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Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts. i «- ■ )

Nr. 114. Dienstag, 18. Mai. 1915.

( 21 . Fortsetzung.)

Klippen.

Roman von Helene Schede-Heller.

Nachdruck Verbote»

„Ich irre mich nicht — sie ist eine andere geworden. Ach habe damals im Rvuental ein zu rasches Urteil über sie tu meinem Innern gefällt — ich hatte kein Recht dazu — lrätte tiefer prüfen sollen — dann hätte ich vielleicht ge­sehen, daß sie im Grunde ein guter Mensch ist, der dich auf seine Weise liebte. Sie fand damals alles lang­weilig, was dir lieb und wert war, weil sie nur über die Oberfläche des Lebens huschte. Der Schmerz hat sie in die Tiefe geführt — hat sie das Glück im Anfang ihrer Ehe neu durchleben lasten — jetzt —"

Er unterbrach sie mit einer ungeduldigen Bewegung. „Das rührt mich nicht. Ich werde sie nie mehr lieben

— ich verachte sie" — sagte er leidenschaftlich. — ,-Sie hat mich nie verstanden."

„Aber sie liebt dich. Unser Glück würde sich auf ein Zerschelltes Leben aufbauen. Ich muß entsagen. Es ist Pflicht."

„Pflicht? Du redest immer nur von Pflicht gegen die andere. Deine Liebe hat die besten Kräfte in mir entfacht — mit dir bin ich ein reicher, starker Mann. — ohne dich bleibe ich allein zurück mit einem verarmten, vereinsamten Leben.

' „Hilde" — er faßte flehend ihre Hand — „geh nicht von mir — ich kann nicht die Flammen löschen — es ist — zu spät. O, entziehe dich nicht der Aufgabe, die aus unserer Liebe dir erwächst."

Sie konnte keine Worte firrden. Um ihre Lippen zuckte es, als unterdrücke sie nur mühsam das Weinen. Ihre Seele war wund, — und er hatte eben die emp­findlichste Stelle berührt. Ach, sie hatte ja alles selbst empfunden, was er sagte, hatte sich an den großen, schweren Fragen, die schier unlösbare Konflikte in das Leben der Besten bringen, blutig gerungen. Er hatte recht. Sie trug die Verantwortung für das Leben, das er einst in ihre bebenden Hände gelegt hatte.

Und nun-

Sie barg schluchzend den Kopf in die Hände.

Der Konflikt zermarterte ihr Herz, — und sie konnte ihn nicht lösen. Die Gründe, die sie zum Verzichten ge­trieben hatten, entwichen. Sie stand allein in der Wüste; fühlte die Richtung und konnte sie doch nicht sehen. Und die Stimme, die die Qual und die Kämpfe der vergangenen Tage überschallt hatte, wollte auch jetzt nicht schweigen. Sägte hart und kalt, als gehöre sie nicht zu ihrem verzweifelten SelbstI „Du mußt!"

„Hab' Erbarmen mit mir, Hans" — stieß sie endlich hervor — „ich kann nicht — dich nehmen der anderen,

— die dich liebt — ich fühle, das ist der Weg — aber ich kann nicht denken — nicht erklären — wenn ich über- legen will, verwirrt sich alles — es wird so dunkel — und ich weiß und sehe nichts mehr."

Er fühlte, was in ihr vorging, und gab der Stimme, der sie gehorchte, einen Namen: „Dein Gewissen quält dich. Du erkaufst deinen Frieden mit meinem Glück. Du gehst den leichteren Weg-"

Er brach ab und kam jäh auf sie zu.

„Du bist wie die anderen. Ein Tor war ich, daß ich dir glaubte — Toren sind wir Männer — machen alle denselben Fehler — sieben mit jeder Faser unseres Wesens — geben uns ganz — restlos — rückhaltlos — und die Frauen — ha --- die Frauen" — er lachte kurz und zornig auf — „sie geben und nahmen zurück — sagen ja — sagen nein — erwecken Hoffnungen und zertrürnmern sie und bedenken nicht, daß dies Spiel einen Mann töten können."

„.Hans —", sie flehte — aber er ließ sie nicht reden.

„Nein, du weißt nicht, wie man siebt", wiederholte er mit fiebernden Blicken.

„Du sollst mich sieben, mehr als dein Leben, mehr als deine Pflicht, mehr als dein Gsvissen — mehr als alles im Himmel und auf Erden — so — Hilde — so liebe ich dich."

Er stand ihr jetzt ganz nahe. Seine Pulse schlugen. Seine Knie wankten. Er sah ihre Seele nicht mehr — sah nur das Weib — den vollen Nacken — die schwel­lenden Lippen — die Arme, in die er sich hätte flüchten mögen, den Mund — den er küssen wollte — sein war sie — sein mußte sie sein — man lebte nur einmal — ein Tor der, der verzichtete — genießen — trinken — sich berauschen! Sein Atem ging schwer — das Feuer wogte durch sein Blut. In leidenschaftlichem Begehrerz streckte er die Hände nach ihr aus.

„Hilde — Hilde!"

Sie regte sich nicht. War wie versteinert und blaß wie die weißen Rosen, die am Fenster blühten.

War das seine Stimme — dies der Mann, den sie liebte — sollte so die große, heilige Liebe enden? Und düs alles durch sie?

Wie weh das tat. Sie preßte die zitternden Händr aufs Herz.

„Hans" — sagte sie langsam — „bist du das? Ich kenne dich nicht mehr."

Da kam er wieder zu sich selbst und sah sie an.

Jhnr war, als sckwue er in ein offenes Grab. Dck schämte er sich und schwieg.

Sie hatte recht. Er war es nicht. Aber er war auch nur ein Mensch — und der Schmerz war zu groß.

Nach einer Weile meinte sie leise, mühsam, als mutzte die Stimme sich erst aus dem müden Herzen durchringen:

„Es muß sein. Ihr Schatten stünde immer zwischen nur und dir. Wir haben gefehlt — wir müssen büßen."

„Gefehlt?" Er brauste wieder auf. „Wir habe» mit der heißen Liebe im Herzen gekänrpst und uns be­herrscht. Sie hat einem Flirt sich hingegeben."

„Aber sie war allein in Scheveningen, während wir beide das Zusammensein im Rauental genossen. Sf« bedurfte deines Schuhes. Die Gefahren waren zu groß. Sie war ihnen nicht gewachsen."

„Sic ist ein schwaches Weib", versetzte er verächtlich.

Sie wich seinem Blick aus und meinte:

„Ich bin auch schwach gewesen — hätte längst , in meinem Herzen klar sehen können — aber ich hatte nicht