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NlorM-V«iage der MerLadeirer TagZkattr.

Nr. NS.

Mittwoch. 19. Mai.

1915.

Der Roman.

(22. Fortsetzung.)

Klippen.

Roman von Helene Schede-Heller»

Nachdruck Verbote»

Wie aus einem bösen Traum aufgeschreckt, fuhr Hilde empor.

„Hans — Hans —." Sie streckte die Arme nach ihm aus. Sie eilte zur Tür.

„Komm zurück — Hans — ich kann es nicht er­tragen -" '

£>, noch einmal den Schall feiner Stimme zu hören und in seine Augen zu blicken — sie gäbe für dieses Glück ihr Leben auf.

„Haus" — es war wie das bange Rufen des Kindes nach der Mutter.

Mer er hörte nicht.

Was wollte sie überhaupt hier an der Tür, als er­wartete sic ihn.

Er kam nicht wieder. Es war zu spät. Sie hatte ihn fortgeschickt — einen einsamen, gebrochenen Men­schen. Und sie blieb allein — ganz allein zurück.

Er würde nie wiederkehren. All die Liebe und das Glück, und das reiche, starke Leben eines Jahres nahmen jäh ein Ende. Sie waren sich alles gewesen und durf­ten sich nichts mehr sein.

Und warum?

Damit eine andere, die bisher verständnislos neben ihm hergewandelt war, glücklich wüvde. Darum muß­ten sie beide mit Gewalt die Liebe aus ihren Herzen reißen — und verwundet — verstümmelt weiter leben.

Jetzt, da das große Opfer gebracht war, brach sie zusammen. Die Seele konnte sich nicht auf der Höhe halten, aus der sie zum entscheidenden Schritt Mut irnd Kraft geschöpft hatte. Der Rückschlag mußte kommen. Selbst die Stimme, die so laut gesagt: „Du mußt!"

schwieg, als sei ihre Aufgabe vollendet. In dieser finste­ren Stunde, in der Hilde den Verzicht, den sie geleistet hatte, erlebte, brachen Eifersucht, Schmerz und Sehn-

K alle künstlich aufgebauten Dämme und verheerten Seele.

Sie konnte der anderen den geliebten Mann nicht gönnen.

Malte sich wie in Fieberphantasien die Zukunft aus! Sie allein — frierend und schaudernd im Dunkeln und Kalten — immer draußen — nie mehr drinnen. Ge­zwungen, mit gelähmten Gliedern an den Klippen emporzuklim-inen, von denen sie wußte, daß sie doch nie ins Land der Sonne führen würden.

Keine Flügel mehr haben.

Zwischen welken Blumen und verlöschten Flammen weiterleben.

Und dann die andere-

Der Gatte kam zu ihr zurück — sie bereute — er verzieh. Langsam verzogen sich die schweren Wolken — schüchtern erst — aber dann Heller und wärmer schim­merte die Sonne durch.

Erna liebte ihn und setzte alles daran, die schwere Vergangenheit vergessen zu lassen.

Sie fand eine Brücke, auf der sie beide sich begeg­nen und einer neuen Zukunft entgegengehen könnten.

Einer Zukunft, von der sie ausgeschlossen war, zu der sie kein Recht besaß.

Und vielleicht wurde Hans wieder glücklich.--

Glücklich durch die Frau, die ihre Schuld sühnen wollte.

Hatte sie ihm das nicht gewünscht? Und nim konnte sie dem Gedanken daran nicht entsagen. Nun war ihr, als wolle sie ihn li^er unglücklich als glücklich mit der anderen durch die andere sehen. Die beiden im selbe»

Haus — am selben Herd — um dieselbe Lampe-

und das alles durch sie — weil sie es also von ihm und seiner Liebe gefordert hatte.

Pflicht — Gewissen — Grundsätze — alles, was sie zur Entscheidung getrieben hatte, schwand.

Sie vermochte immer nur das eine zu denken: „Ich liebe ihn — ich kann von ihm nickst lassen."

Dann schluchzte sie, suchte Mittel und Wege, um wie­der zu ihm zu gelangen. Bäumte sich auf gegen ihr Unglück. Wollte umkehren — zurncknehmen. --

Und wußte doch, daß sie es nimmer tun würde.

Wie schwer war das Entsagen!

Brachte nicht einmal Frieden! Würde es nie still in ihr weichen?

Nächte sich denn das Gute wie das Böse mrd mußte mit dem Herzblut bezahlt werden?

Der Sturm fegte durch ihre Seele und ließ sie er­schöpft zurück.

Das war ihr erster Schritt auf dem langen, ein­samen Weg, .der großen Opfern folgt —, auf dem man Ivandelt mit der Pflicht auf der einen und den Erinne­rungen auf der anderen Seite, und dessen Ziel nie das eigene Muck ist.

XV.

Rickling konnte in späteren Zeiten nie verstehen, wie er über die Stunden weggekommen war, die idem letz­ten Zusammensein mit Hilde Roswald folgten.

Er irrte ziellos durch Berlin — von einer Straße in! die andere — wie ein Blinder —, nicht wissend, wohin er ging — nur vorwärts getrieben von dem Fieber, das ihn verzehrte.

Er kam über den Lützowplatz. Droschken fuhren vorüber. Der Himmel glänzte in ehernem Blau über dem Schnee.

Menschen kamen vorbei — freuten sich des schönen Wintertags — eilten ihrer Arbeit zu.

Kindermädchen stießen die Wagen vor sich hin, aus denen Lockenköpfe und rosige Gesichter hervorlugten, Schuljungen schlenderten nach Haus, den Sack über dör Schultern gespannt — begegneten sich — plauderten — spielten — zankten sich.

Im Zeitungskiosk saß die alte Martini, in einest schwarzen Schal gehüllt, und rieb ihre blauroten Hände gegeneinander, um warm zu werden.

Ein Mann ging mit einem Riesenplakat vypbei, auf dem in flammenden roten Lettern ein neuer Zrrkus am gepriesen wurde.

„Noch nie da gewesen! Drei Tage in Berlin — sen­sationelle neue Kunststücke!"