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Montag, 17. Mai 1915.
klbend-Ausgabe.
Nr. 226. » 63. Jahrgang.
Italien vor der Entscheidung.
Das Kabinett Salandra bleibt.
W. T.-B. Rom, 16. Mai. (Nichtamtlich.) Die Agenzia Stefani gibt bekannt: Der König hat die Demission des Ministeriums Salandra nicht angenommen. Infolgedessen bleibt das gesamte Ministerium auf dem Posten.
Deutsche pressestimmen.
Berlin, 17. Mai. (Ktr. Bln.) Zur Ablehnung der Entlassung des Kabinetts Salandra durch den König Viktor Emanuel schreibt Theodor Wolfs im „Berliner Tageblatt": Das Schreien der Straße, die Drohungen mit der Revolution, haben ans den König den beabsichtigten Eindruck gemacht. Giolitti hatte einen Anhang, aus den er zählen konnte, und M kaltblütige Ruhe, deren ein Staatsmann inmitten einer unheilvollen Situation bedarf. Er stand bereit vor der Tür, aber der König rief ihn nicht herein. Die Kriegsbanden brüllten „Verräter!" und schaffen die parlamentarischen Traditionen ab. Es scheint, daß der Krieg, den Sonnino seit langem will, nunmehr kaum noch zu verhindern ist. Sollte der Sturm losrasen, so wird man sehen, was er alles mit sich reißt. In Palermo haben Studenten einen schwarzen Sarg herumgetragen, auf dem geschrieben stand, Gtolitti und die Ehre Italiens lägen darin. Italien und das Haus Savoyen werden, wenn nicht ein Wunder ihnen die Katastrophe erspart, vielleicht bald cm Särgen stehen, die weniger theatralisch sind.
In der „Deutschen Zeitung" heißt es: Diese erste Verbeugung vor der Volkslaune, diese jäh aufblitzende Sorge, ist von der größten Bedeutung. Wir müssen auf verhängnisvolle, vielleicht vorzeitige Beschlüsse gefaßt sein. Bereit sein, ist alles. Wir sind es. und darum dürfen wir dem Schluß des Dramas auch weiterhin gelassen zusehen. W i r haben das geeinte Italien nicht zu fürchten gehabt, ein revolutionäres, zerklüftetes wird nur sich selbst gefährlich werden.
Der „Berliner Lokal-Anzeiger" äußert: Die Ergebnislosigkeit der Bemühungen, einen Ersatz für das Ministerium Salandra zu finden, mag den König in seinem Urteil über die wahre Lage der Kammermehrheit unsicher gemacht haben, und so ist er als konstitutioneller Herrscher jetzt zunächst bestrebt, sich vor allem einen zuverlässigen Maßstäb für die Ansicht des Parlaments zu schaffen. Billigt die M e h r h e i t die Politik Salandra-Sonninos nicht, dann wird das Ministerium zum zweiten Male seine Entlassung fordern müssen. Man fürchtet, daß die Anhänger des Kriegsgedankens in den nächsten Tagen in maßloser Agitation das Menschenmöglichste leisten und die Deputierten, welche Gegner des Krieges sind, vor allem mit Hilfe der Straße einzuschüchtern sich bemühen werden. Wir möchten aber doch annehmen, daß die besonnenen Elemente des italienischen Parlaments Mannes genug sein werden, sich diesem Terrorismus gegenüberzustemmen und ihre eigene Meinung unerschrocken zu vertreten. Andererseits wird der Meinung Ausdruck gegeben, daß die Herren Salandra und Sonnino sich tatsächlich mit dem Dreiverband zu einem für sie persönlich bindenden Abkommen eingelassen haben.
Die „Frankfurter Zeitung" meint — und das wird auch allgemein zutreffen bei uns —, der erste Eindr u ck der Ablehnung des Demissionsangebots Salandras müsse freilich der sein, daß nun die Aussichten der Kriegspartei gestiegen seien; sie kommt aber dann doch — ähnlich wie oben der „B. L.-A." — zu dem doch wohl der Wahrheit zunächst kommenden Schlüsse, daß nicht notgedrungen der Sieg der Kriegspartei mit der Ablehnung des Demissionsangebots gegeben sei, daß man vielmehr die Entscheidung des Königs auch aus ? v rrit itutio « ellen Gründen erklären könne. Das Blatt schreibt: „Sollten die Kundgebungen der Straße, denen die Verfassung keines in geordneten Staatsformen lebenden Landes einen legitimen Einfluß auf die Entschließungen der öffentlichen Gewalten einräumt, ausgereicht haben, sowohl die Widersprüche innerhalb des Ministeriums als auch die widerstrebende Gesinnung der Mehrheit der gesetzgebenden Körperschaften aus dem Wege zu räumen? Oder ist die gleiche Wirkung dadurch erreicht worden, daß sich die italienische Politik vor die vollendete Tatsache von Abmachungen gestellt sah, die bisher nur von nicht amtlichen Personen als bestehend verkündet worden sind und die eine Art von Überrumpelung der politischen Welt Italiens tnrstellen würden? Bis auf weiteres halten wir es für erlaubt, diese mtt der Würde des parlamentarischen Regimes, wie uns dünkt, wenig vereinbarenden Hypothesen abzulehnen und vielmehr anzunehmen, daß der Monarch und die Persönlichkeiten, mtt denen er sich seit der Rückttittserklärung des Ministeriums beraten hat, die Achtung vor dem parlamentarischen Regime durch den in Abwesenheit der Volksvertretung sich vollziehenden Sturz selbst eines Ministeriums, das sich für uneinig und im Meinungskonflikt mit dem Parlament erklärte, nicht verletzen wollten. Zumal da das Parlament augesichts seiner, bis jetzt wenigstens nicht rückgängig gemachten, Einberufung auf den 20. Mai alsbald die Möglichkeit haben wird, seine Stellungnahme zu bekunden."
Oer Appell des Königs an die Kammer.
Br. Lugano, 17. Mai. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Für die neueste Wendung der Dinge in Italien gibt es nur eine Erklärung, daß nämlich der König, der strengen konstitutionellen Gepflogenheit getreu, nach seiner Unterredung mit hervorragenden Politikern ein Kammervotum für nötig hält, das ihm den Weg zur Lösung der Krisis weist. Das Ministerium Salandra würde sich dann am 20. Mai der Kammer erneut vvrstellen. — Die Demonstrationen dauerten auch gestern in Rom, Mailand, Florenz und anderen Städten mit andauernder Intensität fort.
Ruch Boselli lehnte die Kabinettsbildung ab.
Br. Rom, 17. Mai. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bin.) Der König empfing gestern den früheren Minister Boselli. Aber auch dieser lehnte den Auftrag zur Kabinettsbildung ab und empfahl dem König, Salandra bcizubehalten.
Lin erweitertes Ministerium Salandra?
Br. Lugano, 17. Mai. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Es verlautet, Salandra wolle mit einem erweiterten Ministerium vor die Kammer treten und einige Minister ohne Portefeuille aufnehmen. Man nennt Bissolati und Barztlai und einige andere entschiedene Interventionisten. Die Frage ist, ob angesichts des Orkans im Lande die Giolitti-Partei überhaupt eine parlamentarische Aktion unternehmen wird. Der „Se- colo" und die übrigen Kriegsblätter jubeln. Der „Cor- riere della Sera" bezeichnet den Krieg als unerläßlich, weil sonst nach lOmonatigem Harren Heer und Flotte revoltierten. In Rom dauern die Demonstrationen und Tumulte an, auch in den Kasernen fanden Krivgs- kundgebungen statt.
Der Generalstabschef beim König.
Berlin, 17. Mai. iKtr. Bln.)' Wie dem „B. T." aus Rom berichtet wird, hatte der König eine lange Unterredung mit dem G e n e r a l st a b s ch e f. Dieser begcrb sich dann zum Krregsmimster.
Freundschaftskundgebungen vor der englischen Botschaft.
Rom, 17. Mai. (Ktr. Bln.) Nach verschiedenen Demonstrationen für den Krieg begab sich eine große Menge vor die englische Botschaft und brachte Hochrufe ans das verbündete England aus, worauf der Botschafter und das Bot- schaftspersonal auf dem Balkon erschienen und gnädig dankten, österreichisch-freundlichen Papst befürchtet.
Die Haltung der Giolttti-partei.
Br. Lugano, 17. Mai. (Eig. Droh (bericht. Ktr. Bin.) Man glaubt nicht, daß G i o l i t t i am Donnerstag wagen wird, gegen das Kabinett vorzu- g e h e n. Dian befürchtet, daß viele Anhänger der Giolitischen Partei sich durch die Drohungen des Kriegspöbels einschüchtern lassen und gar nicht im Monte Citorio erscheinen werden. — Die Botschaften der Zen- tvalmächte sind von Truppenmengen umgeben. Es werden auch Exzesse gegen den angeblich deutsch- und Die ijaltung der Katholiken Italiens
Lugano, 16. Mai. (K. B.-Z.) Der katholische „Corriere d'Jtalia" erklärt hinsichtlich des Rücktritts des Ministeriums, die Katholiken hätten m Erwartung der kommenden Ereignisse keinen Grund, von ihrem bisherigen Sürndpruikt abzutzehrn. Sie könnten nicht einsehen, was andere für undiskutierbar halten, daß der Krieg notwendig sei.
Der Druck der Kriegsparteien.
Lugano, 16. Mai. (K. B.-Z.) Der „Avanti" schreibt zur Kammereröffnung, die Kriegsparteien machten ungeheure Anstrengungen, um die Abgeordneten glauben zu machen, das ganze Land wolle den Krieg. Die Verschwörung der Presse sei auf der Höhe. Kriegerische Kundgebungen würden aufgebauscht zu großen Ereignissen, umgekehrt aber neutralistische Gegenbewegungen gehemmt. d'Annunzio erklärte vor der Volksmenge, er selbst habe höhere Offiziere des italienischen Generalstaös nach Paris und London begleitet, um mit den dortigen Generalstabsoffizieren die Kriegspläne zu prüfen und sie mit denjenigen Italiens in Einklang zu bringen, hauptsächlich was die Dardanellen anbelange.
Die Kriegshetze der gekauften presse.
Mailand, 16. Mai. (Ktr. Bln.) Der „Corriere della Sera" überhäuft Giolitti nrit Schmähungen und den furchtbarsten Beschimpfungen. Italien werde vor aller Welt entehrt und stünde als ein feiger, schamloser Ver- räter da, wenn es „der Entente die Treue" breche. Darüber seien alle einig, die noch einen Funken Ehrgefühl hätten. — „Secolo" und „Popolo d'Jtalia" rufen das Volk zu den Waffen. Sie veröffentlichen riesengroße, von den Interventionisten verfaßte Manifeste, in dcr.cn es am Schluß heißt: „Es handelt sich um die Rettung Europas vor der Schmach und Feigheit der „deutschen Barbaren". „Volk von Mailand, besetzt Straßen und Plätze! Krieg oder Republik! sei eure Losung." Bisher ist kein Staatsanwalt gegen dieses Trechen eiugeschritten. Sogar die ganze Beamtenschaft ist von dem Kriegsfieber angesteckt worden."
Die schwüle Stimmung in Mailand.
Br. Lugano, 17. Mai. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Mailand bietet heute das Bild einer Stadt, über der die Atmosphäre eines nahen Unweiters lastet. Die Gemüter sind eher b e d r ü ck t, als froh erregt. Beinahe jedermann trägt ein patriotisches Ab- Zeichen, besonders die Studenten kragen ein mit „A 6 a s s o G i o 1 i 11 i" oder „Mort a Giolitti" 'bedrucktes Band auf dem Hut. An verschiedenen Straßenecken sieht man noch Bruchstücke von Plakaten, auf denen man noch lesen kann: Entweder Krieg oder Revolution.
Kundgebungen in Mailand.
Paris, 16. Mai. (Ktr. Bln.) Das „Pariser Journal" meldet aus Mailand, wegen der Erschießung eines Arbeiters im Laufe einer Kundgebung habe eine große Ein- spruchskundgsbung stattgefunden. Die Menge durchzog mit umflorten Fahnen die Stadt. Es wurde ein eindrucksvolles Begräbnis vorbereitet.
Die italienischen Reservisten gegen den Krieg.
Mailand, 15. Mai. (Ktr. Bln.) Der „Avanti" bringt mehrere Spalten von Nachrichten über die Abreise der zu den Fahnen berufenen Reservisten aus ihren Heimatorten. Am Bahnhof beteiligten sich die Reservisten an den Kundgebungen g e g e n d e n K r i e g. In vielen Orten haben die Frauen die Jnittative zu solchen Kundgebungen ergriffen.
Vorbereitung der österreichisch-nngovischen Staatsangehörigen zur Rbreise.
Ein türkischer Botschaftssekretär insultiert.
Br. Chiasso, 17. Mai. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Die österreichischen Konsulate in Italien haben die österreichisch-ungarischen Staatsangehörigen benachrichtigt, sich zur Abreise auf das erste Zeichen bereit zu halten. Der Sekretär der türkischen Botschaft Nimzi wurde am Samstag in einem Cafe in Rom genötigt, das Lokal zu verlassen.
Vas angebliche Abkommen mit dem Dreiverband.
Br. Chiasso, 17. Mai. (Eig. Drahtbericht. Ktt. Bln.) Die „Stampa" drückt Zweffel an der Richtigkeit der Angaben der interventionistischen Mättcr aus, nach denen Italien den Dreibund gekündigt und sich gegenüber dem Dreiverband end- gültrg verpflichtet habe. Dem „Avanti" zufolge ist nach offiziösen, bisher nicht dementierten Angaben das Abkommen mit der Entente am 25. April getroffen worden und verpflichtet Italien zur Beteiligung am Kriege und zum Abschluß eines Bündniffes, falls Italien bis 25. Mai nicht zu einer Verständigung mit den Zentralmächtcn gelangt wäre. Daß der K ö n i g von der Kündigung des Dreibundes unterrichtet war und trotzdem Giolitti zu sich berief, beweise, daß er noch e i nt Verständigung m i t den Zentralmächten für möglich hält. „Avanti" glaubt, daß die Erzählungen dÄnnunzios von der Einsichtnahme der französischen und englischen Kriegspläne durch den italienischen Generakstab ein grober Schwindel sei, dazu bestimmt, das italienische Volk zu beeinflussen.
Paris rechnet fest auf Italiens Eintritt in den Krieg.
Br. Stockholm, 17. Mai. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Der Pariser Korrespondent des „Stockholmer Dagblad" meldet: In Paris rechnet man in maßgebenden Kreisen fest auf den Beitritt Italiens Mm Krieg an der Seite des Dreiverbandes. Man will wissen, daß Italien bereits einen Entschluß gefaßt hat (!) und behauptet, die politikchen wie finanziellen Vereinbarungen, die getroffen worden seien, M kennen. Mer Giolittis Neutvalitätsfreundlich- keit herrscht keine Unruhe. Man betont, daß Giolitti ein Gegner des Tripolis krieges war, daß er es aber schließlich für angemessen fand, nachzugeben.
Die italienische Ministerkrise und die Pariser Presse.
W. T.-B. Paris, 15. Mai. (Nichtamtlich.) Die italienische Mruifterk-ise wurde, obwohl die Nachricht bereits Donnerstagabend :n Paris eintraf, erst Freitagabend dem Publikum bekanntgegeben. Der „Teinps" schreibt: Im Grunde ist die Lage unverändert. Zwischen einer ober fl äch, l ich e n Intrige (totes sei die Bedeutung der Ministerkrise) und dem tiefen Willen des ganzen Volkes (interventtonistische Kundgebungen) wird nicht die Intrige das letzte Wort behatten. Italien bleibt was es ist: „Ernig und glühend, wie niemals!"
Oie Kriegslage.
Von Major a. D. M. v. Schreibershofen.
Die rückwärtigen Bewegungen der- Russen auf dam westpolnischen Kriegsschauplatz greifen immer weiter um sich und es zeigt sich, daß die Russen nicht mähr tot- stonde sind, ihre Stellungen in Südpo l e n und M i t t e l p o l e n westlich der Weichsel zu halten. Zunächst war gemeldet worden, daß die Russen ihre Stellungen an der unteren Ni da aufgegeben und den Rückzug in nordöstlicher Richtung angetreten hätten. Tie österreichisch-ungarische 1. Armee des Generals Dairkl war ihnen unmittelbar mit dem rechten Flügel an der Weichsel über Stobnica gefolgt. Der einzige TDschnitt, in dem die Russen mit der Front nach Süden:
