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l. Beilage zum Mestmüener Tagtilait.

Uo. 159. Morgen-Ausgabe.

(11. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Des Meeres und der Liebe Wellen.

Roman von Arthur Zapp.

Weder Hans Meinhard noch dieAmerikcmerin nehmen Notiz von dieser stummen Deinonstration. Sie sind Beide ganz bei der Sache. Mit geheimer Befriedigung nimmt der Geiger wahr, daß seineSchülerin entschiedenes Talent besitzt, ihre Unterrichtszeit gut ausgenutzt hat und auch jetzt ernsten Eifer an den Tag legt.

Eine halbe Stunde mag vorüber sein, als plötzlich Leutnant von Miigdewitz im Salon erscheint. Er macht ein verdutztes Gesicht.

„Ah, hier sind Sie, gnädiges Fräulein!" ruft er über­rascht. „Suchte Sie vergebens überall auf Deck."

Die Amerikanerin nickt nur kurz und läßt sich in ihrein Spiel nicht stören. Der Leutnant sieht ein paar Minuten mit verklärtem Gesicht zu. Seine Bewunderung ringt nach einem Ausdruck.

„Wirklich, schnei— wunderbarer Anblick! Wie gnädiges Fräulein den Bogen führen-, einfach unvergleich­lich! Ich möchte sagen: die erkörperte Grazre!"

Hans Meinhard räuspert sich. Miß Hillyard runzelt die Stirn.

„Pardon!" ruft der Leutnant sogleich. „Schweige schon. Wenn Sie gestatten, setze ich mich ganz füll in eine Ecke und markire die Stumme von Portici. Es stört Sie doch nicht?"

Er wirft sich in einen der Sessel. Miß Hillyard aber unterbricht ihr Spiel und entgegnet sehr offenherzig und mit der ruhigsten Miene: „Doch, Herr von Mägdewitz, beim Ueben stört mich immer die Gegenwart eines Dritten."

Dem Leutnant bleibt nichts weiter übrig, als wieder aufzuspringm und sich mit einem feindseligen Blick auf den Geiger, der ihm die Gesellschaft der schönen Ame- rikcmerin entzieht, zurückzuziehen.

Gegen das Ende der Lektion kommen die Stewards, um die Tische für den Lunch zu decken. Hans Meinhard siecht noch, wie unzählige Platten mit den appetstlichsten Leckerbissen hereingetragm werden, bevor er sich empfiehlt. Nie ist ihm die Zwischendeckskost so wenig ein­ladend und unappetitlich vorgekommen, wie heute. Er findet, daß auch der Zwischendecksmenage dieser fatale, undefinirbare, unleidliche Zwischmdecksgeruch anhaftet. Es giebt heute ausgekochtes Rindfleisch und Reis. Wie nnmer, verzehrt die kleine Gesellschaft ihr Mahl oben auf Deck. Auf einer Bank sitzend, halten sie ihre Blechgefäße auf dem Schooß. Doktor Günther und der junge Arzt beweisen den besten Appetit. Auch Else Krimmer läßt es sich gut schmecken. Die Seeluft reizt den Appetit und Hunger ist der beste Koch. Hans Meinhard aber schaut mft trübseligem Gesicht auf seine Schüssel nieder. End­lich entschließt er sich, einen Bissen in den Mund zu stecken. Mühsam würgt er ihn herunter; dann aber springt er auf und stülpt mit einem Gefühl unbesieglichen Ekels den Inhalt seines Eßgefäßes über Bord. Ein Stück Brod und ein paar Scheiben von dem in einer Konserveirbüchse vorsorglich mitgenommenen Hamburger Rauchfleisch bilden seine Mahlzeü.

Donnerstag» de« 4. April.

Eine Stunde später erscheinen Dir. Hillyard und seine Schwester auf dem Vorderschiff. Der Amerikaner macht sich mit Doktor Günther bekannt und vertieft sich mit ihm in einen Vergleich der deutschen Universitäten und der amerikanischen Colleges. Miß Hillyard spaziert mit Hans Meinhard auf und ab, während sich Doktor Hille­brand zu Fräulein Kummer gesellt hat imd mit ihr Hoffnungen und Befürchtungen bezüglich der Zukunft austauscht.

Hans Meinhard und die Amerikanerin unterhalten sich natürlich von Musik. Sie sprechen von dm Berliner Konzertverhältnissen, Plaudern dann von alter und neuer Kunst und freuen sich, konstatirm zu könnm, daß sie Beide überzmgte Verehrer von Richard Wagner und von Brahms sind.

„Apropos", lenkt jetzt Miß Hillyard das Gespräch auf das Persönliche über, „Sie beabsichftgm gewiß, Konzerte in Amerika zu geben?"

„Nein, zunächst nicht", antwortet der Geiger, ein wmig peinlich berührt und mtnüchtert, denn das Ge­spräch, das sie bisher unterhaltm, hat ihn lebhaft inter- essirt und angeregt und er hat mit der musikbegeisterten Miß so ungezwungen geplaudert, als seim sie schon seit lange miteinander bekannt. Dabei ist ihm die Situation und dieUmgebung ganz aus demGedachtniß geschwunden; er hat nur immer mit Interesse an den Lippen seiner Be­gleiterin gehangen und in ihr rosig angehauchtes, die tiefste Antheilnahme widerstrahlendes Gesicht geschaut. Jetzt hat er das Gefühl, als erwache er plötzlich aus einem angenehmm Traum.

„Ich bin ja in Amerika ganz fremd", fährt er fort, „und kenne Niemand."

Die Amerikanerin sieht ihn überrascht und er­staunt an.

„Aber Sie haben doch gewiß ein Engagemmt drübm?" fragt sie.

Er schüttell mit dem Kopf.

„Ich reise auf gut Glück hinüber", erwidert er und in einem Anfall von Galgenhumor fügt er hinzu: „Als Abenteurer, als richtiger Vagabund."

Sie sieht ihn groß, fast erschrocken an. Ihre Mimen spiegeln deutlich die Theilnahme, von der sie innerlich bewegt ist.

„Aber — Verzeihung — dann begreife ich nicht warum Sie nach Amerika gehm, Mister Meinhard."

„Ich sagte Ihnen schon. Miß Hillyard, um dort mein Glück zu suchm."

Sie hemmt plötzlich ihre Schritte und sieht ihm forschmd, fast unwillig in die Augen.

„Und wmn Sie es nun bei uns nicht findm?"

Er zuckt die Achseln.

^„Dann habe ich immerhin nichts verloren."

Die Amerikanerin macht eine Bewegung tiefster Ver- wunderung. Die Röthe auf ihrm Wangm, die vordem ihr lebhaftes Kunstgespräch erzeugt hat, nimmt eine noch intmsivere Färbung an. Sie schüttelt ungläubig mit dem Kopf.

„Aber ein Künstler Ihres Ranges mutz doch in Deutschland ein glänzendes Loos habm."

Er lächelt — es ist ein bitteres, resignirtes Lächeln.

49. Jahrgang. 1991.

„Es giebt viele Künstler ineines Ranges in Deutst land", sagt er. „Der Eine hat Glück und ringt sich durch, der Andere bleibt ewig im Dunklm und fristet mühselig seine Existenz im abstumpfmdm Kampf ums tägliche Brod!"

Miß Hillyard erwidert nichts. Sie beugt sich den Schiffsrand und sieht schiveigend in die See hmab. Ein Ausruf ihres Begleiters, der ebenfalls in die Wellm blickt, erregt ihre Aufmerksamkeit.

„Sehm Sie doch. Miß Hillyard!" ruft der Geig«: und dmtet nach dem Wasser hinab, auf dessen Oberfläch« sich ein interessantes Schauspiel darbietet.

Fische von etwa zwei Meter Länge schnellm mir raschen, stoßweisen Bewegungen aus dem Wasser empor/ um im nächsten Augenblick wieder in den Wellen zu ver­schwinden.

„Das sind Springfische", erwidert die Amerikanerin/ der der Anblick nichts Neues zu sein scheint. „Haben Sie das noch nie gesehen?" ,

„Nein. Ich bin ja zum ersten Mal auf See.

„Ach ja. Sie reisen ja zum ersten Mal auf dem Ocean", sagt sie. Und sich plötzlich aufrichtend, fährt sie fort: „Sie werden doch sicherlich einige Zeit in New-Aork bleiben, Mister Meinhard?"

„Gewiß, da wir doch dort landen und da sich mir wohl in der Metropole mehr Chancen bieten als anderswo."

Die Augen der Amerikanerin entsenden «nen warmen Blick nach dem Musiker.

„Ich freue mich", sagt sie, „daß es mir in diesem Fall vergönnt sein wird, meinen Unterricht bei Ihnen fort­setzen zu können." _

Wieder hat der junge Künstler die Peinliche Em­pfindung, als werde ihn, aus Menschenfreundlichkeit eine Unterstützung angeboten. Um seine Verlegenheit zu ver- bergen, fragt er rasch: „Sie wohnm in New-Iork, Mrß Hillyard?"

Sie nickt.

„In der zweihundertundfünfundsechzigsten Straße. Das ist ganz oben im Norden New-Iorks, nicht weit vom Ceiitral-Park. Doch, Sie wissen noch nichts von der Topographie New-Aorks?"

Der Musiker will eben verneineii, als chm eine be­kannte, näselnde Stimme zuvorkommt.

„Gott sei Dank, Miß Hillyard, daß ich Sie endlich finde! Ich glaubte schon, der Meergott hätt' Sw uns neidisch entführt." ^ .. . ...

Es ist Leutnant von Mägdewitz, dem die Freude über das schneidige Kompliment, das seinem erfinderischen Geist gelungen ist, vom lachenden Gesicht strahlt.

Doch die Amerikanerin scheint nichts weniger als ge- schmeichelt. Ihr Gesicht weist im Gegentheil einen etwas niißmuthigen-Zug auf und sie erwidert trocken: „^ch be- daure, Herr Mägdewitz, wenn ich Ihnen Muhe verursacht haben sollte. Sie sind sehr liebenswürdig, aber ich erhebe nicht dm Anspruch« daß Sie meinetwegm in Ihrer Be­quemlichkeit stürm." „ t . .

Trotz seines Selbstgefühls und ferner oft bewiesenen Unerschrockenheit blickt der Lmtnant doch etwas betroffen.

(Fortsetzung folgt.)

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