Samstag, 22. Mai 1915. KbeNd-KU§gtlbE. Ur. 236. . 63. Jahrgang.
Verlag Langgaffe 21
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viel Zeind, viel Ehr!
Von General d. Inf. z. D. v. Blume.
Zwar liegt zur Stunde eine Kriegserklärung Italiens noch nicht vor. Allein der von dort zu uns herüdertönende Lärm läßt keinen Zweifel, daß die gegenwärtigen Machthaber jenes Landes urtib die dort herrschenden Parteien entschlossen sind, das Schwert Italiens zugunsten unserer Feinde in die Wagschale des schwebenden Weltkrieges zu Wersen. Blinde Leidenschaft hat dort die Oberhand gewonnen. Wir aber wollen angesichts der drohenden Vermehrung unserer Feinde, im Bewußtsein unserer Stärke und der Gerechtigkeit unserer Sache, kalten Blutes einen Blick aus die g e g e n w ä r t i g e K r i e g s- 1 a g e werfen und versuchen, uns ein allgemeines Ur- teü darüber zu bilden, welchen Einfluß auf'den weiteren Verlauf und das Endergebnis des Krieges der Eintritt Italiens in ihn ausznnben vermag.
Frankreich, Rußland und England samt ihren ausgebreiteten Kolonien,, dazu Japan, Belgien, Serbien und Montenegro haben gegen uns und unsere Bundesgenossen, Österreich-Ungarn und die Türkei, mehr als 10 Millionen Krieger — die Wilden und Halbwilden aller Rassen und Farben eingerechnet — auf- geboten. Und auf dem Meere bekämpfen sie uns mit nkindestens dreifacher Übermacht. Aber was haben sie in dem nunmehr fast zehn Monate dauernden Kriege erreicht?
Seit sieben Monaten laufen die Franzosen, Engländer und Belgier niit ihrer gesamten Heeresmiacht vergeblich Sturm gegen das deutsche Heer, das Belgien und einen beträchtlichen, besonders wertvollen Teil Frankreichs in B«fttz genom- nren hat. Im O st e n befindet sich ein großer Teil von Russisch-Polen, -Litauen und Kurland fest. in unseren Händen. Nirgends steht dagegen ein feindlicher Soldat auf deutschem Boden. In Galizien aber treiben österreichisch-ungarische und deutsche Heere vereint die in zahlreichen Schlachten bereits tieferschütterte russische Heeresmacht siegreich vor sich her. Noch c i n- m al wird diese vermutlich sta n d zuh al ten versuchen. Wer wenn sie, wie wir zuversichtlich hoffen dürfen, auch dann unterliegt, so ist die.Macht des russischen Reiches, und zwar nicht nur die militärische, für die Dauer dieses Krieges endgültig ge- ü r o ch e n.
Das politisch und militärisch nahezu unbegreifliche Dardanellen unternehmen wird nach menschlichem Ermessen so endigen, wie es begonnen hat. Dort hat auch die Seemacht unserer Feinde empfindlichen Abbruch erlitten. Mit dem „Britannia rule the waves" sieht es überhaupt bedenklich aus. Wohl sperrt die englische Flotte uns vom überseeischen Verkehr fast gänzlich ab, sie vermag jedoch dem Handel des eigenen Landes nicht mehr aus- reichend den Schutz zu gewähren, der für dieses Land eine Lebensfrage ist. Und wenn unsere Feinde ihre Hoffnung wesentlich darauf gefetzt hatten, uns mit Hilfe ihrer überlegenen Seeinacht wirtschaftlich n i e L e r z n r i n g e n, so kann schon heute als entschieden betrachtet werden, daß sie sich auch darin arg verrechnet haben. Wir müssen mit unseren Lebensmitteln und anderen Vorräten sparsam umgehen, sind aber, da wir dies tun, vor N o t g e s i ch e r t. Das Leben ist bei uns nicht teurer, die Erwerbstätigkeit nicht mehr gestört als in den Ländern nüserer Gegner. Und während England, Frankreich und Rußland für die Beschaffung des notwendigen Kriegslmaterials in einem für sie bedenklichen Maße von der Hilfe der „neutralen" Vereinigten Staaten von Anwrika abhängig sind, stehen wir in dieser Beziehung ebenso fest auf eigenen Beinen, wie wir — im Gegensatz zu unseren Feinden, mit alleiniger Ausnahme Englands — fremde finanzielle Hilfe entbehren können.
Rcan sollte glauben, daß diele Sachlage für einen anderen Staat wenig Anreiz biete, lediglich in der Hoffnung auf Gewinn sich unseren Feinden zuzuge- scllen, die durch ihre heißen Bewerbungen hierum ihre eigene Schwäche deutlich genug ver- raten. Undenkbar schien es uns bisher, daß in diese Versuchung ein Staat geraten könnte, der seit dreißig Jahren der Bundesgenosse Denffchlands und Österreich-Ungarns war und aus diesem Bündnis lediglich Gewinn gezogen hat, ohne ihm je ein O P f e r zu bringen. Italien scheint es über sich zu gewinnen, dem bisher befreundeten Nachbarstaat Österreich-Ungarn, in den Rücken zu fallen, in der Hoffnung, im Verein mit dessen Feinden trotz deren bis- herigen Mißerfolgen stark genug zu feiner Beraubung zu sein. Und selbst das von Deutschland garan- tierte Angebot Österreich-Ungarns, freiwillig die von italienischer Bevölkerung bewohnten GebwtÄelle abzu
treten, hat Italien von seiner verräterischen Handlungsweise nicht abzuhalten vermocht.
Wohlan, so gilt es eine weitere Großmacht zu bekämpfen. Denn Österreich-Ungarns Feind ist auch unser Feind. Wir unterschätzen nicht die Erschwerung, die unsere Lage .dadurch erfährt, verschließen nicht die Allgen dagegen, daß wir den Enderfolg mit entsprechend größeren Opfern werden erkaufen müssen. Wer haben wir uns gegen zehn Millionen Feinde bisher siegreich behauptet, so werden wir, nachdem wir jene inzwischen großenteils zermürbt haben, auch mit der elften Million fertig werden. Weit 'davon entfernt, nunmehr zaghaft in die Zukunft zu blicken, wird vielmehr die deutsche Nation unter Führung ihres ebenso heldenmütigen wie friedliebenden Kaisers einen verstärkten Aufschwung nehmen. Sie weiß, daß sie um ihr D a s e i n.zu kämpfen hat, kämpft mit dem reinen Gewissen, unschuldigem dem Elend zu sein, das dieser Krieg über die Menschheit, gebracht hcä, und vertraut deshailb nach wie vor aus ihren starken Arm und aus Gottes Hilfe!
Italiens verrat.
Berlin» 21. Mai.
Tie geschwollenen, geschminkten Phrasen, mit denen Salandra den ungeheuerlichen Treubruch Italiens zu decken vergeblich unternahm, gehören gewiß zum Wi d e r w ä r t i g st e n, was wir seit den: Juli 1914 erlebt haben. So schamlos hat keiner unserer Feinde gehandelt, und .wenigstens den Schein des Rechts suchten sie alle sich in diesem weltgeschichtlichen Drama zu wahren, in welchem, wie in jeder echten Tragödie, auch der Schuldige noch manches anführen kann, um den unentrinnbaren Zwang glaubhaft zu machen, unter dem er gestanden hat. Bei Italien ist von alledem nicht die Rede. Die Infamie, deren Zangen wir sind, ist beispiellos. Hat es auch keinen Zweck mehr, die Vergangenheit zu durchforschen, an der ja nichts geändert werden kann, so drängen sich doch viele Fragen auf, mit.deren Beantwortung wir freilich nur unser eigenes gutes G ewissen noch stärken können; ein anderes Ergebnis kann ja nicht erwartet werden. Salandra stützt sich mit seinen fadenscheinigen Ausführungen darauf, daß Österreich-Ungarn durch sein Ultimatum an Serbien den Artikel 7 des Drcibundvertrages verletzt habe. Wer was hätte Jtalreu wohl getan, wenn das Wiener Kabinett an den Qnirinal die Einladung gerichtet haben würde, gemeinsam mit Österreich-Ungarn gegen Serbien vorzugchen? Die Antwort auf diese Frage gibt Salandra selbst, ohne es freilich zu wollen. Er stellt sich ohne Rückhalt auf den Boden der Feindschaft gegen das Tonaureich, indem er erklärt, 'daß die Akfion .Österreich-Ungarns „i m direkten Gegensatz mit unseren Interessen und unseren Gefühle n" das Gleichgewicht zerstört und das Problem der Unversehrtheit Italiens unwiderstehlich in den Vordergrund geschoben Hobe. Italien war also schon im Juli und A u g ust des vorigen Jahres bereit, sich auf die Seite unserer Feinde zu schlagen, und man mutz den Herren in Rom wohl gar noch verbunden dafür sein, daß sie diese edle Absicht erst nach zehn Monaten verwirklichen. Wie ernst es unseren Freunden cm der Donau mit dem Bestreben war, den Frieden mit Italien zu erhalten, dafür liefern die Wer die Grenze der Entsagungs-möglichkeit wirklich hinausgehenden Zu- geständnisse ein nicht zu überbietendes Zeugnis. Der Unterschied .zwischen dem, was Österreich-Ungarn ge- dvähren wollte, und dem, was Italien im April verlangt hatte, ist so geringfügig, daß sich die Weigerung Italiens, weiter zu verhandeln, einzig damit erklären läßt, daß man sich bereits an den Dreiverband verkauft hatte. Wenn etwas zur Erklärung, freilich nicht zur Entschuldigung des römischen Kabinetts dienen kann, so ist es höchstens dies, daß die Regierung in b e b e-n d e r Fu r ch t vor der briti - schen Flotte, vor der angedrohten Aushungerung und vor dem tobenden Lärm der vom Ausland bestochenen Jnterventionistenpresse die Entschlußkraft verloren hatte, um noch den Rückweg zur Vernunft zu finden. Italien hatte die Möglichkeit, sich aus unserer Seite eine große Zukunft zu erkämpfen, es hatte die zweite Möglichkeit, seinen Bestand und seine Geltung zu behaupten, indem es ehrlich neutral blieb. Mit beidem ist es jetzt vorbei, und die Bitterkeit, die uns angesichts des begangenen Verrats erfüllen muß, darf uns nicht dazu bringen, diesen Ausgang eines jahrzehntelangen guten Verhältnisses mit Gleichgültigkeit hinzunehmcn oder gar nfit Genugtuung zu begrüßen. Wir werden den ehemaligen Verbündeten schwer treffen müssen, wir werden ihm die bösen Folgen seiner Un- treue furchtbar deutlich machen müssen» aber das
wird wahrlich keine glückliche, sondern «ne traurige Notwendigkeit sein. Denn wir hatten cs Mt mit Italien gemeint, wir hätten ihm ein kräftiges Stück vorwärts Helsen können, und das gehört nun wohl für immer zu den gewesenen und zerschlage- nenDingen. *
Oesterreich-Nngarn lehnt die Kündigung des Dreibundes ab!
W. T.-B. Wien, 22. Mai. (Nichtamtlich.) Die Re- gierung hat die Mitteilung Italiens, daß es den Trei- bundvertrag als a u fg e h o b e n betrachtet, mit einer Note beantwortet, die gestern nachmittag dem italienischen Botschafter übergeben worden ist. Die Note schließt: Die K. und K. Regierung vermag die Erklärung der italienischen Regierung, ihre volle Handlungsfreiheit wieder erlangen zu wollen und ihren Bündnisvertrag mit Österreich-Nngarn als nichtig und wirkungslos zu betrachten, n i ch t z u r Kenntnis zu nehmen, da eine solche Erklärung in entschiedenem Widerspruch zu den feierlichst eingegangenen Verpflichtungen steht, welche Italien in dem Vertrag vom 5. Dezember 1912 ans sich genommen hat, der die Dauer unserer Alliance bis zum 8. Juli 1920 festsetzte, seine Kündigung nur ein Jahr vorher gestattete und keine Kündigung oder Nichtigkeitserklärung vor diesem Zeitpunkt vorsah. Da sich die italienische Regierung aller Verpflichtung willkürlich entledigt hat, so lehnt die K. und K. Regierung die Verantwortlichkeit für alle Folgen, die aus dieser Vorgangs- Weise sich ergeben könnten, ab.
wann wird Italien losschlagen?
Eine deutsch-offiziöse Auslastung.
pst. T.-B. Köln, 2l. Mai. (Nichtamtlich.) Die „Kölnische Zeitung" meldet aus Berlin: Nachdem die italienische Kammer der Regierung für den Kriegsfall außerordentliche Befugnisse erteilt hat, erhebt sich natürlich die Frage, wann und ans welche Weise Italien nun den Kriegszustand mit Österreich-Ungarn und Deutschland herstcllt. Darüber kann man nur Vermutungen hegen. Was den Zeitpunkt des Eintritts des Kriegszustandes betrifft, so ist die Mutmaßung vielleicht gerechtfertigt, daß darüber noch ein oder mehrere Tage vergehen werden.
Einstimmige Annahme der Vollmacht für Salandra im Senat.
W- T.-B. Nom, 21. Mai. (Nichtamtlich.) Der Senat, hat heute die folgende Tagesordnung in namentlicher Abstimmung mit sämtlichen Stimmen der 281 anwesenden Senatoren unter großer Begeisterung angenommen: Der Senat hat die Erklärungen der Regierung gehört, welche so deutlich den Willen der Nation aussprcchen und geht zur Abstimmung über den Gesetzentwurf über.
Oie Senatssitzung.
W. T-B. Rom, 2l. Mai. (Nichtamtlich. Agenzia Stefans.) Die Zugänge zum Senat sind auch Beute von Truppen besetzt. Der Eintritt ist nur den Senatoren und Deputierten und Inhabern von Eintrittskarten gestattet. Der Sctäl und die Tribünen sind überfüllt. Salandra brachte den, von der Kammer bereits angenommenen Gesetzentwurf, betreffend außerordentliche Vollmachten für die Regierung, ein und verlangte Dringlichkeit für ihn. Er bat den Senatspräsidenten, eine K o m m i s s i o n zu berufen, welche sofort iiber den Entwurf Bericht erstatten könnte. Die Dringlichkeit wurde einstimmig angenommen. (Beifallsbezeigungen..) Präsident Manfredi berief zu Kommissionsmitgliedern die Senatoren Cavalli, Morra Lavriano, Sarmo Jraghi, Giusso, Petvella, Scialoto, Banevaro, Prospero, Colonna und der Lungo Jwghilleri. Die Sitzung wurde fiir eine Stunde unterbrochen. Die Konimission trat sogleich zusammen.
Bei Wiederaufnahme der Sitzung erklärte Fürst Colonna, der Bürgermeister von Rom, daß man ihn als Berichterstatter der Kommission gewählt habe, nln im Senat den Widerhall der Stimme Roms zu hören, der großen Mutter des strahlenden Zielpunktes der nationalen Epopöe Italiens» des Denkmals der Größe und des Ruhmes, des Ansporns und heiligen Heldentumes und größter Kühnheit. (Sehr lebhafter, langanhaltender Beifall.) Aus Rom zielt alle patriotische Glut in Italien, von Rom flammt das Licht, welches durch Jahrhunderte hin die Welt erleuchtet. Derselbe Schrei des Schmerzes, der im Jahre 1859 aus ganz Italien zu dein großen Herzen Viktor Emanuels aufftieg, wendet sich jetzt att die Herzen des Königs und des Volkes und ruft das Gedächtnis des Parlaments jener Zeiten auf, das bereits damals darin einig war, das italienische Vaterland vollständig wiederherzustellen. (Sehr lebhafter Beifall.) König, Parlament und Volk hören eines Sinnes und voll Vertrauen? diesen! Schrei und übergeben heute von dem unsterblichen Roui aus in einem gerechten Krieg das Schicksal des Vaterlandes der Armee und der Marine. (Sehr lebhafter Beifall. Rufe: Koch die Armee! Hoch die Marine! Es lebe Italien!) Fürst Colonna fuhr fort: Die Kommission schlägt dem Senat einstimmig vor, den Gesetzentwurf anzunehmen. Sie drückt der Armee und der Marine ihr gerechtes Ver- trauen aus ihren geheiligten Heroismus, ihren unbeuge
