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1. Beilage nun Wiesbaüener Tagtilatt.

Uo. 199. M»r-rn-An»gadr.

Mittwoch» den 6, Wirr;.

49. Jahrgang. 1901.

^26. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Komtesse Buscha.

Ein Zeitroman von H. Elster-

Jetzt bebt die Erde unter dem Hufgestampf Tausender von Pferden! Die Sonne blinkt auf blanken Kürassen, der Wind läßt die Roßschweife der blinkenden Helme hoch emporflattern wie eine eherne Mauer braust eine Kürassierbrigade heran ein prächtig, schaurigschöner Anblick die Panzerreiter, alle auf großen starkknochigen Schimmeln!

Einen Augenblick stockt das Feuer! Es scheint, als weidete sich selbst der Gegner an dein prächtigen Anblick der Kürafsierregimenter aber nur einen Augenblick, dann prasselt das Schnellfeuer voil Neuem auf, die Ge­schosse klatschen auf die Kürasse wie Hagelkörner nieder dgs erste Regiment wird fast vollständig vernichtet das zweite Regiment jagt an den Schützen vorüber und verschwindet ini Kampfgetümmel.

Die Vernichtung der französischen Kavallerie nahm von Minute zu Minute zu noch immer attackiren einzelne Abtheilungen in verzweiflungsvollem Helden- nruth sie alle zerschellen an dem furchtbaren Jn- fanteriefeuer, nur einzelne Reiter retten sich in die dichten Wälder an der belgischen Grenze, überschreiten dieselbe selbst und werden von den belgischen Truppen entwaffnet.

Der Kalvarienberg von Jlly war zur Schädelstätte der heldenmüthigen französischen Reiterei geworden!

Die Reste der beiden französischen Kürassier-Regi­menter, welche schon bei Wörth so furchtbar zusammen- geschossen wurden, schließen sich jetzt zu einem verzweif­lungsvollen Durchbruchsversuch zusammen.

Nur wenige Offiziere befinden sich noch bei der kaum zwei Schwadronen zählenden Abtheilnng, an deren Spitze ein junger Kapitän reitet Henry de Grincourt. Auf seinem vor Erregung bleichen Antlitz ruht finstere Ent­schlossenheit er weiß, er reitet in den Tod, aber lieber den Heldentod sterben, als gefangen in die Hände der Preußen fallen, als den Sturz Frankreichs, als die Ver­nichtung der stolzen kaiserlichen Armee mit anseheir.

Wir geben und nehmen kein Pardon!" ruft er den Kürassieren zu.Und nun en avant!"

In der Kolonne zu Vieren reitet man den Hohlweg entlang, der durch das Dörfchen Gaulies und Floing führt. Kaum ist man aus dem Hohlweg heraus, al§ ihnen eine preußische Infanteriekolonne entgegentritt. Wie eine große Sturzwelle werfen sich die Kürassiere auf die überraschten Preußen, die nicht mehr Zeit finden, sich zu entwickeln. So werden sie überritten und nieder­gehauen der Weg nach Floing ist frei dort drüben schimmert der Wasserlauf der Maas kann man diese überschreiten, ist man gerettet, denn drüben winken die dichten Wälder von Briancourt und Voigne aur Bois, in denen man sicher ist vor den preußischen Schützen. Viel­leicht gelingt es dann sich nach der Festung Maizidres dnrchzuschlagen!

Dieser Gedanke blitzt in der Seele Henry de Grin- conrts auf. Er stürmt mit seinen Reitern weiter auf Floing zu doch da versperrt eine aus Wagen gebildete Barrikade ihnen den Weg. Schüsse krachen ihnen ent­gegen vorüber an Floing jagen die Kürassiere der Maas entgegen.

Doch auch hier keine Rettung!

ruft

Von allen Seite,: eilte preußische Kavallerie ans die Kürassiere zu, Husaren, Ulanen und eine Schwadron Garde-Dragoner. Wie ein blitzender, eherner Keil drängt sich das sestgeschlossene Häuflein Kürassiere in die sie umschwärmende feindliche Reiterei, die sich fester und fester um sie zusammenschließt . . .

Jetzt prallen die Kürassiere mit den Garde-Dragonern zusammen Henry de Grincourt haut sich mit dem Rittmeister der Dragoner herum sie erkennen sich gegenseitig, es ist Ferdinand von Schomburg, der mit Henry de Grincourt den Säbel kreuzt.

Ein Blitz des Erkennens zuckt in ihren Augen ans! Ein Gedanke in ihren beiden Seelen.- Ruscha!

Ergeben Sie sich, Marquis de Grincourt!" Ferdinand.

Jamais!" tönt es zurück.Am letzten Ihnen"

Und die Säbel klirren aneinander.

Beide sind geübte Fechter. Beide sind gleich an Körperkraft und Gewandtheit. Aber das Pferd Henrys ist bis zu Tode erschöpft, es blutet ans mehreren Wunden .... es droht zusammenznbrechen .... wehrlos ist dann Henry de Grincourt in den Händen des Siegers.

Sei ganzes Wollen sträubt sich gegen diesenGedanken. Nicht ihm ergeben, der ihn schon aus dem Herzen Ruschas verdrängt hat! Lieber sterben ....

Das Gefecht hat sie bis an das hohe abschüssige Ufer der Maas geführt da blitzt ein Gedanke durch die Seele Henrys er macht einen wüthenden Ausfall auf seinen Gegner er trifft den klopf des Pferdes, das sich auf­stöhnend emporbänmt, mit den Vorderfüßen in die Luft haut und plötzlich sich nach hinten überschlägt, seinen Reiter unter sich begrabend.

Diesen Augenblick benutzt Henry de Grincourt. Er reißt sein Pferd herum, rennt ihm beide Sporen mit voller Wucht in die Flanken und setzt mit mächtigem Sprung in die Fluthen der Maas, die über Roß und Reiter zusammenschlagen.

Als Ferdinand sich unter seinemPferde emporarbeitet, sieht er wie Henry de Grincourts Roß das jenseitige Ufer erklettert von dem Reiter selbst erblickt er keine Spur.

Das heldenmüthige Opfer der französischen Reiterei auf den Geftlden von Floing und Cazal vermag das Ge­schick des Tages nicht mehr zu wenden. Ein Feuerkranz von Batterieen zieht sich uni Sedan und sendet seine donnernden Flammengrüße auf die dem Verderben ge­weihte französische Armee.

Eine wilde Unordnung entsteht in wildem Durch­einander eilen die Regimenter und Bataillone nach Sedan hinein, die Straßen und Plätze der Stadt mit ihrem Ge­schrei und ihren Verwünschungen erfüllend. Und mitleids­los, erbarmungslos schmettern die deutschen Granaten in das blutige Wirrwarr der aufgelösten Armee und auf die unglückliche Stadt nieder. In Rauch und Flammen ge­hüllt, liegt sie da einem zweiten Gomorra gleichend.

Und unter Rauch und Flanunen steigt auf den Wällm die weiße Fahne empor die deutschen Batterieen schweigen, eine fast unheimliche Stille tritt ein bis zum geringsten Soldaten herab fühlt ein jeder die gewaltige Wucht dieser Stunde.

Der Stern des französischen Imperators erbleicht und versinkt in Rauch und blutigen Flaimnen die Sonne des geeinten Deutschland steigt siegend empor.

Dreizehntes Kapitel.

In der kleinen rheinischen Festung und Kreisstadt H.

waren die erste» französischen Gefangenen und Ver- wnndeten eingetroffen. Die Gefangenen fanden in der Citadelle Aufnahme, die Offiziere auf Ehrenwort, nicht zu entfliehen, in Bürgerquartieren in der Stadt, für die Verwundeten tvurde eine große Lazarethbaracke auf dem Platz vor dem Thore erbaut, auf dem sonst die großen Märkte abgehalten wurden.

Es waren meistens leichter Verwundete, welche in dem Lazareth Aufnahme fanden, aber auch mehrere Schwerverwundete lagen in einer besonderen einzelstehen- den Baracke.

Preußische Landtvehrtruppen bildete): die Besatzung der kleinen Festung und bewachten auch den von einem hohen Bretterzaun umgebenen Platz, auf dem sich das Lazareth befand.

In der Bürgerschaft bildete sich ein Comitck zur Ver­pflegung der Verwundeten und mehrere Frauen und Mädchen derStadt und Umgebung meldeten sich freiwillig zu dem Samariterdienst der Krankenpflege.

Auch Else von Schomburg befand sich unter diesen freiwilligen Krankenpflegerinnen. Herr von Schomburg hatte sich nämlich als früherer Offizier gleich bei Beginn des Krieges den Militärbehörden zur Verfügung gestellt und war als Major z. D. und Etappen-Kommandant nach H. geschickt worden. Seine Frau und Tochter be­gleiteten ihn und Frau von Schomburg trat mit in das Damen comits zur Verpflegung der Verwundeten, während Else sich als Krankenpflegerin nützlich zu machen suchte.

Zuerst freilich tvurde es ihr herzlich tchwer, rhre Pflicht all dein Elend gegeniiber standhaft zu erfüllen.

Da lagen in langen Reihen die Verwundeten aus den blutigen Schlachten von Metz, in den bleichem Gesichtern den stillen Schmerzenszug, Kopf oder Arm oder Bem mit oft blutgefleckten Bandagen umwunden. Nur wemge deutsche Verwundete befanden sich darunter, welche meistens in größere und entferntere Lazarethe unterge­bracht wurden; fast nur Franzosen lagen in diesem rasch improvisirten Hospital. Reben den jugendlichen, eben erst ausgehobenen Soldaten der alte Troupier, der schon in Mexiko und Afrika gekämpft hatte; nebeir dem ruhigen Nordfranzosen der lebhafte Provencale, neben dem blonden Nordländer der braune Sohn der afrikamschen Kolonieen. Ein buntes Gemisch von allen Völkern alle aber mit der geheimen ängstlichen Frage in den fieber­glänzenden Augen: wie wird es Euch in der Gefangen­schaft der deutschenBarbaren" ergehen.

Erst allmählich kam das Vertrauen, als sie die un- ermüdliche Sorgfalt der deutschen Aerzte, fühlten und sich umringt von der Aufmerksamkeit der freiwilligen .Krankenpflegerinnen sahen. Ja, hauptsächlich die Thätigkeit der Frauen und Mädchen war es, welche auf die armen Burschen wohlthätig einwirkte. Wenn die Krankeirpflegerinnen durch den Saal schritte,: oder an ihr Schmerzenslager traten, dann erhellte sich das Ge­sicht selbst des alten Troupiers und des schwarzen Sohnes Afrikas. Es kan: hinzu, daß viele dieser Kranken­pflegerinnen der französischen Sprache mächtig waren, so daß sich die Verwundeten mit ihnen in ihrer Hermatb- sprache unterhalten konnten. Das war ein großer Trost für die armen Kerle, die geglaubt hatten, ii: ein halb­wildes Land zu kommen.

(Fortsetzung folgt.)

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