Morgen-Veilage des Wiesbadener Tagblatts. ^ .« i
Nr. 118.__Samstag, 22. Mai.1915.
125. Fortsetzung.)
Klippen.
Roman von Helene Schede-Heller.
Roäbnuf Mdotab
Rickling wandte sich jäh nach Reimer um — wie auf« geschreckt — wie aufgerüttelt.
Reimer — Scheveningen.
Die beiden Worte in so naher Beziehung, daß sie in einem Atemzug ausgesprochen wurden I
Es war wie der gellende Schlag einer Sturmglocke Mitten in: fröhlich weiterklingenden Wortgeplänkel einer gesellschaftlichen Unterhaltung.
Kaum vernarbte Wunden wurden aufgerissen. Alle
g rinnevnngen aufgescheucht, daß sie wild ihn umkreisten.
■ie erlittene Schmach stand vor ihm und sein Stolz bäumte sich auf. Zorn — Leidenschaft wogten heran und drohten, in einem Augenblick das in Jahren mühsam erbaute Haus wegznspülen.
Seine flammenden Augen suchten erst Reimer; dam; Erna.
Reimer unterhielt sich mit Ethel, als sei nichts geschehen. In den Zügen keine Spur von Erregung — nichts, das das wilde Hämmern seines Herzens hätte verraten können. Doch er fühlte, wie jeder Muskel in eisernem Willen angespannt war.
Erna trank ihren Lee. knabberte an einem Kuchen und sprach' tritt Frau Erosen. Kaum noch ans dem Ge« sicht eine leichte Röte, kaum noch ein letztes Auf. und Niederschlagen der Mmpern. Das Gefühl, daß sie in diesem Augenblick alles verlieren konnte, gab ihr eine erstaunliche Kraft.
Vielleicht hatten auch Ethel und Frau Crosen mit ihrem raschen Instinkt gefühlt, daß Gewitterwolken sich
C amenballten — viel schneller, als ein denkender, inierender Mann das Richtige geahnt — erraten — und mit dem Takt, den beide besaßen, mit einem Wort — mit einem Lächeln darüber hinweggcholsen.
Wie dem auch war — der Sturm fegte vorüber. — Ethel wußte es geschickt einzurichten, daß Erna in ihr Gespräch mit Reimer hiueingezogey wurde.
Sie hätten sich kaum ruhiger und natürlicher unter« halten können, selbst Rickling mußte es sich zngestehen «und den Verdacht fallen lassen.
Nur beim Abschied hing Reimers Mick noch einmal sichend an Ernas Gesicht.
Rickling, der ihnen in dem Augenblick den Rücken SUwandte, konnte sie nicht sehen.
Reimer preßte leise die Hand, die er einst mit leiden, schaftlicheit Küssen bedeckt hatte.
Er lichte sie noch immer. Hatte sie nicht vergessen. Sie fühlte es.
Aber sie konnte nichts mehr für ihn empfinden. Für sie war die Vergangenheit wirklich tot. Sie lichte nur Koch ihren Mann.
Er mußte aus ihren Augen das unwiderrufliche *Nein" lesen.
XVII.
• Als Erna am folgenden Morgen auswachte, war ihr, vils sei die Last gewichen, die sie seit Jahren mit sich geschleppt hatte.
Sie war der Gefahr entronnen, mit der sie noch immer hatte rechKn Missen. Nun sie wirklich den Mann wiedergesehen hatte, bem sie fast täglich zu begegnen fürchtete, war die Angst geschwunden. Sie hatte in seine Augen geschaut — seine Stimme gehört — und er hatte keinen Bann mehr auf sie ausgeübt. Sie war wirklich frei — und er wußte es jetzt — er hatte aus ihrem Wesen es erkennen müssen.
Das, wovon sie gedacht hatte, daß sie es nie würde ertragen können — war gekommen — und sie hatte es überstanden.
Von diesem Augenblick ab blieb sie nie mehr mutlos stehen — warf nie mehr seufzend die Axt zur Seite. Schleppte einen Stein nach dem anderen heran — baute unermüdlich weiter, ob die Sonne schien, ob Winde brausten — immer weiter, bis endlich die Brücke vollendet -war und sie und ihr Mann sich fanden.
-Es war im Rauental — im Sommer — viereinhalb Jahre nach dem Zusammenbruch.
Er hatte ihren Bitten nachgegoben und ihr den Roman zu losen gegeben, an dem er Jahre gearbeitet hatte und der nun vollendet war.
Alles Schwere, alle bitteren, verborgenen Tränen, alles, was in Schmerz und Kampf seine Seele durchwühlt hatte, war aus seiner Feder in dies Werk geflossen.
Nur wer gelitten hat, kann also schreiben.
Es gibt Laute, die man nicht einem anderen nachsingen kann, die aus der Tiefe des eigenen Herzens quellen müssen.
Das Buch war nicht wie eine Predigt im wrrmen, wohlverschlossenen Zimmer in einem bequemen Sessel am Schreibtisch geschrieben worden, um die zum geduldigen Ertragen zu ermahnen, die mit bloßen Mißen über Steine laufen müssen.
Der Mensch, der zur Feder gegriffen hatte, kannte den steilen Dornenpfad — hatte sich selber daran wund gerissen.
Das war die Kraft dieses Buches.
Erna wandte ein Manuskriptblatt nach dem anderen inm und las und los.
Erst hier und da mnehaltend — suchend den Zusammenhang aus dem Geschriebenen und seinem persönlichen Leben. Dann hämmerte wohl die Eifersucht an ihr Herz. Sie fühlte es: Hilde Roswald war die Seele dieses Buches.
Mer je Wetter sie kam, desto mehr verloren sich diese Gefühle — schwand vor ihren Blicken ihr kleiner Kreis — ihr eigenes Ich. — Sie stand mitten im Getümmel des großen, weiten Lebens — vergaß, daß ihr Mann der Verfasser dieser Blätter war — folgte ihm, angezogen von einer unwiderstehlichen Machr, über die Klippen — durch die Nacht — durch die Wüste — seufzte
— sang — schluchzte rrtit ihm — wußte nichts mehr von sich, von Hilde, von Hans — nichts mehr von Eifersucht
— Groll — Enttäuschung — suchte nicht mehr ängstlich
