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40. Jahrgang.
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|{(l, Redaktions-Fernsprecher No. 52.
Freitag, den 12. April.
Verlags-Fernsprecher No. 2266.
1901.
.Abend-Ausgabe.
Hrrrtfiches Reich.
Vom Kaiser.
I-. B e r l i n. 12. April.
Bemerkmswerther Weise wird über die Aeußerungen des Kaisers bei der gestrigeil Enthüllungsfeier in Potsdam ein Schweigen bewahrt, das mit der herkömmlichen Art der Berichterstattung über kaiserliche Ansprachen stark kontrastirt. Nur ein kurzer Satz aus dem Trinkspruch des Kaisers bei dem Prunkmahl nach der Enthüllung wird vom offiziösen Telegraphen weiterverbreitet. Wer die Art des Kaisers kennt, der kann sich sagen, daß der Monarch sich auf diese wenigen Worte nicht beschränkt haben wird. Aber nach den Erfahrungen, die jetzt schon lahrelang und in besonders auffallendem Grade mit den Masten Kundgebungen des Kaisers nach dein Bremer Vorfall gemacht worden sind, hat niair es an der inaß-
! lebenden Stelle offenbar für geboten gehalten, diesmal eine Darstellung paffiren zu lassen, die nicht vorher einer Lei,für unterworfen worden ist. Wie inan weiß, ist es ja geradezu die Regel geworden, daß Aerißerungen des Kaisers bei ihrem ersten Bekanntwerden fast nie in der suthentischen Fornp in der allein sie doch gefallen fern können, in die Oeffentlichkeit gelangt sind. Zumeist haben erst nachträgliche Feststellungen und Richtigstellungen den Wortlaut ergeben, wenn es überhaupt möglich war, eine annähernde Genauigkeit in der Wiedergabe zu erzielen. In Potsdam hat man bei der Zillassung zu der Ent- Mlungsfeier eine ungewöhnliche Strenge walten lassen, und den Berichterstattern ist eine gailz besondere Sorgfalt bei der Abfassung ihrer Mittheilungell zur Pflicht gemacht worden. Die Folgen sind ja ganz angenehm. Man liest die Berichte mit dem befriedigeilden Gefühl, daß ein schlichter Vorgang sich mit der Einfachheit vollzogen hat, die namentlich dem Wesen des Gefeierten, des alten Kaisers, bestens entspricht. Ob nicht aber doch Worte gesprochen worden sind, die geeignet sein kölmten, die Oefsentlichkeit stärker zu interessiren, darüber wird man wohl bald unterrichtet werden.
' Ein Ehckomplott.
Als vor etwa eineinhalb Jahren die Verlobung des Prinzen Max von Baden mit der Prinzeß Helelle, Tochter des Großfürsten Wladimir, wieder aufgehoben wurde, gab es der Vermuthungen viele, die sich mit den Gründen dieses ungewöhnlichen Ereignisses beschäftigten, aber keine einzige Deutuilg konnte befriedigen. Jetzt scheint es, als ob die Erklärung für die Rückgängigmachung jenes Eheplans in merkwürdigen politischen Absichten ge- fundm werden soll, die im Ehrgeiz der Gemahlin des Großfürsten Wladimir, einer geborenen Prinzeß von Mecklenburg, ihreir Ursprung haben dürften. In politischen Kreisen unterhält man sich mit begreiflichen» -Interesse über das angebliche Projekt, eine Verbindung zwischen dem Prinzen Louis Napoleon und der Prinzeß Helene zu Stande zu bringen. Der Prinz ist russischer General. Seine Zugehörigkeit zur russischen Armee hat bisher ja nicht gehindert, daß die Kabinette von Petersburg und Paris in die bekannten enger» Beziehungen getreten sind, aber ein gewisses Mißbehagen mag die Machthaber der Republik gelegentlich doch beschlichen haben, lvenl» sie sich vorstellten, daß der Prinz a»»s dem Hause Bonaparte seine Verbindungen in Petersburg dazu benutzen könnte, eines Tages die Republik zu beerben. Zu den Eigenthümlichkeiter» unserer Zeit gehört es, daß inmitten der großen, auf demokratischer Grundlage sich abspielenden Kämpfe n»n staatliche und parteipolitische Macht die elega»»1e Damenpolitik hil»ter den Coulissen ebenso wirksam bleibt, wie in den klassischen Zeiten der Kabinettspolitik vor inehr als hundert Jahren. Mai» braucht nur an die Bedentring zu erinnern, die der Hof von Kopenhagen mit seinem ausgeprägt damenhaften Charakter bis beinahe in die jüngsten Tage gehabt hat. Wenn man jetzt hört, daß die Prinzeß Mathilde, die Tante des Prinzen Louis Napoleon, ihren Neffe»» zum Erben einsetzen ivill, nm ihn finanziell auszustatten, und wenn »nan sich vergegenwärtigt, daß die Großfürstii» Wladimir den Prinzen nicht znn» Schwiegersohn nehmen wird, oh>»e weitansschauende Pläne dabei zu verfolge»», so sicht man ein Netz sich anspinnen, vor dessen dichte»» Maschen die Republik allerdings auf der Hut zu sein hätte. Die geplante Heirath hat jede»»falls eil» größeres als bloß ein Familieninteresse.
* * * *
* Hof- und Personal-Rachrichte«. Eine Verlobung im Gräflich Lippe'schen Hanse wird aus Deimold gemeldet: der älteste Sohn des Grafregenten Graf Leopold zu Lippe-Biesterfeld hat sich mit der Prinzessin Bertha von Hessen-Philippsthal Barchfeld verlobt. Der Bräutigam, der nächstens sein 30. Lebensjahr vollendet und als Leutnant - I» »uit« der Armee steht, hat also eine durchaus .standesge
mäße" Wahl getroffen, ein Umstand, der vielleicht, wenn die Frage der Lippe'schen Erbfolge wieder akut wird, nicht ganz ohne Bedeutung sein dürste. Die Braut, die am 25. Oktober 1874 geboren wurde, »st die Tochter des am 17. Januar 1890 verstorbenen Prinzen von Heffen aus dessen zweiter Ehe mit der Prinzessin Juliane zu Bentheim-Stemfurt.
* Koloniales. Nach hier'eingetroffenen Nachrichten aus Deutsch-Südwestafrika sind zwischen den Bastard-Stämmen, einer Mischrasse aus Kap-Holländern und Hottentotten, und der dortigen deutschen Verwaltung Streitigkeiten ausgebrochen. Die Bastards galten bisher als das deutsch-freundlichste eingeborene Element der Kolonie.
* Der Schlosser Weiland ist, nachdem sich seine Geistesgestörtheit klar ergeben hat, aus der Irrenanstalt pieder ins Untersuchungsgefängmß übergeführt worden. Bor- einigen Tagen begab sich, dem „Berliner Lokal-Anzeiger" zufolge, der vom Senat dem Weiland gestellte Vertheidiger Dr. Dreier in die Zelle des Irrenhauses, wo sein Klient mternirt war, um mit ihm zu konferiren. Beim Eintritt des Dr. Dreier fing Weiland sofort laut an zu schimpfen, Dr. Dreier solle mache»», daß er fortkomme. Nachdem der Vertheidiger seinen Klienten vergeblich zu beruhigen versucht hatte, wa»»dte er sich an die Irren- Wärter und sagte, es schiene ihm besser, wenn er an einem anderen Tage »viederkäme. In dem Augenblick hatte Weiland aber schon den Stuhl erhoben, in der Absicht, auf Dr. Dreier einzuschlagen. Die drei in der Zelle befindlichen Jrrenlvärter sprangen sofort hinzu, entrissen ihm den Stuhl, konnten aber den Tobenden kaum bändigen. Nachdem er so eine Zeit lang getobt, verfiel er in epileptische Krämpfe und dann in einen schtvcren dreistündigen Schlaf. Als er erwacht »var, wußte er sich zunächst auf nichts zu besinnen. Allmählich kam ihm eine iriibe Erinnerung an das, was geschehen. Er erzählte dem Arzt, er glaube zu wissen, daß man ihn wegen Kaisermordes zu Zuchthaus verurtheilt habe und darauf habe abfllhren wollen; dem habe er sich widersetzt. Er war wieder ganz ruhig, nur sehr niedergeschlagen. Die Aerzte sind ans Grund dieses Ereignisses und ähnlicher Vorfälle, die sich vor dem Attentat im elterlichen Hause abgespielt haben, zu dem abschlleßenden Urtheil über den Geisteszustand des Weiland gekommen.
* Zur Zuchthausstatistik. Einen hübschen Kommentar zu den frommen Klagen über die zunehmende Jinmoralität unserer Zeit liefert die preußische Zuchthansstatistik über das Jahr 1899/1900, aus der der „Reichs-Anzeiger" einen ausführlichen Auszug veröffentlicht. Die Gesammtzahl der Zuchthäusler belief sich auf 23,486 gegen 23,464 im Vorjahre, d. h. sie ist in der Hauptsache stationär geblieben (nur 22 mehr) trotz des Steigens der Bevölkerung um mehr als 1 pCt. Der Zugang an neu eingelieferten Zuchthausgefangenen giebt gewissermaßen einen Ueberblick über die schwere Kriminalität allerneuesten Datums. Es waren 5324 gegen 5826 im Vorjahre. Auf Zuchthaus kann nur gegen Personen von über 18 Jahren erkannt werden. Jene Ziffer'stellt im Betriebsjahr 3 pCt. der zucht- hausmündigen Bevölkerung dar gegen 3,2 pCt. im Vorjahre, 6 pCt. im Jahre 1881/1882 und 4,7 pCt. im Jahre 1869. Sehr gestiegen ist jedoch der Antheil der Vorbestraften. Auf 100 neu eingeliefcrte männlicheZuchthäusler kamen 87,3 solcher, die schon mehr als 3 Zuchthausstrafen hinter sich hatten gegen 86,2 pCt. im Jahre 1892/1893 »md 83,8 im Jahr- 1889/1890. Die „Zuchthäuser" verdienen ihren Namen so wenig, daß sie, »oeit entfernt davon, erziehlich zu wirte», sich immer mehr zu dem bloßen Verzweiflungsmittel lebenslänglicher Aufbewahrungs- Anstalten entwickeln.
* Rundschau im Reiche. Auf der Langeubrücke zu Potsdam fand gestern Mittag 12 Uhr in Gegenlvart des K a i s e r p a a r e s, des Kronprinzen, zahlreicher anderer Fürstlichkeiten und der englischen Spezialmission die Enthüllung des Denkmals Kaiser Wilhelm I. mit großem militärischem Pompe statt.
Anhand.
* Oesterreich-Ungarn. In Budapest hat sich ein Verein gegen den Alkoholismus gebildet. Am Sonntag wird eine Volksversammlung abgehalten, einberufen von Universitäts- Professoren und Aerzten, in der gegen die Ueberhandnahme des Alkoholismus Stellung genommen werden soll. In der Versammlung _ soll eine Resolution gegen die Verabreichung von alkoholhaltigen Getränken an Sonntagen angenommen werden.
* Frankreich. Berichtigend ist zu dem Artikel im gestrigen Abendblatt über die Festivitäten in Toulon zu bemerken, daß Loubet die Grabstätte der Familie Gambettas, nicht Garibaldis, besuchte. Deshalb fallen auch die bezüglichen Bemerkungen in sich selbst zusammen.
* Rußland. Aus Petersburg, 8. April, wird uns geschrieben: Die Ernennung des Reichsrathsmitgliedes, General- Adjutanten und Generals der Infanterie Wannowski zum Minister der Volksaufklärung gewinnt unter den gegenwärtigen Verhältnissen große Bedeutung und man fragt sich, »oas den Genannten besonders geeignet erscheinen ließ, das Ami Bogolcpows anzutretei». Die Laufbahn des 79-jährigen Generals läßt erkennen, daß derselbe Karriere gemacht hat, denn er be lai» schon sehr früh führende Stellmigei» übertragen, bereu Gipfelpunkt die Leitung deS Kriegsmimsteriums »var, die Wannowski 16 Jahre hindurch innehaite. Von Wichtigkeit fiic seinen jetzigen Posten ist der Ilmstand, daß er lange Jahre sich mit dem Militärbildungswesen, als Direktor des Paul Kadettenkorps urvb später der Kaul-Militärschule, zu beschäftigen Ge-
I legenheit hatte, wie er denn hervorragenden Antheil an den * Arbeiten zur Reorganisation der Militär-Lehranstalten nahm. Da seine Fähigkeiten als Pädagoge sich erwiesen hatten, wurde er schon »vährend der Studenten-Unruhen vor 2 Jahren als kaiserlicher Komnriffar damit betraut, der Unordnung ein Ende -zu machen und nach den Ursachen des abnormen Zustandes auf den russischen Universitäten zu forschen. Die Maßnahmen, welche er damals traf, stellten die Ruhe bald »vieder her und die Regierung erklärte sich vollständig einverstanden mit seinen Vorschlägen zur Verhütung der Wiederholung derartiger bedauerns- werther Vorkommnisse. Dieser Erfolg bestimmte den Czaren, Wannowski auf den neuen Posten zu berufen, für den er mit unumschränkten Machtvollkommenheiten ausgestattet, aber nur auf 2 Jahre ernannt wurde. Das Erstere bedeutet so viel wie die Entziehung des öffentlichen Unterrichts und speziell der Universitäten ans der Einflußsphäre Pobedonoszetvs und des heiligen Synods. Die Regierung scheint also einzusehen, daß die Studentenfrage ernster als je ist, und es liegt in ihrem eigenen Interesse, nicht auf halbem Wege stehen zu bleiben, »venu sie 'nicht dem Nihilismus Vorschub leisten tvill, dessen Herd dle russischen Hochschulen sind.
* Schwede» und Norwegen. Aus Stockholm, 9. April, wird uns geschrieben: Von allgemeinem Interesse dürfte die Thatsache sein, daß im Rigsdag ein Antrag auf Abschaffung der T o d e s st r a f e eingebracht worden war, der jedoch vor beiden Häusern abgelehnt wurde. Die erste Kammer stellte die Frage überhaupt nicht zur Diskussion, sondern verwarf den Antrag ohne Weiteres; in der zweiten Kammer dagegen erhöh sich ein sehr lebhafter Meinungsaustausch, der möglicher Weise zu Gunsten der Abschaffung ausgegangen tväre, wenn die Abgeordneten nicht unter dem deprimirenden Eindruck eines voe Kurzem begangenen schrecklichen Mordes in Schweden gestanden hätten.
* Vereinigte Staaten. Wie aus Manila gekabelt lvird, hat Aguinaldo das Friedensmanifest unterzeichnet.
Dev Aufstand in China.
Iu3. Berlin, 11. April. Die „Vossische Zeitung" meldet aus London: Der Pekinger Berichterstatter der „Times"
meldet vom 9. April: Zwischen dem Grafen Waldersee und den Generalen aller übrigen Kontingente ist nunmehr ein Ueberein- kommen hinsichtlich der militärischen Maßnahmen, die erforderlich »vcrden, wenn die Räumung Chinas erfolgt, erzielt ivorden. Alle Befehlshaber gewinnen täglich mehr den Eindruck, daß eine schleunige Herabininderuirg der Stärke der Operationstruppen geboten sei. Der Berichterstatter schildert in düsteren Farben die Lage des okkupirten Flächenraumes und sagt, es sei sehr zweifelhaft, ob ein Zurückhalten der Truppen die Zustände bessern könne. Nach dem Urtheil kompetenter Beobachter tritt die fremdenfeindliche Stimmung in Tschili nach achtmonatlicher Besetzung stärker hervor, als »vährend des Boxer-Aufstandes. Wenn eine theilweise Räumung beschlossen »oerde, s» müsse diese vor dem Beginn der Regenzeit stattfinden.
tick. Berlin, 11. April. Me der „Lokal-Anzeiger" aus Peking meldet, stellte es sich bei genauer Untersuchung der Leiche des Hauptmanns Bartsch heraus, daß die Kugel, die von einem 8 lum-Revolver älteren Kalibers herrührte, seitlich in den Nucken gedrungen war, die Leber durchbohrt und edle Theilt verletzt hatte, sodaß der Tod sehr schnell eingetreten sein mußte. Man nimmt an, daß der Hauptmann im Sandsturm vom Wege abgekommen und von chiiresischen Mördern vom Pferde heruntergeschossen wurde. Der Körper war in keiner Weise verstümmelt. Die Börse hing zur Tasche heraus und war anscheinend unberührt.
lut. London, 12. April. Aus Peking wird gemeldet! Die Annahme, daß ein Chinese aus einem Versteck den Hauptmai»» Bartsch ermordet habe, ist aufgegeben. Eine Revolver- kngel ist von unten in den Unterleib gedrungen. Sechs Augenzeugen sind verhaftet ivorden. Heute, Freitag, findet die Beerdigung statt.
lul. Berlin, 12. April. Zur Dienstleistung in Ostasien haben sich neuerdings über 20 Beamt- der Militärverwaltung, Jntendanturbeamtc, Kaserneninspektoren rc. verpflichtet. D»S Beamten sind dazu bestimmt, in China für die dentschenTrnppeN eine Berivaltung nach deutschem Muster einzurichten und zN unterhalten. Das ganze Bcamtenpersonal führt am 16. April über Genna nach Ostasien ab.
Der Freiheitskrieg dev fttreit.
1 k ! . London, 11. April. Infolge der Protesinoie deS Präsidenten Krüger gegen die Entsendung der Buren-Gt- fangenen nach Britisch-Jndien hat die englische Regierung beschlossen, von dieser Maßregel Abstand zu nehmen. — Nack) einer Meldung ans I o h a»»nesbu rg versuchten 150 Buren am Sonntag, einen Theil der Goldgrube»» von Middelburg zN zerstören. Sie wurden jedoch durch sofort dorthin ciitsandie englische Truppe» Vertrieben.
Uri. London, 11. April. Aus Kapstadt »vird berichteik Gestern sind 6 neue Pestfälle festgestellt »vorden. Unter den Verstorbenen befinden sich 3 Europäer. Eine Verschlimmerung im Eingeborenen Viertel in Bezug auf die Pest ist cingctrcten.
hd. London, 12. April. Nach amtlichen Berichten auS Pretoria sind die Meldungen, daß Dewet geistesgestört sei, vollständig unbegründet. Thatsache sei nur, daß Dewet sich »veigere, überhaupt in Friedensverhandlnngen einzutreten. Auch die neuerlichen Friedensverhandlnngen »nit Botba werben Jj)
