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«o. Jahrgang.
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lt». 1<>4.
Nedaktions-Fernsprechrr No. 52.
Älbeiid-fiMsggaSse,
I
Mohnnugsfürsvrge.
Vom „Reichsanzeiger" veröffentlichte Erlasse der Staatsregierung an die Oberpräsidenten und Regierungspräsidenten, betreffend die Neuregelung der Wohnungsfrage, müssen imter allen Umständen als dankenswerthe Frucht sorgfältiger Erwägungen ailgesehen werden. Es wird Niemanden geben, der sich auf dem Gebiete der Wohnungsfrage umgesehen hat, und der nicht demgemäß seine Fragezeichen zu dieser oder jener Einzelheit der Erlasse machen möchte. Nor Allem wird eine wirkliche und wirksame Abhülfe der im Wohnungswesen herrschenden Mihstände erst von einer beträchtlichen und dauernden Verbilligung des Bodens erwartet lverden dürfen, und alle Maßregeln zur Beseitigrmg der heutigeir Misäre können nur bis zu einer gewissen Grenze und in einem bescheidenen Matze nützen, weil eben die Hauptsache nrcht dadurch getroffen wird, nämlich die Behandlmtg des Grund und Bodens als Waare, die mit steigender „Konjunktur" entsprechend im Preise wächst. Aber man mutz zugeben, datz es nicht die Aufgabe der Staatsregierung sein kann, solche Grundprobleme des großen Produktrons- prozesses im Handuindrehen zu „lösen" und sie gar durch Verordnungen lösen zu wolleli. Was innerhalb her bestehenden Verhältnisse geschehen kann, um durch ein fing erdachtes System staatlich-kommunaler Flirsorge den Rus- wüchsen der Bauspeklilation zu begegnen, das mag durch die veröffentlichten Verordnungen auch noch nicht ganz erreicht worden sein, aber ein wichtiger Schritt jedenfalls ist gethan, und das Weitere wird von selbst Nachkommen. Die Staatsregierung hatte es insofern leicht, als ihr zcchl- reiche Gemeinden in Preußen und in anderen Vunde»- staaten längst schon durch rühmenswerth geschickteBehand- lunq der Wohnungsfrage vorgearbeitet haben. So kann das Meiste von den jetzt gemachteil Vorschlägen und Anweisungen an Vorhandenes aiikilüpfeii, sodatz die Er- Wartung berechtigt ist, es werde alsbald ein erspnetzlicher Wandel in den leidigen Verhältnissen eintreten, m denen jetzt die ungeheure Mehrheit der städtischeil Bevölkerung infolge der rücksichtsloseir Allsbeutung der „Koniunktur Lurch die Hausbesitzer lebt. Wenn Herr v. Rhembaben m der Sitzung des. Abgeordnetenhauses vom 23. Marz fern Bedauern darüber allssprach, datz auf dem Gebiete der Wohnungsfürsorge von Berlin Nichts geschehen sei, so kann man ihm zwar für die Vergangenheit nicht widersprechen, aber seitdem regt sich auch hier das socmlpolltische Gewisseil mit erfreulicher Stärke, und so beschämend e~, für die Hauptstadt sein mag, daß sie vielen kleineren Ge- rneinden nachhinken mutz, so ist es immer noch besser daß Lies überhaupt geschieht, als weim es garmcht geschähe. Inzwischen hat die Berliner Stadtverordneten-Versamm- lung (und zwar gerade einen Tag vor lener Rede des Ministers) die Vorschläge ihres Ausschusses für Wohnungsfürsorge genehmigt, worm der Magistrat u A ersucht wird, mit gemeinnützigen Baugenossenschaften. und gemeinnützigen Aktiengesellschaften für die Herstellung kleiner Wohnungen in Verbindling zu treten und die Modalitäten festzusetzen, wie durch Unterstützung Seitens der Stadt (Hergabe von Grund und Boden zu Eigenthum oder Erbbaurecht, Hypotheken-Uebernahme Zms- garantie rc.) kleine, gilte, gesunde und möglichst billige Wohnungen Seitens jener Genossenschaften und Gesellschaften in erheblicher Anzahl hergestellt werden können. „Tie'Höhe der Miethen für die Wohnungen ist so zu bemessen, datz nur die Verzinsung und Amortisation des ftrr die Herstellung aufgewendeten Kapitals, die aus der Instandhaltung rc. eiitstehenden Aufwendungen, sowie die Verwaltungskosten in Anrechnung gebracht werden. Die erforderlichen Kapitalien sind aus einer Anleihe aufzubringen." Damit kann man vorläufig zufrieden fern, und weiin es nicht hinreichen sollte — wie es denn wahrscheinlich nicht hinreichen wird —, so ist der Stein doch im Rollen, und weitere Reformen werden leichter zu verwirklichen sein, als es der jetzt mühsam durchgesetzte Anfang gewesen ist. ■
Deutsche» Deich.
» Berlin, 9. April. In hiesigen unterrichteten Kreisen hält man, dem „Lokal-Anzeiger" zufolge, es nicht für ausgeschloffen, daß Zanardelli mit Abänderungs-Vorschlägen, betreffend tnn Dreibund-Vertrag, hervortreten wird. Man bezweifelt übrigens die Erneuerung des Vertrages mcht, zumal der Vortheil desselben wesentlich auf italienischer Seite liegt. Der Vertrag läuft bis zum 6. Mai 1903 und wird unverändert weiter laufen, wenn er nicht ein Jahr vorher gekündigt wird. „
* Rundschau im Reiche. Nach dem Bericht des Central- comitös haben sechs im Königreich Sachsen erscheinende socialdemokratische Parteiblätter 80,400Abon- uenkm. Die von der Liste der Parteipreffe gestrichene „Vogtl. Lolksztg." ist hierbei Mt mit. berücksichtigt.
Dienstag» den 9. April. Ausland.
* Schweiz. Der „Lokal-Anzeiger" meldet aus Genf: Freitag Abend fand eine große Protestversammlung statt, um gegen die Auslieferung des Anarchisten Jaffei durch die schweizerischen Behörden an Italien Einspruch zu erheben. Nachdem der Redakteur des Anarchistenblattes „Neveille" und ein anderer Redner gesprochen hatten, nahm die Versammlung einstimmig eine Resolution an, in welcher zunächst gegen jene Auslieferung protestirt, dann aber auch die Abschaffung der politischen Polizei und der Bundesanwaltschaft gefordert und de^ Sympathie der Versammlung für die russischen Studenten Ausdruck gegeben wird. Nach der Versammlung zogen die Manifestanten vor das russische Konsulat, rissen das russische Reichs Wappen herunter und zer- traten es. Sodann zogen sie vor das italienische Konsulat, wo sie von Gendarmerie erwartet wurden. Sie bewarfen die Gendarmen mit Steinen. Schließlich zogen die Demonstranten vor die Privatwohnung des italienischen Konsuls und brachten dort Pereatruf« aus. — Im Aufträge des Regierungsraths drückte der Sekretär der St'atskanzlei persönlich dem russischen Konsul das Bedauern der Genfer Regierung über die Vorfälle am letzten Freitag aus.
* Frankreich. Di- Quais- und Dockarbeiter in Marseille beschlossen, den Streik aufzugeben und die Arbeit heute Dienstag wieder aufzunehmen.
* Rußland. Die Universitätsbehörden in Petersburg
und Kiew verständigten die Studentenschaft, daß, falls am Tage der Ernennung des Unterrichtsministers jede Demonstration unterbleibt, sämmtliche verhaftete und verurtheilte Studenten begnadigt würden. (Man kennt derartige Versprechungen. D. R.) — Der frühere Kriegsminister General- adjutant v. Wannowski, ist zum Unterrichtsminister und Generaladjutant Tschertkow zum Generalgouverneur von Warschau und zum Truppen-Kommandirenden des Warschauer Militärbezirts ernannt worden. — Der Kaiser hat an den zuln Unterrichtsminister ernannten Generaladjutanten von Wannowsky folgendes Rescript gerichtet: Die regelmäßige
Organisation der Volksbildung bildete stets eine der hauptsächlichen Sorgen der russischen Herrscher, die fest, aber allmählich in Uebereinstimmung mit den Grundprinclpien des russischen Lebens und den Bedürfniffen der Zeit nach ihrer Vervollkommnung strebten. Die Erfahrung der letzten Jahre hat indeffen auf so wesentliche Mängel unseres Schulwesens hingewiesen. daß ich für zeitgemäß halte, unverzüglich an eine durchgreifende Revision und Verbcfferung desselben zu schreiten. Ihre staaismännische Erfahrung und Ihren aufgeklärten Geist hochschätzend, habe ich Sie mir als Mitarbeiter beim Werl der Erneuerung der Organisation der russischen Schule gewählt, und indem ich Sie auf den jetzt besonders wichtigen Posten eines Ministers der Volksaufklärnng berufe, bin ich fest uberzeugt, daß Sie sicher und unentwegt das von mir vorgezeichnete Ziel 'erstreben iverden und in die Erziehung der russischen Jugend durch Erfahrung gereiftes, verständiges Verhalten und herzliche Fürsorge hineintragen werden. Gott segne unsere Arbeit. Mögen Eltern und Familien, die vor Allem verpflichtet sind, für ihre Kinder zu sorgen, uns bei der Arbeit helfen, dann wird bald die Zeit kommen, wo ich und mit nnr mein ganzes Volk mit Stolz und Trost in dem jungen Geschlecht eine feste und sichere Hoffnung des Vaterlandes und eine starke Stütze desselben in der Zukunft sehen werden. — In den Gouvernements Charkow und Jekaterinoslaw herrscht eine Geschäftskrisis. Viele Fabriken feiern und 200,000 Arbeiter sind brodlos.
* Serbien. Die wichtigsten Bestimmungen der neuen Verfassung sind nunmehr bekannt: Sie gewährt vollkommene
Rechtsgleichheit, Gedanken-, Gewiffens- und Religionsfreiheit, verbietet Ausnahme- und Standgerichte, und giebt die Preffe vollkommen frei. Wahlfreihcit wird ebenfalls garantirt. Der neue Senat besteht aus 51 Mitgliedern, in welcher Zahl der jeweilige großjährige Thronfolger, der Metropolit von Serbien und der Bischof von Risch einbegriffen sind. 30 weitere Mitglieder ernennt der König auf Lebenszeit. 18 werden in geheimer Abstimmung gewählt, in jedem Kreis einer, in der Stadt Belgrad 2. Der Zensus beträgt bei den Senatswahlen 45 Francs für das aktive, 400 Francs für das passive Wahlrecht
Dev Aufstand in China.
wb. Petersburg, 7. April. Das „Journal de St Petersbourg" schreibt:'Die Regierungsmittheilung, die wir bereits veröffentlicht haben, enthält eine ausführliche Darstellung der Haltung Rußlands hinsichtlich der Frage, die durch die im vergangenen Jahre in China ausgebrochenen Wirren, entstanden ist. Diese Haltung ist schon in früheren amtlichen Mittheilungen sehr genau gekennzeichnet worden. Die russische Regierung
bleibt derselben unveränderlich treu, indem sie sich Grundsätze aufstellt, welche die Gesamnitpolitik im Osten, wie in den Be- Ziehungen zu den Mächten leiten. Der Gesichtspunkt der Regierung bezüglich der schwebenden Frage ist bestimmt durch die Lage hinsichtlich Chinas, das auf einer ungeheuer weiten Strecke Rußlands Grenznachbar ist, sowie durch das Verlangen, so weit wie möglich das Feld für Verwickelungen in Ostasten zu beschränken. Keine Absicht territorialer Vergrößerung verfolgend und entsprechend den Traditionen fest entschlossen, das Prinzip der Integrität des chinesischen Reiches zu wahren, stellte die russische Regierung sich von Anfang an eine umgrenzte Aufgabe, von der abzuweichen sie nicht beabsichtigte, indem sie sich dabei - lejjkL lseh vog gleichzeitig friedlichen und Humanitären Er-
Berlags-Fernsprechcr No. 2266.
1901.
Wägungen. Im Rahmen des allgemeinen Einvernehmens mit den Mächten betheiligte sie sich an der Aktion, die die Befreiung der in den Gesandtschaften belagerten Ausländer zum Ziele hatte-, und wirkt jetzt bei den Maßnahmen mit, die getroffen sind, um eine Wiederholung der Wirren des vorigen Jahres zu verhindern. Jedoch hat sie geglaubt, daß man Grund habe, sich bei den China zu präsentirenden Forderungen genau auf das Unerläßliche und Mögliche zu beschränken. Aber neben den Fragen von gemeinsamem Jntereffc für alle Mächte war es diejenige, die durch bic Angriffe auf russische Orte an der Grenze geschaffen war, sowie durch die Beschädigungen der Eisenbahn im Osten Chinas, für deren Bau eine besondere Vereinbarung abgeschloffen worden ist zwischen Rußland und China. Die russische Regierung mußte Truppen in dieMandschurei einrücken lassen, ohneAbsichten auf eine Annektirung zu haben, oder ein Protektorat zu beanspruchen, wie gewisse ausländische Organe ihr vollkommen mit Unrecht unterstellten. Der Schienenweg, um den es sich handelte, ist für die Allgemeinheit von Interesse, aber durch die Bemühungen Rußlands kam es zum Bau. Es war deshalb nothwendig, sich zu vergewissern, daß in Zukunft die Arbeiten in voller Sicherheit fortgesetzt werden können. Garantieen in dieser Richtung sind es, die die russische Negierung bei den projektirten Verhandlungen mit der chinesischen Regierung im Auge hatte. Es versteht sich von selbst, daß keine militärischen Maßnahmen getroffen werden könnten zur schriitweiscn Räumung der Mandschurei, bevor nicht diese Garantieen vop,.CHina gegeben sind. Mit den» Augenblick, wo der Abschluß des Abkommens mit China m diesem Sinn nicht statthaben konnte auf Grund von Hindernissen, die die chinesische Regierung darin fand, wird Rußland, wenn es auch seinem mehr als eininal dargelegten politischen Programm unabänderlich treu bleibt, abwartcn, bis der normal« Zustand in China wiederhergestellt ist und eine Central-Regi«- rung die Gewalt vollständig übernommen hat, die unabhängig und genügend stark ist, um Garantieen zu geben gegen die Erneuerung der letzten Wirren.
* * * *
Diese neue russische Kundgebung wird, so schreibt uns unser Berliner I-.-Korrespondent, in Berliner politischen Kreisen sehr nüchtern beurtheilt. Aus derKundgebung geht hervor, daß die russische Regierung sich durch die gegenwärtige Schwierigkeiten, die einer Durchführung des Mandschureivertrages entgegenstehen, nicht abschrecken läßt, sondern von der Zukunft die Erfüllung chrer hart- nackig festgehaltenen Pläne erhofft. Rußland kann diesen Standpunkt uniso eher einnehmen, als es der beatus possidens in der Mandschurei ist und gelassen abwarten darf, ob es China jemals gelingen wird, die Truppen des Czarenreichs diplomatisch oder gar militärisch aus ihre» jetzigen Stellungen herauszumanövriren. Die einzige größere Schwierigkeit, mit der man an der Newa rechnen tvird, obwohl davon natürlich nicht gesprochen wird, ist Wohl die, datz die anderen Brächte in dem Augenblick, wo sie sich mit der Thatsache einer Verwirklichung der rufst- scheu Pläne abzufinden haben werden, diese Aufgabe durch die Beschaffung gleichwerthiger Vortheile zu lösen versuchen möchten. Wenn das auf Kosten Chinas geschehe wird, so wird es zugleich unvermeidlich auf Kosten Rußlands geschehen, und zwar in der Form, datz das russische Uebergewicht durch entsprechende Sicherung werthvoller Positionen wieder wett gemacht wird. So kriegerisch die Sprache ist, die man zur Stunde in Japan führt, so ist anzunehmen, datz es auch die Japaner schließlich vor- ziehen dürfteii, sich „Kompensationen" zu verschaffen, statt sich in einen blutigen Waffentanz einziilassen. Die m London gemachten Versuche, den Geltungsbereich des deutsch-englischen Uangtsevertrages auch auf di« nördlichen Provinzen Chinas anszudehnen, sind, wie man weiß, nur gleichsam akademische , Ans- lcgungskünste gewesen. Wenn die britische Regierimg nichts Ernstliches dazu thut, um die Russe»,, aus der Mandschureizu entferneii, so kann sie selbstverständlich Nicht erwarten, datz dies Geschäft von hier aus unternommen wird, wo ein wesentlich geriiigeres Jiiteresse als „ ttt London an den wirklichen oder verschleierten Souverane- tätsverhältnissen in der Blandschurei besteht.
hd. Petersburg, 8. April. Wie offiziös verlautet, wurde den russischen Vertretern im Ausland am 3. d. M. aufgetragen, de» Regierungen, bei welchen sie beglaubigt sind, folgende Mrt- theilung zu machen: Da aus den erhaltenen Nachrichten hervorgeht, datz bei den gegebenen Umständen ein besonderes Abkommen in Angelegenheit der Mandschurei dem chinesischen Reich hervorragende Schwierigkeiten bereitet, so besteht Rußland keineswegs auf dem Abschluß eines solchen Abkommens. Rußland verzichtet seinerseits auf alle etwaigen llnterhandlungen über diesen Gegenstand, indem es stets seinem ursprünglichen, schon wiederholt veröffentlichten Programm treu bleibt und den weiteren Gang der Ereignisse ruhig abwartet. ,
bä. Berlin, 9. April. Dem „Berliner Tageblatt wrrv aus London d-peschirt: Aus den im Lauf der Feiertage em- gegaugenen Nachrichten bezüglich des Verhaltens Japans zur Mandschurei-Frage ergiebt sich nur das Eine, daß ^apan mchr daran denkt, sich in einen Krieg mit Rußland einzulaffen. Uebev Li-Hung-Tschangs Verhalten zu den Verhandlungen über das Mandschurei-Abkommen erfährt die „Morning Post , die Fran< zosen hätten in Ehingtingfu einen Brief von Li-Hung-Tschang an den Gouverneur von Schansi aufgefangen, in welchem Lt- Hung-Tschang schreibt, daß er nach den jüngsten Konfütteq
