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„Tagblatt-HauS" Nr. 6650 - 53.
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Mittwoch, 19. Mai 1915.
Kbend.Ausgabe.
Nr. 230. «> 63. Jahrgang.
Der Krieg.
Unsere günstige militärische Lage im westen und Osten.
(Von unserer Berliner Schristleitung.)
S- Berlin, 19. Mai. (Ktr. Bin.) Wer de» ausschweifenden Optimismus und die kühne übertrei- bungssucht der Franzosen kennt, hatte die Meldungen über die angeblichen Erfolge der großen englischfranzösische» Offensive von vornherein mit ruhigem Skeptizismus gelesen. Schon in den letzten Tagen hatten aber selbst die feindlichen Berichte nur noch davon gesprochen, daß Franzosen und Engländer darauf bedacht seien, „die erzielten Erfolge zu konsolidieren". In der Tat kommt man bei ruhiger Betrachtung der Lage im Westen von Tag zu Tag urehr zu der festen Überzeugung, daß diese große Offensive in allen ihren Teilen gescheitert ist, daß Franzosen wie Engländer nur ganz minimale örtliche, zum Teil auch nur ganz vorübergehende Erfolge erzielt haben, die für die Beurteilung der Gesamtlage im Westen keinerlei Rolle spielen. Der französische Versuch, unsere gegen Ap ern angesetzten Truppen zurü ckzuw erfe n, kann heute als völlig mißlungen betrachtet werden. Ebenso hat der englische Durchbruchsversüch bei N c u v e Chapelle kein anderes Ergebnis gehabt als riesige Verluste der Engländer. An der Lorcttohöhe, nördlich von Ar ras, dem Mittelpunkt der „großen Offensive", haben die Franzosen seit den letzten drei Tagen ebenfalls keine weiteren Fortschritte gemacht. Auch hier ist trotz der kolossalen französischen Überlegenheit kein Erfolg erzielt worden und die Haltung der Franzosen läßt darauf schließen, daß sic selbst die Hoffnung auf einen solchen Erfolg aufgegebcn haben. In der Gegend von Ailly und im Priesterwalde sind die Operationen ebenfalls fast vollständig zum Stillstand gekommen.
Nicht minder günstig stellt sich die Lage im Osten dar. Zwar wird bei Schauten noch immer gekämpft und nach französischem Muster haben die Rusien auch dort Erfolge behauptet und aufgebauscht mit einer Beredsamkeit, die zu dem rnsiischen Stillschweigen gegenüber den Vorgängen in Galizien in einem charakteristischen Mißverhältnis stehen. In Wahrheit sind die Kämpfe bei Schaulen noch nicht zum Abschluß gelangt und stehen nicht ungünstig für uns. Dagegen haben wir südlich von Njemen sehr gute Fortschritte zu verzeichnen. Die Rusien haben dort aus der Gegend von Kowno her bei Mariampol einen groß angelegte» Umfas snngsversuch eingeleitet, der aber vollständig gescheitert ist. Die Umfaffungstruppen sind geschlagen und im Rückzug gegen den Njemen begriffen, nicht auf den Stützpunkt K o w n o, die Richtung des Rückzuges wird vielmehr von uns bestimmt.
In Westgalizien haben große Massen der verbündeten deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen den San bereits überschritten, ebenso hat auch die deutsche Südarmee des Generals v. L i n s i n- gen in Ostgalizien die neue rusiische Verteidigungslinie bereits an mehreren Stelle« aufs neue durchbrochen.
Zwischen Weichsel und P i l i c a sind nach den amtlichen Berichten der letzten Tage noch nicht abgeschlossene Kämpfe im Gange, die ebenfalls Erfolg zu versprechen scheinen. Endlich ist auch die Lage bei P r z e m y s I, so viel man hört, die denkbar g ü n g ft i g st e.
Nach alledem ist ein durchaus Zuversicht- liches Urteil über die Situation an allen Fronten berechtigt. _
Die italienische Krisis.
Nach der gestrigen Erklärung, die der Reichskanzler im Reichstag abgegeben hat, besteht noch eine schwache Hoffnung, daß Italien nicht in den Krieg gegen Oster- reich-Ungarn und dessen Bundesgenossen eintritt. Denn zur Stunde ist die Entschließung Italiens, wie der Reichskanzler mitteilte, noch fr e i, und das gleich- falls vom Reichskanzler mitgeteilte territoriale und sonstige Angebot Österreich-Ungarns erscheint weitgehend genug, um langjährige italienische Wünsche m befriedigen. Da vollends die Durchführung des österreichischen Vorschlages von Deutschland verbürgt wird, sieht sich Italien mit einem Schlage der Sorge enthoben, daß die Donaumonarchie ihr Entgegenkommen nur auf die Überwindung a u g e n b l i ck. sicher Schwierigkeiten eingerichtet hat. Die Montags» Verhandlungen des ungarischen Abgeordnetenhauses bilden m diesem ZwsanmwDhtMge eine wichtige Ergänzung
des vam Reichskanzler erteilten Aufschlusses. Was dein österreichischen Angebot besonderen Wert verleiht, sind nicht nur die Abtretung österreichischen Gebietes und die sonstige Berücksichtigung der italienischen Nationalität in Österreich, sondern auch die Anerkennung der italienischen Souveränität über V a l o n a und die Erklärung des österreichischen Desinteresseinents an Albanien. Beide zuletzt angeführten Punkte eröffnen der Balkanpolitik Italiens neue Aussichten, deren praktische Bedeutung um so größer ist, je vollständiger Österreich-Ungarn aus die Gätendmachung früherer Bestrebungen verzichtet. In allen Richtungen aber hat Österreich-Ungarn auf das deutlichste den redlichen Willen betätigt, zwischen sich und Italien sämtliche Reibungsslächen zu beseitigen, die eine antiösterreichische Haltung Italiens bisher her- vorriefen.
Wäre ein großer Teil der Italiener nicht von einem Kr i e g s t a u m e l ergriffen, der gewissenlose Agitatoren der Straße im gefährlichsten Maße zu Herren der politischen Lage Italiens macht, dann müßte der Verlauf der Berliner und >der Budapester Parlamentsver- handkrng einen tiefen Eindruck auf das italienische Voll ausüben. Denn sowohl der deutsche Reichskanzler wie der ungarische Ministerpräsident haben Italien endgültig von der Sorge befreit, daß die österreichischen Anerbietungen bloß von der Absicht eingegeben seien, augenblicklichen Schwierigkeiten auszuweichen. Mit einer Nüchternheit, die dem realpolitischon Sinn der Ungarn zur Ehre gereicht, stimmten in Budapest Minister mit Volksvertretung in der Überzeugung zu- sammen, daß der gegenwärtige Zeitpunkt zur Ausmer- zung aller Reibungen benützt werden müsse, die zwischen der Donaumonarchie und Italien bestehen. Man weiß, daß die Hauptquelle dieser Reibungen dem Nationalitätenprinzip entspringt, da österreichische, an Italien grenzende Gebiete von Angehörigen italienischer Nationalität bewohnt werden. Die territorialen Anerbietungen Österreich-Ungarns räumen für immer Liesen Ursprung einer antiösterreichischen Richtung Italiens aus und ermöglichen auf dem Wege der so gebrachten schweren Opfer beiden Staaten die gemeinsame Wahrnehmung übereinstimmender Lebensbedürfnisse. Eine solche Politik vernünftiger Berücksichtigung dauernder Interessen beider L-taaten hat die ungeteilte Zustimmung des ungarischen Abgeordnetenhauses gefunden.
Bedenkt man, mit welcher Inbrunst die italienischen Jrredentisten seit Jahrzehnten das Ziel verfolgten, dessen kampflose Erreichung ihnen jetzt winkt, und vergegenwärtigt man sich den natürlichen Gegensatz Italiens zu den Westmächten sowie zum Panslawismus in Adria und Mittelmeer, dann sollte mindestens eine wohlwollende Aufnahme des österreichischen Angebots als gesichert und die italienische Gegenleistung in Gestalt einer dauernden Neutralität auch dann als annehmbar erscheinen, wenn die noch weiter gehenden italienischen Wünsche nicht bis auf den -Punkt über dem i erfüllt weroen. Scheidet für eine solche Beurteilung des österreichischen Angebotes auf italienischer Seite der Gesichtspunkt aus, daß schon die Rücksicht auf das jahrzehntelange, die wirtschaftliche und kulturelle Entfaltung Italiens ermöglichende Bündnis zun: Entgegenkommen verpflichtet, so müßte eine unbefangene politisch-militärische Erwägung der Welllage die Italiener zu den: gleichen Ergebnis führen. Daß es in Italien nicht an Sachkundigen fehlt, die ihre Landsleute hierüber erschöpfend ausklären, veranschau- licht das sorgsam abgewogene, von uns heute morgen mitgeteilte Urteil des Mrlitärschriftstellers Kommandeurs Bonamico im „Popolo Romano". Wirk- samer, als es in diesen fachmännischen Ausführungen geschieht, konnte das italienische Doll nicht auf die Gefahren hingewiesen werden, die es bei einem Kriege gegen die bisherigen Bundesgenossen läuft. Die moralische Seite eines solchen Verhaltens ist gestern im Reichstag vom Reichskanzler kurz, aber e i n- drucksvoll gestreift worden. Er hat dem verhüllenden Gerede von einer „Kündigung" des Dreibundvertrages ein Ende gemacht und auf den Bundesbruch mit den Worten hingewiesen: „Wird der Bund von einem Partner zerrissen, so werden wir in Gemeinschaft mit dem anderen auch neuen Ge- fahren zuversichtlich und festen Mutes zu begegnen wissen."
Der B e i f a l l s st u r m. mit dem diese Feststellung ausgenommen wurde, ist ein Symbol dafür, daß ein Bruch des Dreibundes durch Italien die Kampfes- freudiqkcit und die Stotzkraft der Heere Deutschlands uich Österreich-Ungarns noch gewaltig steigern würde. In: übrigen gälte von solchem Bmrdesbruch doppelt und dreifach, was der fvan- zosenfreundliche „Corriere della Sera" von den „Verpflichtungen" sagte, die Italien gegenüber dem Drei- verbände angeblich eiugegangen sei: „Keim Staat der
Welt kann seinen Verpflichtungen untreu werden, ohne die eigene Ehre mit Füßen zu t-reten."
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Kündigung des Dreibundes am 20. Mai?
Br. Chiasio, 19. Mai. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Mn.) Nach einer römischen Meldung der „Stampa" wird die Aufkündigung des Dreibundes noch vor Eröffnung der K a m u: e r am 20. Mai erfolgen. Die Urkunde, welche der Wiener Regierung die Kündigung mitteilt, soll bereits im Gr ü n b u ch veröffentlicht werden.
Der plan für die morgige Kammersttzung.
Br. Chiasio, 19. Mai. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bin.) Die Kammer ist auf den 20. Mai, nachmittags 2 U h r, einberufen worden, der Senat auf denselben Tag 4 U h r. Nach dem „Corriere della Sera" wird zunächst S a l a n d r a die Mitteilung der Regierung verlesen. Ihr Inhalt könne vielleicht noch in diesen beiden Tagen durch bedeutende Ereignisie eine Veränderung erfahren. Danach wird Salandra Erklärungen ans Grund der diplomatischen Schriftstücke abgeben und die Regierung werde sofort einen zu beratenden Gesetzentwurf vorlegen, der die Staatsgewalt in die Hände des Königs legt. Das Ministerium wird vervollständigt durch Ernennung von Ministern ohne Portefeuille; Bissolatis für die Reformsozialen, Barcilais für die Sozialisten und Sera für die Radikalen. In der Sitzung am 20. Mai werden die Sozialisten erklären, daß sie unverbrüchlich an ihrem Widerspruch wider den Krieg fest halten und bosf Kriegsbudget verweigern. Die Abstimmung über die Gesetzvorlage sür die Übertragung der Staatsgewalt an den König und das Finanzprovisorium wixd in geheimer Stimmabgabe erfolgen.
Ein neuer Ministerrat.
W T.-B. Wie», 18. Mai. (Nichtamtliche) Die „Nene Freie Presse" meldet über Chiasso: Für heute abend 9 Nhr 89 Min. ist ein neuer Ministerrat nach Rom einberufen worden.
Trotze Kundgebungen auf dem Kapitol.
Ansprachen des Bürgermeisters und d'Annunzios.
Sr. Lugano, 19. Mai. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Mn.) Gestern wurde das Kapitol zum Schauplatz ungeheurer Demonstrationen, die durch eine Ansprache des B ürger- m e i st e r s Fürsten Colon na eingeleitet und durch eine flammende Rede dÄnnunzios beschlossen wurden. dÄimunzio schüttete alle Schalen seines Zornes über die Verräter des Vaterlandes aus, die nur geschont werden durften, wenn sie die Flucht ergriffen Die Landesverräter vom: Schlage Giolitris müsse das Volk in ihren Schlupfwinkeln aufsichen und züchtigen. Nicht , einer dieser Verbrecher dürste an- Donnerstag die Aul« des Monte Citorio betreten. Darnach schleuderte d'Annunzio seinen Haß gegen den Fürsten Bülow, dessen römische Itöseuvilla binnen kurzem von der Natwn beschlagnahmt sein werde. Schließlch zog d'Annunzio den verrosteten Säbel eines ftüheren italienischen Freiheitskämpfers und küßte ihn inbrünstig, während die Menge „Hch Italien", „Hcch der Krieg" jubelte. Darauf zog die Masse vor die f r a n z ö s l s ch e Botschaft, wo Barriere auf dem Balkon erschien und „Hoch Italien" rief. — Sämtliche katholrsch en Blätter erklären, daß sie sich unbedingt der Entscheidung der Regierung unterwerfen und sich mit dem übrigen italienischen Volk solidarisch erklären.
Die friedliche Mehrheit des Volkes von der Minderheit überschrieen.
W. T.-B. Zürich, 18. Mai. (Nichtamtlich.) In der „Neuen Zürcher Ztg." bemerkt Graf Voltolini Wer die Bolksstinnnung in Italien, daß man sich leicht über den wahren Stand täusche. Er schließt: „Wird die Lösung der gegenwärtigen Krisis unter Vermeidung eines schrecklichen Waffenganges erreicht, so ist nur der Wunsch der Mehrheit zur Durchsetzung gebracht worden. Wird dagegen der unheilvolle Brand entfesselt, so wird aufs neue ein Beispiel in der Gesthichte geschaffen, daß eine Minorität, die über kräftige Lungen verfügt, imstande ist, ihren Willen vor jenem der Mehrheit, gegen die Einsicht, Vernunft, ja selbst gegen die vitalsten Interessen der Nation durchzusetzen."
Eine Sitzung in der Villa Malta.
Br. Chiasio, 19. Mai. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bin.) Am Montagnachmfttag fand bei dem Fürsten Bülow in der Villa Malta eine Sitzung statt, au der außer dem Fürsten, der Sekretär der österreichischen Botschaft, der Gesandte Baverns und der Abgesrd- nete Erzberger teilnahmen. Um 4 Uhr begab sich der Sekretär der österreichischen Botschaft zu S o n n i n o. Gleich darauf empfing Sonnino den Gesandten von Rumänien, Fürsten Ghika.
Trzberger auf der Heimreise.
Br. Lugano, 19. Mai. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bin.) Der Abgeordnete E r z b e r g e r, der Rom verlaßen hat, lam gestern 2 Uhr nachmittags durch Lugano.
