ist ein rühriger und rührender Eifer wahrzunehmen. Miß Hillyard hat sofort nach dem Frühstück einen Steward nach dem Zwischendeck entsendet, um Herrn Meinhard herbeizu- rusen. Es dauert eine gute halbe Stunde, bis der Geiger, der wahrscheinlich erst sorgfältig Toilette gemacht hat, er­scheint. Er sieht blasser und abgespannter als sonst aus. Ihr fällt es sofort auf, als sie die ihnen zu ihren Hebun­gen zur Verfügung gestellte Kabine des Kapitäns be­treten.

„Sie haben gestern sehr gelitten?" fragt die Ame­rikanerin, dem Geiger voll Mitgefühl in das bleiche Antlitz und die tiefliegenden Augen blickend. „Vielleicht hätten Sie vorgezogen, zu ruhen, anstatt mit mir zu üben."

Er lächelt bitter und sieht sich in dem behaglich und wohnlich ausgestatteten Raum mit seinem großen, be- quemen Fauteuil, seinem Sopha und seinem Tisch um.

„Ich bezweifle", sagt er, „daß ich im Zwischendeck mehr Ruhe finden würde als hier."

Sie sieht ihn betreten an, versteht und nun blitzt mit

einen: Male ein Gedanke in chr auf, der ihr das Blut inS Gesicht treibt und sie in eine sichtbare Aufregung versetzt. Er sieht so erschöpft, so geradezu verhungert nus; man sieht ihm die Entbehrungen an, denm er während der Seereise i:n Zwischendeck sicher nusgesetzt gewesen. Ihr Herz pocht in unruhevollen Schlägen und ein unendlich beklemmendes, peinigendes Gefühl beengt ihr den Athem. Sie möchte ihm für ihr Leben gern helfen und weiß doch nicht, lote sie es anfangen soll, ohne ihn zu verletzen. Sie weiß ja, wie enrpfindlich er ist. Da fällt ihr endlich das Nichtige ein.

„Sie entschuldigen", sagt sie mit einem reizenden Lächeln, „ich verspüre heute einen fortwährenden Appetit. Das ist sicherlich die Reaktion nach dem gestrigen bösen Tage. Deisten Sie, daß ich gestern auch nur einen Bissen hinuntergebracht hätte? Bewahre! Entschuldigen Sie einen Augenblick!"

Sie eilt hinaus, um bald, von einem Steward gefolgt, zurückzukehren. Der Steward bedeckt im Nu den Tisch mit einer ganzen Anzahl appetitlicher Sachen, wie warmen Kotelettes, Beefsteak, Eiern, allerlei Aufschnitt und dazu Cacao. Dem armen Geiger, dem der Hunger förmlich aus den trübe blickenden Augen schaut, läuft das Wasser im Munde zusan:men und ein unwillkürlicher Seufzer steigt aus seiner schwerathmenden Brust herauf. Seine Blicke erhellen sich mehr und mehr, seine Wangen färben sich. Er wendet sich ab und blickt znm Fenster auf die rollende See hinaus, um die Qualen, die ihm sein leerer Magen bereitet, durch den verlockenden Anblick nickst noch mehr anfachen zu lassen.

Miß Hillyard, die ihn verstohlen beobachtet, thut, als ob sie nichts bemerke. Scheinbar ganz unempfindlich für den in ihm tobenden Kampf setzt sie sich an den Tisch und beginnt, sich ein Butterbrod zurecht zu machen. Erst als sie ein Paar Bissen gegessen, sagt sie so ganz nebenher, an­scheinend nur der Form wegen: „Aber wollen Sie mir nicht ein bischen Gesellschaft leisten, Herr Meinhard?"

lind erst, als er mit kurzem Dank abgelehnt hat, fährt sie eifriger fort: „Nein, einen Korb dürfen Sie mir nicht geben. Es schmeckt einem nicht, wenn man allein ißt. Haben Sie das noch nie empfunden? Wenigstens ein paar Bissen :nüssen Sie mit mir essen."

Sie ladet mit so liebenswürdiger, bezwingender Ge­bärde ein, Platz zu nehmen, daß er nicht gut anders kann und sich ihr gegenüber mit einer zwiespältigen Em­pfindung in der Brust an den Tisch setzt. Sie präscntirt ihm zuerst eine der warmen Schüsseln. Und als er ein duftendes Beefsteak auf seinen Teller geladen, gießt sie ihm eine Tasse Eacao ein. Zuletzt streicht sie selbst für ihn ein Butterbrod.

Er schaut ihren schlanken, weißen Fingen: zu, die sich für ihn so fleißig regen und ein unendlich wohliges, warmes Gefühl quillt in ihm auf. Er ißt, anfangs zögernd, langsam, aber der Appetit regt sich nach dem ersten Happe:: und angesichts der reich besetzten Tafel mit Macht und läßt sich nicht Gewalt anthun. Sie sieht ver­stohlen, in stiller Rührung zu, in einem fort plaudernd, um ihm nicht merken zu lassen, eine wie innige Genug- thuung es ihr bereitet, ihn zu bewirthen.

(Fortsetzung folgt.)

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