I. Berlage jurn
Uo. 167. Morgen-Ausgabe.
(15. Fortsetzung .)} (Nachdruck verboten.)
Des Meeres und der Liebe Wellen.
Roman von Arthur Zapp.
Das Zwischendeck gleicht einer Leichenkammcr. Fast <N allen Betten liegen stöhnende, jammernde Menschen. In der furchtbaren seelischen Depression, die ein ständiger Begleiter der Seekrankheit ist, venneint Mancher, daß fein letztes Ständlein gekommen ist. Die Atmosphäre ist furchtbar hier unten. Wer noch einigermaßeir Kraft -und Willensstärke besitzt, hat sich nach oben geschleppt. Von den weiblichen Passagieren ist nur eine einzige an Deck: Else Kummer. Ihre drei Freunde haben ihr auf einer der Bänke in der Nähe des großen Schornsteins aus wollenen Decken ein Lager bereitet. Hier hat sie sich Icmg hingestreckt, unfähig, ihren Kopf aufrecht zu halten. Die hrei Herren haben zu ihren Seiten Platz genommen, um sie vor dem Hinabrollen zu beschützen. Ihr Zustand ist erbarmungswerth. Doktor Hillebrand hat ihr schon von den Tropfen, mit denen er sich vorsorglich zur Seereise versehen hatte, gegeben, aber die Leidende hat nur wenig Linderung verspürt. Ihr Organismus ist ein sehr zarter und der überaus heftige Anfall im Verein mit den Folgen der im Zwischendeck erlittenen Entbehrungen haben sie in einen Zustand starker Erschöpfung versetzt. Dabei fröstelt sie unter der Einwirkung der Kälte und auch das harte Lager trägt wesentlich dazu bei, sie die ohnedies qualvollen Leiden der Seekrankheit doppelt empfinden zu lassen.
Doktor Hillebrand erhebt sich endlich mst der Miene eines festen Entschlusses. Er steigt hinab, um den Schiffsarzt aufzusuchen und ihn zu bitten, die Leidende in das Schiffslazareth aufzunehmen. Er muß ein Viertel stündchen warten, denn der Arzt macht eben seinen Rund gang, um nach den Patienten zu sehen und den seekranken Passagieren mit ermunterndem Zuspruch und in den schwersten Fällen mit beruhigenden Mitteln zu Hülfe zu
kommen. v ,
Endlich erscheint er, selbst mst abgespannten, leidem den Zügen. Als sich ihm der ihn an seiner Kajütenthur Er wartende als Kollege vorstellt, erhellt sich das Gesicht de: Schiffsarztes.
„Sie schickt mir der Himmel zur rechten Zeit!" ruft er jovial, dem Kollegen herzlich die Hand reicheird. „Da "chlen Sie mal meinen Puls, ich glaube, ich bin der er,re, Ihre ärztliche Hülfe in Anspruch nehmen mutz!" Doktor Hillebrand erfaßt die Hand des Schiffsarztes §Sie fiebern, Herr Kollege!", sagt er.
.„Das scheint mir auch. Ich taxire nahe an ueununo- oreißig Grad. Ich kann mich kaum auf den Beinen erhalten. Wahrscheinlich die gerechte Strafe für meine gestrige Schlenmrerei. Habe letzte Nacht mit zwei Sumpfhühnern der Kajüte, einem ehemaligen Offizier und einem dito ehemaligen Rittergutsbesitzer eiskalte Ananas - Bowle getrunker:. Muß mir dabei gründlich den Magen erkältet haben. Wer ich habe noch gar nicht gefragt, tvas Sie zu mir führt?"
- Doktor Hillebrand trägt sein Anliegen vor. Der Schiffsarzt schickt sogleich nach seinen: Lazarethgehulfen und als dieser herbeigeeilt isst sagt er, auf dm Kollegen deutend:
„Hier, Herr Doktor Hillebrand, der mich vertreten wird. Sie werdm sich seinen Anordnungen fügen, als wärm es die meinigen. So und min haben Sie die
Donnerstag» den 11. April.
Freundlichkeit, Herr Kollege, dm Lazarethgehulfen zum Kapitän zu begleiten und diesem meine Erkrankurig zu melden. Nachher haben Sie wohl die Freundlichkeit, gelegentlich nach mir zu sehen. Ich krieche in mem Lager.
Doktor Hillebrand folgt dem Voraufschreitendm wie im Traum. Das Alles ist so unerwartet und plötzlich gekommen, daß er sich erst mit diesem für ihn sehr erfreu-
lichm Wechsel der Dinge zu befreunden hat. Dem Kapstan richtet er den Auftrag des erkranktm Kollegen «ms, über- reicht seine Legitimationspapiere, die er m der Tasche bei sich trägt und wird als stellvertretender Schiffbarst angenommen. Zugleich läßt ihm der Kapitan eine Kabine der crstm Kajüte anweism. ^ ^ .
Das Alles vollzieht sich im Verlauf einer Viertelstunde. Sodann eilt Doktor Hillebrand nach dem Deck hinauf. Hier nimmt er sich kaiini die Zeit, die aufrlcht'gen ck- wüiische seiner Freunde mit einem kräftigen Händedruck zu erwidern. Es bereitet ihm eine große Befriedigung, in d°° glück,ich« Lag- A lür » lg Mädchen, das ihm vom ersten Augenblick an herzliche
Sympathie eingeflößt hat, ausreichend sorgen zu konnem Er verordnet ihr Bouillon, Wein und andere stärkende Mittel. Der schüchtern zu ihm aufhuschende Blick ihrer seelenvollen Augen, mit dem sie ihm dankt, erzeugt eine gar wohlige Einpfindmig in ihm.
Auch für seine beiden Freunde im Zwischendeck thut »r was er karui. Als stellvertretender Schiffsarzt nimmt er'an der Tafel der ersten Kajüte theil. Von dem reich- haltigen Lunch, dem heute nur einige wenige Herren zu- fprechen, steckt er ein Paar mit Delikatessen belegte Brod- chcn in seine Tasche. Das freudige Aufleuchten der Augen, die verklärten Mienen, das kräfüge Arbeiten der Zahne der beideir Reisegefährten, die bei der Zwlschendeckstost halb verhungert sind, ist dem jungen Arzt reicher -ohn für seine Menschenfreundlichkeit.
Seine Stellung als Schiffsarzt ist ihm für den Rest der Fährt gesichert, denn eine sorgfältige Untersuchung des kranken Kollege,: ergiebt, daß es sich um einen heftigen Magenkatarrh handelt. So ist des einen Unglück, des andern Glück. Bei den Passagieren macht sich der neue Schiffsarzt schon am ersten Tage beliebt. Besonders die Herzen der Damen fliegen ihm zu, denn mit einer vertraueneinflößenden Sicherheit in feinen Anordnungen verbindet er eine fast frauenhafte Zartheit und Geduld, die nicht müde wird, die oft sehr wortreichen Klagen der Damen anzuhören, zu trösten ilnd zu beruhigen und lindernde Tropfen zu geben.
Am beglücktesten fühlt sich vor Allen dnrch den Wandel der Dinge Else Kummer. Verschiedene Male spricht Doktor Hillebrand den Tag.über bei ihr vor. Ersetzt sich an den Rand ihres Lagers, fühlt nach ihrem Puls, nickt vergnügt und sagt: „Er geht schon kräftiger, morgen find Sie wieder wohlauf."
Wenn er ihr dann wie liebkosend mit der Hand über die Stirn streicht, dann pocht ihr Herz höher, das Blut schießt ihr in die bleichen Wangen und der Impuls durchzuckt sie, seine Hand zu ergreifen und sie an ihre Lippen zu führen voll Dankbarkeit und Verehrung. Ein unendlich wohlthuendes Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit kommt über sie und trägt mehr zu ihrer Ge nesung bei als alle Arzneien und Stärkungsmittel.
Im Rauchzimmer bleiben trotz Stnrni und Unwetter einige der Herren bis Mitternacht zusammen. Leustiant von Mägdewitz hat ganz vergessen, daß er seinem Vater beim Abschied versprochen hat, die Karte,:, die schuld an seinem Unglück sind, nicht mehr zu berühren. Auf dem Schiff, denkt er, kann man schon einnial eine Ausnahme inachen. Wie soll man denn sonst die todtliche Langeweile bannen? Herr Rasch begrüßt den Vorschlag, ein bischen zu tempeln, mit Begeisterung und da auch Mr. Blechsinith und der Ostpreuße Herr Kalluweit mit ihren wohlgefüllten Börsen sich betheiligen, so nimmt das Spiel rasch erhebliche Dimensionen an. Als die zwölfte Stunde schlägt, schneidet Herr v. Mägdewitz mit einem Gewinn von sechshundert Mark ab. Während er sich schwerfällig, vom Wein und von den Aufregungen des Spiels berauscht, nach seiner Kabine tastet, lallt er, nach der Richtung der Damenkabine nickend, siegesgeiviß vor sich hin:
T agblatt.
49. Jahrgang. 1901.
^SchneidigeUcig^ heuteHoppelt Spiel gewonnen. Es lebe der „Chamisso!"
vn. -
Der neue Tag bringt besseres ^e"er. WohI weht noch hier und da eine kleine Boe über das -~eck, aber dre Macht desSturines ist gebrochen Wahrend des Früh ftücks sieht man schon wieder frohe, vergnügte Gesichter. Ja, sogar einige Damen haben sich aus ihren.Kabinen herausgewagt, uin sich für die gestrigen nothgezwungenen Entbehrungen an den kompakten Genüssen der Tafel zu entschädigen. Unter ihneil ist es in erster Lime Miß Hillyard, die wieder frische, klare Augen und gute Laune zeigt. Ailch Miß Blechsmith behauptet, daß sie wieder ganz „all right" ist und auch die muntere Wienerin und Fräulein Habermann riskieren eine Tasse Thee und ein
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Hofschauspieler Emanuel Martini, die sich vom Steward, ihr Frühstück in ihre Kabine bringen lasten.
Am aufgeräumtesten von Allen ist Konsul Seine Blicke schweifen vergnügt über die reichbesetzte Tafel hin, Plötzlich erhebt er sich und sagt:
„Meine Herrschaften, ich glaube dw Empfindung unser aller auszusprechen, wenn ich behaupte, wir fühlen
uns Alle wie neugeboren!"
Fröhliches Händeklatschen :md Zustrmmiingsrufe.
Fch glaube, es befinden sich kaum drei unter uns, die nicht dein Neptun de- :>nd wehmüthig ihr Opfer dar- gebracht hatten. Nicht wahr" — der Sprechende nickt der an entgegengesetzter Ecke des Tisches sitzenden Reisegefährtin von der schönen blauen Donau zu „nicht wahr meine verehrte Frau G'schwinder?"
Die Wienerin lacht. _ , r , ., . -
„Das will i mein'n," sagte sie. ,,^hab mt anders 'dacht, als daß i dran sterben mußt. Die Seel ,m Leib hat sich einem mn'dreht, daß es schon nimmer schon war.
Und Herr Kalluweit aus Ostpreußen sekurrdirt m seinen: breitklingenden Organ mit seiner Rechten nach feinem wohlgerundeten Bäuchlein greifend: „Ach Ehott,
meine Herrschaften", nimmt der Konsul seine Stegreisrede wieder auf, „wir Alle sind des Dankes voll gegei: die Vorsehung, die uns nach Sturmesgebraus und Seekrankheit wieder erträgliches Wetter und frohen Muth bescheert hat iind gegei: die Schiffsleitung und d:e ganze Schiffsmannschaft, die an dein kritischen Tagetrem und unerschrocken ihre Pflicht gethan und für unsere Slch^ heit unermüdlich gearbeitet hat llnser Kapitan ist von sechs Uhr Morgens bis zwölf Uhr Nachts — eine halb ständige Mittagspause abgerechnet — .mcht von der Kommandobrücke gcwicheii. Da» nein: ich Pflichttreue
unr excellence!" m
„Bravo!" erschallt es von allen Seiten. »Bravo! „Meine Herrschaften, ich glaube, es draimt uns Alle, unserem freudigen Aufathme,: und unserem Danke-gefuhl eineri Ausdruck zu geben, durch irgend eine gemettischast- liche Veranstaltung zu bethatigen, daß wir guten Muthes und frohen Sinnes sind, und dag wir gegenüber der Schiffsleitung und der Mannschaft von einem aufrichtigen Gefühl der Hochachtung und Anerkennung beseelt sind. Und da ist mir herrte Früh, als ich nach stärkendem Schlummer die Augen aufschlug und die Wellen nur noch mit sanfter Dünung an die Kabinenwand pla schern horte, der Einfall gekomnien, Ihnen, meme Herrschaften, den Vorschlag zu unterbreiten, daß w:r Alle Mit vereinten Kräften für de,: heutigen Abend ein kleines Z-est so etwas wie eine musikalifch-deklamatorische Unterhaltung, veranstalten, dessen Erträgniß - Entree nach Belieben — wir für einen wohlthätigen maritimen Zweck, etwa für das deutsche Seemannsheim, bestimnien. Nun, was meinen Sie?"
(Fortsetzung folgt.)
Seiden-Haus
M. Marchand.
Total-Ausverkauf
meines MSIUZGI* Geschäftes
a
Längspässe
23
346 ?|
Große Glos- und Porzcilm- toooreil- rr.-Bersteizer»»>.
Im Auftrag« eines hiesige» feine« Geschäfts
versteigere ich am
Donnerstag, den 11. April er., und den folgenden Tag, jedesmal Morgens J h *•
Nachmittags 2'/, Uhr a,»langend,
in meinem Nuctionslokale
47 Friedrichsiraße 47
eine große Parthie
feiner Lnrns-«. GebrauchsgegenstimSe in Glas. Porzellan, Majolika re., als :
Speise-, Kaffee- nnd Waschservice, Bowlen, Wein- ,»»d Bier^rviee, Vasen, Jardini«ren» Wandteller, Ntppsachen, alte Sorten Pokale, Teller, Tassen «nd noch vieles Andere
öffentlich meidbietend gegen Baarzahlmig.
Der Zuschlag erfolgt auf jedes Gebot.
Will». Mellrich,
Auetiouator nnd Taxator.
