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trUgelb. — Bezugs-Be,irllungcn nehmen »ußeedcm entgegen: in Wiesbaden die Zweigstelle Bis- ckring t». iowie die Ausgabeftellen in allen Teile» der Stadt; in Biebrich: die dortigen Au«, eüellen und in den tenachbanen Landorten und im Rheingau die betreffenden Tagblatt- Träger.
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„Tagblatt-H-uS" Nr.SSS0-53.
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Sonntag, 23. Mai 1915.
Morgen - klusgabe.
Nr. 237. - 63. Iahrgang.
P^* Die nächste Ausgabe des „Wiesbadener Tagblatts" erscheint der Feiertage wegen erst am Dienstagvormittag als Sonder-Ausgabe.
Pfingsten im Weltkrieg.
Von Pfarrer Dietrich Graue, Mitglied des Abgeordnetsichauses.
„Tie stillsten Worte sind es, -welche den Sturim bringen. Gedanken, die mit Taubeiffüßen. kommen, lenken die Weil." Der diese Worte schrieb, war ein leidenschaftlicher Gegner der Priester. Und doch, treffender als in diesen beiden kurzen Sätzen kann man kaum die geheimnisvolle, geschichtsbildende Gewalt des reinen Gei st es preisen. Das ist aber gerade die Pfingsrbotschaft der Kirche, und wer hätte dies Jahr kein Ohr für die Mahnung, daß die Zukunst Deutschlands an dem Geiste hängt, der unser Volk erfüllt?
Wir hören ja jetzt bisweilen die unbeholfene Klage, daß die harten Notwendigkeiten des wütenden Weltkrieges mit den stillem Wahrheiten des Glcwbems nicht in Einklang stünden; aber Glaubenssätze, die nicht mehr in den Seelen stürmen, sind nicht still, sondetm tot. Sie mögen bequem sein, aber sic sind ohne erquickende und stärkende Kraft geworden; wir können sie entbehren. Und Wahrheiten, die nicht auch in Sturm und Wetter sta-ndhalten, sind nie wurzelechte Wahrheiten gewesen, so wenig ein Mensch stark ist, der in der Not nicht fest ist. Wenn die Kriegsevsahrung konfessionelle Recht» habereien und rührselige Liebhabereien hinlwoggefegt und unsere höchsten Überzeugungen vereinfacht hat, hat sie uns nicht kälter und ärmer, sondern reicher und wärmer gemacht. Geralde der P f i n g st glaube an den siegh asten Geist ist wurzelechte. sturmfeste und erwärmende Wahrheit.
Schon durch den bisherigen Verlauf des Krieges wird sie erhärtet. Wir Deutschen «hatten gemeint, in friedlicher Betriebsamkeit uns unseren Platz an der Sonne gesichert zu haben. In einsamen Studierstuben und Kontoren und Geschäften, in Stadt und Land, in Familie und öffentlichein Leben, in Kirchen und an Kunststätten, kurz überall in deutschen Landen pflegten wir die uns von der Geschichte anvertrauten Güter und betätigten* wir den in uns lebenden Geist. Die stillsten Worte und Werte: Wahrheitsstreben, allgemeine Bil-
düng, moralisches Feingefühl, religiöser Sinn, wach- sende ästhetische Kultur, haben uns dabei als Grün d- lage und Triebkraft unseres besten Tuns gegolten. Mit Recht. Denn aus dem Unscheinbaren und Süllen ward sichtlicher ErsoLg und starke Macht und nationales Ansehen und — Neid und Sturm. Aber begeffert von boshaftem Neid und umbraust von einem
Ein deutsches Gebet ju Pfingsten.
(Aus dem Pfiwgstheft des „Kunstworts".)
Wald, Feld und Stadt und Auen,
Und was drin schafft und gibt.
Was Sonn und Sterne schauen,
Und was die Seele liebt —
Du hast uns Heim wie Waffen,
Hast Erz wie Korn geschaffen.
Das hält!
Und kämpft die Deutschgemeinde Drei Männer gegen zehn —
Das stärkt, um alle Feinde Gelaffen zu besteh'n:
Was jeder als das Beste In sich fühlt, baut die Feste Der Welt.
Nun wächst aus allen Tiefen Die Heimatkraft ins Korn,
Und wo die Erze schliefen.
Wird Stahl für guten Zorn.
Gott: laß uns, was wir sollen.
Aus uns heraus auch wollen.
Das hält!
A-
Das Wunder.
Novelle von Anna Gäbe (Bardowiek).
Goldiges Sonnenlicht überflutete das rege Treiben auf dem Marktplatz des traulichen Landstädtchens. Die Zeiten waren zwar ernst und mahnten zur Sparsamkeit, aber — morgen war Pfingsten, das liebliche Fest, und wenn man sich auch in diesem Jahre, wo rrotz des lachenden Lenzzaubers und all des Blühens rings umher der Krieg, der allgewaltige,
' mit seinem dunklen Ernst die Welt noch immer in Atem hielt, einschränkte und braunes Kriegsbrot statt leckeren Kuchens atz, so glaubte man doch den einen oder anderen kleinen Extragenutz an zartem jungen Gemüse, und was noch sonst der Frühling brachte, vor seinem Gewissen vertreten zu können.
An der Ecke des Rathausbogenganges hockte aus einem utedrrgen kleinen Schemel ein altes Bauernmütterchen. Ein
Sturm, wie ihn di« Welt noch nicht gesehen hat, blieben wir bis zur Stunde gegen alle Berechnungen der Feinde Sieger. Weshalb? Ganz leise Gedanken, die utthörbar wie mit Taubensüßen zu uns kamen, aus der Bergpredigt oder den Propheten, von Sophokles und Plato, aus Philosophie oder Dichtung, imrcf) JBater* Weisungen und Mutterblicke, uralt oder in jüngster Gegenwart neu aufleuchtend, lenkten Herzen und Waffen, waren Schutz und Trost, Spannkraft und Hilfe! Mag kämmen, wer immer Lust hat, mit uns Krieg zu führen. Haben wir nur den rechten G e i st, so gehört uns die Welt.
Es wird der Tag erscheinen, da auch dieser s ch w e r st e aller Kriege ein Ende nimmt. Wenn uns die Friodensglocken Erlösung künden, werden wir sein wie die Träumenden. Wer nicht lange_ werden wir träumen dürfen. Wir wissen jetzt für immer, daß wir von Gefahren umlauert sind. Wiederum, ja dann erst recht, brauchen wir, was uns in die Höhe trug und bis heute durchhalten ließ: den rechten Geist, heiligen Geist. Das bedeutet nicht eine Verkirch- lichung des gesamten bürgerlichen Lebens. Gegen die würden wir uns mit aller Kraft wehren. Wir wünschen im Gegenteil, >daß .der Staat entkirchlicht und die Kirche entstaatlicht wird, damit beide in ihrer Art rein ihrer Idee unld den Bedürfnissen des Volkslebens dienen können. Heiliger Geist ist eben dort, wo dies uneigennützig geschieht. Wo wir mit Ehrfurcht den Tatsachen unsere Erkenntnisse abringen, wo einer sachlich seine Pflicht tut, wo Menschen es nicht bloß gut haben wollen, sondern den hehren Ehrgeiz besitzen, nicht sterben zu müssen, ohne genützt zu haben, wo trotz Undank ihre Menschlichkeit nicht erkaltet, wo wir dem Strauchelnden die Hand reichen und den strebend sich Bemühenden nicht unterdrücken, dort überall ist heiliger Geist, unmittelbar von Gott uns geschenkt. Mehr als das: dort ist G o t t in uns selbst lebendig. Der Gott außer uns ist für alle Völker .derselbe, der Gott i n uns ist bei allen Völkern verschieden. Gelingt es uns, den Gott in uns mit dem Gott außer uns in Einklang zu setzen, dann erst ist unser Vertrauen auf ewige Hilfe -begründet. Diese Sehnsucht ist uns Deut- scheu eingeboren; es liegt uns im Blute, mit zartem Gewissen und unbestechlich redlichem Wahrheitssinn der Sache dienend G o t t zu dienen. Das lehrt die Geschichte des deutschen geistigen Lebens. Hier liegt das Geheimnis unserer Kraft, hier Recht und Wurzel aller wohlverdienten Freiheit, hier die Gewähr unserer Selbstbehauptung bis in dre fernste Zukunft. . _ _ ,
Mit solchen Gedanken wollen wir dieses Fahr Pfingsten feiern, ernst und still; denn ganz stille Ge- danken lenken die Welt.
schwarzes Kopftuch umhüllte den grauen Scheitel und das welke, faltige Gesicht, aus dem zwei müde und früher so freundlich blickende Augen traurig und gramvoll in das Goldlicht des herrlichen Frühlingsmorgens sahen.
Seit undenklichen Zeiten sah „Kolkhagens Mudder an den Markttagen an der Ecke des Rathhauses und bot, je nach den Jahreszeiten, die Erträgniffe ihres Gärtchens, Waldbeeren, Pilze und dergleichen sowie bunte Blumenstränhe und selbstgebundene Dauerkränze feil. Es waren wohl wenige in dem Städtchen, die „Kolkhagens Mudder nicht kannten, die ihr im Bedarfsfall nicht schon einen der hübschen Waldkränze, einen duftenden Frühlingsstrauh, ein Dutzend Eier oder ein Matz ihrer sauber gepflückten Beeren und Pilze abgekaust. Denn das alte Mütterchen war immer freundlich und zuvorkommend und „keine von den Teuern", trotzdem sie als arme Witwe wohl mehr als andere darauf angewiesen war, auf jeden Pfennig sehen zu müffen.
Sie schlug sich durch, die alte Frau, recht und schlecht. Ärmlich und verfallen war die kleine Kate, die sie in ihrem verträumten Walddörfchen bewohnte. Und doch verlieh die mächtige alte Kastanie, die schützend ihre grünen Zweige über das moosbewachsene Strohdach neigte und jetzt um Pfingsten wieder unzählige leuchtend weihe Kerzen aufgesteckt hatte, dem Häuschen etwas friedvoll Geborgenes. Rote Geranien und Pelargonien blühten vor den bunten Kattunvorhängen des kleinen Stubenfensters, in das der Fliederstrauch mit seinen duftenden Blüten spähte, und neben dem Ziehbrunnen vor der Haustür stand eine niedrige Bank, ein rohes, vom Alter und Wind und Wetter tief dunkel gefärbtes Brett, auf zwei kleine Pfähle genagelt.
Darauf sah, wenn die Sonne an schönen Sommerabenden glühend rot hinter der schwarzen Tannenwand des Waldes versank, ihr Junge, ihr Jürgen, mit seiner Handharmonika und spielte darauf so hübsche Lieder, eins schöner als das andere. Ihr Jürgen, ihr Einziger, der so für sie gesorgt, und der nun scholl seit vielen Monaten in fernem Lande, drei Schub unter der Erde, schlief.
Seit der Zeit waren die freundlichen Augen der Alten trübe geworden von all den ungezählten Tränen, die sie um ihren braven Jungen geweint. Ja, wenn er noch daheim auf dem Dorffriedhos gelegen, wie des reichen Mühlhosbaueru Fritz, der im Lazarett gestorben und dann in die Heimat geholt worden!
von den östlichen Kriegsschauplätzen.
ver österreichisch-ungarische Tagesbericht. Fortschritte auf der ganzen Front.
W.T.-B. Wien, 22. Mai. (Nichtamtlich.) Amtlich verlautet vom 22. Mai, mittags: In Mittelgalizien wird weiter gekämpft. Das von den Verbündeten Truppen bisher erstrittene Terram wird gegen alle russischen Gegenangriffe behauptet, I« langsam fortschreitenden Angriffen wird taglrch weiter Raum gewonnen.
An der Pruthlinie herrscht im allgemeinen R u h e. Bei B o j a n, östlich Tschernowitz, s ch e i te r t e ein Versuch des Feindes, auf das südliche Ufer zu gelangen, unter st a r k e n V c r l u st e n für den Gegner.
Im Berglande von Kielee weicht der Femd nach hartnäckigen Kämpfen erneut in nordwestlicher Richtung zurück.
Ter Stellvertreter des Chefs des Generalstabs: v. Hofer, Feldmarschalleutnant.
Die Umklammerung przemqsls.
Wien, 21. Mai. (Ktr. Bln.) Franz Molncrr meldet dem „Az Eft": Die vereinigten deutschen und österreichischen Streit- kräfie haben in dieser Stunde Przemysl bereits derartig umzingelt, dah nur der östliche Teil der Stadt in der Rich, tung gegen L e m b e r g aus ist. Bon Norden her sperren die in JacoÄau eingezogenen Truppen den Weg, von Westen! die aus der Richtung von Dhnow und Sanok aufmcwschierende Armee, von Süden her umgeben die Gegend der Festung ,unsere von der Linie Dobromil-Chirow-Sambvr auiftvärts vordringenden Streitkräfte. Dah die Russen die Festung halten wollen, darauf weist neben vielen anderen Zeichen auch der Umstand hin, dah sie in den letzten Tagen aus der Stadt sämtliche Juden als fitr sie unzuverläffige Elemente entfernten.
Russisch-englische Erzählungen von der großen Offensive in Galizien.
W.T.-B. London, 21. Mai. (Nichtamtlich.) Dem „Dailh Telegraph" wird aus Petersburg gemeldet: Aus autoritativ militärischer Quelle wird mitgeteilt, dah die deutsch-österreichische Offensive in Galizien mit 3 0—3 5 Armeekorps ausgesührt worden sei. Das Borrucken fand in verschiedenen Kolonnen statt, die so d i ch t nebeneinander marschierten, dah sie fast eine zusammenhängende Masse bildeten. Augenblicklich vast der Kampf auf einer Strecke von 200 Meilen längs des Sanfluhes. — Gefangene Honvedoffiziere erzählen, dah die Offensive, die jetzt im Gange ist, den letzten (?) Versuch bildet, die Macht Rußlands vollständig zu brechen und Ruhland zu zwingen, -um Frieden zu bittem Russische Zerstörungswut.
Wien, 21. Mai. (K. Z.) Nach privaten, den Petroleum» industriellen zugekommenen Nachrichten, haben die Ruffen im
Wie hatte sie sich gegrämt zu Anfang, dah sie nicht auch in der Lage war, ihren Jürgen heimholen zu köinen. Sie batte aemeint, er könne keine Ruh' in fremder Erde finden, weil er so an ihr und der Heimat hrng. Und auch ihren eigenen Kummer müsse es erleichtern, wenn sie an sein Grab bätte wandern, wenn sie es hätte schmücken und umhegen, auch nur ein einziges Mal an seinem Hügel hätte stehen können.
Aber ihr alter Pastor hatte sie getröstet: der liebe Herrgott werde auch in der Fremde schon für das Grab des Jürgen, wo es auch liege, sorgen und es mit bunten Blumen schmücken, mit roten Wildnelken und goldenen Butterblumensternen, mit blauen Vergihmeinnicht und lila Stiefmütterchen und kleinen weihen Marienblümchen.
Die Käufer hatten sich verlaufen. Es ging gegen Mittag. Der kleine grüne Maibuschwald um den alten Spring» brunnen in der Mitte des Marktplatzes war verschwunden. Wer irgend in Stimmung dazu war, wollte doch auch, trotz des Krieges, gern nach uraltem Brauch einen Pfingstbusch vor der Haustür haben.
Auch Kolkhagens Mudder hatte ausverkauft, und nur ein kleiner Kranz war übrig geblieben aus leuchtend grünem Mäldmoos mit dunkelgrünen Efeublättern darin. Dazu hatte sich niemand mehr gefunden, und so blieb wohl nicht anderes übrig, als ihn in ihrer Kiepe wieder mit nach Haufe zw nehmen.
Da ging urplötzlich ein Singen und Klingen durch das lachend? Goldlicht des herrlichen Frühlkngsmorgens: die Kirch- glocken begannen, das Pfingstfest einzuläuten...
Andächtig ging die alte Frau mit ihrer Huckekiepe durch die winkligen Straßen des Städtchens dem Tore zu und' lauschte den feierlichen Stimmen. War's nicht, als klängen sie anders in diesem Jahre? Ernster und eindringlicher? Und sie oachte wieder an ihn, dem all ihre Gedanken galten, an ihren Jürgen, der in fernem Lande, drei Schuh unter der Erde, schlief und nichts mehr von dem Klang der Psingst- olccken hörte und nichts mehr von dem Blühen ringsumher und all dem leuchtenden Maigrün sah. Und er war so ein lustiges junges Blut gewesen! Und hatte sein Leben doch so freudig für Kaiser und Reich dahin gegeben!
Und wieder brachen beim Klang der Glocken die kaum vernarbten Wuuden auf, und Schwerter durchfuhren das Mutterherz. Ob wohl auch über seinem Hügel die Sonne so
