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Donnerstag» 20. Mai 1915.
Kbend-Ausgabe.
Nr. 232. * 65. Jahrgang.
Die Nolle
des Geiers und der Hyäne.
Die Aibgoibcn, welche -der Reichskanzler V. Beth-mann- Hollweg im deutschen Reichstag in Ergänzung der Ausführungen des ungarischen Ministerpräsidenten Grasen Tissa über die Zuge st änd nisse gemacht hat, zu denen sich Österreich-Ungarn Italien gegenüber bereit erklärt hatte, haben außerordentliches Aufsehen erregt, denn die Donaumonarchie ist bei dieser „Grenzregulievung" wirklich bis an die Grenze des Möglichen gegangen. Wie ist es möglich, so fragt man sich allenthalben, daß die verantwortlichen Männer jenseits der Alpen diesen im Frieden zu erzielenden ungeheuren Gewinn a-usschlagen, um alles ans eine Karte zu setzen, um das Schicksal -des Landes unter Bruch der Bündnisverpflichtungen, unter einem Treubr-uch sondergleichen, dem Glück des Krieges anzuvertrauen, das sich für Italien bisher stets noch als das Unglück .des Krieges erwiesen hat? Freilich, wenn man von >den Forderungen hört, die dem früheren Finanzminister Luzatti zufolge an die Donaumonarchie gestellt worden seien — wir teilten sie gestern mit —, nämlich sofortige Besetzung des ganzen Trentino, Istrien einschließlich Tniest, Pola, Fiume, mehrere Adriainseln usw., dann gewinnt man ein gewisses Verständnis für den italienischen Größen w a h n. >der in dem Lande derart über die gesunde Vernunft gesiegt hat, daß die Warner vom Schlage Giolittis entweder sich verkriechen oder pater peecavi sagen müssen. Nun kann freilich nicht davon die Rede sein, daß derartige Forderungen je an eine amtliche Stelle in Wien gelangt sind, aber schon, daß sie ausgesprochen werden, daß man derart ungeniert dem bisherigen Verbü/rde- ten die Pistole auf die Brust setzt, zeigt, wie weit bi? Dinge in Italien.gediehen sind.
Wie wei: sie es sind, und daß das offizielle Mit- röden des Parlamentes am heutigen Donnerstag nur noch als eine leere Form gedacht war, beweist die Erklärung des Regierungsblattes, der „Gior- nale d'Jtalia": „Der Krieg ist durch den gemeinsamen Willen des Königs, -der Regierung und -der Nation virtuell bereits erklärt. Der herrliche Traum, dessen Flamme die ein halbes Jahrhundert wahrende Wartezeit Italiens nährte, das noch nicht einig war, wird setzt zur strahlenden Wirklichkeit, die alles Licht, alle Blumen, alle Gesänge, alle Fahnen einer herrlichen Wiedergeburt aufweist." Aus dieser schwülstigen Erklärung geht zunächst hervor, daß man in Italien während der mehr als drei Jahrzehnte, wo inan am Dreibund Rückendeckung fand, -heimtückisch entschlossen war, -der Rückendeckung früher oder später in den Rücken zu fallen. Aus den schrasenhasten Reden Zarten des .Miornale d'Jtalia" ist ferner das offene Eingeständnis zu entnehmen, daß der Krieg, in -den Italien sich stürzen will, ein unverhüllter Eroberungskrieg sein soll, und deshalb muß diese Erklärung -f e st g e n a g e I t werden.
Im übrigen weiß man, daß es -der Dreiverband ebenso wie an den Schmiergeldern für eine gewisse Presse auch an den erforderlichen weitherzigen Versprechungen auf anderer Leute Kosten nicht hat fehlen -lassen, daß man den Italienern außer idem Treu- tino, Istrien, Dalmatien (-das freilich auch die Slawen für sich beanspruchen) noch einen lbedeutenden Landstrich im südlichen Kleinasien zugesagt hat. Ähnliche Versprechungen hatte der Dreiverband vorher den Griechen, Rumänen und Bulgaren gemacht, die aber nicht auf diesen Leim krochen, da der Dreiverband keine G a ran t i e für -die Geschenke leisten konnte, welche -die Beschenkten sich höchst ei genhä n- d i g ans den glühenden Kastanien holen sollten. Besonders die Rumänen, welche die Ententemächte noch jetzt umwerben, haben nicht vergessen, -daß die Russen ihnen zum Dank für die Hilfe nach den Niederlagen von Plewna Bessarabien raubten! Wenn die Italiener noch der Einsicht zugänglich wären, müß- ten sie sich sagen, daß ein siegreiches England und Frankreich die italienische Konkurrenz im Mittelmeer auch nach den Kulidiensten nicht auskommen lassen könnten, während es andererseits klar ist, daß, wenn Italien in die doch nicht mehr abzuwendende Niederlage des Dreiverbandes hineingezogen wird, dies für das Land das Ende der Großmachtstellung bedeuten würde.
Und übersehen -die noch klaren Denkens fähigen Männer in Italien weiter, daß schon der Vertragsbruch gegenüber dem Dreibund a n s i ch und die daraus sich ergebende generelle Vertragsunwürdig, keit das Ende der italienischen Großmachtstellung bedeuten würde. Noch wollen wir, solange die Würfel nicht gefallen find', mit unserem eigenen Urteil über
eine solche Handlungsweise zurückhalten und uns mit dem Urteil -begnügen, welches der Professor der Vo-lrs- wirtschaft an der Universität Rom, Maffeo Panta» leoni, der jetzt zu den leidenschaftlichsten Interventionisten gehört, während er früher ebenso leidenschaftlich für die Einhaltung der Bündnisverpflichtungen eintrat, am 31. Juli 1914 in der .Lbec Nazionale' wie folgt zum Ausdruck brachte: ° .
„Es ist uns geraten worden, zu warten, brs die anderen sich gegenseitig niedergeprügelt -hätten, um dann einzugreisen und uns zu nehmen, tvas nur immer möglich wäre. Damit mutet -man uns dieRolledes Geiers und -der Hyüne zu, die den Ausgang des Kampfes zwischen Tapferen abwarten. Solche Handlungsweise wäre die e h r l o s e st e und v e r d erblich st e von allen. Dabei wird nichts für uns herauskommen. Was kann für Feiglinge und Vertragsbrüchige überbrigbleiben außer unbegrenzter Verachtung. Atan lebt nicht von Brot allein, sondern von der Ehre."
Nun, was den letzteren Punkt betrifft, so ist Italien in bezug auf das „Leben von der Ehre" im Begriff, der britisch-französischen — Aushungerungstaktik zum Opfer gu fallen. ^
Der Abbruch der diplomatischen Beziehungen bevorstehend.
W.T.B. Paris, 19. Mai. (Nichtamtlich.) Der „Matin" meldet aus Rom: Die Botschafter von Deutschland und Österreich-Ungarn haben dem Minister des Äußern, Sonnirn», eine Verbalnote überreicht. In diplomatischen Kreisen hält man den A b b r u ch der diplomatischen Beziehungen zwischen Italien und den Zcntralmächten für bevorstehend. d'Knirunzio beim König in Audienz!
Berlin, 29. Mai. (Ktr. Bln.) Der König van Italien empfing, wie dem „Berliner Tageblatt" gemeldet wird, gestern morgen d'Annunzio in der Villa Ada. Die Unterredung zwischen dem Monarchen und dem Dichter habe % Stunden gedauert. — Kein Mensch in Italien zweifelt daran, daß heute der Krieg beginne. Vorbereitungen auf den Krieg im INinisterrat
W. T.-B. Gens, 19. Mai. (Nichtamtlich.) Das ^Journal de Genäve" berichtet aus Rom: Im gestrigen Ministerrat wurden alle für den K r i e g s z u st a n d notwendigen Maßnahmen getroffen. Das ganze Gebiet nördlich von Bologna wird voraussichtlich als Kriegszone erklärt werden.
Kriegsfitzungen des italienischen Parlaments?
Br. Lugano, 19. Mai. (Eig, Drahtbericht. Ktr. ®(n.) Noch h e-u t c abend, meint matt in gewissen Kreisen, werde die ally-emeine Mobilmachung an-geordnet werden. Die „Stanrpa" schreibt: Wenn morgen das Grünbuch her- ausgegwen wird, ist der Abbruch der diplomatischen Beziehungen -wahrscheinlich bereits erfolgt und werden die Kammer und der Senat Kriegssitzungen ab-halten und vermutlich schon die Geschütze donnern.
Giolitti an der Kammersitzung verhindert.
Berlin, 20. Mai. (Ktr. Bln.) Giolitti soll laut „B. L.-A." einen Ner-Venchok gehabt haben, der ihn- an der Terln-cchme der Kammersitzung verhindere.
verschärfte Kriegsstimmung in Italien.
Köln, 19. Mai. Die „Köln. Ztg." meldet aus Berlin: In Rom hat sich die Lage insofern nicht geändert, als die Kriegsstimmrung unter den für den Krieg arbeitenden Gruppen nicht abgemmrmen, sondern sich «her noch verschärft hat. Ob der Kammer morgen die Entscheidung über Krieg und Frieden überlassen wird, ist nicht mit Sicherheit erkennbar. Möglich ist auch, daß sie lediglich zu einem von der Regierung festgesetzten Programm Stellung z-u nehmen- haben wird. Dafür, daß das Ministerium Salandra-Sownino neben seiner Hinneigung ginn Eintritt in den Kampf an der Seite des Dreiverbandes sich noch die Möglichkeit eines friedlichen Ausgangs unter Berücksichtigung der von Deutschland verbürgten Zugeständnisse Österreich-Ungarns offen gelassen habe, gibt cs kein sicheres Anzeichen.
Oer verderbliche Einflutz der Königin und der Königin-Mutter.
Lugano, 19. Mai. Aus vorzüglicher Quelle erfährt der Berichterstatter des „Hannov. Couriers", daß zwei Momente die letzte ungünstige Wendung herbeiführten: Giolitti erlitt einen Nervcnchok, der ihm das weitere Verbleiben in Rom unmöglich machte, und der König ließ sich durch seine Gattin -und Mutter endgültig für den Krieg gewinnen. Daraus ergab sich das Verbleiben Salandras. Die italienische Presse gibt heute zu, daß die Verhandlungen Rumäniens mit dem Dreiverband stocken.
Sicherheitsmatzreqeln zur Karnmsreröffnuna.
Sr. Lugano, 20. Mai. (Eig. Drahtberich-t. Ktr. Bln.) Für die heutige Kammeffitzung sind weitgehende Sicherheitsmatzregeln getroffen worden, die mit Rücksicht daraus nötig sinh, daß d'A n n u tt 3 i 0 in verschiedenen Volks
reden aufgefcwdert hatte, die neutralistischen Abgeordneten gewaltsam am Betreten des Parlaments zu ver-, hindern.
Oie Suche nach einem Vorwand.
Sr. Mailand, 19. Mai. (Eig. Drcchtbericht. Ktr. Bin.) Der „C 0 r r i e r e d e l l a Sera" sucht in seinem heutigen Leitartikel nachzuweisen, datz der bevorstehende Krieg gegen Österreich-Ungarn ein Krieg der Verteidigung sei, und erklärt, Italien habe gegen seinen ehemaligen Verbündeten -tets vollkommene Loyalität geübt, aber Österreich-Ungarn habe sich immer benommen, als ob sein höchstes Interesse wäre, Italiens Feind zu sein. Es habe sich militärisch vorbereitet, um Italien zu überwältigen, habe im libyschen Krieg die Handlungsfreiheit Italiens im Mri-atischen Meer verhindert, und sein ganzes Verhalten sei ein andauernder Angriff gegen Italien gewesen. Sein Versprechen, nach der Einverleibung Bosniens nicht weiter im Orient vorz-u- dringen, habe Österreich-Ungarn durch das Ultimatum^ an Serbien gebrochen. Von dem Augenblick, als Italien seine Neutralität erklärte, habe das Bündnis aufg-x- hört, und Italien kämpfe jetzt einen Krieg -der Verteidigung und -um die Sicherheit seines Lebens.
Der „Secolo" sagt in einer Kritik der Rede des deutschen Reichskanzlers: „Die Zugeständnisse kamen zu spät." Italien sei nicht gewillt, um sein- gutes Recht (!) z-u- betteln, sondern es bereite sich vor, es zu fordern mit der freien Kraft seines Willens und mit Waffengewalt. Der Dreibundvertrag sei zerrissen worden, als Deutschland und Österreich in- den Krieg eintraten-, ohne Italien zu beimchrtch« tigen. Dies sei eine Beleidigung der Würde und Interessen Italiens.
Die Kriegserklärung «tt die Türkei?
Berlin, 20. Mai. (Ktr. Mn.) Der „Avanti" berichtet, eS mache der italienischen Regierung grosses Kopfzerbrechen, um einen plausiblen Kricgsgrund zu finden, zumal Öfter- reich alles cmsbrete, -um möglicherweise den Krieg noch abzu- wenden. Ja, e? scheine, dass Italien kein Ultimatum an Öfterreich-Ungarn richten werde aus purer Besorgnis, datz Österreich durch dessen- Annahme sich dem Krieg entziehen könnte. Italien werde sich vielleicht dadurch aus der diplomatischen Klemme ziehen, datz es -unter dem Vorwände türkischer Intrigen in Libyen der Türkei den Krieg erkläre.
Italien hofft auf eins Kriegserklärung öer Zentralmächte.
Sr. Chiaffo, 20. Mai. (Eig. Drcchtbericht. Ktr. Mn.) Kein Mensch in Italien zweifelt mehr -daran, dass morgen der Krieg beginnt. Schon in den letzten Tagen durchschwirrto Rom das Gerückt, datz Bülow und Macchio ihre Pässe gefordert hätten. Dieses Gerücht trat besonders stark auf, als gestern der österreichisch-ungarische Botschafter aus der Cons-uTta einen Besuch gemacht hatte. Diese Gerüchte haben« natürlich keine andere Grundlage als den Wunsch Italiens, dass die Kriegserklärung tutt den Zentralmächten ausgehe, damit Italiens Behauptung, es sichre keinen Angriffs-, sondern einen Verteidigungskrieg, durch einen äußeren Hergang eine gewisse Bestätigung erhalte.
Fürst Bülow.
W- T.-B. Rom, 19. Mai. (Nichtamtlich.) Fürst Bülow hatte Mit Sonni.no eine längere Unterredung. Di- Villa Malta und das Palcyza Casfarelli werden betracht. Die revolutionäre Presse richtet gegen Bülow nach wie vor heftige Angriffe, die übrigens trotz des Kricgs- fiebers in vielen Kreisen missbilligt und bedauert werden. SeDst der radikale „Meiswggero" ermähnt die Gesinnungs- aenoffen, nicht zu vergessen, datz Bülow seine Pflicht tut. rüdem er das Interesse seines Vaterlandes verteidigt.
Die Stellungnahme des Vatikans!
Kein Grund zu Besorgnissen über das feindliche Eigentum.
Sr. Berlin, 20. Mai. (Eig. Drabtbericht. Ktr. Bln.) Über die Stellung des Vatikans im Kriege wird dem „L.-A." auS Lugano telstraphiert: Der Papst werde nutzer Verbtn- düng mit den Katholiken Deutschlands und Österreichs -bleiben, da auch der freie Telegraphen- und Brirfverkehr a-ufg-ehoben pwrden würde. Dagegen scheint sür das deutsche Eigentum in Italien nichts zu befürchten! zu sein, obwohl d'Annunzio in seiner vorgestrigen Rede verkündigte, datz die Villa M al t a der K 0 n f i s kati 0 n verfallen würde.
Kuch die vatikanischen Gesandtschaften der Zentralmächte verlassen Rom.?
Berlin, 20. Mai. (Ktr. Mn.) Dem „B. L.-A." zufolge würden -die beim Vatikan beglaubigten Gesandten der Zentralmächte voraussichtlich mit den Boffchastern bmxt QUirin-al Italien verlassen. Letzteres sei nicht gewollt, das Garanticgesetz während des Krieges zu respektieren. Der Ies'aitengeneral Ledochowski, ein- geborener Österreicher, hat laut „Voss. Ztg." Rom bereits verlassen.
Italien und Gesterreich ersuchen Amerika um Vertretung ihrer Interefien?
Eine Reuter-Meldung.
Sr. Amsterdam, 20. Mar. (Eig. Trahtbericht. Ktr. Bln.) Aus Washington meldet Reuter: Italien und Öfter- reich ersuchten die Vereinigten Staat-eu-, ihre Interessen in Wien, resp.. Rom für den Fall des MbrucheS de«
