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„Tagtlatt -HwrS" Nr. K 8 L 0 -SZ.

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Dienstag, 18. Mai 1915. H&CllfesflllSgö&C. Hr * 228 ‘ * 63 * Jahrgang.

Italien am Abgrunö.

Wir können uns der Meinung nicht anschließen, daß die italienische Regierunng die Zügels nicht mehr in Händen halte» daß sie durch die lärmen­den Phrasen kundgeh ungen gegen ihren Willen auf den Abweg des Kriegsabenteuers gedrängt werde. Uns, die Win an Ordnung und Organisation gewöhnt sind» mag die Herrschaft der „Piazza" freilich als eine für ein nicht ganz gefestigtes Regierungs- system bedrohliche Gefahr erscheinen, oder in Italien ist man solche Ausbrüche von jeher gewohnt, und ein star­ker Wille würde mit ihnen auch jetzt leicht fertig werden, wenn er es eben wollte. Nicht die S t r a ß e wirkt auf die Politik, sondern die Politik auf die «Straße. Das wird man bald mit furchtbarer Deutlichkeit sehen, und wenn wir auch immer noch auf einen Umschwung hoffen wollten — es kann ja immerhin ein Wunder geschehen, hoffen schadet ja nichts, zumal wir ja doch auf alles bereit sind, —, so sehen wir doch nicht, wie er im Rahmen der uner­bittlich zwingenden Zusammenhänge, die diese italieni­sche Krise zu einem so bösartigen Drama machen, noch eintreten könnte. Nicht zum erstenmal hört man davon, daß die österreichischen Anerbietun­gen zu spät gekommen seien. Die ersten Angebote seien Äs imgenügend zurückgewresen worden, die zwei­ten, die als annehmbar oder doch als hinreichend zur Grundlage weiterer Verhandlungen befunden wurden, seien erst nach Rom gelangt, als sich die Regierung be­reits mit dem Dreiverbände eingelassen hatte. Wir können nicht wissen, ob diese Darstellung zutrifst, sie wird aber von italienischen Zeitungen vertreten, die noch jetzt die Erhaltung des Friedens wünschen, und in ähnlicher Weise werden die Verhältnisse auch von anderer, uns näherstehender Seite geschildert. Steht es so, dann bleibt es allerdings noch unaufgeklärt, wes­halb Italien nicht von den Abmachungen mit unseren Feinden, die angeblich noch nicht die Unterschrift des Königs erhalten haben, sollte zurücktreten können, so­bald es die Gewißheit erlangt hätte, daß auf un­blutigem Wege ein erheblicher Teil der Forderun­gen an die Donaumonarchie zu erreichen wäre. Die bevorstehenden Kammerverhandlungen und die Erklärungen der Regierung werden auch darüber Aufschluß geben können. Vielleicht aber treffen die Be­urteiler das Richtige, die davon ausgehen, daß kein mit den eigenen Interessen Österreich- Ungarns verträgliches Angebot genügen kann, um den italienischen Hunger zu stillen, daß also der Kern der italienischen Ansprüche Triest bleibt, dessen Abtretung unsere Freunde an der Donau nie­mals gutwillig gewährend können. Wenn Triest die Hauptfrage sein soll, dann erweitert sich die Ausein­andersetzung zwischen dem Donaureiche und Italien zu einer Frage von Tod und Leben, dann kann sie nicht anders, als durch die Mittel geführt werden, zu deren Anwendung Italien offenbar schon ent- schlossen ist. Wir glauben nicht daran, daß innere Krisen wirtschaftlicher Natur oder daß auf der einen Seite die vermeintliche Schwäche der Regierung, aülf der anderen der heiße Drang revolutionärer, auf die Errichtung einer Republik ausgehender Bestrebun­gen die entscheidenden Gründe für den Übergang Italiens in das Lager unserer Feinde Larstellen, wir erblicken vielmehr in dem italienischen Imperialis­mus die Haupttriebfeder. Was nachher kommen wird das ist selbstverständlich eine Frage für sich, und wenn wir und unsere Verbündeten un­sere 'Machtmittel prüfen, so haben wir das gute Recht dazu, jeden aufrichtig zu bedauern, der in verhängnisvoller Täuschung über seine eigene Kraft die schiefe Ebene betritt. In Italien denkt man anders uiw darum werden voraussichtlich Entschlüsse und Taten andere sein, als wir den bisherigen „Verbündeten" mit gutem Gewissen anraten können: er will sich vonr u ne r h ö r t e st e n Treubruch anscheinend doch nicht mehr abhalten, und muß darum eben die Folgen tragen.

*

Fanatische Kundgebungen in allen Grien.

Berlin, 18. Mai. (Ktr. Bln.) Ohne jede Unter­brechung» so wird dem „Berliner Tageblatt" aus Lugano gemeldet» folgen sich in ganz Italien in sämt­lichen großen, kleinen und mittleren Städten fana­tische Kriegskundgebungen, an denen alle Schichten der städtischen Bevölkerung teilnehmen. Jeder Versuch des Widerstandes gegen diesen Massen­wahnsinn ist erloschen. In Rom zogen am 18. Mai über 180 880 Menschen vor das Quirinal. Trotz der Abwesenheit des Königspaares fand diese Kund­gebung unter stürmischen Rusen: „Hoch der Krieg!" statt. In Neapel marschierten an der Spitze einer

Gruppe 200 Universitätsprofessoren mit dem Rektor.

Der Zubel der gekauften Presse.

Bülow und Macchio. — Die feldgraue Leibwache.

Lugano, 17. Mai. (K. V.-Z.) Der kriegshetzerische ..Corriere della Sera" begrüßt die Bestätigung des Ministeriums Salandra mit üb e r s ch w e n g l i ch en Worten: Die Barrikade des unwürdigen Einspruches EiolittiS liege in Trümmern, die Regierung sei triumphierend zurückgekrhrt zur Macht mit dem Auftrag des Königs. Durch das Volksplebiszrt habe es freien Weg vor sich. Das Parla- mcmt werde seine Pflicht tun.

Das „G i o r n a l e d'J t a l i a" sagt, der Monarch habe bewiesen, daß er die Ausübung seiner hohen Vorrechte und den klaren Dolkswillen mit den Rechten- des Parlaments verein­baren wolle, niemand könne an der Korrektheit der Krone zweifeln, die durch ihr logisches Vorgehen während der Krisis die Feststellung herbeisührte, daß kein anderes Ministerium sich bilden konnte, und daß durchaus die Männer bestätigt werden mußten, die die Nation durch militärische und diplo­matische Vorbereitung auf die rechte Straße brachten. Die parlamentarische Einheit sei automatisch wiederhcrgestellt unter dem Druck höherer Gewalten, denen gegenüber auch die Schwankendsten sich beugten. „Für die nun folgende Aktion erhoffen wir mit ganzer Kraft unserer Seele einen glücklichen Ausgang für das Vaterland und für die glorreiche latei­nische R » s s e, die sicherlich -den ihrem unsterblichen Genius zukommeaden Ruhm ernten wird."

Die gestrige zweimalige längere Besprechung des österreichisch-ungarischen- Botschafters Baron Macchio mit dem Fürsten Bülow wird als Vorspiel der Abreise beider Diplomaten und der gleichzeitigen Mobilisierungsverkün­digung angesehen.

Gestern hatte die königliche Leibwache zum erswnmal graugrüne Felduniform ungezogen, die auch der Monarch anlegte.

Die Verhetzung der presse.

W. T.-B. Mailand, 17. Dtai. (Nichtamtlich.) Den Zu­stand der italienischen Presse kennzeichnet folgender Aufruf an das italienische Volk, den „Popolo d'Jtalia" am Sonntag in Hunderttausenden von Exemplaren verteilen ließ: 1. Der Dreiüundvertrag wurde am 4. Mai gekündigt. 2. Am In. April wurde ein K r i egsab komm en mit dem Dre-verband abgeschloffen, wonach Italien sich verpflichtet, Österreich-Ungarn bis zum 2 4. Mai anzugreifen. 3. Dieses Abkommen garantiert Italien die Befreiung aller u n- erlöstcn Gebiete, Herrschaft in der Adria und große Kompensationen in Asien und Afrika. 4. Es tvurde bereits zur Asführung dieses Planes geschritten, da Offiziere des italienischen Geweralstabes sich für eine einheitliche militärische Aktion in Paris urid London be­tätigt haben. Folglich war Giolitti, der dies alles wußte, von Bülow bezahlt. Er versuchte, das Vaterland zu verraten und Österreich auszuliefern. Angesichts der Majestät des italieni­schen Volkes beschuldigen wir Giolitti des Hochverrats und überweisen ihn der Verachtung und der öffent­lichen Rache. Evviva la Guerva!

Br. Chiaffg, 18. Mai. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) In der Kriegspreffe zweifelt man nicht angesichts des neuen Ministeriums Svlandra, daß nun der Krieg unvermeid­lich sei. „Messaggero" kündigt schon an, daß im Bahn­hof von Rom zwei Sonderzüge bereitstehen, um die Botschafter der Zentralmächte, Bülow und Macchio, über die Alpen zu bringen. „Secolo" sagt, das Ministerium, welches in treuloser Weise in der Stunde der Gefahr ange­griffen worden sei, bleibe nun auf seinem Posten. Die Zeit für Kundgebungen ser nun vorüber, die Zeit zum Handeln sei nun gekommen. Allgemein wird erwartet, daß die Kriegserklärung noch vor dem Zusammen­tritt der Kammer, cmr 20. Mai, erfolgt.

Br. Lugano» 18. Mai. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Die römische Presse bespricht die Lösung der Ministerkrise sehr eingehend. Der kriegs­hetzerische „Messaggero" sagt: Gestern hat das

römische Volk den ersten moralischen Sieg (!) davon getragen, der unumgänglich notwendig sei, be­vor der Krieg begonnen werde. Die Situation sei nun endgültig klar und es sei zu hoffen, daß das Werk der Reinigung und Klärung während und nach dem Krieg fortgesetzt werde.

Der klerikale „Corriere d'Jtalia" schreibt: Die italienische öffentliche Meinung ist aufs höchste er­staunt über die Angabe betr. des Abschlusses eines Vertrags mit dem Dreiverband. Außer Zwei­fel aber ist, daß, wenn Italien sich verpflichtet hat, es seine Verpflichtungen einlösen wird.

Der weitverbreitete „Popolo Romano" sagt: Die

Krisis hätte nicht besser und energischer gelöst werden können als durch die Wiederernennung Salandras. Man solle versuchen, daß die Regierung zur gegebenen Zeit während des europäischen Konflikts eine eventuelle Gebietserweiterung verlangen könne, worüber wir einig sind. Es handele sich nur darum» ob es sich

1 lohnt, einem Kriege entgegenzugehen mit Opfern an Blut und Geld, wenn man auch ohne ihn viel er­reichen könne.

Die Gegenbewegung der Sozialisten.

Berlin, 18. Mai. (Ktr. Bln.) Über sozialistische Kundgebungen heißt es im „B. T.": Der am 16. Mai in Bologna zusammenyetretene Sozial i stenkongretz protestierte in schärfster Form gegen jede Beteiligung am Kriege. Am Vorabend der Kammereröffnung sollen Prote st Versamm­lungen in ganz Italien abgehalten werden. In Como sprengten 150 Reservisten trotz Einschreitens der Offiziere -unter dem Rufe „Nieder der Krieg!" ein KriegS- meeting. Die deutschfreundliche Zeitulntz „V i t t o r i a" in Rom hat angesichts der schweren Lebensgefahr für ihre Redakteure ihr Erscheinen -eingestellt.

Oke letzten schwachen Hoffnungen.

Sr. Zürich, 18. Mai. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Der Berichterstatter der „Zürcher Post" meldet aus Mailand, daß Italien in der Tat mit großen Schritten dem Krieg entgegeneilt. Darüber ist kein Zweifel möglich, doch werde dabei immer noch die Frage gestellt werden, ist wirkliche jede, auch die kleinste Hoffnung auf den Frieden verloren? Zwei Tatsachen sind dabei im Auge zu behalten: 1. die Kün­digung des Dr-cibundvertrages bedeutet noch nicht dem! Abbruch der diplomatischen Beziehungen; 2. das Abkommen mit dem Dreiverband si't offenbar an mehrere Be­dingungen geknüpft.

Die entscheidenden Ministerratssitzungen.

Br. Lugano» 18. Mai. (Eig. Dvcchtbericht. Ktr» Bln.) Nach Meldungen aus Rom dauerte der Minister- rat» der gestern vormittag begann» bis gegen 2 Uhr. Der Ministerrat wird auch morgen und übermorgen Sitzungen halten.

Salandra wird der Kammer Bericht ablegen.

Sr. Genf» 18. Mai. lEig. Drahtbericht. Ktr. Blin.) Nach einer Meldung aus Rom wird der Ministerpräsident Salandra am Donnerstag rrrit einem ausführlichen Bericht über die auswärtig« Lage vor die Kammer treten. Der Bericht soll mit einer nahezu einstimmigen Vertrauenskundgebung der Volksvertretung auf- genommen werden, woran sich alle auf verfassungsmäßigem Boden steheirden Abgeordneten, einschließlich der Anhänger Giolittis, beteiligen werden. Nur ausgesprochene Sozial­demokraten würden ihm vermutlich nicht ihr Vertrauen aussprechen.

Reservistenmeutereien.

Sr. Wien, 18. Mai. -Eig. Trcchtbericht. Ktr. Bln.) In Bologna, Florenz und anderen Orten Italiens haben eingerücktc Reservisten gementert.

Das Liebeswerben von Giers.

Zürich, 17. Mai. (Ktr. Bln.) Der neue russische Bot- scklafter in Rom, v. G i e r s, setzt a l l e H e b e l in Bewegung, um Italien in das Lager des Dreiverbandes hinüberzuzichen. Einem Redakteur des „Giornale d'Jtalia" erklärte er, daß Rußland die Notwendigkeit der italienischen Aspi­rationen in der adriatischen Frage vollkommen billige und verstehe. Rußland fei anch bereit, an deren Erfüllung mitzuarbeiten. In Rußland, das die Vor­macht aller slawischen Völker fei, sei mau davon überzeugt, daß die italienischen Interessen lden Forderungen der Slawen nicht ziuwiderlaufen. Den ganzen Winter hindurch sei von der russischen Presse auf eine verständnisvolle Beachtung der italienischen Wünsche hrngearbeitet worden. Er hoffe, daß auch die öffentliche Meinung Italiens zu dieser Überzeugung kommen werde. G

Wertere italienische Personenzüge wegen Kohlen- nrangels eingestellt.

Lugano, 16. Mai. (K. V.-Z.) Wegen KohlemnangelS wurden wettere 14 Personenzüge eingestellt.

Der Kriegszustand über Eripolitanien verhängt:

W. T.-B. Mailand» 18. Mai. (Nichtamtlich.) Dem „Corriere della Sera" zufolge ist in Tripolis infolge der seit den jüngsten Ereignissen zunehmenden Tätigkeit der Eingeborenen der Kriegs- z u ft a n d proklamiert worden.

Ein besonnenes italienisches Urteil über die augenblichliche Kriegslage.

Br. Rom, 18. Mai. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bin.) Der itcllienische Militärschrrftsteller Kommandeur Bonamico aus Florenz faßt die politische und militäri- sche Lage im „Popolo Romano" am 12. Mai dahin zu- sanrmen: Deutschland steht in West und Ost so ge­sichert da, daß es noch eine ganze Anzahl von Armeekorps für unvorhergesehene Er­fordernisse verfügbar hat. Österreichs mili­tärische Lage ist gebessert und wird sich ohne euro­päische Komplikationen noch weiter bessern. Eng­lands tatsächliche Machtvcrhältnisse auf dem westlichen Kriegsschauplatz sind nicht geklärt. Frankreich sucht überall nach fremder Hilfe und vertraut