Der Roman.
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o Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts. lL
Nr. N3.
Sonntag» 16. Mai.
1915.
(20. Fortsetzung.)
Klippen.
Roman von Helene
Nachdruck verboten.
Hatte diese Frau reckt? Trug sie die Schuld an Ihrem Unglück? Sie schauderte zusammen.
Nein — das konnte nicht wahr sein. Sie hatte nichts nehmen — nichts stehlen — nur geben und glücklich machen wollen. Die Frau vor ihr vergaß in ihrem Schmerz die langen Jahre der Entfremdung — die Zeit, in der sie nicht mehr nach seinem Glück fragte und seine Liebe ihr nicht mehr gehörte. Das war längst — längst vor ihrer Begegnung im Raiuental gewesen — dafür konnte man sie nicht verantwortlich machen. Sie hatte nur gegeben, was die Frau nicht mehr gab.
Durfte sie das — so nahe dem Mann rmd so fern der Gattin stehen?
Verzweifelt wandte sie sich Frau Rickling zu.
„Was soll ich tun?" Und die beiden Frauen sahen sich mit hilflosen Blicken an. Haß und Zovn waren geschwunden. Sie sichten einander um ihr Glück an.
Und nun erzählte Frau Rickling von der ersten Zeit ihrer Liche — und von der langsamen Entfremdung und Vereinsamung.
„Ich verstand ihn nicht. Er verschloß sich gegen Mich. Ich fand den Weg zu seinem Herzen nicht mehr
— ich )var eifersüchtig auf die Zeit, die er der Arbeit und nicht mir widmete — und so kam es."
Stoßweise entfuhren die Worte ihren Lippen. Aber es lag keine Bitterkeit mchr darin.
Dann sprach sie von ihrem Kind — wie heiß sie sich beide daraus gefreut hatten, und wie groß der Schnrerz war, als es starb.
„Und mit unserem Kinde schien auch unsere Licke gestorben W seim Das Leben ging über zwei Gräber weiter."
Sie weinte.
Frau Roswald sah sie an, und ein unendliches Mit- leid stieg in ihrem Herzen auf. Sie fühlte sich plötzlich schr reich im Vergleich zur kinderlosen Frau, die ihr gegenüber saß. Sie hatte noch ein Kind — ihr Röschen — sie besaß noch eine Welt — aber die andere —
„Er wird mich ja nie so licken, so wie er Sie lickt", fuhr Frau Rickling leise fort — „aber vielleicht werden mit der Zeit doch wieder alte Gefühle in ihm erwachen
— er wird doch fühlen müssen — daß ich nur lebe, um ihn zu lieben und glücklich M machen."
„Und ich?" sagte Hilde Roswald so leise, daß Fmu Rickling die Frage mehr aus ihren Zügen las, als hörte.
„Sie haben das Kind."
Frau Rickling hatte sich erhoben.
Nun standen die beiden Frauen sich wicker gegenüber. Sie reichten sich die Hände — bebende, batte Hände. Sie sahen sich an; sie konnten einander nun auf den Grund der Seele schauen; aber die Eifersucht war erloschen, aus ihren Blicken sprach nur noch das
Weh zweier unglücklicher Frauen.
*
Nun war Hilde Roswald allein ick dem Wohn» zimmer, in dem jeder Winkel die Erinnerung an den
Schede-Heller. 1
gelickten Mann ausstrcchlte. Sie schaute nach den roten Rosen ans dem Schreibtisch. Sie waren von ihm. Wie lick sie sich hatten. Und sollten verzichten? Das konnte nicht sein.
Sie dachte an Frau Ricklings Worte zurück. Und w'.cker schauderte sie. Wenn es wahr wäre — wenn sie dies Unglück verschuldet hätte!
Vielleicht hätte sie den Mann gar nicht licken dürfen. Aber wußten sie, daß sie sich lickten? War nicht die Licke über Nacht wie ein Engel in ihre Seele ge- dvungen und hatte sie mit hohen und heiligen Dingen erfüllt! Das Feuer hatte gckrannt — hatte jedoch nichts verheert — nur erleuchtet und erwärmt.
Konnte das ein Unrecht sein?
„ Das konnte sie Frau Rickling nicht erklären. SlS würde «S nicht verstehen. Von ihrem Standpunkt aus hatte sie recht.
Nur wer diese großen ernsten Fragen an sich selbst erlebt, der richtet und urteilt nicht. Die Licke läßt sich nicht hineinzwingen in die engen Schranken, die wir Erdenbewohner errichten — sie fragt nicht, ob sie darf
— sie lickt, weil sie muß.
Erna Ricklings Worte hatten eine Karikatur einer solchen Liebe gezeichnet — es war kein wahrheits- getreues Bild.
Hilde wußte es ganz klar: eine solche Licke ist das Herrlichste, das wir erleben können.
Auch darin konnte sie keine Sünde sehen.
Er konnte nicht von ihr lassen. Und sie war feilt
— ganz sein. Sie durste ihn nicht zurückstoßen in die kalte Einsamkeit.
, Und seine Frau, die ihn lickte? — — Die ihn siebtel Die litt! Daran konnte sie nicht länger zweifeln. Dos stand fest. Daran ließ sich nicht mehr rütteln. Das brachte eine Umwälzung, über die man nicht hinweg- schreiten konnte.
Verzichten!
Hilde bäumte sich dagegen auf. Sie lickte ihn. Siv war jung. Sie hatte ein Anrecht auf das Glück. Er gehörte ihr.
Aber die Stimme, die sich leise in ihr während der Unterredung mit Frau Rickling geregt hatte, wollte auch jetzt nicht verstummen, überschallte die Qual und die Kämpfe dieser furchtbaren Stunden und sagte: „Du mußt."
Sie stürmte gegen diesen Wall an. Er stand fest. Behend versuchte sie ihn nickerzureißen. Er wollte nicht weichen. Sie weinte über diese Gewalt, die unabhängig von ihrem Willen, vielleicht als ein Vermächtnis früherer Generationen in ihrem Blute lag und ihr den Wag zum Gluck verschloß — und mußte ihr dennoch gehorchen. Alles andere schwand. Nnr die Stimme blick zurück und zwang sie, den steilen Pfad der Pflicht zu wandeln.
— — So kam es, daß Hilde Roswald am selben' Abend dem gelickten Mann schrick, daß er nicht ihr« sondern der anderen angehören mutzte,
