Verlag Langgaffe 21
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Mittwoch, 19. Mai 1915. ülOrgEN-KUZgttbE« Nr. 229. . 63. Jahrgang.
Der Reichskanzler über Italien.
In Galizien seit 1. Mai 17400V Gefangene.
128 Geschütze und 368 Maschinengewehre erbeutet.
Oer Tagesbericht vom 18. Mai.
W. T.-B. Großes Hauptquartier, 18. Mai. (Amtlich.)
westlicher Kriegsschauplatz.
Die französischen Angriffe bei Neuve Chapelle» Kblain und klillq überall verlustreich zurück-
geschlagen.
Nördlich von Ipern am Kanal bei S t e e n st r a a t e rmd H e t S a s herrschte gestern R u h e.
Aus dem östlichen Kanalufer, südöstlich B o e - singhe, entwickelten sich an einzelnen Stelle« Kämpfe, die noch fortdauern.
Südlich von Neuve Chapelle versuchten die Engländer gestern und heute nacht vergeblich weiteren Boden zu gewinnen. Alle Angriffe wurden unter starken Verlusten für den Feind abgewiesen. Erneute französische Angriffe an der L o r c t t o h ö h e, bei Ablain und westlich Souchez scheiterten; 170 Ge- faugene blieben in uuserer Hand.
Bei A i l I h kamen die Jnfanteriekämpfe zum Stillstand. Ein französischer Vorstoß im Priesterwald brach in unserem flankierenden Feuer zusammen.
Gestlicher Kriegsschauplatz.
Zurückweisung russischer Angriffe auf dem nördlichen Kriegsschauplatz. 1700 Gefangene bei Szaki-
An der D u b i f s a wurden in Gegend E i r a g o I a wiederum starke feindliche Angriffe abgewiesen. Gegen die s ü d li ch des N j e m e n herangeführten russischen Kräfte gingen unsere Truppen in allgemeiner Richtung auf Gryszkabuda, Shntowty, Szaki zum Angriff vor. Die Kämpfe dauern noch an. Gestern wurden 1700 Russen gefangen. Nördlich der Wvsoka warf unsere Kavallerie die feindliche. Russische Angriffe auf Mariampol scheiterten.
Südöstlicher Kriegsschauplatz.
weitere Fortschritte an der San-Linie. Grötzere Kämpfe in Südpolen, bei przemqsl und Strqf.
Nördlich P r z e m h s l von südlich I a r o s l a u bis zur Einmündung des Wislok in den San haben sich deutsche und österreichisch-ungarische Truppen den Übergang über den San erkämpft. Der Gegner ^cht hier weiter nach Osten und Nordosten zurück.
Zwischen P i I i c a und oberer Weichsel (bei Jlza und Lagow), südöstlich PrzemysI, sowie in der Gegend von S t r h j sind seit gestern größere Kämpfe im Gange. Oberste Heeresleitung.
ver Ssterreichfsch. ungarische Tagesbericht.
Die Ruffen am Gstufer des San blutig zurück- aeworfen. heftige Kämpfe am oberen Onjeftr.
Die Kriegsbeute aus der ersten Maitzälfte.
W.T.-B. Wien, 18. Mai. (Nichtamtlich.) Amtlich verlautet vom 18. Mai, mittags: Die verbündeten Truppen hatten nach erbitterten Kämpfen an mehreren Steven den San forciert und am Ostufer des Flusses Fuß gefaßt. Gegenangriffe der Russen wurden überall blutig abgewiesen, der Feind i« östlicher Richtung zurückgeworfen.
Am oberen Dnjestr sind heftige Kämpfe im Gange. An der P r u t h l i n i e keine besonderen Ereignisse. Vereinzelte Vorstöße der Russen nördlich K o l o m e a wurden abgewiesen.
Die Gesamtsumme der in der ersten Hälfte des Mai eingebrachten Gefangenen hat sich auf 17400 0 Mann erhöht. Hinzukommen noch 128 erbeutete Geschütze und 368 Maschinen- - e w eh r e.
Der Stellvertreter des Chefs des GeueralMbs: v. Höf er, Feldmarfchalleutnant.
Oie Reichstagssitzung.
8- Berlin, 18. Mai. (Ktr. Bin.) Die heutige Reichstagstagssitznng, die vermutlich die einzige vor den Pflngstfeiertagen bleiben wivd, dauerte kaum 20 Minuten, brachte aber in dieser kurzen Spanne Zeit eine bedeutsame und überraschende politische Kundgebung, eme Kanzlerrede über Italien. Die Kunde davon war schon in der zweiten Mittagsstunde durchgesickert und so war das Haus dicht besetzt. Die Zahl der feldgrauen Abgeordneten hat sich in der Zwilchenzeit noch vermehrt und auch Herr Liebknecht war heute aschgrau als Land st urmmann erschienen. Schon lange vor Eröffnung der Sitzung sah man überall im Hause und Foyer lebhafte Gruppen, am meisten fiel eine Unterhaltung auf, die am Fuße der Bundes ratstribüne der Zentrunrsführer Präsident Spahn mit Staatssekretär v. I a g o w hatte. Der Reichskanzler betrat den Saal von fast allen Staatssekretären umgeben in feldgrauer Generalsuniform und nahm gleich, nachdem der Prä- sident das Haus nach den Ferien begrüßt hatte und die Farmalitäten erledigt waren, das Wort.
Der Reichskanzler war heiser, die nachdrückliche Betonung aber, mit der er namenüich die Anzahl der österreichischen Zugeständnisse unterstrich, und auf der anderen Seite der kraftvolle Ernst namenilich der letzten Sätze rnachten die starke Wirkung dieser Rede verständlich. Die Wirkung nach außen hin wird vermutlich nicht minder eindringlich sein. Es ist kaum anzunehmen, daß der Kanzler mit seiner Rede noch in der letzten Minute sich einen Erfolg auf die Volksstim- rnung und auf die Volksvertretung in Italien verspricht. Im römischen Parlament waren, wie unter anderem aus der Rede des Abgeordneten Cirmeni und aus den Veröffentlichungen der Giolittifchen „Stanrpa" hervorgmg, Umfang und Bedeutung der österreichischen Zugeständnisse seit vielen Tagen bekannt. Die sogenannte öffentliche Meinung Italiens aber ist so unberechenbar und hat sich den dreibundfsindlichen Beeinflussungen so zugänglich erwiesen, daß auch vernünftige Mahnungen von noch so weit sichtbarer Stelle hier kaum noch eine Wandlung der Meinungen und Neigungen Hervorrufen werden. Die Bedeutung der Kauz- lerrede liegt unseres Erachtens anderswo: Sie stellt vor aller Welt und vor der Geschichte diesmal rechtzeitig die S ch u l d f r a g e fest. Österreich- Ungarn nd Deutschland sind, um den Wfall des Bundesgenossen und nnr weitere Hekatomben von Gut und Blut zu verhüten, fast weiter gegangen, als die nationale Ehre es zuließ. Sie haben mehr geböte n und gegeben, als jema^ ein Land an f r redlich e n Eroberungen erreicht hat, alles geboten, was Italien selbst im Falle eines noch so günstigen Krieges von den beiden ehemaligen Bundesgenossen an sich reißen könnte. Wenn jetzt Italien zum Schwert greift, dann wird man überall wrfsen, daß der Dreiverband offenbar noch mehr geboten hat, sei es an Geld, sei es an Land. Dieses Land aber kann nur in Kleinasien oder auf dem Balkan liegen; mit anderen Worten: Ein Sieg der neuen Koalition, der ja nach nrenschlichem Ermessen sei Dank ausgeschlossen erscheint, er würde das ganze mühsam aufrecht erhaltene Gleichgewicht im nahen Osten aufheben einen neuen Brand nach dem anderen zur Folge haben. So riesengroß ist die Verantwortung Italiens. Durch den Mund des Kanzlers haben seine bisherigen Ver- bündeten noch einmal in der letzten Stunde die mahnende Stimme erhoben.
Die Reichstagssitzung dauerte nach der Kanzlerrede nur noch knapp 5 Minuten. Die Rechnung des Schutzgebietes Kiautschou für 1913 wurde debattelos erledigt, das neue Gesetz über die Einschränkungen der Verfügung über M i e t- und Pachtzinsforderungen einer Kommission überwiesen. Die nächste Sitzung anzuberaumeu, überließ man dem Präsidenten. Wann sie stattfinden wird, ob noch vor oder erst nach Pfingsten, ist völlig ungewiß.
Sitzungsbericht.
Eigener Drahtbericbt des „Wiesbadener Tagblatts".
# Berlin, 18. Mai.
Am Bundesratstisch: Reichskanzler Dr. v. Bethmann- Hollweg, Dr. Delbrück, v. Jagow, Dr. Lisco, Dr. Helfferich, Dr. Sols, v. Tirpitz.
Haus and Tribünen sind gut besucht.
Präsident Dr. Kaempf eröffnet die Sitzung um 2,30 Uhr, begrüßt die Erschienenen und führt aus: Wir treten in unsere Arbeit ein, beseelt mit der vollen Zuversicht, die der bisherige Gang der Ereignisse uns eingibt, ohne Überhebung, aber mit ruhiger Entschlossenheit, die in dem Gefühl der Kraft und der Einigkeit und dem Bewußtsein von der Gerechtigkeit unserer Sache wurzelt, sieht das deutsche Volk ruhig der Zukunft entgegen, die uns die Entwicklung aller unserer Kraft bringen soll, zur Einheit und zur Größe unseres geliebten Vaterlandes. (Lebhaftes Bravo!) Insbesondere begrüße ich den Kollegen v. Gräfe, der in der gewaltigen Schlacht in den Karpathen verwundet worden ist, zu unserer Freude sich aber in der WiSderherstellung befindet. (Bravo!)
Nach Erledigung einiger geschäftlicher Formalitäten erklärt vor Eintritt in die Tagesordnung
Reichskanzler v. vethmann-tzollweg:
Meine Herren! Ihnen ist bekannt, daß sich die Beziehungen zwischen Italien und Ö st erreich in den letzten Monaten stark zugespiht haben. Aus der gestrigen Rede des ungarischen Ministerpräsidenten Grafen Tisza werden Sie entnommen haben, daß das Wiener Kabinett in dem aufrichtigen Bestreben, die ständige Freundschaft zwischen der Dopvelmonarchie und Italien zu sichern und den dauernden großen Lebensinteressen beider Reiche Rechnung zu tragen, sich zu weitgehenden Konzessionen auch territorialer Natur an Italien entschlossen hat. Ich halte es für zweckmäßig. Ihnen diese Konzessionen zu bezeichnen:
1. Der Teil von Tirol, der von Italienern bewohnt ist, wird an Italien abgetreten.
2. Ebenso das westliche Uferdes Jsonzo, so weit die Bevölkerung rein italienisch ist, und die Stadt G r a d i s c a.
8. Triest soll zur kaiserlichen freien Stadt gemacht
' werden, eine den italienischen Charakter der Stadt sichernde Stadtverwaltung und eine italienische Universität erhalten. ,
4. Die italienische Souveränität über Valona und die zugehörige Interessensphäre soll anerkannt werden.
5. Österreich-Ungarn erklärt seine politische Un- interefffiertheit hinsichtlich Albaniens.
6. Die nationalen Jnte-ressen der ikckimnschen
Staatsangehörigen in Österreich-Ungarn werden besonders berücksichtigt. ,
7. Österreich-Ungarn erläßt eine Amnestie für militärische oder politische Verbrecher, die aus den abgetretenen Gebieten stammen.
8. Wohlwollende Berücksichtigung von weiteren Wünschen Italiens über die Gesamtheit der das Abkommen bildenden Fragen werden zugxLagt.
. 9. Österreich-Ungarn wird nach dem Abschluß des Ver-
trags eine feierliche Erklärung überchie Abtretung geben.
10. Gemischte Kommission zur Regelung der Einzelheiten der Abtretung wird eingesetzt.
11. Nach Abschluß des Abkommens sollen die Soldaten der österreichisch-ungarischen Armee, die aus den abgetretenen Gebieten stammen, n i ch t mehr an den Kämpfen teilnähmen. (Hört! Hört!)
Ich kaun hinzufügcn, daß Deutschland, um die Verständigung zwischen seinen beide» Bundesgenoffen zu fördern und zu festigen, dem römischen Kabinett gegenüber im Einverständnis mit dem Wiener die v o l l e G a r a n t i e für die loyale Ausführung dieser Anerbietungen ausdrücklich übernommen hat. Österreich-Ungarn und Deutschland haben hiermit einen Entschluß gefaßt, der, wenn er zum Ziele führt, nach meiner festen Überzeugung aus die Dauer von der überwältigenden Mehrheit der drei Nationen gutgeheißen wird. Mit seinem Parlament steht das italienische Volk vor der freien Entschließung, ob es die Erfüllung aller nationalen Hoffnungen in weitem Umfang aus friedlichem Wege erreichen ober ob es das Land in -den Krieg stürzen unr^gsgen^seiae AnnSeS- genossen von gestern und heute morgen- das SiWert Mh« Will, * ' ’?>
